Als Herpes simplex (zu ‚einfach‘) bezeichnet man verschiedene durch Herpes-simplex-Viren hervorgerufene Virusinfektionen. Umgangssprachlich wird für eine spezielle Lokalisation auf der Haut meist die verkürzte Form (Lippen-)Herpes verwendet. Das Wort stammt vom altgriechischen ἕρπειν herpein (‚kriechen‘), womit die kriechende Ausbreitung der Hautläsionen bei einer Herpes-simplex-Infektion (auch in Form des Herpes febrilis mit Fieberbläschen) gemeint sei. Herpes simplex gehört zu den sexuell übertragbaren Krankheiten.

Beschreibung Die Erreger von Herpes-simplex-Infektionen sind zwei verschiedene Virusspezies: das Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1) und das Herpes-simplex-Virus 2 (HSV-2). Sie zeigen hinsichtlich ihrer Krankheitsbilder und der Krankheitslokalisation geringfügige Abweichungen. Nach dem Auftreten sowie der Lokalisation der Krankheitssymptome werden klinisch verschiedene HSV-Infektionen bezeichnet, von denen vor allem der Herpes simplex labialis (Lippenherpes) und der Herpes simplex genitalis (Genitalherpes) verbreitet sind. Neben diesen Formen gibt es auch seltene, schwer verlaufende HSV-Infektionen wie die generalisierte HSV-Sepsis bei Patienten mit Immundefizienz, die Herpes-simplex-Enzephalitis und die generalisierte HSV-Infektion des Neugeborenen (Herpes neonatorum).

Nach einer (auch symptomlosen) Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand (Latenz) stets lebenslang im Organismus, was als persistierende Infektion bezeichnet wird. Diese Eigenschaft der Persistenz ist bei allen Mitgliedern der Familie Herpesviridae zu finden. Die Therapie von HSV-Infektionen vermag diese Persistenz nicht zu beenden, sondern sie versucht die Vermehrung des Virus nach einer erfolgten Reaktivierung aus dem Ruhestadium zu verhindern. Für die HSV-Therapie stehen mehrere Virostatika zur Verfügung, die hoch spezifisch sind.

Geschichte Die genitale Manifestation des Herpes simplex wurde bereits von Hippokrates um 400 v. Chr. als Symptom einer sich ausbreitenden Bläschenkrankheit beschrieben.Corpus Hippocraticum: De mulierum affectibus 1,90.R. H. Kampmeier: Herpes genitalis: a clinical puzzle for two centuries. In: Sex. Trans. Dis. Band 11, 1984, S. 41. Dass die Erkrankung auch übertragbar ist, war spätestens in der römischen Antike bekannt, da Kaiser Tiberius das Küssen bei öffentlichen Zeremonien verbot, da die Ausbreitung einer Bläschenerkrankung an den Lippen beobachtet wurde. Dies wurde von Aulus Cornelius Celsus als erste Epidemie einer möglichen Herpeserkrankung dokumentiert. Im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts war der Herpes labialis ebenfalls weit verbreitet und seine Übertragung durch Küssen allgemein bekannt. So schreibt William Shakespeare in seiner bekannten Tragödie Romeo und Julia: “O’er ladies’ lips, who straight on kisses dream, Which oft the angry Mab with blisters plagues, because their breaths with sweetmeats tainted are.” (Übersetzung: „Der Schönen Lippen, die von Küssen träumen, Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese, Weil ihren Odem Näscherei verdarb“; erg. Erläuterung: Der im Zitat vorkommende Name Mab bezieht sich auf die Fee „Queen Mab“, die in dem Werk in einer Rede Mercutios vorkommt).Mercutio zu Romeo im 1. Akt, 4. Szene (Text auf Wikisource) mini|hochkant|Jean Astruc Jean Astruc erkannte 1736 den Herpes genitalis als eigene Krankheit, und nicht wie zuvor angenommen als Variante der Gonorrhoe oder der Syphilis.Jean Astruc: De morbis venereis. Paris 1736 und A Treatise of Venereal Diseases. London 1754, Band 1, 3. Buch, S. 365. Der deutsche Dermatologe Paul Gerson Unna beschrieb 1883 die Häufigkeit der Erkrankung und ihr gemeinsames Auftreten zusammen mit weiteren Geschlechtskrankheiten.P. G. Unna. In: J. cutan. vener. Dis. Band 1, 1883, S. 321, zugänglich in: J. K. Oates: Venereal disease genital herpes. In: Journal of Hospital Medicine. Band 6, 1983, , S. 13–19. Er führte auch die ersten histologischen Untersuchungen über den Herpes simplex durch. Nachdem 1913 Wilhelm Gürtler den Erreger der Herpes-Keratitis (Herpes corneae) experimentell auf ein Kaninchenauge übertragen konnte, fand Ernst Löwenstein mit der Übertragung von Bläscheninhalt des Herpes labialis auf ein Kaninchenauge die Identität des Erregers beider Erkrankungen. Das HSV wurde schließlich erstmals von Slavin und Gavett 1946 aus Bläscheninhalt eines Patienten isoliert und charakterisiert.H. B. Slavin, E. Gavett: Primary herpetic vulvovaginitis. In: Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine. Band 63, 1946, , S. 343. Die erste elektronenmikroskopische Darstellung von Herpes-simplex-Viren gelang Coriell 1950.L. L. Coriell, G. Rake u. a.: Electron microscopy of herpes simplex. In: Journal of Bacteriology. Band 59, Nr. 1, 1950, S. 61–68. PMID 15400321. In den 1950er Jahren gab es Berichte über erfolgreiche Versuche, den Herpes labialis wie den Herpes zoster mit Antibiotika wie Penicillin und Aureomycin zu behandeln.Alfred_Marchionini, Hans Götz: Neuere Erfahrungen mit der antibiotischen Behandlung der Hautkrankheiten (Aureomycin, Chloromycetin, Terramycin). In: Münchener_Medizinische_Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 71–74, hier: S. 73. Erst in den 1960er Jahren wurde durch Andre Nahmias und besonders Karl Eduard Schneweis entdeckt, dass die Herpes-simplex-Infektionen von zwei verschiedenen Virusspezies verursacht werden, die die Forscher aufgrund ihrer verschiedenen Antigenität unterscheiden konnten.Karl Eduard Schneweis: Untersuchungen zur antigenen Analyse und zur Typendifferenzierung beim Herpesvirus hominis. Göttingen 1962.K. E. Schneweis, A. J. Nahmias: Antigens of Herpes simplex virus type 1 and 2-immunodiffusion and inhibition passive hemagglutination studies. In: Z. Immunitätsforsch. Exp. Klin. Immunol. Band 141, Nr. 5, 1971, S. 471–487. PMID 4326538.

