mini|hochkant=0.4|Kolossalstatue des Aspelta vom Berg Barkal (um 580 v. Chr.)
Die Kunst im Reich von Kusch ist wie die gesamte Kultur dieses afrikanischen Staates im heutigen Sudan erheblich vom alten Ägypten beeinflusst. Wie in der kuschitischen Geschichte lassen sich auch in der Kunst zwei deutliche Phasen unterscheiden: In der napatanischen Periode (ca. 750–300 v. Chr.) ist der Einfluss der ägyptischen Kunst sehr stark. Ohne Inschriften und Fundortangabe ist es manchmal kaum möglich, bestimmte Kunstwerke dem einen oder anderen Kulturkreis zuzuordnen. In der meroitischen Phase (ca. 300 v. Chr.–350 n. Chr.) ist eine Verschmelzung ägyptischer, hellenistischer und afrikanischer Elemente zu beobachten. Trotz des offensichtlich ägyptischen Einflusses hat die kuschitische Kunst einen durchaus eigenen Charakter.
Vorgeschichte Im ägyptischen Neuen Reich war Nubien eine ägyptische Provinz. Ägyptische Pharaonen errichteten in Nubien Tempel, und die hier lebende Oberschicht, ob sie nun aus Ägypten stammte oder einheimisch war, folgte weitestgehend ägyptischen Vorbildern. Dies ist im Grabbau zu erkennen, aber auch Siedlungen wie Sesebi sind in Anlage und Architektur weitestgehend ägyptisch. Um 1000 v. Chr. ging die Vorherrschaft Ägyptens langsam zu Ende. Die Vorgänge sind im Einzelnen bisher nicht wirklich klar, und es ist möglich, dass vor allem in Unternubien die ägyptische Kontrolle weiter bestand. Aus dieser Zeit sind jedoch kaum datierte Denkmäler bekannt, die eine Vorstellung von der materiellen Kultur liefern, und es gibt so gut wie keine Kunstwerke, die mit Sicherheit in diese Zeit datiert werden können. Eine bedeutende Ausnahme ist die rätselhafte Inschrift der Königin Karimala, die an einer Wand des Tempels von Semna angebracht ist. Vor der Inschrift befindet sich das Bild der Karimala, vor der Göttin Isis stehend. Das Werk ist in einem Flachrelief ausgeführt. Karimala trägt ein langes Gewand und eine Doppelfederkrone. Im Stil steht die Darstellung vollkommen in der Tradition ramessidischer Reliefs. In diesem Zusammenhang sind auch einige Stelen und Denkmäler von nubischen Herrschern (z. B. Aryamani) zu nennen, die auch im Stil ramessidisch sind. Die Datierung dieser Monumente ist in der Forschung stark umstritten. Bei der Annahme, dass sie in die Zeit kurz nach dem Neuen Reich einzuordnen sind, mag dies für eine nubische Kunstproduktion zwischen 1000 und 750 v. Chr. sprechen, die stark den ramessidischen Stil fortsetzte.
Erst mit dem Auftreten der ersten namentlich bekannten nubischen Herrscher fließen die Quellen reichhaltiger. Diese Herrscher hinterließen zahlreiche Denkmäler, und es ist nun ein eigener nubischer Stil auszumachen.
Architektur Pyramiden mini|hochkant|Pyramide N21 von der Seite, Gestalt getreppt
Die ersten Generationen nubischer Herrscher wurden unter Grabhügeln bestattet. Dies änderte sich mit der Eroberung von Teilen Ägyptens durch die Nubier. Die sicherlich auffälligsten Denkmäler kuschitischer Kultur sind nun die königlichen Pyramiden. Sie sind aus Stein errichtet, aber viel kleiner als ihre ägyptischen Vorbilder. Sie haben auch einen steileren Winkel und wohl keine Spitze, sondern wurden von einem kleinen Zylinder gekrönt. Pyramiden wurden in Nubien schon im Neuen Reich von hohen dort residierenden Beamten errichtet, so dass ihr Bau von den nubischen Pyramiden des Neuen Reiches beeinflusst sein könnte. Daneben ist zu der Zeit, als die nubischen Könige regierten, eine starke Rückbesinnung auf altägyptische Traditionen feststellbar, und so mögen die nubischen Herrscher mit dem Pyramidenbau bewusst auf eine Zeit zurückgegriffen haben, die als vorbildlich galt.
