Als Absolutheitsanspruch wird der Anspruch auf die Geltung eines einzigen Prinzips als allein richtige und vollständige Lehre, als das Absolute verstanden. Einerseits gilt der Absolutheitsanspruch als eine zentrale Kategorie in der Extremismusforschung (siehe Abschnitt Definitionen des extremistischen Absolutheitsanspruch) andererseits werden Absolutheitsansprüche unter anderem im Kontext von Judentum, Christentum und Islam, aber auch anderer Religionen erhoben.

Allgemeines Ein Bestandteil religiöser, politischer, philosophischer und kultureller Denkmuster kann das Prinzip sein, dass die jeweilige Ideologie letztgültige und vollständige Aussagen über die Wahrheit macht. Dieser Anspruch wird Absolutheitsanspruch genannt.

Definitionen des extremistischen Absolutheitsanspruchs Der Absolutheitsanspruch gehört neben dem Alleinvertretungsanspruch zu einem der Hauptkriterien für die Definition von politischem Extremismus.Astrid Bötticher, Miroslav Mareš: Extremismus. Theorien – Konzepte – Formen. München 2012, S. 294; Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich. Wiesbaden 2018, S. 72 f. Tanja Wolf (2018) attestiert dem Absolutheitsanspruch sogar „wohl das zentralste Charakteristikum des Extremismus“Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich. Wiesbaden 2018, S. 73. zu sein und führt weiter aus:

„Die eigene Ideologie ist stets absolut war und besitzt universelle Gültigkeit. Weder die Ideologie prinzipiell noch einzelne Elemente oder Auslegungen dürfen in Frage gestellt werden. Hieraus resultierend ist die Ideologie apodiktisch und duldet nicht nur keinen Widerspruch, sondern ist gleichzeitig immun gegen jeglich Kritik. Genauso wenig dürfen jene in Frage gestellt werden, welche an der Spitze der jeweiligen extremistischen Strömung stehen. Dieser kleine, elitäre Kreis hat dementsprechend eine gesellschaftliche Sonderstellung inne, welche auch ihren Herrschaftsanspruch legitimiert. Da diese Einsichten nicht mit allen geteilt werden, hat nur die jeweilige Elite die Fähigkeit, die Ideologie zu deuten. Nur ihnen sind die grundlegenden Zusammenhänge, Hintergründe und Konsequenzen bekannt. Die breite und unwissende Masse muss sich den Aussagen der Elite bedingungslos fügen.“Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich. Wiesbaden 2018, S. 73 f.

mini|Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber (2018) Extremistische Weltanschauungen gehen somit meist davon aus, dass ihre Ideologie umfassende und absolute Wahrheiten über Gesellschaft, Geschichte und deren Sinn liefert. Im Zentrum steht die Annahme, die Menschheitsgeschichte folge einem festgelegten Ziel und verlaufe linear darauf zu. Künftige Entwicklungen erscheinen dadurch vorhersagbar, und politische sowie gesellschaftliche Fragen scheinen eindeutig im Sinne der Ideologie beantwortbar. Daraus ergibt sich ein elitärer Führungsanspruch: Nur eine als "erleuchtet" geltende Gruppe sei in der Lage, Gesellschaft oder Staat richtig zu lenken – und zwar alternativlos, da nur sie den vermeintlich wahren Weg kenne. Diese Überzeugung führt oft zu einem stark vereinfachten, dualistischen Weltbild, das in Gut und Böse unterteilt ist – ein Muster, das der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber als „dualistischen Rigorismus“ beschreibt. Die eigene Sicht wird dabei als einzig legitime Wahrheit betrachtet, während alle anderen Meinungen oder Auslegungen der Ideologie als falsch oder gar gefährlich gelten.Tanja Wolf: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Europa. Typologisierung und Vergleich. Wiesbaden 2018, S. 74.

