mini|Papst Benedikt XVI. mit Kruzifixstab bei einem Gottesdienst in München (Neue Messe, 2006)
Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung ist der Titel des ersterschienenen Teils des dreibändigen Werks Jesus von Nazareth (2007–2012) von Papst Benedikt XVI. über die Gestalt und Botschaft Jesu Christi. Das Buch ist eine von innen her zusammenhängende Botschaft der vier kanonischen Evangelien, die sie trotz ihrer historisch vielschichtigen Überlieferungen gemeinsam ausdrücken. Diese Heilsbotschaft wird anhand der ersten Hälfte des öffentlichen Wirkens Jesu – von seiner Taufe bis zu seiner Verklärung – im ersten Band analysiert und kommentiert.
Papst Benedikt XVI. entfaltet im ganzen Jesusbuch seine neuartige Bibelauslegung, in der er zwei für gegensätzlich gehaltene Auslegungsmethoden – die christologisch-kanonische und die historisch-kritische – zu einer ganzheitlichen Exegese zusammenfügt. Er formt dabei eine eigentliche exegetische Theologie und trägt zur postscriptuellen Schriftwerdung bei. Durch die organische Verbindung von Glaube und Geschichte in der Exegese will der Autor auch darlegen, dass der „historische Jesus“ und das Jesusbild der Bibel identisch seien. Durch singulare historische Methoden würden bloß fragmentarische und verzerrte Jesusgestalten aus dem biblischen Bild abstrahiert, statt „rekonstruiert“. Die Auseinandersetzung mit Exegeten und ihren Auslegungsrichtungen aus den letzten zwei Jahrhunderten sowie mit der antiken Väterexegese bildet auch einen thematischen Schwerpunkt des Buches, dessen erster Band am 16. April 2007 zum 80. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. beim Verlag Herder in einem Umfang von etwa 450 Seiten erschien.
Ratzinger-Exegese Hermeneutische Grundlage mini|300px|Papst Benedikt XVI. in Freiburg i. Br. (2011)
Papst Benedikt XVI. versteht sein Buch als einen Neuansatz in der theologischen Bibelexegese dadurch, dass es zwei ganz unterschiedliche Weisen von Hermeneutik miteinander verbindet: Christologisch-kanonische Hermeneutik: eine theologische Auslegung, die in Jesus Christus den Schlüssel der ganzen Bibel sieht und diese von ihm her als Einheit betrachtet: Einzelne Texte werden im Rahmen des ganzen Bibelkanons interpretiert. Historisch-kritische Hermeneutik: wissenschaftliche Erforschung der Entstehungsgeschichte von biblischen Schriften sowie ihre kritische Analyse (Text-, Quellen-, Gattungs-, Redaktions-, Literar-Traditionskritik) nach ihrem ursprünglichen Sinn.
Die im Jesusbuch entfaltete Methodensynthese basiert hauptsächlich auf den exegetisch-methodischen Grundsätzen zweier, durch Ratzinger mitgestalteten, grundlegenden Kirchendokumente: Dei verbum (Gottes Wort), Dogmatische Konstitution des II. Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung, 1965, die unter Mitwirkung von Joseph Ratzinger als Konzilstheologe formuliert wurde. Diese betont die Ganzheit des Bibelkanons und deren göttliche Urheberschaft (Inspiration), hebt die Geschichtlichkeit der 4 kanonischen Evangelien hervor, betrachtet die Erforschung der Aussageabsichten der Evangelisten notwendig für das Verstehen der göttlichen Mitteilung, und wertet die wissenschaftlichen Methoden als nützlich zur Analyse des geschichtlichen Umfeldes und des Textes der Evangelien.Dei verbum, Punkt 12: „Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. […] Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend – mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen – hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muß man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren. […] Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen“. Ratzinger würdigte damals die Neuheit des Dokumentes so: „… er ist eine Synthese von großer Bedeutung: der Text verbindet die Treue zur kirchlichen Überlieferung mit dem Ja zur kritischen Wissenschaft und eröffnet damit neu dem Glauben den Weg ins Heute“.Einleitung und Kommentar zum Prooemium, zu Kapitel I, II und VI der Offenbarungskonstitution »Dei Verbum«. In: Lexikon für Theologie und Kirche, Ergänzungsband 2, Freiburg, 1967. Die Interpretation der Bibel in der Kirche, Dokument der Päpstlichen Bibelkommission von Johannes Paul II., 1993, die damals von Kardinal Ratzinger präsidiert wurde.Die Interpretation der Bibel in der Kirche, Studie der Päpstlichen Bibelkommission, präsidiert durch Joseph Kardinal Ratzinger, 1993. Diese von Ratzinger initiierte, konzipierte und mitverfasste Studie bezeichnet die eigentliche, pure (Apriori freie) historisch-kritische Methode als erforderliches wissenschaftliches Instrument für ein echtes Bibelverständnis: „Die historisch-kritische Methode ist die unerläßliche Methode für die wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte. Da die Heilige Schrift, als «Wort Gottes in menschlicher Sprache», in all ihren Teilen und Quellen von menschlichen Autoren verfasst wurde, lässt ihr echtes Verständnis diese Methode nicht nur als legitim zu, sondern es erfordert auch ihre Anwendung.“ […] „Wenn diese Methode auf objektive Weise angewendet wird, schließt sie kein Apriori in sich. Wenn solche Apriori ihre Anwendung bestimmen, so kommt dies nicht von der Methode her, sondern von hermeneutischen Optionen, die die Auslegung bestimmen und tendenziös sein können.“ […] „Zusammen mit anderen Methoden und Zugängen öffnet sie so dem modernen Leser den Zugang zum Verständnis der Bibeltexte, wie sie heute vorliegen.“ Explizit erwähnt wird in diesem Zusammenhang die Kombination der früher als gegensätzlich gehaltenen historischen Methode mit dem Kanonischen Zugang (Kanonische Exegese), durch welchen „die historisch-kritische Methode nicht ersetzt, sondern ergänzt werden“ soll.
