mini|Spezialchemie sind verschiedene Produkte der chemischen Industrie für eine Vielzahl von Anwendungen. Hier ist eine Dose Natriumethanolat für Laborzwecke.

Als Spezialchemie () oder Spezialitätenchemie wird ein Bereich der chemischen Industrie bezeichnet. Dabei handelt es sich um die Erforschung, Entwicklung, Herstellung und Vertrieb spezieller anorganischer und organischer chemischer Substanzen, metallischen Verbindungen und Werkstoffen mit einer Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten. Sie besitzen meist funktionale Eigenschaften, wie beispielsweise Polyester bei Textilien, obwohl Polyester aus Sicht der Herstellung ein Mengenprodukt ist.

Definition Der Begriff ist nicht eindeutig definiert, aber in der Regel versteht man darunter chemische Produkte mit folgenden Eigenschaften: Im Vordergrund steht die Wirkung, nicht die chemische Beschaffenheit Die Produkte sind für spezielle Anwendungen, häufig sogar kundenspezifisch hergestellt Der Anteil an den Gesamtkosten ist für den Kunden relativ gering (€/kg), spielt aber eine wichtige Rolle für sein Produkt (Funktionalität oder Einsatzzweck überwiegt) Relativ kleine Volumina und daher häufig diskontinuierliche Produktionsverfahren

Rohstoffe, Verfahren und Produkte Ein Teil der Rohstoffe und Grundchemikalien liefert u. a. die Petrochemie oder auch die Unternehmen aus dem Spezialitätensektor selbst.

Übliche Verfahren zur Herstellung von speziellen Chemikalien sind z. B. die chemischen Reaktionen der Katalyse und die organische Synthese.

Typische Spezialchemie-Produkte sind diverse Additive, wie beispielsweise Flammschutzmittel, Lichtschutzmittel und Lebensmittelzusatzstoffe. Die Einteilung der Spezialchemie erfolgt entweder nach Kundenindustrie (z. B. Lebensmittelindustrie) oder Funktion (z. B. Flammschutz). Die Anzahl der Produkte ist so groß, dass Hersteller eigene Kataloge führen oder herausgeben. Ein Beispiel hierfür ist der Merck Index. Chemikalien, die in großen Mengen hergestellt werden, wie beispielsweise Carbonate und Nitrate oder Schwefelsäure, zählen mehr zu den Basischemikalien ().

Der Spezialchemie-Sektor des Cefic klassifiziert die folgenden Produkte oder Bereiche als Spezialchemikalien ein:

Beschichtungsstoffe Biobasierte Chemikalien Biozide Farbstoffe Feinchemikalien Klebstoffe Lebens- und Futtermittel Pigmente Farbstoffe Füllstoffe und Katalysatoren Kunststoffadditive Harze Tenside Stoffe zur Behandlung von Wasser und Papier Kritische Chemikalien: Sprengstoffe, Explosivstoffe (energetische Materialien)

Forschung, Entwicklung und Fertigung Die Unternehmen der Spezialchemie haben einen hohen Aufwand für Forschung und Entwicklung, da sie oft nur im Markt bestehen können, wenn sie ständig neue und innovative Produkte entwickeln. Auch die Herstellkosten der speziellen Chemikalien sind meistens gegenüber den in Massenproduktion hergestellten Grundchemikalien sehr hoch. Im Gegenzug können aber auch sehr hohe Preise erzielt werden und der Einfluss der Rohstoffkosten ist geringer. Spezialchemieunternehmen führen oft sogenannte „Lohnsynthesen“ (nach Lohnfertigung) im Auftrag anderer Unternehmen durch, die das spezielle Know-how und die Produktionsmöglichkeiten selbst nicht haben.

Spätestens seit den 1990er Jahren und der zunehmenden rechnergestützten Entwicklung haben die Methoden der Modellierung und Simulation die analytische, experimentelle und verfahrenstechnische Arbeit in dieser Branche ergänzt. Hier spielen die Molekulardynamiksimulation (MD) als Teil der theoretischen Chemie (Computerchemie) sowie die Chemoinformatik eine Rolle. Zu den großen kommerziellen Softwareanbietern zählt beispielsweise Dassault Systèmes. Die Innovationen gehen außerdem mit neuen Prozessen oder Verfahren bzw. der Automatisierung bestehender Anlagen einher, um die Effektivität und Effizienz zu steigern.

Spezialchemie-Wirtschaft In diesem Wirtschaftszweig gibt es einige internationale hochspezialisierte Unternehmen. Die Branche ist eng mit der Petrochemie, Feinchemie und Polymerchemie (Kunststoffe) verwandt. In dem Bereich ist die anorganische, organische und technische Chemie, sowie die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik eine Kernkompetenz der Unternehmen.

