mini|Davidstern in der Storch-Synagoge

Die Geschichte der Juden in Breslau beginnt im frühen 13. Jahrhundert. Nachdem ihnen im 15. Jahrhundert das Wohnrecht entzogen worden war, blühte die jüdische Gemeinde seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder auf und brachte im 19. und frühen 20. Jahrhundert bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus viele bedeutende Rabbiner sowie jüdische Gelehrte und Schriftsteller hervor.

Geschichte Mittelalter Der früheste Nachweis von Juden in Breslau ist ein Grabstein aus dem Jahr 1203. Im Jahr 1267 beschloss die Synode von Wien, die Rechte der Juden in Breslau einzuschränken, doch Herzog Heinrich IV. garantierte ihnen zwischen 1270 und 1290 Privilegien. Die mittelalterliche Gemeinde verfügte über Synagogen, ein Tauchbad und Friedhöfe. Einige Grabsteine aus dieser Zeit sind erhalten geblieben. Im Laufe des 14. Jahrhunderts, in der Zeit der Pestepidemien, wurden Juden mehrmals aus Breslau ausgewiesen.

1453 kam es unter dem Franziskaner Johannes Capistrano zu einem Pogrom in Breslau. Ein Bauer aus Langewiese bei Oels hatte Juden der Hostienschändung beschuldigt. Die Ältesten der Juden hätten sich Hostien angeeignet und sie mit Stöcken ausgepeitscht und damit entweiht.Willy Cohn: Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte. In: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Jg. 4 (1926), Nr. 5 (Mai), S. 263 (Web-Ressource). Capistrano wurde vom König mit der Untersuchung beauftragt. Daraufhin wurden am 2. Mai 1453 alle 318 Juden in Breslau und Umgebung in Breslau inhaftiert und Geständnisse mit Folter erpresst. Capistrano ließ 41 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrennen und die übrigen aus der Stadt ausweisen. Das Vermögen der Juden wurde eingezogen, was nach CohnWilly Cohn: Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte. In: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Jg. 4 (1926), Nr. 5 (Mai), S. 264 (Web-Ressource). der eigentliche Grund für den Pogrom war. Denn Cohn fand in dem Archiv allein elf Hefte mit Schuldbriefen, die den Juden gehört hatten. Es gab auch große Inventare der anderen Gegenstände, die die Juden besessen hatten. 1455 bekam die Stadt Breslau von König Ladislaus Postumus das verbriefte Privilegium de non tolerandis Judaeis („Privileg zur Nichtduldung der Juden“), das de jure bis 1744 in Kraft blieb.

miniatur|links|200px|Bildnis des hl. Johannes Capistranus in der Kirche in Ilok, Kroatien

Vom frühen 16. Jahrhundert an begannen Juden wieder die Stadt während der Messen zu besuchen, die für den Handel mit den benachbarten Ländern eine wichtige Rolle spielten. Nach und nach erteilte der Stadtrat Besuchsgenehmigungen auch außerhalb der Messezeiten. In diesem Zusammenhang wurde für die jüdischen Messebesucher eine besondere Art von Gemeindeorganisation errichtet. „Messe-Schatzmeister“ vertraten die Juden gegenüber den Behörden, erhoben Steuern und trafen Vorsichtsmaßnahmen gegen Diebe und Schwindler. „Messe-Richter“ (zwei aus Polen und einer aus Mähren) waren befugt, Bußen zu erheben und Besuchsverbote auszusprechen, und ein „Messe-Ausschuss“ überwachte die Einhaltung der Speisevorschriften. Zwischen den Messen gab es besondere Beamte namens Schammes, die vom Rat der vier Länder ernannt wurden. Ihre Aufgabe bestand in der Erhebung von gewissen Summen von jüdischen Messebesuchern. Außerdem versorgten sie die Juden in Polen mit Etrogim aus der Breslauer Messe. Diese Beamten, wie auch einige jüdische Messebesucher, wurden schließlich ständige Bewohner der Stadt Breslau.

1657 wurde Zacharias Lazarus aus dem ostböhmischen Náchod Pächter der Breslauer Münze. Er begründete die neuzeitliche jüdische Gemeinde Breslau; das erste Gotteshaus befand sich in seinem Haus.Webseite Virtuelles Schtetl (Web-Ressource).

Im späten 16. Jahrhundert gab es zwei Kategorien von Schutzjuden, die unter kaiserlichem bzw. städtischem Schutz standen. Nach ihrem Herkunftsort waren sie in verschiedene Schulen aufgeteilt und verfügten weder über einen Rabbiner noch über einen Friedhof, da offiziell keine jüdische Gemeinde existierte. Eine der ältesten Institutionen der neuzeitlichen Breslauer jüdischen Gemeinde war die Beerdigungsgesellschaft (Chewra Kadischa), die 1726 errichtet wurde.

