Das Theater Bielefeld ist ein Mehrspartentheater, das Schauspiel, Musiktheater und Tanz umfasst. Zusammen mit den Bielefelder Philharmonikern bildet es die „Bühnen und Orchester der Stadt Bielefeld“ mit Spielstätten in drei Häusern und einem Gesamtangebot von fast 3200 Plätzen: dem Stadttheater, dem Theater am Alten Markt (TAM) und der Rudolf-Oetker-Halle. Jährlich finden mit über 200.000 Besuchern rund 600 Vorstellungen in allen Sparten statt.

Geschichte Von der ersten Idee bis zur Gründung (1885–1913)

mini|Künstlerkarte von 1910: Links das Rathaus, rechts das Stadttheater am Niederwall

Im Jahr 1885 stiftete die Witwe des Tabakfabrikanten Crüwell 10.000 Mark zum Bau eines Theater- und Konzertsaals. Ein Jahr später hatte sich der Betrag durch weitere Spender verdoppelt. Das Geld wuchs bis Ende der 1880er Jahre auf 43.000 Mark an.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 17.

Um die Jahrhundertwende nahm die Planung des Stadttheaters konkrete Gestalt an. 1900 schloss der Theaterdirektor Oscar Lange mit dem Stadtrat einen Vertrag ab, dass gut ein Drittel von den veranschlagten 500.000 Mark Baukosten durch Spenden von Bielefeldern aufgebracht werden mussten, damit das Theater gebaut werden konnte. Die Finanzierung gelang, und die Arbeiten begannen nach einem Entwurf des Berliner Architekten Bernhard Sehring, der bereits das Theater des Westens errichtet hatte. Der Grundstein wurde im Juni 1902 gelegt.P. Schütze: 75 Jahre Stadttheater Bielefeld: 1904–1979. Bühnen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1979, S. 34.

Mit der Jubelouvertüre von Carl Maria von Weber und Schillers Jungfrau von Orleans wurde das Theater am 3. April 1904 eröffnet. Zunächst wurde nur bis zum 8. Mai 1904 gespielt. Die erste komplette Spielzeit begann im September und dauerte bis April, und dieser Rhythmus wurde in den Anfangsjahren fortgeführt. Gezeigt wurden 136 verschiedene Werke, Opern wurden zunächst nur als „Monatsoper“ mit Gastsängern aufgeführt. Norbert Berstl wurde 1906 der Nachfolger von Oskar Lange. Da sich das Theater selbst finanzieren musste, standen vor allem Operetten und Lustspiele auf dem Spielplan.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 18–28.

Nach dem Tod von Norbert Berstl 1913 übernahm sein Sohn Wilhelm die Position des alleinigen Direktors. Unter seiner Leitung wurde neben der überwiegenden Anzahl an Operettenaufführungen auch regelmäßig klassisches Schauspiel gezeigt.P. Schütze: 75 Jahre Stadttheater Bielefeld: 1904–1979. Bühnen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1979, S. 39.

Das Bielefelder Theater während und nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1932) Während des Ersten Weltkrieges blieb das Stadttheater bis auf wenige Gastspiele geschlossen. Wilhelm Berstl wurde eingezogen und Max Cahnbley (1876–1959)Cahnbley, Max. In: Deutsche Biographie trat seine Nachfolge an. Im Mai 1918 übernahm die Stadt Bielefeld das Theater und eröffnete ein „städtisches Regietheater“. Damit wurde das Stadttheater erstmals öffentlich subventioniert. Es konnte mehr Wert auf künstlerische Qualität und auf ein festes Ensemble gelegt werden. Musikalischer Direktor blieb Cahnbley, Schauspieldirektor wurde Richard Starnburg. Der Direktor schloss eine Kooperation mit Minden und Herford ab. Im September eröffnete das Theater in der Sparte Musiktheater mit Mozarts „Zauberflöte“ und im Schauspiel mit Goethes Iphigenie. Darüber hinaus übernahm die Stadt 1919 auch das Orchester mit 44 Mitgliedern, wodurch Opern in den laufenden Spielplan integriert wurden.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 31, 32, 34.