Die Unternehmen haben unterschiedliche Produkte und Herstellungskapazitäten (Anlagen, Labore), weshalb die Abgrenzung nicht ganz scharf ist. Manche Unternehmen haben – teilweise historisch bedingt – neben den Spezialchemikalien beispielsweise mehr Aktivitäten bzw. Produkte aus oder für die Biochemie, Biotechnologie, Nanotechnologie, Petrochemie, Grundchemikalien oder pharmazeutische Wirkstoffe. Zu den peripheren Segmenten zählen Kohlenstofffasern, Verbundwerkstoffe und Materialien. Zu diesen Unternehmen zählen beispielsweise SGL Carbon, Toho Tenax oder Teijin Carbon.

Den Feinchemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe liegt außerdem ein anderes Geschäftsmodell (basierend auf der Reinheit des Stoffes) zu Grunde, werden aber trotzdem häufig zur Spezialchemie gezählt. Der Übergang zwischen Basischemie und Spezialchemie ist fließend und hat sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert.

Insgesamt herrscht in dieser Branche ein hoher Wettbewerb mit unzähligen Fusionen und Übernahmen bzw. Veräußerungen und Zukäufen. Die Unternehmen veräußern oder kaufen beispielsweise bestimmte Geschäftsbereiche oder werden Teil einer anderen Gesellschaft, auch Konglomerate wie Standard Industries oder werden an Private-Equity-Firmen verkauft oder sind im Handel der Produkte aktiv, wie z. B. das Unternehmen IMCD. Viele der Unternehmen betreiben seit etwa den 2000er Jahren Environmental, Social and Governance (ESG)-Programme.

Des Weiteren hat Dow Jones einen US-amerikanischen Börsenindex für Spezialchemikalien geschaffen, den Dow Jones U.S. Specialty Chemicals Index (DJUSCX).

Als Dachorganisationen sind der The European Chemical Industry Council, AISBL als Teil der Cefic oder der Verband der chemischen Industrie (VCI) in Deutschland bekannt.

Liste der Spezialchemie-Unternehmen Ende der 1990er Jahre entstanden zahlreiche Spezialchemieunternehmen durch die Dekonstruktion bzw. wirtschaftliche Transformation der chemischen Industrie. Bekannte Beispiele waren: Clariant (Spin-off der Sandoz-Chemiesparte 1995, Übernahme des Spezialchemikaliengeschäft von Hoechst 1997), Rhodia (Rhône-Poulenc Spin-off 1998), Ciba AG (Novartis Spin-off 1997), Cognis (Henkel Spin-off 1999), Lonza Group (Alusuisse Spin-off 1999). Inzwischen wurden zahlreiche dieser Unternehmen von diversifizierten und multinationalen Chemieunternehmen wie BASF oder Solvay (Rhodia) übernommen.

Die folgende Liste enthält eine Auswahl internationaler Unternehmen (speziell aus den USA und Europa), die in diesem Segment der chemischen Industrie tätig sind. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit erhoben.

AkzoNobel (Geschäftsbereich Specialty Chemicals wurde zu Nouryon, welches von Private Equity Carlyle Group gekauft wurde) Albemarle Allnex (Teil von PTT Global Chemical) Altana Alzchem Arkema Ashland Avecia (von Nitto Denko übernommen) BASF Bayer AG Carbolabs (von Sigma-Aldrich übernommen) Celanese Ciba Specialty Chemicals, davor Novartis, davor Ciba-Geigy; heute BASF Schweiz AG Clariant Cognis (von BASF übernommen) Colonial Chemical Dow Chemical DuPont Eastman Ecolab Ems-Chemie Evonik Industries FMC Griffin Waldies (Teil der Ananthaksha Chemical Products)

Huntsman (fusioniert mit Olin) ICI (von AkzoNobel übernommen, später Henkel) Innospec (vormals Octel) Inolex International Specialty Products (ISP) (gekauft worden von Ashland) Lanxess Lonza Group Merck KGaA (auch Merck & Co.) Nalco Olin (fusioniert mit Huntsman) OMNOVA Solutions (heute Teil von Synthomer) PPG Industries Rhodia (gekauft von Solvay) Rohm and Haas (gehört seit 2009 zu Dow) Sherwin-Williams Sigma-Aldrich (heute Teil von Merck KGaA) Sika SK Specialty (aus Südkorea, übernommen von Private-Equity-Firma Hahn & Co. aus Südkorea) Solenis (verkauft an Platinum Equity) Solvay Standard Industries Synthomer (früher Yule Catto & Co) Teijin Vantage Specialty Chemicals (Teil des Private Equity H.I.G. Capital) W. R. Grace and Company

Literatur

Einzelnachweise

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