Die Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Astrid Bötticher und Miroslav Mareš (2012) geben unter Anwendung eines Modells von Kurt Salamun folgende Auswirkungen eines Absolutheitsanspruches an: „So ist der Absolutheitsanspruch einer Weltanschauung generell unvereinbar mit der prinzipiellen Fehlbarkeit von Vernunft- [sic] und Wissenschaft. Der Absolutheitsanspruch wirkt sich auf die Toleranz aus, sie wird zur Intoleranz und fördert durch die Kategorien ‚absolut richtig‘ und ‚absolut falsch‘ den Fanatismus. [...] Im Zusammenhang mit der absoluten Wahrheitsbehauptung steht das Denkmotiv eine ‚höheren Wissens‘ und damit einhergehend, die Inanspruchnahme eines ‚Privilegs der Erkenntnis‘. Diese wirkt sich auf die Struktur der Gruppe aus. Diese besteht [...] aus einer Elite, die das Privileg besitzt die Wahrheit zu kennen und einem Gefolge, welches gläubig und vertrauensvoll gehorcht. Die Unterscheidung zwischen nicht revidierbaren Basissätzen und operativen Aussagen ist insofern wichtig, als dass diejenigen, welche Elite sind, darüber entscheiden, zu welchem Bereich Aussagen zuzuordenen sind. Dementsprechend kann die Elite ‚Abweichler‘ oder ‚Revisionisten‘ markieren und sie aus dem Bereich des Eigenen ausschließen und im schlimmsten Falle der Vernichtung preisgeben.“Astrid Bötticher, Miroslav Mareš: Extremismus. Theorien – Konzepte – Formen. München 2012, S. 38.

Theologischer Absolutheitsanspruch Judentum In den Chumasch der Tora wird im Sefer Schemot, dem Buch der Namen, geschildert, wie Mose die Zehn Gebote empfängt. Das Erste Gebot lautet:

Dies ist historisch zu verstehen als eine Abgrenzung des einen, absoluten, unsichtbaren und allmächtigen Gottes, der sich dem Volk Israel am Berg Sinai geoffenbart hat, von den Gottheiten anderer Kulturen.

Das jüdische Glaubensbekenntnis, das Schma Israel, betont mit dem „allein“ die Einzigartigkeit Gottes. Der Herr (der Gott des Bundes) ist „Einer“ (hebr. אֶחָד „echad“ kann „eins“ oder „allein“Fußnote zu : „6,4 Andere Übersetzungsmöglichkeit: Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein.“ bedeuten); er ist einzig in seiner Art und in seinem Wesen. Somit lässt er sich nicht mit den Göttern anderer Völker vergleichen oder gleichsetzen:

Dass es keinen anderen Gott gibt, der Israel retten könnte, wird an verschiedenen Stellen im Tanach bezeugt, z. B. in , und in .

Und so heißt es in den Propheten:

Im Gesamtkontext von Jesaja 40–46 relativiert sich jedoch die Aussage „außer mir gibt es keinen Gott“. Anspruch und Ablehnung richten sich gegen die Götzenverehrung (vgl. 1. Gebot, ):

Weitere Belege zur Relativierung des zitierten Anspruchs auf eine Ablehnung der Götzenverehrung finden sich in: ; ; ; ; ; ; .

Das Judentum sieht den Tanach nicht als einzige heilige Schrift an. Vielmehr wird angenommen, dass auch andere Völker ihre Propheten haben, die ihnen heilige Schriften übermittelt haben. Insofern deren Wahrheiten nicht den jüdischen widersprechen, ist der Absolutheitsanspruch des Judentums begrenzt. In allen jüdischen Richtungen, von orthodox bis liberal, werden Nichtjuden akzeptiert, sofern sie sich an die sieben noachidischen Gebote halten. Das Missionieren unter Nichtjuden wird somit hinfällig.

Christentum Das Christentum entwickelte sich auf der Basis der jüdischen Religionsgeschichte und teilt mit dem Judentum die Schriften des Alten Testaments. Hier wird – für Juden wie Christen gleichermaßen verbindlich – vorhergesagt, dass Gott einen Heilsbringer in die Welt senden wird.

Nach jüdischem Verständnis ist dieser Messias bis heute noch nicht erschienen. Nach christlichem Verständnis dagegen ist der Messias bereits in Gestalt Jesu Christi in die Welt gekommen, indem Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und sich selbst geoffenbart und zur Sündenvergebung geopfert hat, die den Menschen das ewige Leben eröffnet. Insofern besteht hier eine Quelle für einen Absolutheitsanspruch des Christentums gegenüber dem Judentum und umgekehrt.