Die nubischen Pyramiden bestanden aus drei Teilen. Es gab die eigentliche Pyramide, die Grabkammern, deren Eingang sich meist vor der Pyramide befand und die unter dem Bau lagen, und einen kleinen, meist dekorierten Tempel. Im Gegensatz zu den ägyptischen Pyramiden waren die nubischen nicht verkleidet, sondern getreppt. In meroitischer Zeit wurden sie nicht mehr aus Stein, sondern aus Lehmziegeln errichtet. Der Pyramidenbau endete um 300 n. Chr., und in der Folgezeit kehrte man wieder zum Bau von großen Grabhügeln zurück.
Private Grabbauten In Meroe und an anderen Orten wurden auch viele nichtkönigliche Personen unter Pyramiden bestattet. Diese Bauten folgten in ihrer Anlage meist den königlichen, sind jedoch kleiner. Neben den Pyramiden findet man auch vereinzelt Mastabas, also rechteckige Graboberbauten und Grabhügel. Der Großteil der Bevölkerung wurde jedoch in einfachen Erdbestattungen beigesetzt.
Tempel mini|hochkant|Tempel mit wiederaufgebautem Pylon in Musawwarat as-sufra
Auch im Tempelbau dominierte Ägypten als Vorbild. Die kuschitischen Tempel haben in der Regel einen Pylon, einen dahinter liegenden Hof oder eine Säulenhalle und ein Allerheiligstes, das aus einer oder drei Kapellen besteht. Je nach Bedeutung und Größe eines Heiligtums wurde dieses Schema variiert. Baumaterial war meist Sandstein; andere Tempel sind aus Lehmziegeln errichtet, wobei wichtige Bauteile in Stein ergänzt sein können. Bedeutende Tempel wurden mit Reliefs, Malereien, Statuen und Altären geschmückt.
Der bedeutendste Tempelbau Nubiens war der Amuntempel vom Berg Barkal. Er war über 150 m lang. An ihm haben verschiedene Generationen napatanischer Herrscher gebaut. Der Eingang wird von einem Pylon markiert, hinter dem sich ein Hof mit Säulen befindet. Es folgt ein weiterer Pylon und eine Säulenhalle, wonach eine kleinere Säulenhalle folgt mit weiteren Räumlichkeiten dahinter. Das Allerheiligste besteht aus drei nebeneinander liegenden Kapellen.
Der große Amuntempel in Meroe ist etwas kleiner, aber immer noch mehr als 100 m lang. Es handelt sich um das bedeutendste Heiligtum im Süden des Reiches. Der Tempel folgt einem vergleichbaren Plan, hat aber keine große Säulenhalle. Er ist teilweise aus gebrannten Lehmziegeln erbaut. Seine genaue Datierung ist unsicher, doch nimmt die neuere Forschung eine Erbauung um 200 bis 100 v. Chr. an. Es fand sich auch der Name des Natakamani (ca. 50 n. Chr.), der den Bau zumindest restauriert hat. Dieser Tempel hat offensichtlich in meroitischer Zeit den Tempel vom Berg Barkal als Nationalheiligtum ersetzt.
mini|hochkant|Plan des Tempels von Tabo, dessen Plan eng ägyptischen Vorbildern folgt
Vor allem König Taharqa (ca. 690 v. Chr.–664 v. Chr.) errichtete an wichtigen Orten Nubiens monumentale Tempelanlagen in Stein, die ziemlich genau ägyptischen Vorbildern folgten. Es gab einen Pylon, es folgte ein offener Hof, eine Säulenhalle und im Hinterteil der Anlage das Allerheiligste. Die Wände der Tempel waren mit Reliefs dekoriert und mit Statuen ausgestattet. Diese Tempel folgen in Plan und Größe einem gewissen Standard.
Aus der Zeit nach Taharqa gibt es kaum bedeutende neue Tempelbauten, wenn auch die folgenden Herrscher die alten Tempel mit weiteren Inschriften, Statuen und Anbauten ausschmückten. Dies mag nur eine Beleglücke sein, da es aus Meroe zahlreiche Blöcke mit Namen von Königen gibt, die einstigen Tempel aber nur selten erhalten sind oder rekonstruiert werden können.
