Die Schichau-Werke – F. Schichau, Maschinen- und Lokomotivfabrik, Schiffswerft und Eisengießerei GmbH – war ein Maschinenbauunternehmen in Elbing, Westpreußen.Werksansicht vom 1. Januar 1911, aus: Eisenbahnwesen der Gegenwart. Hrsg. Albert Gieseler. Mannheim.125 Jahre Schichau. In: Hansa – Zeitschrift für Schiffahrt, Schiffbau und Hafen. 99 (1962), S. 1866–1868. Es bestand von 1837 bis 1945. Ferdinand Schichau begann mit dem Bau von Dampfmaschinen für verschiedenste Zwecke und errichtete 1852 eine eigene Werft. Sein Sohn George (1844–1927) wurde später nobilitiert, was insbesondere auch auf den Leistungen des Vaters basierte.Hans Friedrich von Ehrenkrook, Friedrich Wilhelm Euler, Jürgen von Flotow, u. a.: Genealogisches Handbuch des Adels. Adeligen Häuser. B (Briefadel). 1959. Band IV, Band 20 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Limburg (Lahn) 1959, , S. 434.

Bedeutung hochkant|mini|Schichau-Denkmal in Elbing

Die ab 1877 gebauten Torpedoboote wurden in viele Staaten exportiert und machten Schichau international bekannt. Der Werftbetrieb erweiterte sich 1899 um eine große Dockanlage mit Ausrüstungs- und Reparaturwerft in Pillau und 1891 um eine neue Werft in Danzig zum Bau größerer Schiffe. Bis 1914 bauten die Schichau-Werke etwa 1000 Schiffe und Boote. Das Elbinger Werk baute ab 1860, vor allem für die Preußischen Staatseisenbahnen, Dampflokomotiven und bereits 1912 konnte die 2000. Lokomotive ausgeliefert werden.

Während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre wäre das Unternehmen fast bankrottgegangen. Nur das Eingreifen des Staates rettete das Unternehmen, einen der wenigen großen Industriebetriebe in der Exklave Ostpreußen des Deutschen Reiches der Weimarer Republik.

Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht baute Schichau für die Kriegsmarine U-Boote, Torpedo- und Flottentorpedoboote („Schichau-Zerstörer“). Ab 1944 war Schichau am Bau der U-Boote vom Typ XXI beteiligt.

Die Ostpreußische Operation (1945) brachte den Schichau-Werken das Ende. Das Gebiet um Elbing wurde 1945 (von der Sowjetunion) der Volksrepublik Polen zugeschlagen. Die deutschen Eigentümer des Unternehmens wurden entschädigungslos enteignet. Die nun in polnischem Staatsbesitz befindlichen Werke wurden im Rahmen der neuen kommunistischen Wirtschaftsordnung in spezialisierte volkseigene Großbetriebe überführt, in Deutschland endete die Tradition von Nachfolgebetrieben 2008.

Geschichte mini|Fabrikschild der Lok 41 1150

Gründung und Anfangsjahre Ferdinand Schichau gründete am 4. Oktober 1837 in Elbing eine Maschinenbauanstalt, die spätere F. Schichau GmbH. Nach seinem Ingenieursstudium in Berlin und Studienaufenthalten im Rheinland und Großbritannien produzierte er anfänglich Dampfmaschinen, hydraulische Maschinen und Bagger. 1841 wurde in seinem Betrieb der erste in Deutschland produzierte Schwimmbagger gebaut. Schließlich wurde 1852 in Elbing ein eigener Schiffbauplatz eingerichtet. 1855 lief dort die Borussia vom Stapel, der erste in Preußen gefertigte stählerne Seedampfer mit Schraubenantrieb. mini|Erste Verbundlok der Baureihe T 0. 1859 begann Schichau in seiner Maschinenfabrik mit dem Lokomotivbau. 1869 wurde in Elbing seine Lokomotivfabrik mit Kesselschmiede und Großhammerschmiede fertiggestellt. Drei Jahre später war das Werk an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Ab 1880 wurden bei Schichau die ersten Verbundlokomotiven Deutschlands gebaut, kleine Zweizylinder-Tenderlokomotiven für die Königliche Eisenbahn-Direktion Hannover, die eine Brennstoff-Ersparnis von bis zu 16 % erbrachten. In den Folgejahren wurde der Lokomotivbau zu einem stabilen Produktionsbereich, mit dem das Unternehmen regelmäßig einen jährlichen Absatz von 100 Lokomotiven erzielte. Gebaut wurden vor allem Güterzuglokomotiven fast aller Baureihen der preußischen Staatsbahn, wie der Reihen G 3, G 4, G 5.1, G 5.2 und G 7.1, sowie Tenderlokomotiven der Baureihen T 3 und T 9.3. 1891 verließ die 500. Lokomotive die Fabrik. Schon acht Jahre später wurde die 1000. Lokomotive fertiggestellt.Schichau-Werke (Hrsg.): Die Schichau-Werke in Elbing, Danzig und Pillau. S. 43 ff. Nach der Jahrhundertwende folgten die Typen G 8 und G 9. 1912 erfolgte die Auslieferung der 2000. Lokomotive.Messerschmidt, S. 179. Noch vor dem Krieg wurde mit dem Bau von Maschinen der Typen G 8.1 (bis 1918: 490 Maschinen gebaut) und P 8 begonnen und vor Kriegsende wurden noch Maschinen der Baureihe G 12 fertiggestellt.

