mini|Längsseite von Südosten mini|hochkant|Westwerk mit Turm von Nordwesten Die Markuskirche in Butzbach im Wetteraukreis in Hessen wurde im frühen 13. Jahrhundert als Basilika errichtet und von etwa 1430 bis 1520 in ihre jetzige Form als dreischiffige gotische Hallenkirche umgestaltet. Das hessische Kulturdenkmal dient heute als Gemeindekirche der evangelischen Markus-Kirchengemeinde. Zu den Inventarstücken gehören ein romanischer Taufstein aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und die landgräfliche Gruft von 1620–1622. Der Orgelprospekt von Georg Wagner aus dem Jahr 1614 ist der zweitälteste erhaltene in Hessen.

Geschichte Um 300 bis 500 n. Chr. war das Gebiet um die heutige Markuskirche von Galloromanen besiedelt.Schunk: Chronik Butzbach. 2008, S. 10. Die spätantike germanische Besiedlung war nicht durch einen Graben, sondern durch etliche Gruben gesichert, die Feinden nur einen schmalen Durchgang gewährten. Archäologisch sind drei steinerne Vorgängerbauten nachgewiesen, die sich allerdings kaum datieren lassen. Das älteste nachweisbare Mauerwerk an der Südwestecke der heutigen Kirche wurde um 680 n. Chr. abgerissen. Nicht sicher ist, ob das Gebäude von 680 n. Chr. eine Kirche war. Die beiden untersten Gebäude wiesen eine etwas andere Ost-West-Ausrichtung auf als der dritte Bau. Wie archäologische Ausgrabungen in den 1960er Jahren ergaben, schloss der mittlere Bau mit einer halbrunden Apsis ab. Wenn die in 34 Meter nachgewiesene Westmauer (in Höhe der heutigen Orgelbrüstung) den Abschluss bildete, hatte der romanische Vorgängerbau stattliche Ausmaße.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 43. Im Südosten grenzte schräg ein großes Wohngebäude, die Butzbacher Residenz (Kirchplatz 12) aus der Zeit um 1220, unmittelbar an diese Kirche an. Weil ein Residenzplatz erforderlich war, wurde die neue Kirche mindestens fünf Meter nördlich versetzt. Vermutlich im Zuge dieser Versetzung erhielt die Butzbacher Kirche das neue Patrozinium des heiligen Markus. Der Vorgängerbau der heutigen Kirche entstand um 1230/1240 als Pfeilerbasilika im romanisch-gotischen Übergangsstil mit schmaleren Seitenschiffen, halbrunden Apsiden und einer flachen Decke. Da das Zehntrecht und das Patronatsrecht erst im Jahr 1354 an das Kloster Petersberg kamen, war der Mainzer Erzbischof Siegfried II. von Eppstein oder Siegfried III. von Eppstein wahrscheinlich der Bauherr.Schunk: Aus der Geschichte der Markuskirche. 2017, S. 1–4.

Der erste Pfarrer ist für das Jahr 1303 nachgewiesen; Gottfried war Erzpriester des wetterauischen Archidiakonats Södel: „Gotfridus, plebanus in Butspach, archipresbiter sedis in Sodele“.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 27. Nachdem Butzbach im Jahr 1321 die Stadtrechte erhalten hatte, wurde das Gotteshaus in der Folgezeit immer weiter in eine gotische Stadtkirche umgebaut und erweitert. In den 1330er Jahren erhielt das Mittelschiff ein neues Dach und um 1341 einen zweijochigen gotischen Chor mit Fünfachtelschluss.

Am 17. Dezember 1344 wurde von einem Erzbischof und zehn Kardinälen in Avignon eine Ablassurkunde für Butzbach ausgestellt, die allen Besuchern des neuen Altars, der zu Ehren von Johannes dem Evangelisten und der Muttergottes errichtet worden war, einen Ablass von 40 Tagen gewährte.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 28–29. Die ungewöhnlich hohe Anzahl an Altarstiftungen im 14. Jahrhundert weist auf die Bedeutung Butzbachs und der Pfarrkirche. Der Mitte des 14. Jahrhunderts entstehende Rechtsverband der Chorbruderschaft bildete den Butzbacher „Halbstift“.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 39. Ein Altar zu Ehren der heiligen Anna wurde 1344 gestiftet, ein Altar Johannes des Täufers wird 1351 erstmals erwähnt, 1390 wurde der Heilig-Kreuz-Altar, 1399 der St.-Bartholomäus-Altar, 1400 der St.-Valentinus-Altar gestiftet und 1421 der St.-Peter-und-Paul-Altar schriftlich erwähnt.Schunk: Chronik Butzbach. 2008, S. 15, 16, 19.

