mini|hochkant|Christina von Braun (2012)

Christina Held-Freiin von Braun (* 27. Juni 1944 in Rom) ist eine deutsche Kulturwissenschaftlerin, Gendertheoretikerin, emeritierte Professorin, Autorin und Filmemacherin.

Leben und Werk Christina von Braun ist die Tochter von Hildegard Beck-Margis und des ehemaligen UNO- und Frankreich-Botschafters Sigismund von Braun, der zum Zeitpunkt ihrer Geburt als Legationssekretär in der Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom tätig war. Ihr Onkel war der Raketenforscher Wernher von Braun, über den sie 2012 sagte, dass er „mit den größten Verbrechern des 20. Jahrhunderts kollaborierte“. Ihre Schwester ist die 2026 verstorbene ehemalige FDP-Politikerin Carola von Braun. Ihre Großmutter mütterlicherseits Hildegard Margis starb im Frauengefängnis Barnimstraße, nachdem sie wegen ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im Zusammenhang mit der Gruppe um Anton Saefkow und Franz Jacob verhaftet worden war. Ihr Großvater väterlicherseits war der Landgutbesitzer und Politiker der DNVP Magnus von Braun, Minister unter den Reichskanzlern von Papen und Schleicher bis Januar 1933.

Christina von Braun verbrachte ihre ersten Lebensjahre im Vatikan und kam erst 1949 nach Deutschland.Audio: In: Norddeutscher Rundfunk. 2014 (?), abgerufen am 16. Mai 2021 (49:36 Minuten). Nach Internatsaufenthalten in England und Norddeutschland studierte sie in den USA und Deutschland. Sie schrieb ihre Magisterarbeit an der Universität Bonn über „Die Rolle von Public Relations in den internationalen Beziehungen“.Geschlecht 2021, S. 93. Von 1969 bis 1981 war sie als freischaffende Autorin und Filmemacherin in Paris ansässig. In Paris produzierte sie u. a. Filme über den Bestseller Zufall und Notwendigkeit des Molekularbiologen Jacques MonodGeschlecht 2021, S. 132., die Lebensgeschichte des Schriftstellers André Malraux (BR 1972)Geschlecht 2021, S. 133–134 und 351., ein Gespräch mit Claude Lévi-Strauss (SR 1972)Geschlecht 2021, S. 134–135 und 351., Gustave Flauberts Roman Madame Bovary (SR 1976)Geschlecht 2021, S. 136–137 und 351., die Pariser Stadtplanung des Präfekten Georges-Eugène Haussmann (WDR 1979)Geschlecht 2021, S. 137 und 351., die Künstlerin Meret Oppenheim (NDR 1977)Geschlecht 2021, S. 140–143 und 351. und die Stadt Bron (BR 1979).Geschlecht 2021, S. 181–182 und 351.

1981Geschlecht 2021, S. 243. zog sie mit ihrer Familie nach Bonn um. Von 1991 bis 1993 war sie Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.

1994 wurde sie auf den Lehrstuhl für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Zu ihren Schwerpunkten in Forschung und Lehre zählen: Gender, Medien, Religion und Moderne, Säkularisierung und Geschichte des Antisemitismus.

Gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Tilo Held veröffentlichte sie 2025 den Band Kampf ums Unbewusste. Eine Gesellschaft auf der Couch, in dem sie die Ideengeschichte des Unbewussten mit sozial- und mediengeschichtlichen Analysen verknüpft. Sie bewertet darin den Begriff des Unbewussten in der deutschen Romantik als Spiegel der Säkularisierung, bei der protestantische Zuschreibungen des Göttlichen auf psychische Prozesse übertragen wurden; mit der freudschen Psychoanalyse treten nach ihrer Lesart Elemente aus der jüdischen Tradition hinzu. Von Braun kontrastiert historisch gewachsene Vertrauensordnungen – etwa die von Marcel Mauss beschriebene Gabe – mit modernen Glaubenssystemen, die durch Schrift, Geld und Religion bewusst reguliert werden. Aus ihrer Sicht ist die Ausweitung des Wahlrechts und die Entstehung der Massenmedien mit einer politischen Instrumentalisierung von Emotionen verbunden, durch welche das Individuum zum umkämpften Terrain wurde. Gegenwartstechnologien wie soziale Medien und künstliche Intelligenz adressierten das Subjekt noch unmittelbarer als die Massenmedien der 1920er- und 1930er-Jahre und eröffneten damit neue Formen der psychischen Lenkung. Zugleich betont sie das Widerstandspotenzial des Unbewussten und die Bedeutung analoger Beziehungen; die dialogische Arbeit der Psychoanalyse könne nach ihrer Auffassung nicht durch KI ersetzt werden. Im Kontext autoritärer Politik- und Gesellschaftsmodelle interpretiert sie die Abwertung fluider Geschlechtergrenzen als Bestandteil normsetzender Glaubenssysteme.

