Die Estnischen Streitkräfte ( Eesti Kaitsejõud) werden durch den Verteidigungsbund (Kaitseliit) und die Estnischen Verteidigungsstreitkräfte (Eesti Kaitsevägi) gebildet. Dabei stellen die Verteidigungsstreitkräfte das reguläre Militär der Republik Estland dar, welches über Heer, Luftwaffe und Marine verfügt. Des Weiteren besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem estnischen Grenzschutz.

Estland ist Mitglied der NATO und engagiert sich bei mehreren UN-Missionen. Zudem gibt es in verschiedenen Bereichen eine Kooperation mit den baltischen Nachbarn. So betreiben z. B. die Luftstreitkräfte der drei Länder gemeinsam das Luftraumüberwachungssystem Baltic Air Surveillance Network.

Geschichte 1918 bis 1939 Estland erlangte während des Zerfalls des Russischen Reiches (nach der Oktoberrevolution) am 24. Februar 1918 seine Unabhängigkeit. Nach der zwischen dem 11. und 14. November 1918 stattgefundenen deutschen Novemberrevolution, welche das Ende der deutschen Besatzung in Estland einläutete, übergaben die deutschen Obleute die politische Macht an die Regierung Estlands. Ein paar Tage später folgte eine militärische Invasion durch das bolschewistische Russland, welche den Anfang des Estnischen Freiheitskrieges markierte. Das kleine, schlecht ausgerüstete estnische Militär, auch bekannt als Rahvavägi, wurde zunächst von der Roten Armee in die Gegend um die estnische Hauptstadt Tallinn zurückgedrängt. Nur 34 Kilometer trennten Tallinn und die Frontlinie. Aufgrund der rechtzeitigen Ankunft eines britischen Marinegeschwaders samt einer Schiffsladung Waffen wurden der Vormarsch der Bolschewiken aufgehalten.

Im Januar 1919 starteten die estnischen Streitkräfte unter dem Oberbefehlshaber Johan Laidoner eine Gegenoffensive, die Mai-Offensive. Die Bodentruppen wurden sowohl durch die Royal Navy als auch durch finnische, schwedische und dänische Freiwillige unterstützt. Bis Ende Februar 1919 war die Rote Armee vom estnischen Staatsgebiet vertrieben. Am 2. Februar 1920 schlossen die Republik Estland und die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik den Frieden von Dorpat. Nach dem Sieg im Estnischen Freiheitskrieg über Sowjetrussland und deutsche Freiwillige der baltischen Freikorps behauptete Estland seine Unabhängigkeit für 22 Jahre.

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs Das Schicksal der Republik Estland vor dem Zweiten Weltkrieg wurde durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt im August 1939 beschlossen, bei dem laut des Molotov-Ribbentrop-Paktes und seinem geheimen Zusatzprotokoll Stalin die Zustimmung Hitlers zur Aufteilung von Osteuropa in Interessensphären erlangte. Nach der Niederlage Polens wurde Estland gezwungen, einen Beistandspakt mit der Sowjetunion zu schließen, welcher am 28. September 1939 unterzeichnet wurde. Die estnische Regierung war daraufhin gezwungen, der Errichtung sowjetischer Militärbasen und Stationierung von 25.000 Sowjetsoldaten auf estnischen Boden zur „gemeinsamen Verteidigung“ zuzustimmen, welche später im Winterkrieg gegen Finnland genutzt wurden. Am 12. Juni 1940 wurde der Befehl zur Errichtung einer Militärblockade um Estland an die Baltische Flotte gegeben. Aufgrund der erdrückenden Sowjetmacht und um ein Blutvergießen und einen Krieg zu vermeiden, entschied die estnische Regierung am 17. Juni keinen Widerstand zu leisten. Die militärische Besatzung von Estland war am 21. Juni 1940 abgeschlossen. Die Streitkräfte Estlands wurden im Juli 1940 durch die Rote Armee gemäß sowjetischen Befehlen entwaffnet. Nur das Fernmelde-Bataillon in Tallinn leistete Widerstand. Als die Rote Armee zusätzliche Verstärkungen, unterstützt durch sechs gepanzerte Fahrzeuge, heranführte, dauerte der Kampf mehrere Stunden bis Sonnenuntergang. Es gab einen Toten und einige Verwundete auf estnischer Seite und über zehn Getötete und mehrere Verletzte auf der Seite der Sowjets. Der militärische Widerstand endete nach Verhandlungen, das Fernmelde-Bataillon kapitulierte und wurde entwaffnet.

