Die Politik Somalilands hat sich weitgehend getrennt von der Politik des übrigen Somalia entwickelt, seit sich der Norden Somalias 1991 als Somaliland einseitig für unabhängig erklärte.

So blieb Somaliland im Vergleich zum Süden und Zentrum Somalias – wo der somalische Bürgerkrieg seit 1991 andauert – politisch stabil, abgesehen von Gebietsstreitigkeiten mit der angrenzenden autonomen somalischen Region Puntland. Es ist eine Präsidialrepublik mit Zwei-Kammern-Parlament. Das politische System, das zunächst auf den traditionellen Ältestenräten der Clans basierte, wurde mit der 2001 angenommenen Verfassung in ein System mit drei politischen Parteien und allgemeinen Wahlen umgewandelt. Seither wurden 2002 Kommunalwahlen, 2003 und 2010 Präsidentschaftswahlen und 2005 Parlamentswahlen durchgeführt. Meist wird Somaliland als (im Übergang zur) Demokratie bezeichnet, Kritiker haben den bisherigen Regierungen aber auch autoritäre Tendenzen und Verletzungen politischer Rechte vorgeworfen. Zentrales Thema von Somalilands Außenpolitik ist das Bemühen um eine internationale Anerkennung seiner de facto bestehenden Unabhängigkeit.

mini|300px|Unterstützerinnen der UCID-Partei, gekleidet in den Farben der Flagge Somalilands, an einer Kundgebung im Vorfeld der Parlamentswahlen 2005 mini|300px|Karte von Somaliland und Umgebung mit Clans, Verwaltungsregionen und Gebietsansprüchen

Geschichte Das hauptsächlich vom Somali-Clan der Isaaq, daneben auch von Dir und Darod bewohnte Gebiet des heutigen Nordsomalia/Somaliland wurde 1884 als Britisch-Somaliland kolonisiert. Am 26. Juni 1960 wurde es in die Unabhängigkeit entlassen, um sich am darauffolgenden 1. Juli mit dem ehemaligen Italienisch-Somaliland zu Somalia mit Mogadischu als Hauptstadt zu vereinigen. Grund für den Zusammenschluss waren Bestrebungen zur Einigung aller Somali in einem Staat, nachdem dieses Volk durch die Kolonialisierung auf mehrere Staaten verteilt worden war. Allerdings fühlten sich bald viele Bewohner des Gebietes im Gesamtgebilde Somalia marginalisiert und unterdrückt, die nationale Integration bereitete Schwierigkeiten. Nachdem 1969 Siad Barre die Macht ergriffen und eine autoritäre Regierung errichtet hatte, gründeten Isaaq im Exil 1981 die Rebellenbewegung Somali National Movement (SNM), die in Nordsomalia einen bewaffneten Kampf gegen die Regierung begann. Letztere reagierte mit Repressionsmaßnahmen, die in der Bombardierung der Städte Burao und Hargeysa 1988 gipfelten. Dabei wurden Zehntausende getötet und Hunderttausende innerhalb Somalias oder in das Nachbarland Äthiopien vertrieben. Die Minderheitenclans der Gadabursi-Dir und der Dolbohanta-Darod unterstützten zum Teil die Regierung gegen die SNM. 1991 gelang verschiedenen südsomalischen Rebellenbewegungen die Entmachtung Barres, aber Konflikte zwischen Clans und Kriegsherren verhinderten die Bildung einer Nachfolgeregierung. Der somalische Bürgerkrieg hält seither in Süd- und Zentralsomalia an.

Die SNM initiierte derweil einen Versöhnungsprozess der nordsomalischen Clans und griff hierzu auf traditionelle Mechanismen der Friedensstiftung zurück. Auf einer Versammlung von Clan-Ältesten unter Federführung der SNM in Burao wurde 1991 die einseitige Unabhängigkeitserklärung Somalilands beschlossen. Dieser Schritt war von der SNM-Führung ursprünglich nicht vorgesehen und erfolgte auf Druck der Öffentlichkeit, die aufgrund der Kriegserfahrungen die Einheit mit Süd- und Zentralsomalia mehrheitlich ablehnte.Bradbury 2008 (S. 80–82)Ioan M. Lewis: Understanding Somalia and Somaliland, 2008, ISBN 978-1-85065-898-6 (S. 75) Zusammen mit der Unabhängigkeitserklärung wurde eine „Nationale Charta“ verabschiedet, der zufolge die SNM für die nächsten zwei Jahre die Regierungsgewalt ausüben sollte. Anschließend sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden, unter der die Macht an eine gewählte Regierung übergehen würde. SNM-Führer Abd-ar-Rahman Ahmad Ali Tur wurde erster Präsident. Die SNM zerfiel jedoch bald darauf in einander bekämpfende Faktionen, und wie im übrigen Somalia kam es zu Clan-Konflikten, bis 1992 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde. Auf einer erneuten Konferenz in Boorama 1993 wurden eine neue Nationale Charta und ein Friedensabkommen verabschiedet, und die SNM übergab die Macht an eine zivile Regierung mit Zwei-Kammern-Parlament unter Präsident Mohammed Haji Ibrahim Egal. 1994–1996 flammten erneut Auseinandersetzungen auf. Angehörige des Dir-Clans in der westlichen Region Awdal, die Somalilands Autorität nicht anerkennen wollten, riefen 1995 ihre eigene „Republik Awdal“ aus.