Im Jahr 1921 hatte das Theater die erste finanzielle Krise. Laut der Westfälischen Zeitung vom 20. Januar 1921 sollte die Stadt eine hohe Zuschusssumme zahlen, womit der Theaterrat ausgeglichen werden sollte. Die Stadt entschied sich gegen eine erneute Verpachtung und stattdessen für die Einsparung der Stelle des Schauspieldirektors, wodurch Max Cahnbley allein verantwortlicher Intendant wurde. Trotz der finanziellen Sorgen begann unter Cahnbleys Leitung eine fruchtbare Zeit. Cahnbley war es ebenfalls anzurechnen, dass es ab der Spielzeit 1925/1926 ganzjährige Verträge für die Mitarbeiter gab, was sowohl für das Publikum als auch für die Künstler von Vorteil war. In der Spielzeit 1925/1926 kam das Gebäude Brunnenstraße 3 zum Theater hinzu. Damit hatte das Theater unter anderem endlich eine Probebühne und einen Chorsaal.Geschichte des Theaters in Bielefeld Opern Freund Abgerufen am 23.10.18

1926 beschloss die Stadt, das Theater in eine GmbH umzuwandeln, um weniger Zuschüsse zahlen zu müssen. Das Stadttheater feierte 1929 sein 25-jähriges Jubiläum, doch die Freude hielt nicht lange an, da man erneut aus finanziellen Gründen um den Erhalt der Institution bangen musste.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 40 ff. Obwohl die Künstler 1932 auf einen Teil ihrer Gage verzichteten und die Löhne der Bühnenarbeiter gesenkt wurden, blieb das Theater im Defizit und es kam zu einer weiteren Finanzkrise.P. Schütze: 75 Jahre Stadttheater Bielefeld: 1904–1979. Bühnen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1979, S. 50.

Zeit im Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg (1933–1945) Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Max Cahnbley am 19. April 1933 während einer Probe fristlos gekündigt. Ihm wurde vorgeworfen zu viele „Nicht-Arier“ beschäftigt zu haben. Neuer Intendant wurde der Opernsänger Leon Geer, ein Mitglied der NSDAP und Kulturfunktionär seit 1931.Anselm Heinrich: The take-over at Bielefeld. in ders.: Entertainment, Propaganda, Education. Regional Theatre in Germany and Britain Between 1918 and 1945, Univ. of Hertfordshire Press, Hatfield 2007, ISBN 978-1-902806-75-4, S. 94. Die klassischen Dramen verschwanden unter seiner Intendanz nach und nach vom Spielplan. Die GmbH wurde am 16. Mai aufgelöst und das Theater war wieder ein städtisches Unternehmen. Ab 1936 wurde unter der Intendanz von Alfred Kruchen wieder mehr Wert auf das Sprechtheater gelegt. Kruchen war 1932 dem „Kampfbund für deutsche Kultur“ und 1933 der NSDAP beigetreten und hatte ab März 1940 die Position eines Landesleiters der „Reichstheaterkammer“.Andreas Bootz: Kultur in Bielefeld 1945–1960 (Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung), AJZ-Verlag, Bielefeld 1993, ISBN 978-3-86039-006-1, S. 248, Fn. 82

1937 wurden der Zuschauerraum und die Bühne umgebaut. Zudem kamen weitere Räumlichkeiten in der Brunnenstraße 5 hinzu. Der Umbau des Stadttheaters dauerte von Juni bis September. Am 25. September wurde es mit einer Festaufführung von Goethes Faust wiedereröffnet. Ab 1939, mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, war das Stadttheater offiziell im „Kriegseinsatz“, sprich, es wurden geschlossene Vorstellungen für die Wehrmacht gezeigt.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 50 f.

Auf Anweisung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda wurden ab dem 1. September 1944 sämtliche Theater, Varietés und Kabaretts geschlossen. Auf einen Teil der Bielefelder Mitarbeiter wartete jedoch Ende Dezember ein Sonderauftrag: „schanzende Volksgenossen mit künstlerischen Vorträgen zu erfreuen“. Nach Kriegsende erwies sich der Neubeginn als überaus schwierig. Das Gebäude war während des Krieges beschädigt worden und die Stadt ließ die Verträge der Schauspieler zum 31. Juli 1945 auslaufen. Zudem verhängten die britischen Alliierten ein generelles Schauspielverbot. Lediglich Konzerte, Opern und Ballett waren erlaubt.P. Schütze: 75 Jahre Stadttheater Bielefeld: 1904–1979. Bühnen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1979, S. 55.

Wiederaufbau des Hauses (1946–1969) Alfred Kruchen wurde im Juli 1945 von der britischen Militärregierung entlassen.Andreas Bootz: Kultur in Bielefeld 1945–1960 (Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung), AJZ-Verlag, Bielefeld 1993, ISBN 978-3-86039-006-1, S. 52. Für die Leitung des Stadttheaters gab es kommissarische Verantwortliche: Der Musikdirektor Hans Hoffmann wurde für das Theater eingesetzt. Da Hoffmann diesen Posten jedoch nicht dauerhaft behalten wollte, wurde der Sänger und Spielleiter Georg Goll bis Juni 1946 kommissarischer Intendant des Theaters.