Christina von Braun produzierte ca. fünfzig Filmdokumentationen und Fernsehspiele zu kulturhistorischen Themen und verfasste zahlreiche Bücher und Aufsätze über das Wechselverhältnis von Geistesgeschichte und Körpergeschichte.

2013 wurde sie mit dem Sigmund-Freud-Kulturpreis der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) für ihr Œuvre als herausragende Wissenschaftlerin gewürdigt.

Christina von Braun ist mit dem Psychoanalytiker und emeritierten Professor für Psychiatrie Tilo Held (* 1938) verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder, Anna-Céline und den Neurologen Valentin Elias.Geschlecht 2021, S. 167."Eros lässt sich kaum versprachlichen"; Interview mit Alem Grabovac in taz, die tageszeitung, Ausgabe 1./2. September 2012. Seit 2001 wohnt es zusammen in Berlin.Geschlecht 2021, S. 324.

Universitäre Funktionen Mitgründerin und Direktoriumsmitglied des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburghttp://www.zentrum-juedische-studien.de/event/2016-01-26-5-berliner-salon-fuer-juedische-kultur-und-wissenschaft/ Seit 2010 Mitglied im Beirat der Zeitschrift Sexuality & Culture 2009–2013 Gründerin und Leiterin des „Kollegium Jüdische Studien“ an der Humboldt-Universität zu Berlin 2005–2012 Sprecherin des Graduiertenkollegs Geschlecht als Wissenskategoriehttp://www2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/ 2005–2007 Leiterin des Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität 2004–2009 Mitglied im Medizinsenat der Charité seit 1998 Mitglied im Beirat der Zeitschrift für Sexualforschung Initiatorin, Mitbegründerin und von 1996 bis 2002 Leiterin des Studiengangs Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin 1996–1998 Dekanin der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin 1990–2000 Mitherausgeberin der Zeitschrift Metis. Zeitschrift für historische Frauenforschung und feministische Praxis

Außeruniversitäre Funktionen seit 2010 Mitglied im Beirat des Forums für Interkulturellen Dialog e. V. seit 2008 Vizepräsidentin des Goethe-Instituts seit 2007 Mitglied im Vorstand der Deutschen Orientstiftung seit 2002 Mitglied im Präsidium des Goethe-Instituts seit 1999 Gründungsmitglied und Vorstandsmitglied der Grünen Akademie in der Heinrich-Böll-Stiftung 1999–2005 Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages 1990–1998 Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Film- und Fernsehregisseure

Auszeichnungen 2013: Sigmund-Freud-Kulturpreis 2014: Hedwig-Dohm-Urkunde 2025: Verdienstkreuz am Bandes des Verdienstordens der Bundesrepublik DeutschlandBekanntgabe der Ordensträgerinnen und Ordensträger auf bundespraesident.de, 12. November 2025, abgerufen am 13. November 2025.

Schriften (Auswahl) Nicht ich. Logik, Lüge, Libido. Neue Kritik, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-8015-0200-7; Neuausgabe, Aufbau Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-351-02672-1. Die schamlose Schönheit des Vergangenen. Zum Verhältnis von Geschlecht und Geschichte, Aufsätze. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-8015-0229-5. Essen und Gesellschaft. Die Politik der Ernährung (= Senatsarbeitskreis für Wissenschaft und Verantwortlichkeit; Band 5). Studienverlag, Innsbruck / Wien / München 2000, ISBN 3-7065-1496-6 (zusammen mit Eva Barlösius). Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht. Pendo, Zürich 2001, ISBN 3-85842-406-4. Interface 5 – Die Politik der Maschine. Computer Odyssee 2001. Nomos, Hamburg 2002, ISBN 3-7890-8245-7 (zusammen mit Hartmut Böhme, Martin Burckhardt, Wolfgang Coy, Friedrich Kittler und Hans-Ulrich Reck). Gibt es eine „jüdische“ und eine „christliche“ Sexualwissenschaft? Sexualität und Säkularisierung (= Wiener Vorlesungen im Rathaus, Band 110). Picus, Wien 2004, ISBN 3-85452-510-9. Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. Propyläen, Berlin 2007, ISBN 978-3-549-07314-8; Taschenbuchausgabe: List-Taschenbuch 60810, Berlin 2008, ISBN 978-3-548-60810-5. Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Aufbau-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-351-02643-1 (zusammen mit Bettina Mathes). Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte. Aufbau, Berlin 2012, ISBN 978-3-351-02710-0. Wachstum im Wandel: Chancen und Risiken für die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft, herausgegeben von Bertelsmann Stiftung, Beiträge von Christina von Braun und 11 andere, Fotografien von Veit Mette, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2016, ISBN 978-3-86793-687-3. Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte. Aufbau, Berlin 2018. ISBN 978-3-351-03679-9. Geschlecht. Eine persönliche und eine politische Geschichte. Propyläen, Berlin 2021, ISBN 978-3-549-10025-7. mit Tilo Held: Kampf ums Unbewusste. Eine Gesellschaft auf der Couch. Aufbau-Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-351-03996-7.

