mini|hochkant=1.1|Otto Gerstenberg als 75-Jähriger, 1923 Otto Gerstenberg (* 11. September 1848 in Pyritz; † 24. April 1935 in Berlin) war ein deutscher Manager in der Versicherungswirtschaft und Kunstsammler. Unter seiner Leitung stieg die Victoria-Versicherung zur führenden deutschen Lebensversicherungsgesellschaft auf. Zu seinen innovativen Leistungen in der Versicherungswirtschaft gehört die Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland. Gerstenberg besaß eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Teile dieser Sammlung befinden sich heute als Beutekunst in russischen Museen.
Leben und Wirken Frühen Jahre Über die Eltern von Otto Gerstenberg ist wenig bekannt. Sein Vater übte den Beruf eines Musikers oder Schuhmachers aus.„Musiker oder Schuhmacher“ in Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 153.„Schuhmacher“ in Er starb bereits im Jahr der Geburt Otto Gerstenbergs. Unklar ist, ob die mit 21 Jahren verwitwete Mutter noch einmal geheiratet hat.
Otto Gerstenberg besuchte in der Kreisstadt Pyritz (Hinterpommern) nach der Volksschule ein Gymnasium, das er 1865 mit dem Abitur abschloss. Neben guten Leistungen in Latein, Griechisch und Französisch stach besonders seine Begabung für Mathematik hervor.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 153. Anschließend studierte Gerstenberg in Berlin Mathematik und Philosophie.
„Victoria zu Berlin“ Gerstenberg begann seine berufliche Karriere 1873 als Versicherungsmathematiker bei der Allgemeinen Eisenbahn-Versicherungs-Gesellschaft. Das Unternehmen änderte zwei Jahre später den Namen in Victoria zu Berlin, Allgemeine Versicherungs-Actien-Gesellschaft (heute Victoria), weil der umgrenzte Geschäftszweck im bisherigen Namen der weiteren Expansion des Unternehmens zu eng erschien. Gerstenberg entwickelte neue Versicherungstarife und trug so zum Erfolg des Unternehmens bei. 1888 stieg er ins Direktorium der Versicherung auf und wurde 1901 zum Generaldirektor.
In der Nachfolge der Bismarckschen Sozialgesetzgebung entwickelte Gerstenberg die private Risikovorsorge für weite Bevölkerungsschichten weiter. Zu seinen innovativen Leistungen im deutschen Versicherungswesen gehörten die Entwicklung der „Lebens- und Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr“ und das „System der steigenden Dividende als besondere Form der Gewinnbeteiligung“. Besondere Beachtung fand zudem die 1889 von ihm entwickelte „Lebenslängliche Verkehrsmittel-Unglück-Versicherung mit einmaliger Prämienzahlung“.
Als wichtigste Leistung Gerstenbergs gilt die 1892 erfolgte Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland. Er sah vor allem die wachsende Zahl der Industriearbeiter im wirtschaftlich aufstrebenden Kaiserreich als neue Versicherungskunden. Ziel war es, eine Lebensversicherung für jedermann, ohne Rücksicht auf die soziale oder finanzielle Lage einzurichten. Nach Vorbild der britischen Prudential VersicherungLudwig Arps: Deutsche Versicherungsunternehmer. S. 136. führte Gerstenberg das System der wöchentlichen Versicherungsprämie analog zum damals üblichen Wochenlohn der Arbeiter ein. Das hierfür nötige Inkassogeschäft übernahmen ein versicherungseigenes Netz von Kassierern. Diese so genannten „Victoriaboten“Ludwig Arps: Deutsche Versicherungsunternehmer. S. 137. trugen Uniformen ähnlich der Postbriefträger und stellten die einzige Außenwerbung für die Volksversicherung dar.
Während Gerstenbergs Leitungstätigkeit stieg die Victoria zu Berlin zur führenden deutschen Lebensversicherungsgesellschaft auf. So hatte das Unternehmen 1913 einen Bestand von 3,93 Millionen Versicherungspolicen bei 806 Millionen Mark Versicherungssumme und einem jährlichen Neugeschäft von 432.000 Policen allein bei der Volksversicherung.Ludwig Arps: Deutsche Versicherungsunternehmer. S. 138. Darüber hinaus gründete Gerstenberg 1904 die Victoria Feuer-Versicherungs-AG mit den Bereichen Feuer, Einbruchsdiebstahl und Leitungswasserschäden als bedeutendes Tochterunternehmen.Ludwig Arps: Deutsche Versicherungsunternehmer. S. 139.