Theaterleute gründeten im Herbst 1946 die „Notgemeinschaft der Bielefelder Bühnenschaffenden“ und kümmerten sich um den Aufbau des Stadttheaters. Die Stadt stellte das Orchester und die beiden Gebäude – Stadttheater und Rudolf-Oetker-Halle – zur Verfügung, das finanzielle Risiko trugen die Künstler. Jedem Künstler konnte mit einer Frist von 14 Tagen gekündigt und bei Einnahmeausfällen das Gehalt gekürzt werden. Am 14. Oktober wurde in der Rudolf-Oetker-Halle Fidelio gezeigt. Die Aufführungen waren sehr erfolgreich, woraufhin die Notgemeinschaft wieder schwarze Zahlen schrieb. Ab Dezember gab es finanzielle Unterstützung seitens der Stadt, und das Stadttheater wurde mit Mozarts Zauberflöte am 1. Dezember 1946 wiedereröffnet.

Hermann Schaffner wurde am 26. Juni 1947 neuer Intendant und Benno Hattesen in der Spielzeit 1947/1948 Oberspielleiter. Schaffner setzte neue Akzente im Schauspiel, welches dadurch auch überregional bekannt wurde. 1950 wurde das Theater am Alten Mark als neue Spielstätte, im ehemaligen Rathaus, eröffnet. Durch das TAM bekam das Schauspiel eine eigene Spielstätte in Bielefeld.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 60, 65 f.

Der Rat der Stadt beschloss im Januar 1950, trotz einer weiteren Finanzkrise das Theater in allen Sparten zu erhalten. Auf Anregung von Oberbürgermeister Ladebeck wurde am 18. Januar 1951 die Gesellschaft der Theater- und Konzertfreunde gegründet. Im darauffolgenden Jahr wurde Bernhard Conz neuer Städtischer Musikdirektor, wodurch die glanzvolle „Ära Conz“ begann: Unter anderem vergrößerte er das Orchester und setzte sich für die Aufführung moderner Werke ein. Zudem wurde ein neuer Orchesterprobenraum eingerichtet. Hermann Schaffner wechselte 1953 als Intendant an das Staatstheater Kassel, woraufhin Herbert Decker sein Nachfolger wurde, der das Haus bis 1958 leitete. Decker legte Wert auf die Pflege von Opern und auf modernes Musiktheater. Das Stadttheater feierte 1954 sein 50-jähriges Jubiläum mit den Stücken Die Jungfrau von Orleans und Die Meistersinger von Nürnberg. Joachim Klaiber wurde 1958/59 neuer Intendant.

Mit Kiss me, Kate wurde im Mai 1959 das erste Musical im Bielefelder Stadttheater gegeben. Am 19. November 1960 eröffnete im Keller des Theater am Alten Marktes mit ca. 100 Plätzen das „Studio Theater“, welches zum Gegenpol des „gängigen“ Schauspiels wurde. Es bestand zehn Spielzeiten. Joachim Klaiber wechselte nach Kiel. Ihm folgte von 1963/64 bis 1970 Horst Alexander Stelter, der zuvor Intendant in Pforzheim war.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 86 ff., 93.

Aufstieg des Theaters (1970–2003) 1970 wurde Hans-Walter Deppisch neuer Intendant. Im Februar 1971 begann ein Theaterskandal in Bielefeld mit Streitereien zwischen dem Persönlichen Referenten des Intendanten Artur Gracian und der Bühnentechnik. Intendant Deppisch stellte sich hinter Gracian und die Krise gipfelte schließlich darin, dass Deppisch und die Stadt Bielefeld im April den Vertrag im beiderseitigen Einvernehmen auflösten. Die kommissarische Leitung des Theaters übernahm daraufhin Generalmusikdirektor Bernhard Conz für zwei Spielzeiten. Das Stadttheater war, aufgrund von Renovierungsarbeiten, ab April geschlossen. Stattdessen fanden die Aufführungen des Schauspiels im TAM, in der Rudolf-Oetker-Halle und im Stadttheater Herford statt. Das Stadttheater wurde am 14. November 1971 mit Verdis Othello wiedereröffnet. Peter Ebert, vorher Intendant in Augsburg, übernahm 1973/74 für zwei Spielzeiten die Leitung des Bielefelder Theaters.100 Jahre Theater Bielefeld. Kerber Verlag, 2004, ISBN 3-936646-79-1, S. 101 f, S. 106 f.