mini|hochkant|Daniel Tammet im Palais de la découverte, Paris (2018)
Daniel Paul Tammet (ursprünglich Daniel Paul Corney; * 31. Januar 1979 in London) ist ein britischer Schriftsteller und ein „Savant“ mit mehreren Inselbegabungen. Er ist ein Rechenkünstler, hat enorme Fähigkeiten im Bereich Gedächtnis und kann in sehr kurzer Zeit eine neue Sprache lernen. Er lernte zehn Fremdsprachen. Im Jahr 2005 wurde er durch einen Dokumentarfilm international als Savant bekannt. Im nächsten Jahr erschien seine Autobiografie, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde. Danach veröffentlichte er weitere Sachbücher sowie einen Roman und Gedichte.
Leben Kindheit und Schulzeit Daniel Tammet wuchs in London als ältestes von neun Kindern in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete in einer Autofabrik, seine Mutter in einem Büro.Daniel Tammet: Having a big family was very stimulating for my autism metro.co.uk, 14. August 2012. (Aussagen von Tammet aus einem Interview mit der Zeitung Metro anlässlich des Erscheinens seines Buchs Thinking in Numbers.) Im Alter von vier Jahren erlitt er einen schweren epileptischen Anfall, den er nach eigenen Angaben nur überlebte, weil sein Vater ihn sofort ins Krankenhaus brachte. Er wurde mit Carbamazepin behandelt. Er erlitt noch einige weniger schwere Anfälle,Tammet als Gast bei David Letterman, Ausstrahlung am 27. April 2005. Zu „weitere epileptische Anfälle“ siehe 2:37 bis 2:46. konnte aber nach drei Jahren die medikamentöse Behandlung absetzen.
In der Schule galt Tammet als Einzelgänger, er war schüchtern und introvertiert. Vor allem Zahlen faszinierten ihn. Er konnte Stunden damit zubringen, Zahlen miteinander zu multiplizieren, oder er zählte die Haferflocken in seinem Porridge. Kommunikation war für ihn schwierig, weil er nonverbale Signale nicht deuten konnte. Er wollte verstehen, wie andere Menschen denken und sich verhalten. Dabei half ihm, dass er von zahlreichen Geschwistern umgeben war.
Tammet las in seiner Kindheit sehr viele Bücher. Seit er lesen konnte, ließ er sich jeden Tag von seinen Eltern zur städtischen Bibliothek bringen, immer nach der Schule, aber auch in den Schulferien. Dort las er stundenlang, oft bis zum Ende der Öffnungszeit. Mit Vorliebe las er in Enzyklopädien, aus denen er Fakten abschrieb, die er sich merken wollte.Daniel Tammet: Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Hodder & Stoughton, London 2006, Kapitel 4: School Days, siehe Ende des Kapitels. Er las auch gern Autobiografien, um zu erfahren, wie andere Menschen leben und wie sein eigener Lebensweg aussehen könnte.Vortrag von Tammet beim IdeaFestival 2010, Video (12:38 Min.), siehe 0:47 bis 1:06. Tammet lieh sich außerdem Bücher aus mehreren Büchereien aus, um sie zuhause zu lesen. Wie seine Geschwister las er geliehene Bücher, weil die Familie nicht genug Geld hatte, um Bücher für die Kinder zu kaufen.
Im Jahr 1995, im Alter von 16 Jahren, legte Tammet die Prüfungen zum General Certificate of Secondary Education ab. In Geschichte bekam er die Höchstnote A*, in den Fächern Englisch, Englische Literatur, Französisch und Deutsch bekam er die sehr gute Note A. Trotz seiner Begeisterung für Zahlen gehörte Mathematik zu den Fächern, in denen er nur die Note B erhielt, weil ihm Algebra nicht lag. Er entschied sich daraufhin für Geschichte, Französisch und Deutsch als Wahlfächer in den beiden letzten Schuljahren (Advanced Level).Daniel Tammet: Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Hodder & Stoughton, London 2006, Kapitel 5: Odd One Out.
