mini|St. Stephanus in Magdeburg-Westerhüsen (Turm) mini|Gewölbe unter dem Turm mini|Fenster an der Nordseite des Turmuntergeschosses mini|Kirchhofmauer zur Elbe mit der Ausbuchtung Die Sankt-Stephanus-Kirche ist eine evangelische Kirche im Magdeburger Stadtteil Westerhüsen mit einer bis in die Zeit der Romanik zurückreichenden Bau- und Gemeindegeschichte. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg ist heute im Wesentlichen nur der Kirchturm erhalten. Sie dient jedoch auch weiterhin der Kirchengemeinde Sankt Stephanus als Sommerkirche, die bei ungünstiger Witterung den auf dem Gelände gelegenen Gemeindesaal nutzt. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchspiel Magdeburg-Südost der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Sie liegt im alten Ortskern des ehemaligen Dorfes Westerhüsen in unmittelbarer Nähe zur Elbe, über die sie sich auf einer Anhöhe am linken Elbufer erhebt.

Architektur Der erhalten gebliebene Westquerturm verfügt über eine achtkantige barocke zwiebelförmige Haube und rundbogige Schallöffnungen. Bis zum Gesims beträgt die Höhe des Turms 13,5 Meter, bis zum Stern auf der Wetterfahne 28 Meter.Unser Kirchturm II in Gemeindeblatt Magdeburg-Westerhüsen, 12. Jahrgang, Nr. 7, Juli 1935 Das Erdgeschoss des Turms wird von einer Halle mit spitzem Tonnengewölbe eingenommen, die aus dem 13. Jahrhundert stammen dürfte. mini|hochkant|links|Sandsteinrelief aus dem 15. Jahrhundert mini|hochkant|links|Romanischer Taufstein Im Inneren des Turms befindet sich ein aus dem 15. Jahrhundert stammendes, eine Kreuzigungsszene darstellendes Sandsteinrelief. Über Christus sind Sonne und Mond abgebildet. Neben der knienden Figur des Stifters befinden sich mehrere Heilige, darunter auch der Heilige Stephanus. Das Relief befand sich ursprünglich, auch nach Umbauten des Jahres 1713 an der der Elbe zugewandten Außenseite des Schiffs. Das in der Mittelachse befestigte Relief wurde von vorbeifahrenden Schiffern und Treidlern gegrüßt. 1940 wurde es in den Turmraum umgesetzt, wo es die Zerstörung des Kirchenschiffs überstand.

Im Gewölbe des Turms steht ein allerdings beschädigter romanischer Taufstein. Dieser dürfte aus der Zeit nach 1200 stammen und zeigt sehr altertümliche Ornamente. Die Außenfläche ist mit zwei Reihen tief eingearbeiteter, rechteckiger, nach oben mit einem Rundbogen abschließender Felder verziert. Obere und untere Reihe sind versetzt zueinander angebracht. Der äußere Durchmesser beträgt 92 cm, der innere Durchmesser 76 cm. Die äußere Höhe beträgt 60 cm, im Inneren misst er 44 cm. Sein ursprünglicher Fuß ist nicht erhalten. Der Innenraum des Steins stellt eine verhältnismäßig große Halbkugel dar, die ausreichend Wasser fasst, um ein Kind bei der Taufe vollständig unterzutauchen.Heinrich Hosse, Der Taufstein in der Kirche zu Westerhüsen, Gemeindeblatt Magdeburg-Westerhüsen, 10. Jahrgang, Nr. 3, März 1933 Bis 1713 dürfte er im Turmgewölbe gestanden haben, danach diente er in der Ecke zwischen Turm und Vorhalle zum Auffangen von Regenwasser.Großhennig, Ortschronik Westerhüsen, Seite 12 1912 wurde er von Pfarrer Gerhard Wangemann in dieser Ecke entdeckt und auf seine Veranlassung hin ausgegraben. Der von Wurzeln gespaltene Stein wurde wieder zusammengefügt und zunächst in der Vorhalle auf einem Backsteinsockel aufgestellt. Dort wurde er bei der Zerstörung der Kirche beschädigt.

Vorhanden ist auch die 550 kg schwere bronzene Christkönigsglocke aus dem Jahr 1523. Laut ihrer Inschrift clawes backmester von magde borch wurde sie vom Magdeburger Glockengießer Claus Backmester gegossen.

Das Gelände der Kirche ist heute in Teilen als Garten gestaltet. Die Kirche gehört zu den Offenen Kirchen, so dass das Gelände regelmäßig zugänglich ist. Bemerkenswert ist die massive östliche Kirchhofmauer, die als Futtermauer das mehrere Meter oberhalb der Elbe liegende Gebiet des Kirchhofs gegen die tiefer liegenden und auch regelmäßig überschwemmten Bereiche am Fluss abschirmt. Die Kirchhofmauer zeigt eine Ausbuchtung die parallel zur ursprünglich einmal bestehenden Apsis verlief. Während die Apsis jedoch seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr vorhanden ist, hat sich die Ausbuchtung erhalten. An den Resten der östlichen Mauer der Vorhalle ist ein an den von 1875 bis 1886 an der Kirche tätigen Pfarrer August Matthisson erinnerndes Kreuz angebracht.

