mini|Ernst Toller (1924) Eine Jugend in Deutschland ist der Titel einer 1933 im Exilverlag Querido in Amsterdam publizierten Autobiographieder Jahre 1893 bis 1924 des Expressionismus-Schriftstellers, Dramatikers und Politikers Ernst Toller. Er schildert seine Kindheit und Jugend in der damaligen preußischen Provinz Posen, die kulturpolitischen Diskussionen während der Studentenzeit in München und Heidelberg, die Erfahrungen als Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs an der Westfront und sein daraus resultierendes politisches Engagement als Pazifist und Sozialist in der Nachkriegszeit, v. a. die Aktivitäten als Systemgegner während der Bayerischen Räterepublik. Das Buch gilt als eines der wichtigsten Dokumente dieser Umbruchszeit.
Inhalt Blick 1933 Im Vorwort „Blick 1933“, am „Tag der Verbrennung meiner Bücher in Deutschland“ datiert,in einigen Ausgaben als Nachwort „Blick Heute“ stellt Toller seine kritische und selbstkritische Autobiographie in den Zusammenhang mit der Zeit, in der sie publiziert wird: „Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muss die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen“. Er zählt als Verantwortliche des Scheiterns die verschiedenen Parteien und Fraktionen auf, Republikaner, Revolutionäre, Gewerkschaftsfunktionäre, Bürokraten, Doktrinäre, Schriftsteller, Realpolitiker, Fetischisten der Ökonomie, die ihre eigenen Machtinteressen über das Wohl des Landes stellten und ihre Ideologien verfochten. Jetzt triumphiere die Barbarei: „Nationalismus und Rassenhass und Staatsvergottung blenden die Augen, die Sinne, die Herzen.“ Von „falschen Heilanden“ erwarte das Volk Rettung. Es jubele über „die Fesseln, die es auf Geheiß der Diktatoren sich schmiedet“: „Für ein Linsengericht von leerem Gepräge verkauft es seine Freiheit und opfert die Vernunft. […] Überall der gleiche Wunsch, den Schuldigen zu finden, dem man das eigene Versagen, die eigenen Fehler, die eigenen Verbrechen aufbürden darf, ach es ist das alte Opferlamm aus Urzeiten, nur dass heute statt Tieren Menschen zur Opferung bestimmt werden. Die Folgen sind furchtbar. […] Wo ist die Jugend Europas? […] Wer in solcher Zeit schweigt, verrät ‚seine menschliche Sendung‘.“
Kindheit und Jugend "Friedrich der Große erlaubte meinem Urgroßvater mütterlicherseits als einzigem Juden in Samotschin…, sich anzusiedeln. Mein Urgroßvater bezahlte eine Summe Geldes, dafür ward ihm der Schutzbrief eingehändigt."In: Eine Jugend in Deutschland. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig; Reclams Universal-Bibliothek Band 460, 1979, S. 7 Der Urgroßvater väterlicherseits besaß ein Gut im Westpreußischen.
Ernst wird 1893 in der „deutschen Stadt Samotschin“in der Provinz Posen, Kreis Kolmar, Amtsgericht Margonin (145) im Netzebruch (7) geboren (Kap. I). Sein Vater ist der wohlhabende bürgerlich-jüdische Getreidegroßhändler Mendel Toller, seine Mutter Ida betreibt einen Kolonialwarenladen. Die Provinz, in der Ernst sozialisiert wird, ist ein MischgebietSeit der zweiten Teilung Polens gehört dieses Gebiet zu Preußen deutscher Siedler und polnischer Bauern und er erlebt von seiner Kindheit an die täglichen Spannungen zwischen der polnisch-katholischen, deutsch-protestantischen und seiner eigenen jüdischen Bevölkerungsgruppe: „Bei all den Kämpfen gegen die Polen bildeten Juden und Deutsche eine Front. Die Juden fühlten sich mit dem Deutschen Kaiserreich verbunden und betrachteten sich als ‚Pioniere deutscher Kultur‘.“ Die Kinder der drei Gruppen besuchen jeweils eigene Schulen. Zwar hat Ernst auch polnische und deutsche Spielgefährten, aber bei Streitigkeiten kommt es schnell zu gegenseitigen „Polacken“- und „Jiddchen“-Beschimpfungen und zur Aktivierung alter Vorurteile. So hört er oft, dass die Juden den Heiland ans Kreuz geschlagen hätten. Er will wie die Christen Weihnachten feiern und gerät dadurch in Konflikt mit seiner eigenen Religion, der er sich zunehmend entfremdet. So hinterfragt er z. B. die Familiengeschichte Adams und Evas nach dem Inzest der Kinder (27). Seine Eltern weichen weltanschaulichen und gesellschaftspolitischen Diskussionen aus, weisen Kritik an Autoritäten zurück und verweisen auf die gottgewollte Ordnung.