In einem Sakristeibau vor dem Südschiff lagerte die bürgerliche Gemeinde 1371/1372 wichtige Dokumente. Auch das Kugelhaus verwahrte hier in Truhen seine wichtigsten Dokumente.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 47. Da zwei Glocken in den 1370er Jahren gegossen wurden, wird angenommen, dass der ursprüngliche hohe gotische Turmhelm schon aus dieser Zeit stammt. Eine im Turmfundament entdeckte Münze aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stützt diese Datierung.Wiegand: Die Evangelische Markuskirche Butzbach. 2007, S. 10. Die ursprünglich niedrigen und schmalen Seitenschiffe wurden um 1395 durch größere ersetzt, die fast die Höhe des Mittelschiffs erreichten. Die Michaeliskapelle auf dem Friedhof wurde 1433 von Berta Grundewald gestiftet.Schunk: Chronik Butzbach. 2008, S. 19.

Am 1. November 1468 wurde die Kirche von Paul II. den Brüdern vom gemeinsamen Leben („Kugelherren“) übertragen und zur Kollegiatkirche erhoben.Website der Markuskirche: Virtueller Rundgang, gesehen am 1. Januar 2012. Vor der Gründung des Stifts bildeten ein Pastor, ein Pleban, drei Frühmessner, neun Altaristen und der Schulmeister, also insgesamt 15 Geistliche, die Chorgeistlichkeit von St. Markus.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 36. Kirchlich gehörte Butzbach im ausgehenden Mittelalter zum Archidiakonat St. Maria ad Gradus in der Erzdiözese Mainz im Sendbezirk des Dekanats Friedberg.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 19.

mini|Ansicht von Nordosten: Südchor um 1474 (links), Mittelchor um 1341, Nordchor 1511 Um 1474 wurde der Südchor errichtet und eingewölbt, am 30. April 1511 der Nordchor von Paul Hutten (gebürtig aus Grüningen) geweiht.Fleck, Wolf: Katholisches Leben in Butzbach in Mittelalter und Neuzeit. 1994, S. 45. Wohl Ende des 15. Jahrhunderts wurde dem Südchor eine spätgotische Sakristei mit Kreuzgewölbe anstelle eines Vorgängerbaus vorgelagert, die von einem Satteldach mit einem achtseitigen Dachreiter bedeckt war. In den 1500er Jahren wurde das Südschiff durch einen querschiffartigen Rechteckbau mit vier Quergiebeln und Netzgewölbe im Obergeschoss erweitert und erhielt auf diese Weise eine repräsentative Schaufassade.Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Kulturdenkmäler in Hessen. Wetteraukreis II. 2010, S. 334. Seit 1520 stellt sich die Kirche im Wesentlichen in ihrer heutigen Gestalt dar.

Die Reformation hatte sich 1536 in Butzbach durchgesetzt. Eine im Südchor eingezogene Wand ermöglichte beiden Konfessionen für einige Zeit die Nutzung als Simultankirche.Wiegand: Die Evangelische Markuskirche Butzbach. 2007, S. 14. Im Gefolge der Reformation wurde im Jahr 1550 das Stift aufgelöst; der letzte der Brüder starb im Jahr 1555. Die hohe spitze Turmspitze aus gotischer Zeit fiel am 17. März 1606 einem Sturm zum Opfer und wurde im barocken Stil ersetzt: „Anno 1606, den 17. Martii bey dem großen Windt fiel der Kirchturn daselbsten ein. Haben aber denselben widder hübsch gebawet uff ein ander Muster dann zuvor.“Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. 1931, S. 283. Unter Landgraf Philipp III. von Hessen-Butzbach gab es erhebliche Änderungen im Inneren der Kirche. So stiftete er in den 1610er Jahren eine neue Kanzel und eine neue Orgel. Zudem wurden 1617 Emporen und Stände für den Landgrafen und andere Personen eingebaut. 1620–1622 ließ Philipp III. die Krypta mit Stuckdecke als Fürstengruft anlegen.Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Hessen II. 2008, S. 127. Ein mit Schindeln überdachter Gang aus Tannenholz führte vom Schloss auf die Stadtmauer durch die ehemalige Meierei und das erste Pfarrhaus in die Markuskirche.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. 1931, S. 284.