Papst Benedikt XVI. beschreibt im ersten Band seines Jesus-Buches die Grundlage dieser Ergänzung: Die historisch-kritische Methode kann zwar nur das Erscheinende, Belegbare und Nachprüfbare erfassen und die Schriften dementsprechend nur als vergangenheitsbezogenes Menschenwort verstehen. Wenn sie aber nicht durch Apriori (zum Beispiel positivistische Ablehnung von Transzendenz oder Wunder) bestimmt wird, grenzt sich die pure Methode von der theologischen Auslegung nicht ganz ab, somit lässt sich die historische Methode zur eigentlichen Theologie organisch weiterführen.
Exegese-Technik Die Ratzinger-Exegese liest die Bibeltexte von der Theologie des apostolischen Glaubensbekenntnisses (Credo) her mit Apriori freier historisch-kritischen Methode, deren Grenze – durch Deutung des göttlich inspirierten „inneren Mehrwerts des Wortes“ – auf die christologisch-theologische Auslegung hin überschritten wird. Die in sich vergangenheitszentrische wissenschaftliche Methode wird dadurch zu einer eigentlichen, auch für Gegenwart und Zukunft bezogenen, Theologie organisch weitergeführt. Die Exegese von Papst Benedikt XVI., die neben historischen auch politische, philosophische, psychologische, pädagogische und naturwissenschaftliche Diskussionen einbindet, wird so aus philologischen und historischen Gründen zu einer exegetischen Theologie.Thomas Söding (Hrsg.): Tod und Auferstehung Jesu – Theologische Antworten auf das Buch des Papstes. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2011, ISBN 978-3-451-30511-5
Diese interdisziplinär breit vernetzte hermeneutische Spirale (Theologie → Exegese → exegetische Theologie) lässt neue Erkenntnisse aus der Heiligen Schrift wachsen, welche die postscriptuelle Schriftwerdung bereichern. Dabei vermittelt der Autor ein ganzheitliches Glaubensverständnis, bei dem Glaube (Empfangen der göttlichen Offenbarung über die nicht sichtbare Wirklichkeit mittels Worte der Bibel) und Geschichte (in Zeit und Raum beschreibbares menschliches Tun) durch ihre gegenseitigen Verbindungen – unter Primat des Empfangens – organisch zusammengehören. Die Ratzinger-Exegese entwickelt eine empfindliche Annäherung zu ihrer programmatischen Frage, „was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte“ (Dei verbum), gerade auch dadurch, dass ihre postkritische kanonische Auslegung – ähnlicher Weise wie die Evangelien – Glaube und Geschichte quer durch die biblischen Schriften miteinander verbindet.
Bereits in seinem Grundsatzwerk Einführung in das Christentum, das 1968 kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erschien, definierte Joseph Ratzinger seine Auslegungsrichtung zwischen beiden von ihm falsch gehaltenen Wege der modernen Bibelexegese: Christologie auf Historie zu transponieren/reduzieren bzw. die Geschichte in der Theologie zu ignorieren. Dabei kann man die hermeneutische Basis jener neuartigen Exegese erkennen, die im Jesus-Buch des Papstes theologisch-wissenschaftlich definiert und voll entfaltet wird.
Exegetische Einordnung Ratzingers Auslegungsmethode lässt sich zum Teil in die vorwiegend in den USA (Mitte 1970er Jahre) entwickelte Kanonische Exegese einordnen, die Texte weniger aus ihrem historischen Kontext, sondern eher aus dem als einheitlich verstandenen Zusammenhang des Bibelkanons verstehen will und so teilweise auf den exegetischen Grundprinzipien von Dei verbum basiert. Außerdem hat für Papst Benedikt XVI. insbesondere die patristische Wirkungsgeschichte Bedeutung. Gerade durch die Verbindung der christologischen und historisch-kritischen Hermeneutiken könnten Einsichten der Väter-Exegese in einem neuen Kontext wieder mehr Bedeutung gewinnen, meint er, da patristische Autoren wie Origenes, Hieronymus oder Augustinus von Hippo einzelne Elemente der heutigen historisch-kritischen Auslegung (Autorenfrage, Quellenfrage) bereits angewandt hatten.
Von daher versucht Ratzinger, sagen Kritiker, ein vom Evangelium nach Johannes her vereinheitlichtes Jesusbild der Evangelien bis hin zu einem Selbstverständnis Jesu als Sohn Gottes als historisch plausibel zu beschreiben. Eher der Veranschaulichung dieses Grundanliegens dienen einzelne Resultate der historischen Forschung. Ratzinger war demgegenüber stets der Meinung, dass sich die unterschiedlichen christologischen Wege der neutestamentlichen Autoren nicht in eine Einheit bringen lassen (Einführung in das Christentum). Vielmehr will er, wie die Einleitung seines Jesus-Buches betont, die eine, von innen her zusammenhängende Botschaft der theologisch und historisch vielschichtigen Evangelien herausfiltrieren.
Philosophisch-theologische Basis