Erreger

Herpes-simplex-Viren

Die beiden Erreger von Herpes-simplex-Infektionen – die Herpes-simplex-Viren 1 und 2 – die taxonomisch und korrekter auch als Humanes Herpesvirus 1 und 2 (HHV-1/2) bezeichnet werden, gehören zur Gattung Simplexvirus der Familie Herpesviridae. Den Herpes-simplex-Viren verwandte Mitglieder dieser Gattung sind auch bei Tieren zu finden, wo diese Viren beispielsweise bei Rindern oder Klammeraffen, Makaken und anderen Meerkatzenverwandten ähnliche Erkrankungen hervorrufen. Obwohl Herpesviren im Allgemeinen streng auf ihren jeweiligen Wirt spezialisiert sind, kann selten das dem HSV-1 ähnliche Cercopithecine Herpesvirus 1 (Herpesvirus simiae) der Makaken auf den Menschen übertragen werden, wo es schwere, generalisierte Infektionen hervorrufen kann.

Die Herpes-simplex-Viren gehören mit einem Durchmesser von 140 bis 180 nm zu den großen Viren.J. F. Szilágyi, J. Berriman: Herpes simplex virus L particles contain spherical membrane-enclosed inclusion vesicles. In: J. Gen. Virol. Band 75, Nr. 7, 1994, S. 1749–1753. PMID 8021604. In einem ikosaedrischen Kapsid befindet sich eine lineare, doppelsträngige DNA als Genom. Das Kapsid wiederum ist von einer Virushülle umgeben, was zu einer Empfindlichkeit der Viren gegenüber Seifen, Detergenzien oder bereits milden Desinfektionsmitteln führt. Zwischen Kapsid und Virushülle befindet sich eine Vielzahl von Virusproteinen, die sogenannten Tegumentproteine, die unter anderem für die Regulation der Genexpression in der Wirtszelle und den Übergang des Virus in ein ruhendes Latenzstadium verantwortlich sind. Als doppelsträngiges DNA-Virus sind die Herpes-simplex-Viren genetisch stabil, Mutationen und die Entstehung natürlicher Varianten sind eher selten.

