mini|hochkant|Hugo Stinnes, um 1900 Hugo Adolf Eugen Victor Stinnes (* 12. Februar 1870 in Mülheim an der Ruhr; † 10. April 1924 in Berlin) war ein deutscher Industrieller und Politiker.

Der von ihm ab 1893 und insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg geschaffene Montan-, Industrie-, Handels- und Medienkonzern gehörte zu den größten unternehmerischen Konglomeraten Deutschlands. Zu Beginn der Weimarer Republik zählte Stinnes zu den einflussreichsten Persönlichkeiten im Deutschen Reich. Von Arbeitgeberseite war er wesentlich an der Einigung mit der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt (Stinnes-Legien-Abkommen). Da er von der Nachkriegsinflation durch die aggressive Fremdfinanzierung seiner Unternehmen stark profitierte, ist er auch als Inflationskönig in Erinnerung.

Familie mini|Hugo Stinnes im Alter von 10 Monaten

Stinnes wurde als zweiter Sohn von Hermann Hugo Stinnes (1842–1887) und Adeline Stinnes (1844–1925, geborene Coupienne) in eine reiche Mülheimer Unternehmerfamilie geboren, die bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Handel und im Bergbau tätig war. Die Familie Stinnes gehörte spätestens seit der erfolgreichen Unternehmensgründung von Hugo Stinnes’ Großvater Mathias Stinnes, der 1808 mit dem Transport von Kohle und anderen Gütern auf dem Rhein zwischen Köln und Amsterdam begonnen hatte, zu den angesehenen und wohlhabenden Familien in Mülheim. Bereits 1839 begann die Familie, in Bergbaubeteiligungen zu investieren. Die Handelsaktivitäten der Familie waren in der Mathias Stinnes KG gebündelt; die Bergbaubeteiligungen umfassten die Kuxmehrheiten an den Bergwerken Victoria Mathias, Graf Beust, Friedrich Ernestine, Carolus Magnus und Mathias Stinnes.

Hugo Stinnes war seit 1895 mit Cläre Stinnes verheiratet. Sie hatten sieben Kinder: Edmund (1896–1980), Hugo Hermann (1897–1982), Clärenore (1901–1990), Otto (1903–1983), Hilde (1904–1975), Ernst (1911–1986) und Else (1913–1997).

Unternehmerische Laufbahn Nach Lehraufenthalten im Koblenzer Handelsunternehmen Carl Spaeter und in der Mülheimer Zeche Wiesche studierte Stinnes an der Königlichen Bergakademie in Berlin Bergbau sowie Chemie und trat 1890 als Prokurist in das Familienunternehmen Mathias Stinnes KG ein.

Hugo Stinnes GmbH

Mit 23 Jahren zerstritt sich Stinnes mit dem Geschäftsführer der Mathias Stinnes KG, seinem Vetter Gerhard Küchen, dem er Unfähigkeit und eine Neigung zum Alkohol vorwarf. Stinnes machte sich selbstständig; dabei unterstützten ihn seine Mutter und andere Familienangehörige finanziell. Seine Mutter verkaufte dazu ihren Anteil an der Mathias Stinnes KG. Stinnes gründete ein Einzelunternehmen; dieses wurde 1903 in die Hugo Stinnes GmbH umgewandelt. Er begann, unabhängig vom Familienunternehmen, seinen eigenen internationalen Handelskonzern aufzubauen, der den bisherigen Familienbesitz bei weitem übertraf. Stinnes erwarb die familieneigene Zeche Mathias Stinnes und die Straßburger Kohlen-Aufbereitungsanstalt GmbH und baute daraus einen Kohlenhandel mit Süddeutschland und der Schweiz auf. Dieses Handelsgeschäft erweiterte er mit einer Reederei, die schnell wuchs. Die Hugo Stinnes GmbH expandierte und eröffnete Niederlassungen in ganz Europa und Übersee. Stinnes forcierte neben dem weltweiten Kohlenhandel und dem Im- und Export von Eisen- und Stahlprodukten insbesondere den Handel mit Neben- und Vorprodukten der Schwerindustrie. So war das Unternehmen auch bedeutender Importeur von schwedischem Eisenerz und von Holz aus Russland und dem Baltikum für die Bergwerks-Industrie.