Geschichte Die Kirche wurde möglicherweise bereits zum Ende des 8. Jahrhunderts gegründet, ein genauer Zeitpunkt der Grundsteinlegung ist jedoch unbekannt. Es werden Vermutungen angestellt, wonach die Gründung der Kirche auf Bischof Hildegrim zurückgeht, der in der Region zu dieser Zeit ungefähr 30 Kirchen begründet haben soll, die er jeweils dem Heiligen Stephanus weihte.Hans-Joachim Krenzke, Kirchen und Klöster zu Magdeburg, S. 141.

Zunächst wurde eine Holzkirche errichtet, die dann zu Beginn des 13. Jahrhunderts durch einen Bau aus Stein ersetzt wurde. Der heute noch erhaltene westlich des Kirchenschiffs gelegene rechteckige aus Bruchsteinen errichtete Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert.Heinz Gerling, Denkmale der Stadt Magdeburg, S. 75. Bedeckt war er von einem einfachen Satteldach. Die Mauern des Turms waren etwa zwei Meter niedriger als heute. Das rechteckige Kirchenschiff war zunächst nur genauso breit wie der Turm, wobei der Innenraum etwas breiter war als der Raum im Turm. Auch die Höhe des Schiffs war verhältnismäßig gering und nicht viel höher als der Turmraum. Man konnte vom Dachboden des Kirchenschiffs durch die noch heute vorhandene Türöffnung oberhalb des Turmgewölbes in den Kirchturm gelangen. Die Fenster des Kirchenschiffs waren als kleine Rundbögen gestaltet. Noch schmaler und kleiner war der sich östlich an das Schiff anschließende quadratische Chor. An den Chor schloss sich eine halbrunde Apsis an.

Umbau um 1500 Etwa um 1500 begannen Umbauarbeiten. Durch eine vergrößerte Bevölkerungszahl bestand das Bedürfnis und auch die wirtschaftliche Kraft die Kirche zu erweitern. Chor und Apsis wurden entfernt und die Mauern des Kirchenschiffs nach Osten verlängert. Der Abschluss erfolgte durch eine halbkreisförmige Mauer. Im Inneren entstand ein mit bunten Farben und mit Gold geschmückter gotischer Altarschrein. Der Schrein verfügte über ein geschnitztes oder gemaltes Bild im mittleren Teil. Die Flügel links und rechts waren mit vier oder sechs Figuren verziert, die in zwei Gruppen übereinander angeordnet waren. Von diesem früheren Altarschrein wurde Ende 1929 bei der Aufnahme der Dielung auf dem Kirchenboden eine 43 cm hohe, geschnitzte Figur der Heiligen Magdalene wiedergefunden. Die Figur wurde vor dem Kanzelkorb aufgehängt. Auf dem Altar befanden sich zwei bischöfliche Weihekreuze. Zudem gab es ein Sepulcrum, ein viereckiges Loch für Reliquien. Bei dem Umbau war auch eine Sakristei angebaut worden.

Auch aus der Zeit um 1500 stammten zwei Sandsteinfiguren. Eine trauernde Maria und ein Schmerzensmann samt Stifterfigur waren an der Außenwand der Vorhalle in Nischen angebracht. Die beiden allerdings im 20. Jahrhundert bereits kopflosen Figuren befanden sich ursprünglich möglicherweise über der südlichen Eingangstür zur Kirche.

mini|hochkant|Blick aus dem ehemaligen Kirchenschiff zum Turm Während der Belagerung Magdeburgs im Schmalkaldischen Krieg in den Jahren 1550/51 wurden die vier in der Kirche befindlichen Glocken entfernt und abtransportiert. Den Westerhüsern gelang es kurze Zeit später den Verbleib der Christkönigsglocke ausfindig zu machen und die Glocke zurückzukaufen.