Übertragung und Verbreitung

Herpes-simplex-Viren sind weltweit verbreitet, der Mensch ist für sie als Reservoir der einzige natürliche Wirt. Da das HSV-1 bereits durch Speichelkontakt und Schmierinfektion ab dem Säuglingsalter im normalen familiären Umgang erworben wird, ist es in der Bevölkerung häufig. Das Virus zeigt eine altersabhängige Seroprävalenz, die etwa am Ende der Pubertät hohe Prozentzahlen erreicht und dann nur noch gering weiter ansteigt. In Deutschland konnten bei 84 bis 92 % der Personen einer altersnormalisierten Stichprobenuntersuchung Antikörper gegen HSV-1 nachgewiesen werden.W. Hellenbrand, W. Thierfelder u. a.: Seroprevalence of herpes simplex virus type 1 (HSV-1) and type 2 (HSV-2) in former East and West Germany, 1997–1998. In: Eur. J. Clin. Microbiol. Infect. Dis. Band 24, Nr. 2, 2005, S. 131–135. PMID 15692814.

Das HSV-2 wird durch engen Schleimhautkontakt übertragen, wenn beim Virusträger das Virus gerade reaktiviert und sich in Epithelzellen erneut vermehrt. Die Virusausscheidung kann auch ohne sichtbare Läsionen geschehen. Die Prävalenz von Antikörpern gegen das HSV-2 ist unterschiedlich verteilt. Sie wird besonders vom Alter und der sexuellen Aktivität beeinflusst; ebenfalls ist die geographische Verbreitung unterschiedlich. Bei gesunden Blutspendern oder Gesundheitsüberwachungen gab es Häufigkeiten von 3 bis 23 % in den USA. Diese Zahl ist signifikant höher bei Patienten, die wegen einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit einen Arzt konsultierten (bis 55 %) oder gewerbliche Prostitution betrieben haben (bis 75 %).Eine Übersicht verschiedener epidemiologischer Studien in B. Halioua, J. E. Malkin: Epidemiology of genital herpes – recent advances. In: Eur J Dermatology. Band 9, Nr. 3, 1999, S. 177–184. PMID 10210781. ().

Infektionsmechanismen

Die HS-Viren dringen bei einer Primärinfektion über die Schleimhautzellen des Mund-Rachen-Raumes (überwiegend das HSV-1) und des Genitaltraktes (überwiegend das HSV-2) ein. Bereiche am Übergang von Schleimhaut zu normaler Haut werden bevorzugt infiziert. Hier vermehren sich die Viren in den Epithelzellen. Die Ausbreitung der Herpes-simplex-Viren innerhalb des Epithels geschieht durch Zerstörung der Wirtszellen und Freisetzung neuer Virionen oder durch Verschmelzen benachbarter Zellen, wobei die unbehüllten Viruskapside die neue Zelle infizieren. Die Zerstörung der Epithelzellen äußert sich klinisch in einer Entzündungsreaktion, oft bildet sich durch Gewebszerstörung ein Ulcus oder ein entzündliches Hautbläschen. Die Bläschenflüssigkeit ist ein Exsudat, in dem sich Herpes-simplex-Viren in einer hohen Konzentration (>100.000 PFU/µlC. A. Daniels, S. G. LeGoff: Shedding of infectious virus/antibody complexes from vesicular lesions of patients with recurrent herpes labialis. In: The_Lancet. Band 20;2, Nr. 7934, 1975, S. 524–528. PMID 51344.) anreichern.

Durch direkten Zell-Zell-Kontakt oder durch Virionen in der Zwischenzellflüssigkeit gelangt das HSV zu den Nervenenden sensibler Neurone, von denen es spezifisch aufgenommen und entlang den Mikrotubuli und Intermediärfilamenten des Axons zum Zellkörper des Nervs transportiert wird. Dieser retrograde axonale Transport geschieht durch Bindung des Virus (als nacktes Viruskapsid, eventuell mit Restanteilen von Tegumentproteinen und Hüllproteinen) an kinesin-ähnliche Proteine und Dynein. Die Wanderungsgeschwindigkeit in Richtung Zellkörper beträgt etwa 0,7 µm pro Sekunde.W. W. Liu, J. Goodhouse, N. L. Jeon, L. W. Enquist: A microfluidic chamber for analysis of neuron-to-cell spread and axonal transport of an alpha-herpesvirus. In: PLoS_ONE. Band 18;3, Nr. 6, 2008, Artikel e2382. PMID 18560518 .

Erkrankungsformen

Herpes labialis

mini|Herpes labialis mit zwei geöffneten und einem noch geschlossenen Bläschen mini|Herpes labialis mit bereits verkrusteten und bakteriell infizierten Bläschen Bei dieser Form treten meist rund um den Mund wunde Stellen mit Bläschen („Fieberblasen“) auf.