Gerstenberg führte als Unternehmer bemerkenswerte soziale Leistungen für die Angestellten der Victoria zu Berlin ein. Hierzu zählte ab 1903 der arbeitsfreie Samstagnachmittag (ab 12 Uhr) und wenig später die Einrichtung einer Werksküche. Beide Errungenschaften waren seinerzeit noch nicht branchenüblich. Auf der anderen Seite gehörte Gerstenberg zu den bestverdienenden Managern seiner Branche. So besaß er bis zu 15 % der Aktien der Victoria zu Berlin und konnte sich sein Jahresgehalt als Generaldirektor selbst festsetzen.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 154. Sein Jahresgehalt in Höhe von 800.000 Mark wurde 1914 sogar in einer Reichstagsdebatte als überhöht diskutiert.Sitzung vom 11. Februar 1914, Protokoll S. 7231, in: Ludwig Arps: Deutsche Versicherungsunternehmer. S. 143.
Mit 65 Jahren trat Otto Gerstenberg vom Posten des Generaldirektors zurück und übernahm den Vorsitz des Aufsichtsrats der Versicherung, den er bis kurz vor seinem Tod innehatte. In dieser Funktion war er nach dem Ersten Weltkrieg vor allem am Wiederaufbau des Auslandsgeschäfts beteiligt.
Familie und Freunde mini|hochkant|Otto Gerstenberg, Gemälde von Max Liebermann, 1919 mini|Grabstein 1884 heiratete Otto Gerstenberg die achtzehn Jahre jüngere Elise Wilhelmine Winzerling († 1926), Tochter eines Rittergutsbesitzers. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor. Die 1886 geborene Ada Josepha Elise starb bereits als Kind, während die 1889 geborene Margarethe ihre Eltern überlebte. Margarethe heiratete 1921 den Physiker Hans Georg Scharf und wurde Mutter zweier Söhne. Otto Gerstenbergs Enkel Dieter Scharf (1926–2001) und Walther Scharf führten später die Sammlertätigkeit ihres Großvaters fort.
Über Gerstenbergs Freundeskreis ist wenig bekannt. Belegt sind enge Kontakte zu den Malern Max Liebermann, Joseph Oppenheimer (1876–1966) und Max Slevogt, die Gerstenberg porträtierten. Zudem ist eine lange Beziehung zum Schweizer Sammler Oskar Reinhart nachweisbar. Über Liebermann wird der Kontakt zu Hugo von Tschudi, Carl und Felicie Bernstein und Eduard Arnhold vermutet.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 152, 165.
Villa Gerstenberg Die Familie Gerstenberg lebte zunächst an der Großbeerenstraße in Berlin-Kreuzberg und zog später in die Villenkolonie Berlin-Lichterfelde. Carl Vohl, einer der Architekten des Kriminalgerichts Moabit, entwarf in den Jahren 1904–1905 für Gerstenberg in der zu der Zeit neu angelegten Kolonie Dahlem (heute Berlin-Schmargendorf) eine Villa im neobarocken Stil. Das zwischen Bernadotte-, Hammerstein- und Miquelstraße gelegene Stadtpalais erhielt zwischen 1908 und 1910 zusätzlich einen eigenen Galerieflügel für die Kunstsammlung Otto Gerstenbergs.
Heute ist das Grundstück parzelliert und der ehemals parkartige Charakter nur teilweise erkennbar. Die Villa selbst wurde mehrere Jahre (1946–2013) als privates Park-Sanatorium Dahlem genutzt und befindet sich nicht mehr in Familieneigentum. Zu Beginn der 2020er Jahre wurde das Gebäude denkmalgerecht wieder zu einer Villa umgebaut.