Eine weitere Konferenz 1996/97 in Hargeysa führte – zusammen mit mehreren lokalen Friedensversammlungen zwischen einzelnen Unterclans – zum seither andauernden Frieden und bestätigte die Präsidentschaft Egals für die nächsten fünf Jahre. In dieser Zeit kam der Präsident seiner Verpflichtung nach, eine Verfassung für Somaliland vorzubereiten. Diese wurde 2001 in einem Referendum angenommen. Als nächste Schritte zur Demokratisierung sollten 2001 Kommunalwahlen und 2002 Präsidentschaftswahlen stattfinden. Verzögerungen bei der Vorbereitung und der Tod Egals 2002 führten zu einer einjährigen Verspätung bei der Umsetzung dieser Pläne. Wie in der Verfassung vorgesehen, übernahm der bisherige Vizepräsident Dahir Riyale Kahin das Präsidentenamt, worin er 2003 bestätigt wurde. 2002 fanden die Kommunalwahlen als erste Mehrparteienwahlen des Landes statt, 2005 wurde das Repräsentantenhaus gewählt.

Bei den Präsidentschaftswahlen 2010, die ursprünglich bereits 2008 hätten stattfinden sollen, gewann der Oppositionskandidat Ahmed Mohammed Mahamoud Silanyo.

Es werden schon seit längerem regelmäßige Wahlen durchgeführt. Die Wahl vom 13. November 2024 erregte damit aufsehen, dass bei ihr zum ersten Mal in Somaliland Hightech, wie beispielsweise Iris-Scanner, in einigen Wahlbüros eingesetzt wurde, um ein möglichst korrektes Wahlergebnis zu erzielen.

Außenpolitik

mini|Internationale Anerkennung Somalilands|300x300px Zentrales Thema von Somalilands Außenpolitik ist das Bemühen um eine internationale Anerkennung seiner de facto bestehenden Unabhängigkeit. Es verweigerte die Teilnahme an gesamtsomalischen Friedensgesprächen und lehnte eine Wiedereingliederung in Somalia ab.

Die Übergangsregierung Somalias strebt weiterhin die Wiedereingliederung Somalilands an. Sie befasst sich derzeit aber kaum mit dieser Frage, da sie in Südsomalia mit erheblichem Widerstand von diversen Gegnern konfrontiert ist.

Beziehungen zu Äthiopien Mit dem angrenzenden Äthiopien unterhält Somaliland gute (wirtschaftliche) Beziehungen; seit dem Eritrea-Äthiopien-Krieg 1998–2000 wird ein Großteil der äthiopischen Exporte über den Hafen von Berbera abgewickelt, da Äthiopien die Häfen Eritreas (Massaua und vor allem Assab) nicht mehr nutzen kann. Diese Beziehungen stehen im Gegensatz zur von vielen Somali in anderen Gebieten empfundenen „traditionellen Feindschaft“ gegenüber Äthiopien und vor dem Hintergrund, dass viele Nordsomalier bereits den Ogadenkrieg Siad Barres gegen Äthiopien nicht unterstützt hatten und die SNM von Äthiopien gefördert worden war.Maria Brons: Somaliland: Zwei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, 1993, ISBN 978-3-928049-23-8 (S. 11, 23, 25) Bislang haben sie jedoch nicht zu einer offiziellen Anerkennung durch Äthiopien geführt.