1798 erfolgte der Abriss der Sakristei aufgrund von Baufälligkeit. Zwei Kirchenpfeiler, die das Sakristeigewölbe getragen hatten, mussten ausgebessert werden. Der Durchgang in der Außenwand des Südchores wurde vermauert. Die Verwendung der Steine für die Inspektoratswohnung führte zu einem Streit zwischen dem Stadtrat und dem Kugelhausfond. Eine Kirchenrenovierung von 1837 bis 1840 beinhaltete eine Umsetzung von Kanzel und Fürstenstand sowie einen neuen Innenanstrich. Der spätgotische Marienaltar wurde 1880 der katholischen Gemeinde überlassen. Grundlegende Renovierungen der Kirche erfolgten von 1902 bis 1904 durch Architekt und Denkmalpfleger Ludwig Hofmann aus Herborn. In diesem Zuge wurden die nördlichen Umfassungsmauern, die aufgrund des Gewölbeschubs nach außen gedrückt waren, gesichert und durch vier neue Strebepfeiler gestützt. Das Seitenschiff erhielt in Anpassung an die Südseite Zwerchgiebel. Etliche Emporen wurden entfernt, Windfänge und eine Heizung eingebaut, die Gruft wiederhergestellt und die Pfeiler vom Verputz befreit.Wiegand: Die Evangelische Markuskirche Butzbach. 2007, S. 11. Durch die Verlegung der Orgelempore aus dem Mittelchor auf die Westseite und die Öffnung der teils vermauerten Chorfenster wurde der Mittelchor wieder freigelegt.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. 1931, S. 285.

mini|Mittelchorfenster mit Glasmalerei von Geiges (1903) 1903/1904 wurden zudem das Maßwerk rekonstruiert und die meisten Fenster mit Glasmalerei gestiftet. Fritz Geiges führte 1903 die Glasmalerei der drei Mittelchorfenster aus, die die Geburt, Kreuzigung und Auferstehung Christi darstellen. Steiger und Weidlich aus Köln gestalteten die Fenster über dem Südportal (Jesu Salbung in Bethanien) und gegenüber in der Nordseite (Paulus auf dem Areopag). Westlich vom Südportal ist Elisabeth von Thüringen zu sehen (1903). Zwei Nordchorfenster von Bernhard Kraus aus dem Jahr 1904 zeigen Jesus als den guten Hirten und bei der Hochzeit zu Kana. Aus demselben Jahr stammen das Wappenfenster über der Landgrafengruft und das Stephanus-Fenster in der Südwand. Stiftungen für drei weitere Fenster erfolgten in den 1950er und 1960er Jahren. Gustav van Treeck gestaltete 1956 ein Nordschifffenster (Christus, Lukas und Jakobus), Heinz Hindorf das Fenster östlich vom Südportal von 1964, das in 28 Szenen das Gleichnis vom Weltgericht in seiner heilsgeschichtlichen Entwicklung entfaltet, sowie das gegenüberliegende Fenster in der Nordseite von 1968, das in 14 Medaillons Szenen aus dem Leben Jesu zusammenstellt. Im dritten Nordseitenfenster ist als Duplikat des ältesten Fensters aus der Zeit um 1500 eine runde Glasmalerei mit einem Engel, der zwei Wappenschilde hält, eingelassen.Wiegand: Die Evangelische Markuskirche Butzbach. 2007, S. 30–51. Eine weitere Renovierung folgte 1965/1967. Das Portal der Sakristei am Südchor wurde in dieser Zeit in den südlichen Vorbau umgesetzt.Wiegand: Die Evangelische Markuskirche Butzbach. 2007, S. 19. Seit dem Jahr 2000 wird das Kirchendach restauriert.

Architektur mini|Grundriss der Markuskirche mini|Blick durch das Mittelschiff zum Chor mini|hochkant|Barocker Turmhelm von 1606