Vertikale Integration der Schwerindustrie Stinnes zeigte sich als erfolgreicher Organisator von vertikalen Verflechtungen in Handel und Schwerindustrie und war in der Folge an der Gründung zahlreicher Großkonzerne im Rheinland und im Ruhrgebiet beteiligt, wo er insbesondere die Bildung großer und effizienter Einheiten anstrebte. Im Gegensatz zu Trusts angelsächsischer Prägung – beispielsweise der Standard Oil Company – versuchte Stinnes stets, Synergieeffekte durch vertikale Integration der schwerindustriellen Produktionsstufen zu erreichen. Er arbeitete oft mit August Thyssen zusammen und unterhielt zur Deckung des enormen Kapitalbedarfs seines rasch wachsenden Konzerns Beziehungen zu zahlreichen Bankiers wie Waldemar Mueller (Dresdner Bank), Carl Klönne (Schaaffhausen / Deutsche Bank) und Bernhard Dernburg (Darmstädter Bank für Handel und Industrie).

Neben der Hugo Stinnes GmbH waren die Schwerpunkte seiner unternehmerischen Aktivität die Gründung und der Ausbau der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE), des Mülheimer Bergwerks-Vereins (MBV) sowie der Aufstieg der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten AG (Deutsch-Luxemburg). Daneben war er maßgeblich an Unternehmen wie der Saar- und Mosel-Bergwerks-Gesellschaft (Saar-Mosel) und der HAPAG beteiligt.

Insbesondere im Energie- und Verkehrsbereich war Stinnes ein Verfechter von gemischtwirtschaftlichen Ansätzen, mit denen er privates Unternehmertum und damit effiziente Steuerung mit hoheitlichen Aufgaben und nationalen Interessen kombinieren wollte. Hierdurch wurde er zu einem Hauptinitiator der Elektrifizierung des deutschen Westens, des Ausbaus des west- und süddeutschen öffentlichen Nahverkehrs, der Konsolidierung der europäischen Schwerindustrie, der Schaffung effizienterer weltweiter Vertriebswege für deutsche Kohle sowie der wirtschaftlichen Nutzung von Gas zur Energieerzeugung.

Im Juni 1923 begann Stinnes nach Übernahme der A. Riebeck’schen Montanwerke um die daraus gebildete Hugo Stinnes-Riebeck Montan- und Oelwerke AG als Kern einen vertikal integrierten Mineralölkonzern zu bilden. Die Ölbasis des Bergwerksbesitzes im Bereich Halle (Saale) sowie Weißenfels-Zeitz und die Erdölkonzessionen in Argentinien wurde durch die Mehrheit der Kuxe der Bergrechtlichen Gewerkschaft Concordia bei Nachterstedt sowie 931 der 1.000 Kuxe der Gewerkschaft Messel auf Grube Messel gestärkt. Hinzu kamen die AG für Petroleumindustrie (Api) in Berlin, die Raffinerie Erdölwerke Dollbergen sowie als Vertriebsorganisation die Oleawerke AG für Mineralöl-Industrie, aus der später die Deutsche Gasolin wurde.Rainer Karlsch, Raymond G. Stokes: „Faktor Öl“. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland. 1859–1974. C. H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50276-8, S. 139.

Mülheimer Bergwerks-Verein mini|Aktie des Mülheimer Bergwerks-Verein von 31. Oktober 1898, mit Faksimile-Unterschrift von Aufsichtsrat Hugo Stinnes

Nach der Gründung des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikates 1893 erkannte Stinnes die Chance der Förderausweitung durch eigene Absatzkanäle, da das Kartell über Förderquoten die Preise künstlich hoch hielt. Gleichzeitig konnten durch vertikale Integration größere Produktionseinheiten und durch Modernisierung und Ausbau der Nutzung von Nebenprodukten Synergieeffekte realisiert werden. Hierzu begann er erstmals Zechenerwerbe und Modernisierung der erworbenen Anlagen in großem Stil fremdzufinanzieren. 1895 erwarb er mit Krediten der Essener Credit-Anstalt die Zechen Graf Beust und Carolus Magnus. Gemeinsam mit August Thyssen und dem Bankier Leo Hanau von der Rheinischen Bank erwarb er 1897 die Zeche Wiesche. Anschließend fassten die gleichen Beteiligten 1898 mehrere, meist wenig effizient arbeitende Zechen rund um Mülheim an der Ruhr, darunter auch Wiesche, zum MBV zusammen, der so zu einem der größten deutschen Zechenunternehmen wurde und durch den physischen Zusammenschluss mehrerer Zechen erhebliche Synergieeffekte realisieren konnte. Von 1898 bis zu seinem Tod fungierte Stinnes als Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke mini|RWE-Aktie von 1910 mit der Unterschrift Stinnes’ als Aufsichtsratsvorsitzender