Erst aus der meroitischen Periode gibt es erneute Beispiele aus verschiedenen Teilen des Reiches von gut erhaltenen Tempelbauten. Die Tempel sind nun meist wesentlich kleiner und bestehen oftmals nur aus einem oder zwei Räumen, die außen und innen mit Reliefs dekoriert sind und auch einen Pylon hatten. Aus Naqa stammt ein größerer, von Natakamani (um 50 n. Chr.) erbauter Tempel mit mehreren Räumen und einem Pylon. Er war aus Lehmziegeln erbaut; nur die Tore und Säulen bestanden aus Stein und waren mit Reliefs dekoriert.
mini|hochkant|Der sogenannten Sonnentempel in Meroe
Vor allem in der Hauptstadt Meroe gibt es einige größere Tempelbauten, die Eigenheiten aufweisen, die nicht aus Ägypten bekannt sind. Der sogenannte Sonnentempel (die eigentliche hier verehrte Gottheit ist unbekannt) hatte einen Pylon. Von diesem gelangte man in einen großen Hof, der von Säulen flankiert war. In der Mitte des Hofes stand ein zentraler Bau. Über eine Treppe gelangte man zu einem zweiten Pylon und von dort in den Tempel, in dessen Mitte ein einzelner, ca. zehn Meter langer Schrein stand.
Besondere Beachtung verdient auch die Tempelanlage von al-Musawwarat as-sufra. Hier finden sich diverse Tempelbauten innerhalb eines Komplexes, der aus diversen offenen Höfen und Einzäumungen besteht. Einzelne Teile waren reich mit Kolossalfiguren geschmückt, darunter befinden sich solche von Elefanten.
mini|hochkant|Römischer Kiosk (im Vordergrund) und Tempel
Der Römische Kiosk in Naqa verbindet nubische mit hellenistischen Stilmerkmalen.Römischer Kiosk Es ist ein kleiner, offener Bau, dessen Fassade von Säulen mit korinthischen Kapitellen gegliedert ist. Die Säulen sind durch Zwischenwände mit großen Fenstern verbunden. Einige der Fenster sind gewölbt.
Profane Architektur Es sind verschiedene Palastanlagen bekannt, doch sind sie meist schlecht erhalten oder nur zum Teil ergraben, so dass es Schwierigkeiten bereitet, sich ein wirkliches Bild von diesen zu machen. Beim Berg Barkal fand sich ein Palast des Natakamani. Er ist 63 m im Quadrat groß und steht auf einer 1,8 m hohen Plattform, auf die man über eine Treppe gelangte. Der am besten ergrabene Palast befindet sich in Wad ban Naqa und gehörte nach einer Inschrift der Amanischacheto. Der Bau ist quadratisch mit einer Seitenlänge von 61 m. Der Haupteingang lag im Süden, von dort kam man in einen Saal mit sechs Säulen und in einen weiteren Raum unbekannter Funktion. Der Rest des Untergeschosses besteht aus Magazinräumen. Die eigentlichen Wohnräume befanden sich dagegen im Obergeschoss und sind daher verloren. Es fanden sich architektonische Elemente und Inschriften, die von dort stammen müssen.
Ein sonst nicht bekannter Bautyp ist das sog. römische Bad in Meroe. Es handelt sich um einen Bau mit einem großen Wasserbecken in dessen Mitte. Das Bad war reich mit Skulpturen und Malereien im hellenistischen Stil ausgestattet. Die Funktion des Baues war lange umstritten. Es wurde vermutet, dass es sich um ein Wasserheiligtum handelt, neue Ausgrabungen belegen aber den römischen Charakter, und es mag sich tatsächlich um die Kopie eines römischen Bades gehandelt haben.
Freiplastik mini|links|hochkant=0.7|Kopf einer Sphinx des Taharqa mini|hochkant=0.7|Kopf einer Kolossalstatue des Aspelta mini|hochkant=0.7|Uschebti des Taharqa (um 675 v. Chr.) mini|hochkant=0.6|Doppelstatue einer meroitischen Königin (um 100 v. Chr.)
Auch die Freiplastik stand am Beginn nubischer Geschichte unter starkem ägyptischem Einfluss. Es sind aus der napatanischen Zeit vor allem Werke bekannt, die den König darstellen. Darunter befindet sich eine Reihe von Kolossalstatuen, die in verschiedenen Tempeln, vor allem in Unternubien, aufgestellt wurden. Der Herrscher steht und hat ein Bein vorgestellt. Die Hände liegen eng am Körper an. Das Gesicht ist nach vorne gewandt. Dies entspricht voll dem ägyptischen Kanon. Die Herrscher tragen meist eine enge Kappe auf dem Kopf und einen Doppeluräus. Dieser ist ganz typisch für die nubischen Herrscher. Seine Bedeutung ist bisher umstritten. Als typisch nubisch erscheint die kräftige Modellierung der Körperformen. Die Nase erscheint breiter und die Lippen voller als bei vergleichbaren ägyptischen Werken. Die Statuen sind oft aus hartem Stein gearbeitet, wobei sie gut poliert sind. Einige Flächen sind rau belassen. Hier waren einst wohl Vergoldungen, die Schmuck darstellten, angebracht.