Ein weiterer Hoheitstitel, der des Kyrios, wurde auch auf Jesus angewandt: „Ein naiver A[bsolutheit]sanspruch wohnt jeder Religion inne. In der Verkündigung des NT ist ein selbstverständlicher A[bsolutheit]sanspruch insofern enthalten, als Jesus der Kyrios ist, in dem allein das Heil gefunden werden kann.“Absolutheit des Christentums, S. 1. Digitale Bibliothek Band 12: Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 334 (vgl. RGG Band 1, S. 76) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) (; ; )

Der Absolutheitsanspruch des Christentums besteht in der „Überzeugung, daß Gott sich in Jesus von Nazareth endgültig und verbindlich mitgeteilt hat, daß die Christusoffenbarung also keine Religion neben anderen ist, sondern unbedingt gültige Wirklichkeit und Wahrheit, in der allein die menschliche Lebenssehnsucht und Sinnsuche zur Erfüllung kommt.“

Jesus verkündete, dass er allein der Weg zum Heil (d. h. zu Gott dem Vater und damit zum ewigen Leben) und dass er die personifizierte Wahrheit ist:

Petrus sagte, sich vor dem Hohen Rat verantwortend, warum er und die übrigen Jünger Jesu das Volk lehren würden, dass allein in Jesus das Heil und damit die endgültige Rettung zu finden ist:

Paulus schrieb in seinem Brief an die Kolosser, dass Jesus, vor seiner Menschwerdung, an der Schöpfung beteiligt gewesen sei und gab ihm damit eine zentrale, alle anderen Menschen überragende, Stellung:

Im Brief an die Philipper schrieb er über Jesus:

Nach christlichem Glauben – wie er von vielen verstanden wird – muss jeder Mensch (also auch alle Nicht-Christen) nach seinem Tod vor den Richterstuhl Christi treten . Dort entscheidet sich, ob er durch die Annahme des stellvertretenden Kreuzestodes von der Sündenschuld befreit in ewiger Gemeinschaft mit Gott leben oder durch Verweigerung der Gnade Christi für immer von Gottes Gegenwart getrennt, also in der Hölle, sein wird (; ; ).

Der Katholizismus sieht den Absolutheitsanspruch der Gegenwart Christi in der Welt überdies nur dann als gewährleistet an, wenn die geistliche Autorität der sakramental verfassten Kirche anerkannt wird. Die katholische Kirche hat mit der Konzilserklärung Dignitatis humanae (1965) die Konflikte, die mit ihren früheren (auch weltlichen) Ansprüchen entstanden, entschärfen können, ohne aber sämtliche Probleme im Verhältnis von Kirche und Staat zu lösen. Protestanten und Anglikaner haben keinen kirchlichen Absolutheitsanspruch.

Islam Inwiefern koranische Texte verschiedene Glaubensvorstellungen akzeptieren, ist umstritten, es gibt sehr unterschiedliche Positionierungen innerhalb verschiedener Suren. Es findet sich jedoch der Gedanke eines positiven Wetteiferns zwischen Menschen verschiedener Glaubensvorstellungen:

Der islamische Absolutheitsanspruch basiert auf der Annahme, dass der Islam die Fortführung und Vervollständigung der zwei älteren abrahamischen Religionen – Juden- und Christentum – und damit einhergehend die reine Form der ursprünglichen Religion Abrahams sei.Adel Th. Khoury: Der Islam und die westliche Welt. Primus Verlag, 2002, S. 112.

Somit sei Mohammed der letzte aller Gottgesandten, das „Siegel der Propheten“ …:

… und der Islam die einzig wahre Religion:

„Auf dieser Überzeugung ruht der eigentümlich inklusive Absolutheitsanspruch des Islam dem AT und NT und seinen Offenbarungsträgern gegenüber.“Gustav Mensching: Zum Phänomen des Absolutheitsanspruches im Christentum und im Islam. In: Wilhelm Hoenerbach (Hrsg.): Der Orient in der Forschung. Festschrift für Otto Spies zum 5. April 1966. Wiesbaden 1967, S. 444–452; hier: S. 448.

Entsprechend betrachtet der Koran die Anhänger des Islam als die beste Gemeinschaft der Menschheit überhaupt. In Sure 3, Vers 110 heißt es:

Dieser Glaube basiert einerseits auf dem obigen Koranvers kuntum chaira ummatin und andererseits auf Koranversen, die den Herrschaftsanspruch des Islam untermauern. Genannt sei hier etwa Sure 9, Vers 29:

Der Absolutheitsanspruch des Islam erhält seine Legitimation ferner im islamrechtlichen Grundsatz, dessen Ausformulierung als Prophetenspruch (hadith) auf das erste muslimische Jahrhundert (7. Jahrhundert n. Chr.) zu datieren ist und besagt (nach dem Sahih von al-Buchari, dschanâ'iz 79):