Einführung der Reformation Nachdem im nahen Magdeburg bereits 1524 die Reformation eingeführt worden war, erfolgte dies in Westerhüsen erst 1553. Die Westerhüser wandten sich in diesem Jahr mit einem Schreiben an die Universität Wittenberg und baten um die Entsendung eines Pfarrers der neuen Lehre, da sonst die Kirche veröden würde. Als erster evangelischer Pfarrer kam etwa 1553 der damals erst 23-jährige Johannes Kickenap an die Sankt-Stephanus-Kirche. Anlässlich einer Visitation am 18. April 1564 wird er als „wohlgelehrt, zu lehren tüchtig und wohlgeschickt“ bezeichnet. Zugleich wurde auf einen ihn betreffenden „schweren Fall“, der sich „vor Jahren … mit ihm zugetragen“ hatte, hingewiesen. Die Kommission entschied jedoch, dass er trotzdem weiter in Westerhüsen tätig bleiben darf.Allerlei aus elf Jahrhunderten in Westerhüser Gemeindeblätter, vermutlich 1942 Für seine eigenen Einkünfte hatte ein Westerhüser Pfarrer 3,5 Hufe und somit 105 Morgen Acker zur Verfügung. Dies blieb so bis zur 1860 durchgeführten Separation. Auch dem Küster war Land zugeteilt. Kickenap bewirtschaftete davon eine Hufe selbst, die anderen Flächen waren verpachtet. Hinzu kamen die Entgelte für kirchliche Handlungen und eine 15 Schock Heu, etwa sechs Morgen, umfassende als Grasewiesche bezeichnete Weide. Merkwürdigerweise stand dem Westerhüser Pfarrer auch ein Fleischzehnt vom nicht sonderlich nahe gelegenen Dorf Zens zu. Möglicherweise ging dieses Recht auf eine Zeit zurück, in der die Westerhüser Kirche vielleicht als Missionskirche für ein größeres Gebiet diente. Die Zenser hatten danach sechs Lämmer, acht Gänse, 13 Rauchhühner und einen Kornzehnt von vier Gulden zu zahlen. Erst am 23. September 1837 verweigerten die Zenser die weitere Entrichtung dieser einen Wert von etwa 200 Talern umfassenden Abgabe. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit erhielten die Zenser vor dem Königlichen Geheimen Obertribunal in Berlin am 5. September 1845 recht.

mini|Grabstein für Joachim Starck mini|Ziegeltongrabstein für Eva Koval miniatur|Erhaltenes Bruchstück, 2021 Etwa 1572 wurde Johannes Starcke Pfarrer der Kirche. Ihm wurden am 18. Oktober 1587 die Buckauer und die Fermersleber Kirche als Filialkirchen unterstellt. Im Falle Buckaus handelte es sich nur um eine kurze Episode, da die Buckauer bereits 1592 wieder eine eigene Kirche samt Pfarrer erhielten. Auch Pfarrer Starcke wird in einer Visitation als „wohl studiert“, der „seine Zuhörer auch im Katechismus treulich unterrichtet“ beschrieben. Am 12. Juli 1575 verstarb Joachim, der 2¼-jährige der Sohn des Pfarrers Starcke. Ein bis zur Zerstörung der Kirche noch vorhandener Ziegeltongrabstein erinnerte daran.

Noch bis in die 1930er Jahre war unterhalb der Fenster der südlichen Außenwand dieser und ein weiterer aus dem 16. Jahrhundert stammender Ziegeltongrabsteine eingearbeitet. Sie waren aus gebranntem Ziegelton hergestellt. Steine dieser Art sind nur sehr wenige erhalten. Um sie vor Witterungseinflüssen zu schützen, wurden sie restauriert und dann in den Innenraum unterhalb des Kirchturms umgesetzt, sind dort jedoch heute nicht mehr vorhanden. Die größere der beiden Platten war 26 cm breit, 25,5 cm hoch und 5 cm stark. Die Inschrift war in deutscher Fraktur gefasst und lautete: Anno 1592 den / 9 May ist Aeva / Heinrich Koval / Elige Hausfrauwe / in Gott entschlaff: und erinnerte so an den Tod von Eva Koval der ehelichen Hausfrau Heinrich Kovals am 9. Mai 1592. Der andere Stein war 20 cm breit und hoch und 6 cm stark. Er trug in fehlerhaftem Latein die Inschrift: ANNO 1575, DIE 12 / JVLIJ MANE HORA 8 IN / CHRO JOACHIMUS FILIO- / LVS JOANIS STARCKIJ HIC / PASTORIS, OBDORMIJT. / 20. SEPTIMAN:PLEVRISI ET / PHTHISI MISERE DECVBES / NATUS. 2. ANN: ET QVADRAT. Die Inschrift bedeutet in etwa Im Jahre 1575 ist am Dienstag, den 12. Juli, frühmorgens 8 Uhr, Joachim, das Söhnchen des hiesigen Pastors Johann Starck, in Christo entschlafen, nachdem es 20 Wochen an Brustfellentzündung und Schwindsucht darniederlag. Sein Alter war 2 1/4 Jahr. Es erscheint möglich, dass die beiden zu den Steinen gehörenden Gräber sich unterhalb des ursprünglichen Standortes der Grabplatten an der Südseite der Kirche befanden.Otto Hoppe, Westerhüser Ziegeltongrabsteine aus dem 16. Jahrhundert in Evangelisches Gemeindeblatt Magdeburg-Westerhüsen, November 1935 Die Steine wurden wohl bei der Zerstörung der Kirche im Jahr 1945 vernichtet. Im Jahr 2021 konnte jedoch ein erhaltenes Bruchstück des Steins von 1592 aufgefunden werden.