Die Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde (Abkürzungen: ZÄS; früher ÄZ) ist die weltweit älteste Fachzeitschrift für Ägyptologie, in der Anfangs auch Beiträge zur Assyriologie erschienen und die später, mit Beiträgen zu Demotistik und Koptologie, auch die weitere Ausdifferenzierung ägyptologischer Forschung widerspiegelte.
Die ZÄS wurde 1863 von Heinrich Brugsch begründet und erschien bei der Leipziger Hinrichs’schen Verlagsbuchhandlung, nach Ende des Zweiten Weltkrieges beim Berliner Akademie-Verlag und nach dessen Übernahme durch Walter de Gruyter ebendort. In der ZÄS werden Beiträge zu allen Teilbereichen der Ägyptologie, von der Philologie über die Geschichte, Religion und Kultur sowie zur Archäologie veröffentlicht.
Publikationssprachen sind Deutsch, Englisch und Französisch – in der Anfangszeit erschienen einige koptologische Beiträge auch auf Latein und später sollte es jeweils einen Beitrag in italienischer und niederländischer Sprache geben. Die Redaktion ist am Ägyptologischen Institut der Universität Leipzig angesiedelt. Derzeit sind Susanne Bickel (* 1960), Hans-Werner Fischer-Elfert, Antonio Loprieno und Stefan Pfeiffer die Herausgeber, Ines Köhler Redakteurin.
Anfänge und Streit In der ersten Ausgabe von 1863 erläuterte der Herausgeber Heinrich Brugsch die Zielsetzung der von ihm ins Leben gerufenen neuen Zeitschrift:
Der Zeitschriftengründung waren heftige Diskussionen in der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) vorausgegangen, im Rahmen derer der spätere ZÄS-Herausgeber Adolf Erman, diese als Beeinträchtigung und Gefährdung für das Erscheinen der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG) dargestellt hat. Allerdings war es innerhalb der Gesellschaft zuvor auch zu Auseinandersetzungen um die korrekte Lesung altägyptischer Hieroglyphen gekommen und wollte die Redaktion der ZDMG dem Gründungsmitglied Gustav Seyffarth weiterhin Raum zur Veröffentlichung seiner alternativen Hieroglyphenentzifferung und zur Kritik an dem von Jean François Champollion entwickelten System einräumen. Da sich Seyffarths Polemiken gegen die Vertreter des sich inzwischen etabliert habenden Paradigmas auch noch mit Plagiatsvorwürfen verbanden, zogen sich Heinrich Brugsch und auch sein Kollege Richard Lepsius bald aus der ZDMG zurück.
Das Wagnis eine eigene Fachzeitschrift zu gründen, wurde von Erfolg gekrönt und auch Adolf Erman revidierte rückblickend seine Meinung, indem er Brugschs Leistung folgendermaßen einschätzte:
Grund für den von Erman geschilderten Herausgeberwechsel war Brugschs Weggang nach Ägypten, wo er in den Dienst des Khediven (Vizekönigs) eingetreten ist. Als Brugsch, nach Lepsius’ Tod im Jahr 1884 nach Berlin zurückkehrte und die Herausgeberschaft der ZÄS erneut an sich zog, legte Erman, der inzwischen die redaktionelle Verantwortung für seinen akademischen Lehrer Lepsius übernommen hatte, dies als einen „Staatsstreich“ aus. An seinen Mentor, Georg Ebers, schrieb er damals:
Bei diesem Streit ging es allerdings um mehr als nur die ZÄS: Beide Gelehrte rangen damals um die Nachfolge des verstorbenen Lepsius in dessen Ämtern als Professor an der Berliner Universität und im Direktorat der Ägyptischen Abteilung der Königlichen Museen. Dieser Konflikt endete, so Erman, mit der „Capitulation“ Brugschs und einem „Friedensschluss“, wobei sich die beiden von nun an gleichberechtigt die Herausgeberschaft der ZÄS teilten. Der zwischenzeitlich in die Redaktion eingetretene Kollege Ludwig Stern hatte bei diesem Kompromiss allerdings das Nachsehen und beendete bald darauf sogar seine ägyptologische Laufbahn. Er wechselte in die Keltologie und wurde 1896 zum Mit-Herausgeber der Zeitschrift für celtische Philologie.
