Minamisōma (jap. ) ist eine kreisfreie Stadt in der Präfektur Fukushima in Japan.
Geographie Das besiedelte Stadtgebiet war eine knapp 10 km breite Küstenebene, die östlich vom Pazifischen Ozean und westlich vom Abukuma-Hochland (, Abukuma-kōchi) begrenzt wird. Letztere weitgehend unbewohnte und stark bewaldete Hügellandschaft macht etwa die Hälfte des von der Gemeinde verwalteten Gebietes aus.
Die Fukushima-Küste unterscheidet sich von den weiter nördlich liegenden Sanriku- und Sendai-Küsten durch unterschiedliche topografische und bathymetrische Merkmale.
Minamisōma besteht aus drei Stadtbezirken (ku), die auf bis ins Jahr 2005 eigenständige Gemeinden zurückgehen und daher nicht miteinander verwachsen sind: Kashima-ku im Norden, Haramachi-ku in der Mitte und Odaka-ku im Süden. Das direkte Küstengebiet ist nur schwach besiedelt und wird hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt. Die drei Siedlungszentren befinden sich daher etwa 3–4 km landeinwärts.
Administrativ grenzt Minamisōma im Norden an die kreisfreie Stadt Sōma, im Nordwesten an die Dorfgemeinde Iitate und im Südwesten und Süden an die Kleinstadt Namie. Die nächsten Großstädte sind Sendai im Norden und Iwaki im Süden, beide etwa 75 km entfernt.
Geschichte Die Stadt Minamisōma wurde am 1. Januar 2006 durch die Vereinigung der Stadt Haramachi (, -shi) mit den Kleinstädten Kashima (, -machi) und Odaka (, -machi) des Landkreises Sōma gegründet. Diese ehemaligen Gemeinden bilden heute Stadtbezirke innerhalb von Minamisōma, dessen Name von dem Landkreis abstammt und „Süd-Sōma“ bedeutet.
Tōhoku-Erdbeben-, Tsunami- und Nuklearkatastrophe 2011
Schäden und Opfer Am 11. März 2011 zerstörte das Tōhoku-Erdbeben und der davon ausgelöste Tsunami über 2.300 Wohngebäude völlig und 2.430 weitere teilweise.
Die Brand- und Katastrophenschutzbehörde (Fire and Disaster Management Agency, FDMA) meldete bis zu ihrem 145. Schadensbericht vom 13. März 2012 631 Tote und 7 Vermisste für Minamisōma als Folge der Tōhoku-Dreifachkatastrophe von 2011, (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 145. Bericht, 13. März 2012. (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 124. Bericht, 19. Mai 2011. erhöhte ihre Angabe dann in ihrem 146. Schadensbericht vom 28. September 2012 auf 852 Tote und 111 Vermisste (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 146. Bericht, 28. September 2012. und bis zum 158. Schadensbericht vom 7. September 2018 auf 1038 Tote und 111 Vermisste., 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 158. Schadensbericht, 7. September 2018.
Gemessen an der Gesamtbevölkerung Minamisōmas, die bei der Volkszählung von 2010 mit 70.878 angegeben worden war, (PDF, japanisch), stat.go.jp (Statistics Japan - Statistics Bureau, Ministry of Internal Affairs and communication), Volkszählung 2010, Zusammenfassung der Ergebnisse für die Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima, URL: https://www.stat.go.jp/data/kokusei/2010/index.html. betrug die Opferrate durch die Katastrophe von 2011 1,6 %, wenn alle in dem 157. FDMA-Schadensbericht vom 7. März 2018 registrierten Toten und Vermissten berücksichtigt werden (), 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 7. März 2018. beziehungsweise 0,90 %, wenn die in dem 153. FDMA-Schadensbericht vom 8. März 2016 registrierten Opfer (1.015 Tote und 111 Vermisste) abzüglich der von der Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency, RA) gemeldeten katastrophenbedingten Todesfälle berücksichtigt werden, wodurch sich eine Zahl von 637 Toten und Vermissten ergibt. Mit der gleichen Datengrundlage, aber allein auf das Überflutungsgebiet des Tsunamis in Minamisōma bezogen, das eine Fläche von 39 km2 umfasste, ergab sich eine Opferquote von 4,76 %. (Online veröffentlicht am 15. August 2017), hier S. 22, Tabelle 2., 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency), 153. Bericht, 8. März 2016.
