mini|hochkant|Gernot Böhme (undatiert) Gernot Böhme (* 3. Januar 1937 in Dessau; † 20. Januar 2022Svenja Flaßpöhler: Nachruf: Zum Tod des Philosophen Gernot Böhme, Philosophie Magazin, 22. Januar 2022.) war ein deutscher Philosoph.

Böhme war Professor für Philosophie an der TU Darmstadt und trat vor allem mit seinen Arbeiten zur Ästhetik, Natur-, Leib- und Technikphilosophie sowie mit seiner Auffassung von praktischer Philosophie als Kompetenz zur Lebensbewältigung hervor. Mit zahlreichen Veröffentlichungen zu Platon, Immanuel Kant und Johann Wolfgang Goethe sowie mit Interviews und Beiträgen für Zeitungen und Magazine wurde er auch über die Fachkreise hinaus bekannt. Böhme plädierte dafür, unter den Bedingungen der technischen Zivilisation die Humanität und die Natur zu bewahren und insbesondere auch die Leiblichkeit des Menschen zu achten.

Leben und Wirken Gernot Böhme – der Literatur- und Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme ist sein jüngerer Bruder – studierte Mathematik, Physik und Philosophie an der Universität Göttingen und der Universität Hamburg. 1966 wurde Böhme in Hamburg mit einer Arbeit Über die Zeitmodi promoviert.Über die Zeitmodi. Eine Untersuchung über das Verstehen von Zeit als Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft mit besonderer Berücksichtigung der Beziehung zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik, Hamburg 1966. Den Übergang von der Naturwissenschaft zur Philosophie verdankte er seinem Mentor Carl Friedrich von Weizsäcker, mit dem er in Hamburg und später in Starnberg eng zusammenarbeitete. Mit diesem teilte er das Interesse an Platon und Kant sowie die Skepsis gegenüber der Sekundärliteratur und die Grundauffassung, dass man einen Philosophen erst dann verstehen kann, wenn man dessen Wahrheitsanspruch erfasst.Carl Friedrich von Weizsäcker – Produktiv irren: Interview mit Gernot Böhme, Sommersemester 2007 des ZNF-Kolloquiums Naturwissenschaft und Friedensforschung Von 1965 bis 1969 war er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Hamburg bei Weizsäcker und später an der Universität Heidelberg bei Georg Picht, einem Vetter Weizsäckers. Zwischen 1970 und 1977 folgte eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. 1973 habilitierte sich Böhme mit einer Schrift über die Zeittheorie bei Platon, Aristoteles, Leibniz und Kant an der Philosophischen Fakultät der Universität München.Zeit und Zahl. Klostermann, Frankfurt am Main 1974.

1977 wurde Böhme Professor für Philosophie an der TU Darmstadt. Er übernahm zahlreiche internationale Gastprofessuren. Zu seinen Forschungsgebieten gehörten die Klassische Philosophie, insbesondere Platon und Kant, Wissenschaftsforschung, Theorie der Zeit, Naturphilosophie, Ästhetik, Ethik, technische Zivilisation, Philosophische Anthropologie und Goethe. Böhmes Forschungen zur Philosophie Platons zielten vor allem darauf ab, die jüngere philologische Platonforschung mit der Wissenschaftsgeschichte zusammenzuführen. Daraus erwuchs eine systematische Darstellung von Platons theoretischer Philosophie.Gernot Böhme: Platons theoretische Philosophie. WBG, Darmstadt 2004. Sie legt zugleich dar, wie aus Diskussionen der platonischen Akademie die aristotelischen Kategorien entstanden sind. Böhmes Einführung in die Philosophie erschien in mehreren Auflagen im Suhrkamp Verlag.Einführung in die Philosophie. Weltweisheit-Lebensform-Wissenschaft. 4. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001. Sein Werk Ethik im Kontext wurde auch ins Englische übersetzt.Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998; engl. Ethics in Context. Polity Press, Cambridge 2001. Böhme war von 1997 bis 2001 Sprecher des Graduiertenkollegs Technisierung und Gesellschaft. Außerdem war er zeitweise Mitglied im Forschungsprojekt Wirtschaftskultur durch Kunst der Universität Witten/Herdecke. Seine Emeritierung erfolgte 2002. Ab 2005 war er Direktor des privaten Instituts für Praxis der Philosophie e. V. (IPPh) in Darmstadt.