Unter massivem Druck und Gewaltandrohung durch die Sowjetunion wurde Estland zusammen mit Lettland und Litauen 1940 von dieser annektiert. Nach offizieller sowjetischer Lesart handelte es sich um einen Beitritt zur Sowjetunion. Die estnischen Truppen wurden Teil der Roten Armee und behielten sogar ihre Uniform und die meisten Offiziere (einschließlich des Oberbefehlshabers). Am 22. Juni 1941 erfolgte die Invasion der Sowjetunion durch Nazideutschland. Die Geschwindigkeit des Vorstoßes war so groß, dass Estland schnell durch deutsche Streitkräfte von Russland abgeschnitten wurde. Das 22. territoriale Korps (in dem die ehemalige estnische Armee organisiert war) wurde zur Evakuierung nach Russland angewiesen, jedoch desertierten viele estnische Angehörige und traten den Untergrundkämpfern bei, um die sich zurückziehende Rote Armee zu bekämpfen. Die Deutschen wurden bei ihrer Ankunft als Befreier begrüßt. Im Laufe des Krieges wurden dann auch auf deutscher Seite estnische Verbände eingesetzt.

Während der erneuten sowjetischen Besatzung ab 1944 wurde Estland stark militarisiert. Mehr als 10 Prozent der Bevölkerung waren Angehörige der sowjetischen Truppen in über 500 militärischen Anlagen.

Seit 1991 Im Jahr 1991 gewann Estland seine Unabhängigkeit als demokratischer Staat zurück. Die Eesti Kaitsevägi wurden am 3. September 1991 durch den Ältestenrat der Republik Estland neu gegründet. Seitdem haben die Streitkräfte Estlands mehr als 30 Einheiten und einige Militärzweige neu oder wieder in Dienst gestellt. Die allgemeine Wehrpflicht führte Estland 1992 ein.

Zusätzlich zu den allgemeinen Problemen im Rahmen des Wiederaufbaus sahen sich die estnischen Streitkräfte, wie ihre baltischen Nachbarn, mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert. Während sich das Land in Richtung Westeuropa und Nordamerika orientierte, stand nur wenig militärisches Personal zur Verfügung, welches dort Erfahrung gesammelt hatte. Estland stellte sich dieser Herausforderung durch die Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren im westlichen Ausland und an neu aufgebauten Einrichtungen im Inland. Außerdem nahm das Land seit 1994 am NATO-Programm Partnerschaft für den Frieden teil und ist seit 2004 selber NATO-Mitglied, sodass das Militärpersonal auch praktisch entsprechend geschult wurde. Die neue Generation von Offizieren stieg bereits früh in Führungspositionen auf, was dafür sorgt, dass Estland seit Beginn des 21. Jahrhunderts ein relativ junges Oberkommando hat.

Befehlshaber der Streitkräfte Militärische Befehlshaber der Streitkräfte Estlands seit ihrer Gründung waren:Kaitseväe juhatajad (estnisch). Nr. Dienstgrad und Name Dienstzeit Beginn Dienstzeit Ende Estnischer Freiheitskrieg und 1. Unabhängigkeit (1918–1940)1 Generalleutnant Johan Laidoner 23. Dezember 1918 26. März 1920(1) Generalleutnant Johan Laidoner 1. Dezember 1924 8. Januar 1925(1) General Johan Laidoner 12. März 1934 22. Juni 19402 Generalmajor Gustav Jonson 22. Juni 1940 August 1940 Regierung Tief (1944)3 Generalmajor Jaan MaideAjalugu (kurze Geschichte der Streitkräfte auf deren Homepage), abgerufen am 13. Februar 2015 (estnisch). 18. September 1944 24. Oktober 1944 2. Unabhängigkeit (seit 1993)4 General Aleksander Einseln 1. Mai 1993 4. Dezember 19955 Generalleutnant Johannes Kert 23. Januar 1996 30. Juni 2000- Oberstleutnant Aarne Ermus (kommissarisch)Veröffentlichung der präsidialen Anordnung auf www.riigiteataja.ee, abgerufen am 14. Februar 2018 (estnisch). 30. Juni 2000 21. September 20006 Vizeadmiral Tarmo Kõuts 21. September 2000 14. November 20067 General Ants Laaneots 5. Dezember 2006 5. Dezember 20118 General Riho Terras 5. Dezember 2011 4. Dezember 20189 General Martin Herem 5. Dezember 2018 30. Juni 202410 Generalleutnant Andrus Merilo seit 1. Juli 2024