1883 beschlossen die Eigentümer des Konkurrenten F. Wöhlert’sche Maschinenbau-Anstalt und Eisengiesserei dessen Liquidation. Die Schichau-Werke übernahmen aus diesem Besitz die Waggonfabrik in Elbing, die bis 1875 als Elbinger Actien-Gesellschaft für Fabrication von Eisenbahn-Material der zweitgrößte Maschinenbauer in Elbing (nach Schichau) gewesen war. Schichau nutzte die Anlagen zum Bau von Lokomotiven, Maschinen und Turbinen.Hwph.de: Elbinger Actien-Gesellschaft für Fabrication von Eisenbahn-Material.

Als sozial eingestellter Arbeitgeber ließ Ferdinand Schichau Arbeitersiedlungen bauen und gründete eine Kranken- und Pensionskasse für seine Arbeiter.

Im Kaiserreich Aufgrund der beengten Fahrwasserverhältnisse konnte Schichau in Elbing nur relativ kleine Wasserfahrzeuge fertigen. Daher entschloss sich Ferdinand Schichau zur Expansion. Zunächst wurde 1889 eine Schiffsreparaturwerkstatt in Pillau bei Königsberg errichtet. Ein Jahr später entstand eine Großwerft in Danzig (als Zweigwerft von Elbing), wo in den folgenden Jahren zahlreiche größere Kriegsschiffe sowie Frachtschiffe und luxuriöse Passagierschiffe entstanden. Ferdinand Schichau starb 1896. Sein Schwiegersohn Carl Heinrich ZieseEr heißt definitiv Carl Heinrich oder Carl H., aber nicht Carl Heinz. führte das Unternehmen weiter. Unter seiner Leitung wurden die Schichau-Werke in der Kaiserzeit zum größten Industrieunternehmen Ostdeutschlands.

Im Jahr 1913 gründet Ziese in Riga die Ziese Mühlgraben-Werft als Tochterunternehmen der Schichauwerke. Damit erhoffte er sich einen leichteren Zugang zum russischen Rüstungsmarkt. Ab 1914 waren dort neun große Zerstörer der Gogland-Klasse im Bau, die aber aufgrund der Nähe Rigas zur Frontlinie seit 1915 nicht vollendet wurden. Die Werft wurde 1915 unter staatliche russische Aufsicht gestellt und damit de facto enteignet.

Im Ersten Weltkrieg waren die Schichau-Werke Rüstungsbetrieb. Bei Kriegsbeginn arbeiteten an den Standorten Elbing, Danzig und Pillau insgesamt 8.500 Mitarbeiter. Bei Kriegsende waren es 11.600 Beschäftigte. Gebaut wurden vorrangig Große Torpedoboote, A-Boote sowie Güterzuglokomotiven. Zwei U-Boote des Typs Projekt 43 sowie weitere Boote des UF-Typs blieben unvollendet und wurden nach 1918 abgewrackt. mini|Ausrüstungsbassin für Torpedoboote in Elbing

Kriegsschiffbau Der Einstieg in den Kriegsschiffbau erfolgte 1877, als die Werft den Piratenjäger Otter baute und Carl H. Ziese im Auftrag der Kaiserlich Russischen Marine erstmals Torpedoboote konstruierte. 1884 bestellte die Kaiserliche Marine des Deutschen Reichs bei der Elbinger Werft die erste Serie kleiner Torpedoboote. 1899 fertigte das Unternehmen mit S 90 das erste deutsche Hochseetorpedoboot.

Schichau wurde bald führend im Torpedobootsbau und exportierte weltweit. Kunden wurden neben der Kaiserlich Russischen Marine die Marinen Chinas (1885), des Osmanischen Reichs (1886), Italiens (1886), Österreich-Ungarns (1886), Japans (1892), Brasiliens (1893), Rumäniens (1895), Norwegens (1895), Schwedens (1896), Dänemarks (1911) und Argentiniens (1911). 1897 wurde sogar ein einzelnes Torpedoboot in die Vereinigten Staaten verkauft. Bis 1918 entstanden bei Schichau 483 Torpedoboote und Zerstörer, davon 333 für die kaiserliche Marine.