Gernot Böhme starb im Januar 2022 im Alter von 85 Jahren. Seine Ehefrau Farideh Akashe-Böhme war 2008 gestorben.

Lehre

Klassische Philosophie und Ethik Praxis der Philosophie bedeutete für Gernot Böhme, dass Lebensfragen formuliert werden müssen und eine Lebenskunst ausgearbeitet wird, die zugleich mit der Arbeit an sich selbst verbunden ist. In der Moderne verweigert sich die Fachwissenschaft Philosophie dieser Tradition. Philosophie ist aber nicht nur eine Wissenschaft, wie sie an der Universität betrieben wird. Sie ist zugleich Weltweisheit und Lebensform. Bei der Philosophie als Lebensform geht es darum, in Anknüpfung an Sokrates und die Antike sich selbst gleichsam als Mensch auszubilden. Die Philosophie als Weltweisheit stützt sich auf Kant, der sie als diejenige Philosophie bestimmt hat, die sich mit dem beschäftigt, was jedermann interessiert. Dabei handelt es sich heute insbesondere um die gesellschaftlich bedeutenden Fragen.Vgl. dazu das Interview mit Böhme, in: Information Philosophie. 5 (1999), S. 22 ff. Sokrates als Typ steht für einen anthropologischen Zustand, der sich durch Bewusstheit auszeichnet. Dies beinhaltet die Sensibilität für das Nichtselbst (Daimonion) des eigenen Daseins. Die Sorge für das eigene Selbst führt dabei nicht dazu, dass das Andere seiner selbst geleugnet würde. Für den Umgang mit den irrationalen Komponenten des Selbst sind Formen zu entwickeln, die sie beherrschbar, notwendig und nützlich erscheinen lassen.Vgl. Gernot Böhme: Der Typ Sokrates. Frankfurt am Main 1992, S. 163 f. In der Kantforschung trat Gernot Böhme durch das gemeinsam mit seinem Bruder Hartmut Böhme publizierte Buch Das Andere der Vernunft hervor. Damit präsentierte er eine psychoanalytisch beeinflusste kritische Sicht der Moderne. Die Kantische Erkenntnistheorie erweist sich nach Böhme als Theorie einer entfremdeten Erkenntnis, das Ideal des autonomen Vernunftmenschen als teuer erkaufte Selbstbeherrschungsstrategie. Demgegenüber setzte sich Böhme für das „Andere der Vernunft“ ein, insbesondere also für die Natur, den menschlichen Leib, die Phantasie, das Begehren und die Gefühle.Gernot und Hartmut Böhme: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. 5. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, S. 13. Im Anschluss daran hat Böhme eine Neuinterpretation der Kritik der UrteilskraftGernot Böhme: Kants Kritik der Urteilskraft in neuer Sicht, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999. – das Schöne als Atmosphäre – und eine Rekonstruktion der metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft vorgelegt.Gernot Böhme: Philosophieren mit Kant. Zur Rekonstruktion der Kantischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002; koreanische Übersetzung 1992. Böhme kritisierte das Kantische Konzept der Menschwerdung durch Erziehung.Gernot Böhme: Disziplinierung, Zivilisierung, Moralisierung – Selbstkultivierung nach Kant. In: NCCU Philosophical Journal. Band 13, 2005, S. 17–62.