Der Tsunami wurde für den Tod von insgesamt 636 Menschen in Minamisōma als Ursache identifiziert, was 39,7 % der insgesamt 1.604 Tsunamitoten in der Präfektur Fukushima entspricht. Bis Juli 2012 wurden 388 Tote in die mit dem Ausdruck „disaster-related deaths“ bezeichnete Kategorie eingeordnet, die offiziell von der Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency) für solche Fälle definiert wurde, in denen der Tod Folge indirekter Schäden war, die durch Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe verursacht waren. Die Mehrzahl dieser katastrophen-bedingten Tode wird auf die Evakuierung älterer Menschen nach dem Nuklearunfall zurückgeführt.
Von Zehntausenden Bäumen eines Küstenschutzwaldes im Kashima-Gebiet von Minamisōma überlebte Medienberichten zufolge nur eine einzige Kiefer den Tsunami, die etwa 100 m landeinwärts der Küste in der Minamimigita-Gegend von Kashima stand, wo 54 Menschen durch den Tsunami getötet worden waren. Die überlebende Kiefer wurde nach der Katastrophe unter dem Namen Kashima no Ipponmatsu (かしまの一本松) ein Symbol der Trauer für die Opfer und für den Wiederaufbau des Gebietes nach der Katastrophe. Da die Kiefer durch Salzschäden geschwächt wurde, wurde sie am 27. Dezember 2017 unter Abhaltung von Feierlichkeiten gefällt., standard.net, 27. Dezember 2017 (The Japan News/Yomiuri).
Feldstudien waren im Sperrgebiet Minamisōma nach dem Tōhoku-Tsunami von 2011 erst mit einer Verzögerung von 15 Monaten möglich, weil das Gebiet (in den südlichen Küstengebieten Minamisōmas bis Juni 2012) aufgrund der hohen Strahlenbelastung, die durch die Kernschmelze im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi verursacht worden war, Gegenstand von Zugangsbeschränkungen war. Die erhöhten Tsunami-Höhen in den Küstengebieten lassen sich auf die Reflexion der Ozeanwellen, Trichterbildung, splash-up-Effekte an Felsen und Deichen/Wellenbrechern sowie auf den erhöhten Strömungswiderstand zurückführen, den der Tsunami beim Passieren der Kiefernwälder an der Küstenlinie hatte. Daher waren Tsunami-Höhen von 10 m auf die Gebiete beschränkt, die bis 500 m von der Küste entfernt waren. An Land waren die maximalen Überflutungspegel abhängig von der Topografie. Während die Tsunami-Höhen im Inland in den steil ansteigenden V-förmigen Tälern weiter anstiegen, fielen sie mit zunehmender Überflutungsdistanz entlang flacher Küstenebenen ab. Hinter vollständig zerstörten Deichen war der Überschwemmungspegel höher als hinter teilweise beschädigten Küstenschutzanlagen. Beispielsweise im Gebiet von Obama waren die Küstendeiche zu 32 % zerstört (469 m von 1.483 m Länge), während sie in Tsukabara zu 5 % (99 m von 2.041 m), in Tsunobeuchi zu 4 % (61 m von 1.581 m) und in Murakami und Idagawa zu 0 % zerstört waren. Im Vergleich zu der Sendai-Ebene waren die Tsunami-Höhen an der Fukushima-Küste aufgrund der konvex geformten Küstenlinie und der damit verbundenen Bathymetrie vor der Küste, die zu einer Bündelung der Tsunami-Energie neigt, erhöht. (Online veröffentlicht am 29. März 2014).
mini|links|Minamisōma mit den früheren Verwaltungsgebieten Kashima, Haramachi und Odaka:dunkelblau: vom Tsunami betroffene GebieteEvakuierungszonen 2014:gelb: für lange Zeit keine Rückkehr der Einwohner zu erwartenrot: Einwohnern ist der ständige Aufenthalt nicht erlaubtgrün: bereit zur Aufhebung des Evakuierungsbefehls (Online veröffentlicht am 26. Mai 2015). Lizenz: Attribution 4.0 International (CC BY 4.0). Hier: S. 6598, Figure 1 "The map of the study area: Minamisoma City"
Evakuierung in der Präfektur Fukushima Die Stadt Minamisōma liegt 14 bis 38 km nördlich vom Kernkraftwerk Fukushima Daiichi als Ausgangsort der Nuklearkatastrophe entfernt. (Online veröffentlicht am 22. Dezember 2017); Lizenz: Creative Commons Attribution Non Commercial (CC BY-NC 4.0).
Am 12. März 2011 erklärte die japanische Zentralregierung als Reaktion und Gegenmaßnahme auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima den nuklearen Notfall und ordnete die Evakuierung aller Gebiete im Umkreis von 20 km um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (auch engl. restricted area / dt. „Sperrgebiet“ oder engl. mandatory evacuation zone / dt. „obligatorische Evakuierungszone“) oder mit hoher Strahlungsdosis an. Es gab jedoch auch jenseits dieses 20-km-Radius viele andere Standorte mit hohen Strahlungswerten, da radioaktive Partikel über den Wind aus dem havarierten Kraftwerk fortgetragen wurden. Zu diesen Orten zählten Minamisōma sowie 10 weitere Dörfer und Städte, darunter Naraha, Tomioka, Kawauchi, Ōkuma, Futaba, Namie, Katsurao, Iitate, Tamura und Kawamata.