Die Villa enthielt neben der Kunstsammlung von Otto Gerstenberg eine zum Teil aus kostbarem Kunsthandwerk bestehende Inneneinrichtung. Hierzu zählten beispielsweise japanische Arbeiten und Chinoiserien wie Teekannen, Kleinplastiken, Lackarbeiten und Vasen. Neben schweren deutschen Eichenmöbeln gab es Empire-Tische, -Stühle und Konsolen oder Barock- und Rokoko-Möbel aus der Zeit von Ludwig XIV. bis Ludwig XVI. sowie flämische Tapisserien.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 156 f.
Kunstsammlung Gerstenberg mini|hochkant|Francisco de Goya: Französische Strafe heute: Eremitage Sankt Petersburg Durch sein beträchtliches Vermögen war es Otto Gerstenberg möglich, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzubauen. Schwerpunkte der Sammlung waren grafische Arbeiten und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Vor allem seine Sammlung französischer impressionistischer Malerei galt zum Zeitpunkt der Erwerbung als umstritten und widersprach der durch die Berliner Kunstakademie und Kaiser Wilhelm II. geprägten offiziellen Kulturpolitik, die die französische Moderne als oberflächlich und in der Thematik bedeutungslos kritisierte.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 152 f. Gerstenberg kaufte nur wenige Werke bei Berliner Händlern, sondern erwarb die Kunstwerke fast ausschließlich bei Händlern oder auf Auktionen in Paris. Hierbei nutzte er auch die Pariser Handelsvertreter seiner Versicherung als Vermittler.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 155. Gerstenberg lieh gelegentlich Werke seiner Sammlung zu Ausstellungszwecken aus und öffnete auf Anfrage auch Studenten und Kunstinteressierten sein Haus.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 156.
Grafische Sammlung Gerstenberg begann seine Sammlertätigkeit in den 1890er Jahren mit niederländischer und deutscher Grafik des 15. und 17. Jahrhunderts. Hierzu zählten Künstler wie Albrecht Dürer, Martin Schongauer, Lucas van Leyden, Anthonis van Dyck, Salomon van Ruisdael, Jan Steen, Adriaen van Ostade und Rembrandt van Rijn. Hinzu kamen bald auch Grafiken von James McNeill Whistler, Félicien Rops, Otto Greiner, Jean-Baptiste Camille Corot, Jean-François Millet, Edgar Degas, Édouard Manet, Robert Dodd, Anders Zorn, Adolph von Menzel, Max Klinger, Wilhelm Leibl und Max Liebermann. Zudem gehörten Werke der japanischen Künstler Hokusai und Utamaro in diese Sammlung. Der Schwerpunkt der grafischen Sammlung lag bei Francisco de Goya, Honoré Daumier und Henri de Toulouse-Lautrec.Thomas W. Gaehtgens, Julietta Scharf: Die Sammlung Otto Gerstenberg in Berlin. S. 159.
Gemäldesammlung Gerstenberg startete seine Gemäldesammlung zunächst mit seinerzeit populären Werken der britischen Landschaftsmalerei des beginnenden 19. Jahrhunderts, wozu mehrere Gemälde von John Constable zählten. Hinzu kamen ein Porträt von Joshua Reynolds und bald auch mehrere Werke von El Greco und Francisco de Goya. Weitere Gemälde dieser ersten Sammelphase stammen von Salomon van Ruysdael, Meindert Hobbema, Jan van Goyen, Jan Steen und Adriaen van Ostade.
Bekannt wurde Gerstenbergs Gemäldesammlung vor allem durch die bedeutende Sammlung mit Werken französischer Malerei des 19. Jahrhunderts. Beginnend mit Eugène Delacroix und Théodore Géricault, gehörten in diese Sammlung weiterhin Gemälde der Schule von Barbizon von Charles-François Daubigny und Jean-Baptiste Camille Corot, sowie Werke des Realismus von Gustave Courbet und Honoré Daumier. Allein von Daumier besaß Gerstenberg mehr als 30 Gemälde (u. a. Le fardeau). Unter den zehn Gemälden von Courbet befanden sich Le réveil ou Venus et Psyché, Portrait de Marc Trapadoux und Portrait de Henry Rochefort.