Professionalisierung und der „Oktroi“ der Berliner Schule der Ägyptologie Der wissenschaftliche Einfluss, welcher sich mit der Herausgeberschaft der ZÄS verband, lässt sich besonders gut durch die Einführung eines verbindlichen Umschriftsystems durch Adolf Erman, unmittelbar nach seinem Wiedereintritt in die Redaktion der ZÄS nachvollziehen. Dieser, von Wolfgang Schenkel als „Oktroi“ beschriebene Schritt, hatte weitreichende Folgen für die Ägyptologie: Zunächst wurden dadurch die Bemühungen von Richard Lepsius zur Schaffung eines Allgemeinen Linguistischen AlphabetsCarl Richard Lepsius: Das allgemeine linguistische Alphabet, auf digitale-sammlungen.de für den fächerübergreifenden Gebrauch in sämtlichen Sprachwissenschaften ad acta gelegt. Auch ein später von Georg Steindorff unternommener Versuch der Wiederannäherung an die Konventionen der ZDMG hat den ägyptologischen ‚Sonderweg‘ nicht revidieren können. Dabei hatte Erman seine Reform durchaus zurückhaltend eingeleitet:
Neben der Absage an ein disziplinübergreifendes Umschriftsystem, implizierte Ermans Vorschlag, der sich wohl auch einem Kompromiss mit seinem Mitherausgeber Heinrich Brugsch verdankte (und dessen Umschrift weitgehend übernommen hat) aber auch eine bestimmte Reihenfolge im Rahmen des Transkriptionsalphabets. Wolfgang Schenkel bemerkte hierzu:
So wurde das Umschriftsystem der ZÄS zum Markenzeichen der Gelehrtenformation der Berliner Schule. Trotz teilweise heftiger Kritik aus dem französisch- und englischsprachigen Raum, konnte sich Ermans System durchsetzen, nicht zuletzt, weil sein Transkriptionsalphabet auch dem von ihm herausgegebenen Wörterbuch der Ägyptischen Sprache zugrunde gelegt worden ist. Die Möglichkeit zur Veröffentlichung in der ZÄS war danach zunehmend an die Übernahme der durch diese Gelehrtenformation gesetzten wissenschaftlichen Standards und Methoden gebunden. Das führte zu Konflikten mit solchen Wissenschaftlern, die diese nicht akzeptierten, bzw. sich keine entsprechenden Vorgaben gefallen lassen wollten.
Konflikte um 'peer-reviews' avant la lettre Die Prüfung eingereichter Manuskripte im Hinblick auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards zum Zwecke der Qualitätskontrolle gehört zu den zentralen Aufgaben der Herausgeber einer Zeitschrift. Dabei übersteigen die in den Beiträgen behandelten Themen, mit zunehmender Spezialisierung und Ausdifferenzierung einer Disziplin, leicht die Kompetenz der – ohnehin schon durch die Durchsetzung von Formalia stark ausgelasteten – Redaktion. Lange vor Einführung eines formalen peer review Verfahrens haben sich Zeitschriften daher des Sachverstandes von Kollegen außerhalb der Redaktion bedient, so auch die ZÄS.
Damals kam jedoch einem Gelehrten eine Sonderstellung zu, insofern er als ‚Letztinstanz‘ für alle zweifelhaften Fälle betrachtet wurde. – Die Rede ist von dem Erman-Schüler, Kurt Sethe. Die Redaktion schätzte dessen Fachkompetenz und bediente sich dieser zur Beurteilung zweifelhafter Einreichungen:
Diese herausgehobene Stellung barg allerdings auch die Gefahr ethischer Konflikte in sich, nämlich dann, wenn eingereichte Beiträge der durch Sethe vertretenen Forschungsmeinung zuwiderliefen. Ein solcher Fall ergab sich im Jahr 1897, als sich der Schweizer Ägyptologe Édouard Naville gegen die von Sethe vorgeschlagene Rekonstruktion der Thronfolge der Pharaonen der 18. Dynastie aussprach. Naville wollte eine entsprechende Replik in der ZÄS veröffentlichen, der Herausgeber Erman jede Polemik vermeiden. Daher schlug er Naville vor, seinen Beitrag an Sethe weiterzuleiten und diesem so eine unmittelbar im Anschluss an Navilles Beitrag zu veröffentlichende Stellungnahme zu ermöglichen:
Naville hatte gegen eine solche Gegenüberstellung und auch die Vorlage seines Manuskriptes bei Sethe keine grundsätzlichen Einwände, sprach sich aber gegen die Beschränkung auf eine Ausgabe der ZÄS aus. Er wünschte zunächst seine Kritik an Sethes Arbeit veröffentlicht zu sehen, dessen Erwiderung abzuwarten und behielt sich seinerseits eine dann erneute Erwiderung vor. Sethe sollte zwar vorab in den Text von Naville Einsicht nehmen dürfen aber erst nach der zweiten Fahnenkorrektur und keinesfalls in das Einreichungs-Manuskript. Auch beanspruchte Naville für sich das gleiche Recht, vor Veröffentlichung in Sethes Erwiderung auf seine Arbeit Einsicht nehmen zu können. Schlussendlich ist die Redaktion dann von dem von Erman ersonnenen Verfahren abgerückt und hat die Veröffentlichung der Beiträge in Form einer Polemik zugelassen.