Ästhetik als Aisthetik Gernot Böhme bemühte sich darum, die philosophische Ästhetik thematisch zu erweitern. Er konzipierte Ästhetik als Aisthetik, also als allgemeine Wahrnehmungslehre. Hierbei bezog er sich zentral auf die Arbeiten des Philosophen Hermann Schmitz, welcher bereits in den 1970er Jahren eine ausführliche Theorie der Wahrnehmung vorgelegt hatte, dessen Werk jedoch weitgehend unbeachtet blieb. Von diesem übernahm Böhme in den 1990er Jahren den Begriff der Atmosphäre sowie zahlreiche phänomenologische Beobachtungen und übertrug dessen Neue Phänomenologie in eine Neue Ästhetik. Im Zentrum der Betrachtung sollen nun Design, Natur und Kunst stehen. Ästhetik hat nicht nur die Aufgabe, moderne Kunst zu vermitteln. Eine ausschließlich intellektualistische Interpretation von Kunstobjekten wird abgelehnt. Sie hat sich auch mit dem neuen Verhältnis zu der zunehmend vom Menschen gestalteten Natur zu befassen. Eine besondere Rolle spielen für die Ästhetik die Stimmungen und Affekte. Atmosphären sind für Böhme die erste und entscheidende Wirklichkeit für die Ästhetik. Dabei handelt es sich um räumliche Träger von Stimmungen. Sie bilden die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen. Böhme verstand die Wahrnehmung als Modalität leiblicher Anwesenheit. Dabei betonte er dann die gefühlsmäßige Komponente. So wie Schmitz bereits Wahrnehmung als „eigenleibliches Spüren“ definiert hatte, ist auch für Böhme die Wahrnehmung ein Spüren von Anwesenheit bzw. das Spüren einer gewissen Atmosphäre. Die Atmosphäre gehört weder zum Objekt noch zum Subjekt, sondern ist eine Ko-Präsenz diesseits der Subjekt-Objekt-Spaltung. Erst später differenziert sich die Atmosphäre in einem Ich- und Gegenstands-Pol der Relation aus und verfestigt sich in der dualen Subjekt-Objekt-Struktur.

Die Atmosphäre ist auf eine unbestimmte Art in den Raum ergossen. Der Atmosphäre kann nur nachgegangen werden, indem sie erfahren wird. Man muss sich ihr aussetzen und affektiv von ihr betroffen sein. So kann beispielsweise in einem Raum eine gewisse heitere oder eine bedrückende Stimmung herrschen. Dabei handelt es sich nicht um eine subjektive Stimmung. Diese Atmosphäre wird als quasi objektiv äußerlich erlebt. Es wird ein gemeinsamer Zustand des Ichs und seiner Umwelt bezeichnet. Die Phänomene des Atmosphärischen werden als freischwebende Qualitäten, wie Kräfte im leiblich-emotionalen Sinn oder als halb personifizierte Naturmächte erlebt. Böhme unterscheidet verschiedene Charaktere von Atmosphären. Zu den gesellschaftlichen Charakteren zählt er Reichtum, Macht oder Eleganz. Wärme, Kälte und Helligkeit gehören zu den Synästhesien. Kommunikative Charaktere sind zum Beispiel gespannt, ruhig oder friedlich. Bewegungsanmutungen können drückend, erhebend und bewegend sein. Es gibt auch noch Stimmungen im engeren Sinne wie beispielsweise die Szenen des Englischen Gartens. In der Wahrnehmung spürt das Ich nicht nur die Anwesenheit von etwas, sondern es spürt es leiblich und spürt sich dabei auch selbst. Die Dinge entstehen aus dem atmosphärischen Spüren durch Prozesse der Abwehr, Differenzierung und Verengung. Sie werden als dynamisch wahrgenommen, weil sie Atmosphären und damit unsere Befindlichkeit erzeugen. Die Dinge sind durch ihre räumlich feste Lokalität, durch Körperlichkeit, Identität und durch die Verdichtung als die in einem endlichen Raum konzentrierte Potenz des atmosphärisch gespürten Charakters gekennzeichnet. Erst die Wahrnehmung der Dinge konstituiert die duale Subjekt-Objekt-Beziehung. Dabei werden sie als etwas Faktisches und Objektives außerhalb des Subjekts erfahren.Gernot Böhme: Aisthetik. München 2001, insbes. S. 103 und S. 166 ff.

Anthropologie und Leibphilosophie