Herausgeberschaft mit Ludger Heid: Der Ewige Judenhaß. Begleitbuch zur gleichnamigen Filmtrilogie (= Studien zur Geistesgeschichte. Band 12). Bonn 1990; 2. Auflage. Philo Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-8257-0149-2. mit Gabriele Dietze: Die Multiple Persönlichkeit. Krankheit, Medium oder Metapher? Zu den geistesgeschichtlichen Hintergründen eines modernen Krankheitsbildes. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-8015-0326-7. mit Inge Stepgan: Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien. 2005; 2. Auflage Wien/Köln 2009. mit Ulrike Auga: Gender in Conflicts. Palestine, Israel, Germany (= Berliner Gender Studies. Band 3). LIT-Verlag, Münster/Berlin, 2006, ISBN 3-8258-9281-6. mit Ulrike Brunotte, Gabriele Dietze, Daniela Hrzàn, Gabriele Jähnert und Dagmar Pruin: „Holy War“ and Gender. Violence in religious discourses/„Gotteskrieg“ und Geschlecht (= Berliner Gender Studies. Band 2). LIT-Verlag, Münster/Berlin, 2006, ISBN 3-8258-8109-1. Gender Studien. Eine Einführung. Stuttgart 2000; 2., aktualisierte Auflage mit Inge Stephgan. Metzler, Stuttgart/Weimar 2006, ISBN 3-476-02143-2. mit Christoph Wulf: Mythen des Blutes. Campus, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-593-38349-1. mit Wilhelm Gräb und Johannes Zachhuber: Säkularisierung. Bilanz und Perspektiven einer umstrittenen These (= Religion, Staat, Kultur. Band 5). LIT-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8258-0150-2. mit Dorothea Dornhof und Eva Johach: Das Unbewusste. Krisis und Kapital der Wissenschaften. von Wissen und Geschlecht Studien zum Verhältnis (= GenderCodes. Band 9). transcript, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1145-8. Was war deutsches Judentum? 1870–1933. De Gruyter, 2015, ISBN 978-3-11-040050-2.

Aufsätze Wir zahlen alle den Preis des Geldes. In: Kursbuch. Bd. 172: Gut Leben. Hamburg (Murmann) 2012, S. 41–55. Der Dienst am Geld. In: Schauspiel Frankfurt am Main (Programmheft), Frankfurt/M. 2012, S. 852–853. Der Preis des Geldes. In: Deutscher Gewerkschaftsbund (Hrsg.): Gegenblende. Das gewerkschaftliche Debattenmagazin, Bd. 18 (2012). Nacktheit, Scham und Männlichkeit. In: Lentos Museum Lin7/Ludwig Museum Budapest (Hrsg.): Der nackte Mann (Ausstellungskatalog), Nürnberg (Verlag für Moderne Kunst) 2012, S. 25–36. Die Schlange. In: Christian Kassung, Jasmin Mersmann, Olaf B. Rader (Hrsg.): Zoologicon. Ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere. Fink, München 2012, S. 354–361. Das Geschlecht des Unbewussten in der Wissensordnung. In: Günter Gödde, Michael B. Buchholz (Hrsg.): Der Besen, mit dem die Hexe fliegt. Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten, Bd. 1: Psychologie als Wissenschaft der Komplementarität. Psychosozial, Gießen 2012, S. 139–158. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. In: Evangelische Stadtkirche (Hrsg.): Seligpreisungen. Freshup Publishing, Stuttgart 2012, S. 7–26.