Bereits in der jüdischen Volksschule, die er mit 9 Jahren verlässt, um für einige Zeit zu Pfarrer Kuschs Knabenschule zu wechseln, verfasst er kleine Gedichte und gibt sie der alten Köchin Jule zu lesen. Diese lebt parallel zur Berufsrealität in einer Traumwelt mit einem geheimen Verlobten. Ernst bestätigt sie mit seinem Einfallsreichtum darin, indem er ihr Liebesbriefe des geliebten Schneidermeisters schreibt und für sie dessen Phantasiekarriere über die Offizierslaufbahn bis zum Kaiser des exotischen Landes Mariko entwickelt. In einem Telegramm bittet der Regent die zu seiner Kaiserin aufgestiegenen Köchin, ihm eine Sandtorte zu backen und diese seinem Minister Ernst zu übergeben.
Als Schüler des Realgymnasiums im benachbarten Bromberg versucht er vergeblich, an Schiller orientierte Hymnen auf die Freiheit zu veröffentlichen, findet dann aber bei der Ostdeutschen Rundschau in Bromberg eine journalistische Ersatzbeschäftigung: Er schreibt für den Redakteur Artikel, um sein Taschengeld aufzubessern und sich häufiger Apfelkuchen mit Schlagsahne leisten zu können. Dazu greift er auf Meldungen der Samotschiner Zeitung zurück und schmückt diese reißerisch aus. Einmal kommt er in Schwierigkeiten, als er nach dem Tod eines „närrischen Armenhäuslers“ durch Alkoholvergiftung auf dem preußischen Eisenbahngelände in einem anonymen Zeitungsartikel der gesetzlich nicht zuständigen Stadtpolizei unterlassene Hilfeleistung vorwirft. Der Bürgermeister zeigt den Redakteur an, der wegen Zeugnisverweigerung zu einer Strafe von 30 Mark verurteilt wird, die er aber von Ernst erpresserisch einfordert. Der Gymnasiast hat Angst, bei der Aufdeckung der Anonymität von der Schule verwiesen zu werden und bittet seinen Vater um Hilfe. Diesem gelingt es durch seine Position als Stadtverordneter, den Bürgermeister zur Rücknahme der Klage zu bewegen. Ernst begreift: „[A]uch der Mut der Behörden hat Grenzen.“ In einen anderen Streitfall gerät der 18-Jährige während seiner Examenszeit durch die schwärmerische Liebe zur Schauspielerin des Bromberger Stadttheaters Maria Groß. Er nennt deren Bräutigam einen Schuft, den er töten werde. Ernsts Onkel, ein Rechtsanwalt, besänftigt die Ehre des Beleidigten mit 75 Mark.
Nach dem Abitur geht Ernst als Student nach Grenoble, doch mehr als Jura, Literatur und Philosophie interessiert ihn das Nachtleben – er verfällt zeitweise der Spielleidenschaft und verschuldet sich. Im Sommer bereist er mit einer Gruppe deutscher Studenten die Provence. Da ihn die kunstgeschichtlichen Baedeker-Führungen langweilen, zieht er allein weiter nach Marseille. In seiner französischen Zeit lernt er ganz neue Seiten seiner Persönlichkeit kennen und spielt mit abenteuerlichen Gedanken, sich der Fremdenlegion anzuschließen oder sich als Mönch aus der Welt zurückzuziehen. Von den Abenteuern und Phantasien ernüchtert, kommt zur er zur Selbstreflexion: „Ich bin ein junger Mensch aus bürgerlichem Haus. Dass ich in Frankreich lebe […] versorgt werde, scheint mir ‚selbstverständlich‘. Über den Begriff der Freiheit habe ich nie nachgedacht, es sei denn bei philosophischer Lektüre.“ Er denkt an die armen polnischen Kinder und beginnt an der „Notwendigkeit einer Ordnung zu zweifeln, in der die einen sinnlos Geld verspielen, und die anderen Not leiden. […] Die Werte, die ich gestern für ewig und unverrückbar hielt, sind mir fragwürdig geworden, ich selbst bin mit fragwürdig“ (Kap. II).