Die 1898 gegründete Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG errichteten ihr erstes Elektrizitätswerk auf dem Gelände der Stinnes-Zeche Victoria Mathias. Stinnes war seit Gründung Mitglied des Aufsichtsrats. 1902 erwarb Stinnes zusammen mit August Thyssen und einem Bankenkonsortium unter Beteiligung der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Disconto-Gesellschaft während der sog. Energiekrise die Mehrheit am RWE. Von 1903 bis zu seinem Tod fungierte Stinnes als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Auf Betreiben von Stinnes begann das RWE unter der Vorstandschaft seines Vertrauten Bernhard Goldenberg eine aggressive Expansion durch den Abschluss von exklusiven Energieversorgungsverträgen mit Kommunen und Landkreisen im Rheinland und in Westfalen sowie durch die Übernahme von Nahverkehrs- und Eisenbahnunternehmen wie der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft AG (SEG), die Straßenbahnen und Nebenbahnen in Mittel-, West- und Süddeutschland betrieb. Hierdurch wurde die Elektrifizierung in Deutschland wesentlich beschleunigt. Zur Finanzierung des Wachstums sowie zur Erlangung der notwendigen Konzessionen und Genehmigungen wurde das RWE als gemischtwirtschaftliches Unternehmen mit privaten und kommunalen bzw. staatlichen Anteilseignern organisiert. Vor allem der Einfluss Stinnes’ auf die Energieversorgung wurde von Behördenseite oft kritisch gesehen. So war die Gründung der VEW ursprünglich eine Abwehrmaßnahme besorgter Landräte und Wettbewerber gegen die rasche Ausbreitung des RWE.

Stinnes verfolgte die Vision eines sich über ganz Deutschland erstreckenden Stromversorgungsverbundes um die deutsche Wirtschaftsproduktion zu verbilligen, als entscheidendes Mittel im Konkurrenzkampf gegen England und vor allem die USA.Feldman: Hugo Stinnes. S. 238 f.

Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG

Ab 1901 bauten Stinnes und Bernhard Dernburg aus mehreren defizitären Bergwerken im Ruhrgebiet und Hütten in Differdingen (Luxemburg) die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG (nachfolgend „DL“ genannt), einen der größten vertikal integrierten deutschen Montankonzerne auf. Noch stärker als das RWE oder der MBV war die „DL“ ein Paradebeispiel für Stinnes’ Wachstumsstrategie. Obwohl das Unternehmen stets sehr schwach kapitalisiert war, expandierte die „DL“ durch ständige Akquisitionen, um sich entweder den Zugriff auf Vorprodukte zu sichern oder selbst Kapazitäten der nachfolgenden verarbeitenden Produktionsstufen aufzubauen. Die „DL“ ist gleichzeitig ein Beispiel für die kreative Nutzung bzw. Umgehung der Kartellabsprachen des RWKS, in dem Hüttenzechen – also integrierte Bergbau- und Stahlwerke – ihre Kohlenfördermengen zu einem unterhalb des Kartellpreises liegenden Eigenbedarf selbst verwerten konnten, während die Großkunden zum Verkaufspreis beziehen mussten. Neben dem gesicherten Absatz der Bergwerke konnten die stahlverarbeitenden Konzernteile dadurch Kostenvorteile realisieren. Die größten Akquisitionen des Konzerns waren die Dortmunder Louise Tiefbau AG (1908), die Dortmunder Union (1910), die ursprünglich von Stinnes und August Thyssen aufgebaute Saar-Mosel (1910/1916) sowie die Nordseewerke.

1920 wurde das Unternehmen zusammen mit dem Bochumer Verein und der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) zur Interessengemeinschaft Rhein-Elbe-Union AG zusammengefasst. Diese wurde ebenfalls noch 1920 unter Beteiligung der Siemens-Unternehmen zur Interessengemeinschaft Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union mit Sitz in Düsseldorf erweitert.

Stinnes war von 1906 bis zu seinem Tod Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG.

Weitere wesentliche Mandate Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG: Mitglied des Aufsichtsrats Rheinisch-Westfälisches Kohlen-Syndikat: Mitglied des Aufsichtsrats Saar-Mosel: Aufsichtsrat 1900–1919, Vorsitzender des Aufsichtsrats 1916–1919 Rheinische Bank: stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats 1902–1915 GBAG: Mitglied des Aufsichtsrats 1904–1924 Phönix: Mitglied des Aufsichtsrats 1907/1908 Süddeutsche Eisenbahn-Gesellschaft (SEG): Vorsitzender des Aufsichtsrats 1909–1924 Bochumer Verein: Vorsitzender des Aufsichtsrats 1920–1924 Österreichisch-Alpine Montangesellschaft: Hauptaktionär 1921–1924