Äthiopien unterstützt zugleich auch die Übergangsregierung in Südsomalia gegen Islamisten und weitere Gegner und intervenierte dort von Ende 2006 bis Anfang 2009 militärisch. Diese Militärpräsenz war weitgehend unpopulär und wurde verbreitet als Besetzung betrachtet. Teile der somalischen Bevölkerung werfen Äthiopien vor, Somalia schwächen und fragmentieren zu wollen, um künftigen Ansprüchen auf ein Groß-Somalia vorzubeugen.Ken Menkhaus: Zum Verständnis des Staatsversagens in Somalia: interne und externe Dimensionen, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Somalia – Alte Konflikte und neue Chancen zur Staatsbildung, 2008 Aus dieser Sicht betrachten sie die äthiopische Unterstützung für Somaliland als Teil dieser Strategie bzw. Somalilands Zusammenarbeit mit Äthiopien als Verrat.

Beziehungen zu Israel

Israel ist der erste UN-Mitgliedstaat, der Somalilands Unabhängigkeit im Dezember 2025 formell anerkannt hat. Somaliland eröffnete im Juni 2026 seine Botschaft in Israels Hauptstadt Jerusalem.

Beziehungen zur übrigen internationalen Gemeinschaft Andere Staaten der Region lehnen aus verschiedenen Gründen eine Anerkennung von Somaliland ab. So befürchtet Dschibuti, dass bei einer Anerkennung der Hafen Berbera an Bedeutung gewinnen und damit zur Konkurrenz für den eigenen Hafen werden würde. Aus sudanesischer Sicht wäre die Anerkennung Somalilands auch ein Zeichen für die Unabhängigkeit Südsudans. Ägypten, das mit Äthiopien um die Verteilung des Nilwassers streitet, sähe die Entstehung eines Äthiopien freundlich gesinnten Staates ebenfalls ungern.GEO No 338, April 2007: Somaliland – Bienvenue au pays qui n' existe pas! Es befürwortet wie andere arabische Staaten – insbesondere Saudi-Arabien – ein geeintes Somalia als Gegengewicht zu Äthiopien, welches christlich geprägt ist und gute Beziehungen zu den USA und zu Israel unterhält.Seth Kaplan: The Remarkable Story of Somaliland, in: Journal of Democracy, Vol. 19/3, Juli 2008

Hauptgrund für die Zurückhaltung der übrigen internationalen Gemeinschaft ist die Befürchtung, eine Anerkennung Somalilands würde sich auf die Friedensbemühungen im übrigen Somalia negativ auswirken und von anderen nach Unabhängigkeit strebenden Gebilden als Präzedenzfall herangezogen werden. In Afrika gelten namentlich Südafrika, Sambia, Ruanda und GhanaDahir Riyale Kahin: Bittersweet Independence, in: Washington Post, 26. Juni 2007 (zu Ghana) als Unterstützer Somalilands. Sie zögern aber ebenso wie westliche Staaten mit einer Anerkennung, solange die Afrikanische Union diesen Schritt nicht tut. Innerhalb der Europäischen Union stehen namentlich Großbritannien sowie Dänemark und Schweden Somaliland positiv gegenüber, während vor allem Italien – ehemalige Kolonialmacht des übrigen Somalia – die Einheit Somalias aufrechterhalten möchte.The Senlis Council: Chronic Failures in the War on Terror, From Afghanistan to Somalia (S. 67) Die USA unterstützen derzeit die Übergangsregierung; da sich diese bislang als weitgehend unpopulär und erfolglos erwiesen hat, befürworten manche außenpolitische und militärische Kreise unterdessen einen Wechsel der US-Unterstützung auf die Seite Somalilands. Somaliland hat sich als Standort für das Regionalkommando der US-Streitkräfte AFRICOM angeboten, nachdem dieses in weiten Teilen Afrikas auf Ablehnung gestoßen war.Jeremy Sare: It's time Somaliland was declared independent, in: Guardian.co.uk, 8. Oktober 2008J. Peter Pham: The U.S. and Somaliland: A Road Map, in: World Defense Review, 22. Februar 2008Richard Lough: Africa's isolated state, in: Al Jazeera English, 24. Februar 2009

Mangels Anerkennung erhielt Somaliland kaum äußere Unterstützung für seinen wirtschaftlichen und politischen Aufbau, was zum Teil durch die Geldüberweisungen im Ausland lebender Somaliländer wettgemacht wird.David H. Shinn: Somaliland: The Little Country That Could (2002). Manche Beobachter meinen, dass Somaliland gerade deshalb stärker in der eigenen Bevölkerung verankert sei und die negativen Auswirkungen einer Abhängigkeit von auswärtiger Hilfe vermeiden konnte. Im Gegensatz zu vielen afrikanischen Staaten hat Somaliland keine Auslandsschulden, da es keine Kredite der Weltbank oder des Internationalen Währungsfonds erhält.