Frühe Neuzeit Nach der Eroberung von Breslau durch die Preußen 1741 bewilligten die neuen Behörden die Errichtung einer Gemeinde, die 1744 auf zwölf Familien beschränkt wurde, und bestätigten die Ernennung von Bendix Reuben Gomperz (Baruch Wesel) als deren ersten Rabbiner. 1761 erwarb die Gemeinde einen Friedhof, der die von Lissa, Dyhernfurth und Krotoschin ersetzte. Die Bedeutung der Juden für den Handel mit Polen führte dazu, dass allmählich die Anzahl von Juden durch die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen anstieg. Es gab zu dieser Zeit verschiedene Klassen von Berechtigten. Die „Generalprivilegierten“, „Tolerierten“, „Fix-Entristen“ (bezahlten eine regelmäßige Gebühr für zeitlich begrenzten Aufenthalt) sowie „Schutzgenossen“, die bei der Gemeinde oder bei Privatpersonen angestellt waren. 1776 lebten etwa 2000 Juden in Breslau. 1791 wurden die Juden durch ein neues Reglement unterteilt in „Generalprivilegierte“, welche ausschließlich die Gemeinde bildeten, „Stammnumeranten“,Aron Heppner: Die Stamm-Numeranten. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Breslau und eine Anregung zur jüdischen Familienforschung. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt. Amtliches Blatt der Synagogengemeinde zu Breslau Jg. 2, Nr. 1, 20. Januar 1925, S. 1 f. (Web-Ressource). d. h. Familienangehörige der Generalprivilegierten, und „Extra-Ordinäre“, die zwar die Mehrheit bildeten, von der Gemeindemitgliedschaft jedoch ausgeschlossen waren. Die führenden Breslauer Familien standen im Allgemeinen auf Seiten der Haskala und der Reformbestrebungen. Aus ihrer Mitte heraus wurde der Verein der Gesellschaft der Brüder gegründet. Zur Verwirklichung ihrer Ideen benutzten sie ihre Verbindungen mit toleranten preußischen Beamten und errichteten Schulen, in denen Kinder aus armen Familien eine moderne Erziehung erhielten. Dazu gehörten die Königliche Wilhelms-Schule, 1791 gegründet, und die Industrieschule für arme israelitische Mädchen aus dem Jahre 1801, die von Mitgliedern der Gesellschaft der Brüder eingerichtet und beaufsichtigt wurden, aber mit der Zeit auch staatliche Unterstützung genossen. Von Seiten des orthodoxen Judentums stießen diese Schulen auf Widerstand, was im Jahr 1848 zu ihrer Schließung führte.