Nach der Schulzeit Nach seinem Schulabschluss im Alter von 18 Jahren wollten Tammets Eltern, dass er nun studieren werde, aber er fühlte sich mit dieser Aussicht nicht wohl. Er konnte sich viel besser vorstellen, in einer Bibliothek zu arbeiten oder in einem Postamt Briefe zu sortieren. Als er Stellenangebote in der Zeitung durchsah, fiel ihm eine Anzeige der Hilfsorganisation Voluntary Services Overseas auf, in der junge Leute für freiwillige Einsätze in osteuropäischen Ländern gesucht wurden. Tammet war neugierig; zudem riet ihm ein Freund, ins Ausland zu gehen, um neue Erfahrungen zu sammeln. Seine Bewerbung war erfolgreich. So flog er nach Kaunas in Litauen und arbeitete dort knapp ein Jahr lang ehrenamtlich als Englischlehrer für die Hilfsorganisation.Daniel Tammet: Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Hodder & Stoughton, London 2006, Kapitel 7: Ticket to Kaunas.
In Litauen gelang es Tammet, Freundschaften zu schließen und am sozialen Leben teilzunehmen, so dass er mit gestärktem Selbstbewusstsein zurückkehrte.Vortrag von Tammet beim IdeaFestival 2010, Video (12:38 Min.). Zu Litauen siehe ab 2:34, zu der positiven Erfahrung siehe 3:28 bis 3:38. Nach seiner Rückkehr gab er Kindern Nachhilfe in Rechnen, Schreiben und Lesen und hatte damit erstmals ein eigenes Einkommen. Mit dem Geld konnte er sich einen Computer zulegen.
Im Jahr 1999 nahm Tammet, der damals noch Daniel Corney hieß, an der Gedächtnisweltmeisterschaft in London teil und belegte den 11. Platz. Im nächsten Jahr nahm er nochmals teil und wurde Vierter.Ergebnisse der Gedächtnisweltmeisterschaften auf memocamp.com: World Memory Championships 1999 (Platz 11: Daniel Corney), World Memory Championships 2000 (Platz 4: Daniel Corney). Siehe auch Angaben zu Daniel Corney (Daniel Corney = Daniel Tammet).
Im Jahr 2001 ließ er seinen Namen ändern. Als Grund gab er später an, er habe das Gefühl gehabt, dass der Name Corney nicht zu ihm passe. Als er das estnische Wort tammed, das „Eichen“ bedeutet,tammed im Wiktionary. im Internet sah, gefiel es ihm, zum einen wegen der Bedeutung, zum anderen mochte er Estnisch wegen des Vokalreichtums dieser Sprache. Er entschied sich für den Nachnamen Tammet.A genius explains theguardian.com, 12. Februar 2005.
Im Jahr 2002 startete er, nun als Daniel Tammet, die Website Optimnem. Auf dieser bot er anfangs Sprachkurse für Französisch, Englisch und Deutsch sowie einen von ihm selbst entwickelten Kurs für Mathematik und Rechnen an. Das Angebot lautete, die jeweilige Fremdsprache beziehungsweise Mathematik anhand von online zugesendeten Materialien auf eine natürliche und intuitive Art zu lernen und schon nach 10 bis 12 Stunden ein gutes Niveau erreichen zu können.Ehemalige Website Optimnem von Daniel Tammet, Stand März 2004. Zur Beschreibung der Kurse siehe als Beispiel Optimnem French und Optimnem Maths. Ab 2006 bot Tammet die Zusendung von Lernmaterialien für Französisch und Spanisch an. Die Website war mit diesem Angebot bis 2021 online.Ehemalige Website Optimnem von Daniel Tammet, Stand August 2006, zum Angebot siehe Tutorials. Siehe auch Stand August 2021. Ende 2021 war die Website nicht mehr online.
Der Weg zur Bekanntheit Ende 2003 schlug Tammet der National Society for Epilepsy (NSE) eine Veranstaltung am nächsten Pi-Tag (14. März) vor, bei der er so viele Nachkommastellen der Kreiszahl Pi wie möglich aus dem Gedächtnis aufsagen würde. Er wollte der Öffentlichkeit demonstrieren, dass die epileptischen Anfälle in seiner Kindheit ihn nicht daran gehindert hatten, außerordentliche geistige Fähigkeiten zu entwickeln. Zugleich könnten Einnahmen für die NSE generiert werden. Die NSE war begeistert und schlug Tammet vor, dass er versuchen sollte, den Europarekord im Pi-Sport zu brechen. Für diesen Rekord musste er mindestens 22.500 Nachkommastellen der Zahl Pi auswendig lernen.Daniel Tammet: Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Hodder & Stoughton, London 2006, Kapitel 10: A Very Large Slice of Pi.