Aufgaben mini|Militärausgaben 1992 bis 2026 Das wichtigste Ziel der Streitkräfte ist die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Fähigkeit, die nationalen lebensnotwendigen Interessen in einer Weise zu verteidigen, welche die Interoperabilität mit den Streitkräften der NATO- und EU-Mitgliedstaaten und ihre Fähigkeit an der Teilnahme von Bündnismissionen gewährleistet.

In Friedenszeiten bestehen die Hauptaufgaben der estnischen Streitkräfte in der Überwachung und Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Staatsgrenzen und den Luftraum, der Aufrechterhaltung der Kampfbereitschaft, der Ausbildung von Wehrpflichtigen und Bildung von Reserve-Einheiten sowie der Beteiligung an von der NATO und der UN geführten internationalen Einsätzen und Hilfeleistung für die zivilen Behörden im Falle eines nationalen Notfalls.

Bei Krisenzeiten liegen die Hauptaufgaben des estnischen Militärs in der Steigerung des Bereitschaftsgrads der Einheiten nach Bedarf, die Vorbereitung für den Übergang zur Struktur im Kriegszustand, der Beginn der Mobilisierung, der Integration von Einheiten aus anderen Ministerien und die Vorbereitung auf Unterstützung und Empfang von verbündeten Kräften.

Im Kriegszustand haben die Streitkräfte die Hauptaufgaben, die territoriale Integrität des Staates zu verteidigen, die Ankunft und den Einsatz von Kräften aus anderen Ländern und die Zusammenarbeit mit diesen zu unterstützen, die Kontrolle über den nationalen Luftraum aufrechtzuerhalten und die Luftverteidigung bei kriegswichtigen Anlagen in Zusammenarbeit mit Kräften aus anderen Ländern zu ermöglichen.

Struktur Führung der Nationalen Verteidigung Die nationale Verteidigung Estland beruht auf den Grundsätzen der zivilen Kontrolle und ist von Natur aus mit der demokratischen Organisation des Staates gebunden. Demokratisch gewählte und ernannte ausführende Organe treffen Entscheidungen über den Einsatz der Streitkräfte und definieren die jeweiligen Ziele, kontingentieren die notwendigen Ressourcen und überwachen die Erreichung der Ziele.

Die Umsetzung der Prinzipien der zivilen Kontrolle ist durch die verteidigungsbezogenen Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeiten, welche gesetzgeberisch auf dem Parlament, dem Präsidenten der Republik und der Regierung der Republik liegt. Der oberste Führer der nationalen Verteidigung ist der Präsident der Republik, welcher in Fragen der nationalen Verteidigung durch den nationalen Verteidigungsrat beraten wird. Der nationale Verteidigungsrat besteht aus dem Vorsitzenden des Parlaments, dem Ministerpräsidenten, dem Kommandant der Streitkräfte (dem Oberbefehlshaber im Kriegszustand), dem Verteidigungsminister, dem Innenminister, dem Außenminister und dem Vorsitzenden des parlamentarischen Ausschusses für nationale Verteidigung, Die Exekutive in der Führung der nationalen Verteidigung wird von der Regierung der Republik ausgeführt.

Hauptquartier In Friedenszeiten werden die Estnischen Verteidigungsstreitkräfte und die nationalen Verteidigungsorganisationen, einschließlich des Kaitseliit, vom Kommandant der Verteidigungsstreitkräfte geführt. Im Kriegszustand werden all diese Komponenten vom Oberbefehlshaber der Verteidigungsstreitkräfte kommandiert. Der Kommandant und der Oberbefehlshaber werden durch das Parlament Estlands (Riigikogu) auf Vorschlag des Präsidenten der Republik Estland ernannt und aus dem Amt entlassen. Die reguläre Amtszeit beträgt fünf Jahre und kann auf bis zu sieben Jahre ausgedehnt werden. Seit dem 1. Juli 2024 ist Kindralleitnant Andrus Merilo der Kommandant der Verteidigungsstreitkräfte.