19. und frühes 20. Jahrhundert Zwischen der Gemeindemehrheit und ihren Führungskräften verschärften sich nach dem Preußischen Judenedikt von 1812 die Spannungen. Die neuen Gemeindevertreter bemühten sich zunehmend um Reformen und um verstärkte Assimilation. Salomo Tiktin und sein Sohn Gedalia, der von 1843 bis zu seinem Tod 1886 als Rabbiner amtierte, führten die orthodoxe Partei gegen die Reformpartei an, die von Abraham Geiger angeführt wurde, der von 1840 bis 1863 als liberaler Rabbiner in Breslau amtierte. Die jüdische Gemeinde blieb jedoch eine Einheitsgemeinde, mit je einer orthodoxen und einer liberalen Kultuskommission und jeweils eigenen Rabbinern, Synagogen und Schulen. Beide Teile der Gemeinde führten ein aktives religiöses und kulturelles Leben. Eine Mittelstellung nahm das 1854 gegründete Jüdisch-Theologische Seminar Breslau ein, das erste moderne Rabbinerseminar in Europa. Dessen erster Direktor war Zacharias Frankel, der Begründer des konservativen Judentums, der infolge seiner Berufung von Dresden nach Breslau umzog. Noch in Dresden gründete Frankel 1851 die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, für die er bis 1868 in Breslau als leitender Redakteur tätig war und dann vom Historiker Heinrich Graetz abgelöst wurde, der auch am Seminar dozierte. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus einem kleinen in viele jüdischen Gemeinden vorhandenen Hekdesh, das ausschließlich zur Versorgung armer jüdischer Kranker diente ein modernes Krankenhaus für Patienten aller Konfessionen. 1903/1904 errichtete die „Israelitische Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungsanstalt zu Breslau (IVKA)“ mit Hilfe von Spenden im Süden der Stadt ein großes Gebäude, in dem bis 1939 das „Jüdische Krankenhaus“ untergebracht war. Mit 350 Betten und sieben Fachrichtungen war das Krankenhaus eins der modernsten und größten in Breslau.Andreas Reinke: Stufen der Zerstörung: Das Breslauer Jüdische Krankenhaus während des Nationalsozialismus. In Menora 5, Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1994. München 1994, ISBN 3-492-11917-4, S. 379–414. Hier S. 389. Die erste jüdische Studentenverbindung, Viadrina, wurde 1886 an der Universität Breslau gegründet. Von 1895 bis 1937 erschien in Breslau das Jüdische Volksblatt, das später den Namen Jüdische Zeitung für Ostdeutschland erhielt. 1924 bis 1938 erschien zudem das Breslauer Jüdische Gemeindeblatt. Nach dem Ersten Weltkrieg erfuhren die kulturellen Aktivitäten zunächst einen Aufschwung. 1921 wurde eine jüdische Elementarschule errichtet, 1923 folgte ein Realgymnasium, die beide konservativ ausgerichtet waren. 1930 wurden ein Jugendinstitut und ein Altersheim eröffnet. Zu den führenden jüdischen Persönlichkeiten aus dieser Zeit gehört auch Ferdinand Lassalle, einer der Begründer der deutschen Arbeiterbewegung. Die höchste Anzahl erreichte die jüdische Bevölkerung von Breslau im Jahre 1925, als 23.240 Juden verzeichnet wurden; bis 1939 sank diese Zahl auf 10.309. Wegen der Verfolgung ab 1933 mussten viele Juden als Untermieter Schutz suchen und lebten unter beengten Wohnverhältnissen.Katharina Friedla: Juden in Breslau/Wrocław 1933–1949, Böhlau Verlag Köln Weimar 2015, Seite 217 Einer, der schon früh Breslau verließ und Anfang Juli 1933 nach Paris emigrierte, war der damals achtzehnjährige Horst Rosenthal.

Novemberpogrom 1938 mini|Neue Synagoge in Breslau (1914)

Nach dem Novemberpogrom 1938 mussten die erzieherischen, kulturellen und sozialen Aktivitäten der jüdischen Gemeinde aufgegeben werden. Vor dem Novemberpogrom 1938 gab es zwei große Gemeindesynagogen und acht private Synagogen, außerdem Synagogen im Theologischen Seminar der Reformbewegung, im Israelitischen Krankenhaus und im jüdischen Altersheim. Die Landschule war im regionalen Baustil erbaut worden, die Storch-Synagoge im Klassizismus, die Neue Synagoge im Stil der Neo-Romanik und der Betsaal im Israelitischen Krankenhaus in byzantinisch-romanischem Stil. Die Zülzer Synagoge war nach den Einwanderern aus Zülz benannt worden und stand mit zahlreichen anderen Synagogen wie die Glogauer, Neu-Glogauer und Lissaer Synagogen, am ehemaligen Karlsplatz, der früher „Jüdischer Platz“ (plac Żydowski) hieß und Ende der 1940er Jahre in „Platz der Helden des Ghetto“ umbenannt (plac Bohaterów Getta) wurde. Die Breslauer Synagoge und alle anderen Synagogen und Schulen wurden zerstört; als einziges Gebetshaus blieb die Storch-Synagoge (1829 gegründet) noch nach November 1938 bestehen. Der älteste, 1761 eingeweihte Friedhof auf dem Großen Anger wurde ab dem Sommer 1943 entweiht, als über sein Gelände hindurch die Bahnhofstraße (heute ulica Dworcowa) bis zum Bahnhofsvorplatz durchgebunden wurde. Das 1924 errichtete Gemeindearchiv blieb in einem Friedhofsgebäude erhalten und wurde 1945 in das Jüdische Historische Institut in Warschau übergeführt. Aus dem jüdischen Krankenhaus an der Hohenzollernstraße (jetzt ulica Sudecka) wurde 1939 ein Lazarett der Wehrmacht und nach dem Krieg ein Betriebskrankenhaus der Polnischen Staatsbahnen.Ramona Bräu: „Arisierung“ in Breslau – Die „Entjudung“ einer deutschen Großstadt und deren Entdeckung im polnischen Erinnerungsdiskurs. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-5958-7, S. 88–93. (3.5 Wege in die Vernichtung.)

Holocaust mini|Willy-Cohn-Plakette am Rynek in Breslau