Am 15. März 2011 wurden die Einwohner, die in einer Entfernung von 20-30-km vom havarierten Kernkraftwerk (engl. Evacuation Prepared Area) lebten, angewiesen, zu ihrem Schutz in den Häusern zu verbleiben (engl. indoor sheltering zone). (Institut du développement durable et des relations internationales, IDDRI).
Nach der Erlassung der Evakuierungsanordnungen vom 7. Mai 2013 wurden diese Regionen entsprechend ihrer radioaktiven Belastung in folgende vier verschiedene Kategorien eingeteilt: Gebiete mit einer Strahlenbelastung von weniger als 20 mSv pro Jahr, die von der Regierung als Schwellenwert für eine dauerhafte Rückkehr behandelt wurde, bildeten die Kategorie 1. Gebiete dieser Kategorie 1 konnten die Einwohner nach eigenem Ermessen und ohne Einsatz von Schutzausrüstung betreten mit der einzigen Einschränkung, dass sie dort nicht übernachten durften. Diese Gebiete waren bereit für eine Aufhebung des Evakuierungsbefehls. In Gebieten mit einer Strahlenbelastung zwischen 20 und 50 mSv pro Jahr (Kategorie 2) war den Einwohnern ein dauerhafter Aufenthalt untersagt. Gebiete mit über 50 mSv pro Jahr (Kategorie 3) wurden als langfristig ungeeignet für eine Rückkehr der Einwohner angesehen. Einen Sonderstatus nahm ein viertes Evakuierungsgebiet ein.
Die Einrichtung der obligatorischen Evakuierungszone in der Präfektur Fukushima führte dazu, dass in dieser Zone über 80.000 Menschen zur Evakuierung gezwungen wurden, von denen über 70.000 mit Stand vom 5. September 2015 noch immer evakuiert blieben. Die im Nordosten der Präfektur Fukushima an der Küste liegende Region Sōsō, in dem auch das Kernkraftwerk lag, wurde von allen drei Katastrophen (Erdbeben, Tsunami und Nuklearunfall) getroffen und zählte zu den am schwersten von der Dreifachkastatrophe betroffenen Regionen Japans.
Evakuierung in Minamisōma In Minamisōma als größter Gemeinde in der Region Sōsō kam es zu einem erheblichen Bevölkerungsverlust, indem die ursprüngliche Bevölkerung von fast 72.000 Menschen vor der Katastrophe innerhalb eines Monats drastisch auf rund 10.000 im April 2011 herabfiel. Mit Stand vom 27. Februar 2014 waren von den vor der Katastrophe 71.561 Einwohnern der Stadt 7.276 fortgezogen, 14.430 noch gemeldet, lebten jedoch auswärts, und 46.868 wohnten in der Stadt. Bis Oktober 2015 erholte sich die Einwohnerzahl langsam wieder auf 57.000. (Online veröffentlicht am 19. Juni 2017); Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0). Nach anderen Angaben betrug die Anzahl der Bevölkerung der Stadt Minamisōma ein Jahr nach dem Nuklearunfall 66.800 im März 2012. Mit Stand von August 2016 lebten noch immer 2.412 Einwohner von Minamisōma in temporären Unterkünften.
Die Stadt Minamisōma verfügte sowohl über Gebiete, die zu der Sperrzone (in 20-km-Entfernung vom Kernkraftwerk) gehörten (mit ursprünglich etwa 10.955 Einwohnern, also 16 % der Gesamtbevölkerung der Stadt), als auch über Gebiete, die zu der indoor sheltering zone (20-30-km-Entfernung vom Kernkraftwerk) gehörten (mit ursprünglich etwa 44.773 Einwohnern, also 66 % der Gesamtbevölkerung der Stadt). Minamisōma gilt in Bezug auf die Evakuierung als einzigartige Stadt, in der die Bewohner einer Reihe von Evakuierungsanweisungen und Gegenmaßnahmen unterzogen wurden und sich wahrscheinlich mit Ängsten vor radioaktiver Strahlung nach der Katastrophe konfrontiert sahen. Die Stadt Minamisōma kann als einzigartig geeigneter Fall für die Evaluierung dafür angesehen werden, wie Massenevakuierung die Demographie der verbleibenden Einwohner beeinflussen kann.