Einige Länder bauten Boote nach Schichau-Plänen. Einige der von Schichau gelieferten Boote galten zeitweise als die schnellsten der Welt, so etwa 1888 das russische Hochseetorpedoboot Adler (russ. Адлер) mit 28,4 kn oder 1897 die vier chinesischen „Torpedojäger“ der Hai-Lung-Klasse mit 36,7 kn.Brockhaus’ Konversations-Lexikon, 14. Auflage, 1908: Schichau, Friedrich.

Neben dem Torpedobootsbau lieferte Schichau der Kaiserlichen Marine größere Kriegsschiffe, so den Kreuzer Gefion (Stapellauf 1893), die Kanonenboote Iltis und Jaguar (1898), den Kleinen Kreuzer Kolberg (1908), die Linienschiffe Kaiser Barbarossa (1900), Wettin (1901), Elsass (1903), Lothringen (1904) und Schlesien (1906), die Großlinienschiffe Oldenburg (1910), König Albert (1912) und Baden (1915) und den Schlachtkreuzer Lützow (1913).

Der erste Exportauftrag für ein größeres Kriegsschiff kam aus Russland mit dem Auftrag für den geschützten Kreuzer Nowik, der nach seiner Fertigstellung als schnellster Kreuzer der Welt galt und das einzige größere Kriegsschiff blieb, das Schichau exportierte. Russische Werften bauten mit der Isumrud-Klasse zwei Schwesterschiffe der Nowik. Die im Russisch-Japanischen Krieg in Fern-Ost stationierte Nowik ging verloren, wurde von Japan gehoben und noch eine Zeitlang genutzt.

Bei Kriegsausbruch 1914 waren zwei Kreuzer, die Muravjev Amurskij und die Admiral Newelskoi, für die russische Marine in Bau. Beide Schiffe wurden beschlagnahmt und nach Fertigstellung von der Kaiserlichen Marine als Pillau und Elbing in Dienst gestellt.

Fahrgastschiffe Neben dem Bau von Kriegsschiffen konzentrierte sich das Unternehmen auf den Bau von Handelsschiffen. 1894 liefen bei Schichau die für den Norddeutschen Lloyd (NDL) gebauten Reichspostdampfer Prinzregent Luitpold und Prinz Heinrich vom Stapel. Bis zum Ersten Weltkrieg fertigte das Unternehmen dann allein für den „Lloyd“ sieben weitere Schiffe für die Reichspostdampferlinien mit der Bremen (10.822 BRT), Grosser Kurfürst (13.183 BRT) und den fünf Postdampfern der Feldherren-Klasse (Zieten, Seydlitz, Yorck, Kleist, Derfflinger) mit 7.942 bis 9.060 BRT. Diese Bautätigkeit für den NDL hielt trotz eines von 1898 bis 1908 andauernden Rechtsstreits an.

mini|Die Kaiser Friedrich Erhebliche Probleme gab es mit dem ebenfalls für den NDL gebauten Schnelldampfer Kaiser Friedrich von 12.481 BRT. Das Schiff sollte neben der beim Stettiner Vulcan gebauten Kaiser Wilhelm der Große auf der Nordatlantik-Route eingesetzt werden. Der Dreischornstein-Schnelldampfer erreichte jedoch nicht die geforderte Geschwindigkeit von 22 Knoten und wurde vom NDL nur unter Vorbehalt übernommen. Die am 7. Juni 1898 in Bremerhaven begonnene Jungfernfahrt nach New York dauerte zwei Tage länger als gefordert und die Rückreise sogar noch zwei Tage mehr. Trotz erheblicher Umbauten brachten zwei weitere Einsatzphasen beim NDL nur geringfügig bessere Ergebnisse, so dass der NDL im Juni 1899 die Abnahme des Schiffes verweigerte.

Die konkurrierende Hapag, die einige ihrer alten Schnelldampfer wegen des Amerikanisch-Spanischen Krieges an Spanien verkauft hatte, charterte die Kaiser Friedrich, um die Zeit bis zum Einsatz ihres neuen Schnelldampfers Deutschland zu überbrücken. Nach zehn Rundreisen in die USA verzichtete die Hapag auf einen weiteren Einsatz des Schiffes. Schichau versuchte den NDL auf dem Rechtsweg zur Abnahme des Schiffes zu zwingen, scheiterte aber 1908 vor dem Reichsgericht.Kludas, S. 150 ff. Das in Hamburg seit 1900 aufliegende Schiff konnte erst 1912 an die französische Reederei Compagnie de Navigation Sud-Atlantique verkauft werden. 1916 sank der Dampfer unter seinem neuen Namen Burdigala nach einem Minentreffer in der Ägäis.Ocean Liner S/S Burdigala Project