Obwohl Naville schließlich seine Kritik und auch eine erneute Gegenrede auf Sethes Erwiderung dazu in der ZÄS veröffentlichen konnte, blieben bei ihm Zweifel bezüglich der Neutralität der Redaktion der ZÄS zurück, die später von ihm erneut zum Ausdruck gebracht wurden. So berichtete der inzwischen in die Redaktion der ZÄS aufgerückte Georg Steindorff 1899 an Erman:
Die Auswirkungen von Antisemitismus und der nationalsozialistischen Machtübernahme Seit 1937 war Georg Steindorff nicht mehr länger nur als Redaktionsmitarbeiter in einer assistierenden Stellung tätig – so wie zuvor schon Adolf Erman es für Richard Lepsius gewesen war, sondern wurde nun ganz offiziell als Herausgeber der ZÄS auf den Deckblättern aufgeführt. Wiewohl also Erman mit dem herausgeberischen Tagesgeschäft allerspätestens ab diesem Zeitpunkt nur noch wenig befasst war, wurde er weiterhin als Herausgeber angegeben. Diesen Umstand versuche sich Friedrich Wilhelm von Bissing zu Nutze zu machen, als ein von ihm 1906 für die ZÄS eingereichter Beitrag durch Steindorff abgelehnt worden war. Erman leitete den Vorgang aber wieder an Steindorff zurück, der die Annahme von Bissings Manuskript prompt erneut verweigerte. Daraufhin schrieb Bissing an Erman:
In diesem Zusammenhang fällt v. a. der Begriff der „Rassereinheit“ auf. Steindorff war vom Judentum zum protestantischen Christentum konvertiert und ist dennoch Zeit seines Lebens antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Bissing sollte später der NSDAP beitreten, an seiner antisemitischen Gesinnung konnte aber schon zum damaligen Zeitpunkt kein Zweifel bestehen.
Um jedem zukünftigen Versuch, Steindorff als Herausgeber zu übergehen einen Riegel vorzuschieben, entschloss man sich, diesen fürderhin als alleinigen Herausgeber der ZÄS auf dem Deckblatt zu nennen. In einer gemeinsamen Stellungnahme, die die Aufnahme Bissings in die Kommission zur Herausgabe des Wörterbuches der Ägyptischen Sprache verhindern sollte, nahm Steindorff noch einmal zu dem Vorgang Stellung und wies die durch Bissing vorgebrachten Vorwürfe zurück:
Bissing scheint seine konfrontative Haltung schließlich aufgegeben zu haben – wohl auch, weil er auf die grundsätzliche Möglichkeit, weiter in dem zentralen Fachorgan publizieren zu können, nicht dauerhaft verzichten wollte. Später sollte er – als NSDAP-Mitglied – Steindorff sogar einen Solidaritätsbesuch, anlässlich von dessen Verdrängung aus allen akademischen Ämtern und herausgeberischen Funktionen aufgrund der nationalsozialistischen Rassegesetzgebung abstatten. Steindorff musste schließlich ins Exil in die USA flüchten. Die Herausgeberschaft der ZÄS ging an Walther Wolf über.
Nachkriegszeit und die ZÄS in der DDR Nach der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg und der Errichtung der Besatzungszonen, war die ZÄS mit schwerwiegenden Herausforderungen konfrontiert: Schon seit dem Ende der 30er Jahre waren der Zeitschrift zunächst die von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen, aber auch nicht-deutsche Beiträger verloren gegangen. Nach Ausbruch des Krieges waren zahlreiche jüngere Kollegen als Soldaten eingezogen worden und gefallen. Spätestens mit Beginn der 40er Jahre wirkte sich auch der zunehmende Papiermangel negativ auf die Erscheinungsmöglichkeiten bzw. den Umfang der Zeitschrift aus. 1943 erschien die ZÄS zum letzten Mal.