Krieg In Lyon erfährt Toller Ende Juli 1914 vom österreichisch-serbischen Krieg als Folge des Attentats in Sarajewo und er erlebt, wie plötzlich die Stimmung umschlägt von anfänglichen Demonstrationen der Arbeiter für den Frieden in Hass auf den preußisch-deutschen Militarismus. Er reist schnell zurück nach Deutschland und findet hier die den Franzosen entgegengesetzte nationale Welle und Kriegsbegeisterung. In München gerät er wegen seines Lyoner Hutes in Verdacht, ein französischer Spion zu sein, und muss von einem Polizisten vor aufgebrachten Menschen beschützt werden, während er selbst vom „Rausch des Gefühls“ erfasst ist. „Die Worte Deutschland, Vaterland, Krieg haben magische Kraft, wenn wir sie aussprechen, verflüchtigen sie sich nicht, sie schweben in der Luft, kreisen um sich selbst, entzünden sich und uns.“ (Kap. III). Am nächsten Tag meldet er sich freiwillig zur Artillerie. Im August wird er mit vielen Kriegsfreiwilligen blumengeschmückt nach Bellheim in der Pfalz zur Ausbildung transportiert und im Januar 1915 verlegt man das Ersatzbataillon nach Elsass-Lothringen.
Im März beginnt sein Einsatz an der Front bei Metz. Toller schreit „Hurra!“ (50), als das Geschützfeuer den französischen Feind voll trifft, doch er wird schnell desillusioniert und erlebt im Priesterwald bei Pont-à-Mousson als Unteroffizier die Grausamkeit des Artillerie-Stellungskrieges: „Ein zerschossener Wald ist ein gemeucheltes Volk. Die gliedlosen Stümpfe stehen schwarz im Tag, auch die erbarmende Nacht verhüllt sie nicht, selbst die Winde streichen fremd über sie hinweg […] Und plötzlich, als teile sich die Finsternis vom Licht, das Wort vom Sinn, erfasste ich die einfache Wahrheit […], die ich vergessen hatte, die vergraben und verschüttet lag, die Grausamkeit, das Eine und Einende […] Alle diese Toten sind Menschen und nicht Franzosen oder Deutsche. „Alle verteidigen ihr Land […] Alle erfüllen ihre Pflicht“ […] Krieg wird zum Alltag, Frontdienst zum Tagwerk, Helden werden Opfer, Freiwillige Gekettete, das Leben ist eine Hölle, der Tod eine Bagatelle, wir alle sind Schrauben einer Maschine […] keiner weiß, wohin […] keiner weiß warum […] Der Sinn ist abhandengekommen“ (Kap. IV). Die Artikel in der deutschen Presse über den Feind findet Toller widerwärtig. Er schreibt eine Entgegnung, bekommt sie aber vom Redakteur des Kunstwarts unveröffentlicht mit der Begründung zurück: „Man müsse auf die Volksstimmung Rücksicht nehmen“ (57). 13 Monate bleibt Toller an der Front, dann meldet er sich zum Fliegerkorps, weil er aus dem Massensterben ausbrechen will. Doch er erkrankt, kommt ins Lazarett nach Straßburg und wird nach vielen Wochen als kriegsuntauglich entlassen.
Rebellion mini|Max Weber und Ernst Toller während der Lauenstein Tagung 1917. Toller studiert in München und hört Vorlesungen in Staatsrecht, Kunst- und Literaturgeschichte. Er besucht Dichterlesungen, Gemäldegalerien und Konzerte und verkehrt in literarischen Zirkeln. Auf Frühlingswanderungen versucht er vergeblich seine Kriegseindrücke zu verdrängen (Kap. V). Er sucht Orientierung über „Sinn und Aufgabe der Zeit“ bei einer Tagung auf Burg Lauenstein und trifft dort auf bekannte Gelehrte, Künstler, politische Schriftsteller und Lebensreformer. Doch ist er enttäuscht über deren theoretische Positionen. Zwar zweifeln sie an den traditionellen Werten, doch sie sind keine gesellschaftlichen Rebellen: „Sie flüchten sich in das Gespinst lebensferner Staatsromantik […] Der neue, der deutsche Geist möge sich offenbaren […] und alle retten“. Wie Toller vermissen die jungen Teilnehmer ihre Rebellion: „Reif zur Vernichtung scheint ihnen diese Welt, sie suchen den Weg aus den schrecklichen Wirren der Zeit, die Tat des Herzens, das Chaos zu bannen, sie glauben an den unbedingten, unbestechlichen Geist, der seiner Verpflichtung lebt und der Wahrheit“. Die Jungen klammern sich an den an der Wirklichkeit orientierten Max Weber, der mehr Demokratie fordert und im Kaiser das Hauptübel sieht (Kap. VI).