Der Vorschlag wurde umgesetzt: Am Pi-Tag 2004 stellte Tammet einen neuen Europarekord auf, als er 22.514 Nachkommastellen der Zahl Pi aus dem Gedächtnis aufsagte – 15 Nachkommastellen mehr als beim bisherigen Europarekord aus dem Jahr 1998. Tammet trug Pi vor einem Publikum im Museum of the History of Science der Universität Oxford vor.Big slice of pi sets new record BBC News, 15. März 2004. Er brauchte fünf Stunden und neun Minuten, das heißt, er brauchte im Schnitt etwa 0,8 Sekunden pro Nachkommastelle. Tammets Pi-Rekord wurde im Jahr 2005 international bekannt, als der Dokumentarfilm über ihn erschien, in dem auch Szenen dieser Veranstaltung zu sehen waren.The Boy with the Incredible Brain auf YouTube (48 Min.), siehe 5:28 bis 8:03.
Im Jahr 2004 galt Tammet als einer von 25 Savants – nur so viele waren dem Experten Darold Treffert damals bekannt, obwohl das Phänomen seit dem Film Rain Man (1988) der Allgemeinheit bekannt war. Nach seinem Pi-Rekord reiste Tammet in die USA, begleitet von einem Filmteam. In Salt Lake City traf er Kim Peek. Er wurde einen Tag lang von V. S. Ramachandran an University of California, San Diego untersucht. In England führte Simon Baron-Cohen an der University of Cambridge Tests mit ihm durch. Auch Wissenschaftler in Oxford beschäftigten sich mit ihm.Tammet als Gast bei David Letterman, Ausstrahlung am 27. April 2005. Zur Untersuchung durch Wissenschaftler siehe 7:20 bis 7:35. Simon Baron-Cohen diagnostizierte bei Tammet das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Die Wissenschaftler vermuteten nun, dass die Kombination von Epilepsie und Autismus der Auslöser für Tammets Fähigkeiten gewesen war.Tammet als Gast bei David Letterman, Ausstrahlung am 27. April 2005. Zur Asperger-Diagnose, die „vor kurzem“ gestellt wurde, siehe 1:30 bis 1:45.
Im Jahr 2005 wurde Tammet einer breiten Öffentlichkeit bekannt: Im Februar zeigte der US-Fernsehsender Science Channel den Film Brainman, eine Dokumentation über Tammet. Begleitend wurde Tammet in TV-Sendungen wie 60 Minutes, Good Morning America und der Late Show with David Letterman vorgestellt. Das Gespräch mit David Letterman wurde im April ausgestrahlt.Tammet als Gast bei David Letterman, Video auf YouTube (8:13 Min.). Vier Wochen später wurde der Dokumentarfilm im britischen Fernsehen gezeigt, diesmal mit dem Titel The Boy with the Incredible Brain. Der Film wurde in mehr als 40 Ländern ausgestrahlt.Daniel Tammet Biography Andrew Lownie Literary Agency.
Schriftsteller mini|Tammet bei seinem TED-Vortrag (2011) mini|Tammet bei einem Literaturfestival in Montreal (2016)
Im Jahr 2006 erschien Tammets erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Das Buch wurde ein Bestseller, es wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.Born on a Blue Day, Angaben zum Buch auf danieltammet.net.Born on a Blue Day Andrew Lownie Literary Agency, Angaben zum Buch. Auch seine nächsten beiden Sachbücher verkauften sich gut und wurden in etliche Sprachen übersetzt.
In seinem zweiten Buch Embracing the Wide Sky (2009) behandelte Tammet das Savant-Syndrom und damit zusammenhängende Themen wie Erinnerungsvermögen, Denken, Intelligenz und Autismus. Er verband seine eigenen Erfahrungen mit weiteren Fällen und mit Erkenntnissen der Wissenschaft.Embracing the Wide Sky, Angaben zum Buch auf danieltammet.net. Die französische Ausgabe wurde in Frankreich ein Bestseller.
Im Jahr 2012 erschien Tammets drittes Buch Thinking in Numbers.Thinking in Numbers, Angaben zum Buch auf danieltammet.net. Bis dahin hatte er seit 2006 Beiträge in seinem Blog Thinking in Numbers geschrieben.Ehemaliger Blog Thinking in Numbers von Daniel Tammet, Stand Februar 2019. Die letzten Beiträge stammen aus dem Jahr 2012. Im selben Jahr startete Tammet seine neue Website.Website danieltammet.net: Stand Oktober 2012, aktueller Stand.