Die katalanische Literatur umfasst die Literatur der sogenannten Katalanischen Länder, die auf Katalanisch (oder deren Varietäten Mallorquinisch, Menorquinisch, Ibizenkisch und Valencianisch) abgefasst wurde. Katalanisch ist nach Okzitanisch die zweitälteste romanische Literatursprache.
Den Grundstein zu einer eigenständigen Literatur in katalanischer Sprache setzte Ramon Llull im 13. Jahrhundert, indem er seine Predigttexte nicht mehr in lateinischer Sprache abfasste. Vor allem durch ihn wurde das Katalanische schon 30 Jahre vor Dante zu einer reifen Literatur- und Wissenschaftssprache.
Während Joanot Martorell mit dem Ritterroman Tirant lo Blanc das letzte große Werk des katalanischen Mittelalters und in den Augen mancher Literaturwissenschaftler gleichzeitig den ersten modernen Roman vorlegte – Cervantes bezeichnete ihn in seinem Don Quijote als „bestes Buch der Welt“ –, erfuhr die katalanische Sprache aufgrund der politischen Verhältnisse einen Niedergang, der bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerte. Dann leitete die kulturelle Bewegung der Renaixença einen Neubeginn auch der katalanischen Literatur ein. Nach dem Ende der Franco-Diktatur erlebte sie eine neue Blüte und reicht in ihren Spitzenleistungen an die besten Werke der modernen europäischen Literatur heran.
Entstehung und frühe Blüte der katalanischen Literatur mini|hochkant|Ramon Llull (Manuskript von ca. 1321) Zu den ältesten Sprachzeugnissen in katalanischer Sprache gehören die Predigtsammlung Homilies d'Organyà (ca. 1200) sowie frühe Versionen des Feudalgesetzbuches Usatges de Barcelona (ab 1204). Die Crónica des Jaume I. (entstanden zwischen 1242 und 1265) leitete die Phase des literarischen Gebrauchs des Katalanischen ein. Weitere Chroniken stammen von Bernat Desclot, Ramon Muntaner, der die katalanischen Expeditionen nach Athen und Konstantinopel beschreibt, und Peter IV. (1319–1387), Graf von Barcelona und König von Aragón (die „vier großen katalanischen Chroniken“).
Der Theologe, Philosoph und Schriftsteller Ramon Llull (ca. 1236–1316) aus Mallorca, der Franziskaner Francesc Eiximenis (ca. 1330–1409) und der Angehörige des Hofadels und Lyriker Ausiàs March (ca. 1397–1459) sind die bedeutendsten Schriftsteller bzw. Dichter katalanischer Sprache im Mittelalter.
Llull, der bei Hofe und nicht in kirchlichen Institutionen erzogen worden war, schrieb den ersten Roman, in dem ein Bürgerlicher die Hauptperson ist (Blanquerna, ca. 1283). Er hinterließ über 260 Werke, darunter auch philosophische Arbeiten wie Art d'atrobar veritat (Die Kunst, Wahrheit zu finden), die Giordano Bruno, Nikolaus von Kues und selbst noch Leibniz beeinflussten. Llull führte seine Muttersprache auf das Niveau einer differenzierten und ausdrucksstarken Literatursprache, die sich als gleichrangig mit dem Lateinischen und Arabischen verstand.Stegmann 1996, S. 15. In seinem mystischen Llibre d'amic e amat (Buch vom Liebenden und Geliebten) und dem Llibre de les bèsties (Buch der Tiere) zeigen sich seine Kenntnisse der lateinischen und arabischen Tradition, seine Vertrautheit mit der Liebeslyrik der Trobadors und sein schöpferisches Genie.Katalanische Literatur auf uni-frankfurt.de Marchs Werk besteht aus 128 kunstvollen Gedichten mit insgesamt über 10.000 Versen über Liebe, Zweifel und Todesangst. Sie sind im zehnsilbigen Vers in vierzeiligen Strophen mit Kreuzreim verfasst und wirken volkstümlich, nüchtern bis schwermütig, aber elegant.Ausiàs March, in: Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Bd. 11, München 1996, S. 142–144. March setzte zwar die Tradition der okzitanischen Trobadors fort, bediente sich aber als erster bedeutender Lyriker der katalanischen Sprache und wirkte stark auf die spanische und portugiesische Dichtung des 16. Jahrhunderts. Wenn Ausiàs March heute nicht in einem Atemzug mit Petrarca oder François Villon genannt wird, so liegt dies am „historischen Schicksal seiner Sprachgemeinschaft: Kurz nachdem March die katalanische Lyrik zu ungeahnten Höhen getrieben hatte, begann eine lange Phase des Niedergangs des Katalanischen als Literatursprache“.Hans-Ingo Radatz: Ausiàs March: Gedichte auf romanischestudien.de
mini|hochkant|Anfang des letzten Kapitels der Originalausgabe von Tirant lo Blanc Von der Lyrik der Trobadors wie von Petrarca beeinflusst ist Jordi de Sant Jordi (* um 1398; † um 1424). In dieser Zeit der Hochblüte der Ritterkultur in den katalanischen Gebieten erschienen Chroniken, Ritterromane, Trobadorlieder und Lletres de batalla (Fehdebriefe) nicht mehr in altokzitanischer, sondern in katalanischer Sprache.
Gleichzeitig mit der Lyrik entwickelte sich die Prosaliteratur. Eiximines berichtet in seinem Llibre de los Dones über die Veränderungen der mittelalterlichen Gesellschaft. Anselm Turmeda, ein Priester aus Mallorca, trat zum Islam über und schrieb auch in Tunis nicht nur in arabischer, sondern auch in katalanischer Sprache. Der frühe Humanist Bernat Metge führte den platonischen Dialog in die katalanische Literatur ein (Lo somni, 1399).Stegmann 1996, S. 16.
Zentrum der katalanischen Dichtung war im 15. Jahrhundert zweifellos das Königreich Valencia mit Gandia.Katalanische Literatur auf uni-frankfurt.de Diese glänzende Epoche der katalanische Literatur fand im Jahr 1490 mit der Veröffentlichung des satirisch-realistischen Ritterromans Tirant lo Blanc des vermutlich in Gandia geborenen Joanot Martorell (1415–1465), der selbst ohne großen Erfolg versuchte eine Ritterleben zu führen, ihren Höhepunkt. Noch Cervantes ergötzte sich an diesem Buch. Zu den Autoren des großen „Jahrhunderts der Literatur von Valencia“ gehört auch Jaume Roig († 1478), der den Versroman Espill („Der Spiegel“) verfasste, welcher sich gegen die Idealisierung des Bildes der Frau in der Trobadordichtung richtete, und der Priester Joan Roís de Corella (1435–1497), dessen lyrisches und Prosawerk bereits auf die Renaissance verweist.
Auch die Nonne Isabel de Villena (1430–1490) schrieb ihre Vita Christi (zuerst gedruckt 1497) im Dialekt von Valencia und bedient sich dabei eines lebendigen alltagssprachlichen Stils. Aufgrund dieses einzigen von ihr überlieferten Werkes gilt sie heute als Protofeministin.Kurzbiographie auf valenciaplaza.com
Der Niedergang der Literatursprache: die Zeit der Decadència Ab dem 16. Jahrhundert kam es – durch die Hegemonie des Kastilischen und massive Assimilationsversuche – zu einem Niedergang des Katalanischen als Literatursprache, eine Phase, die als Decadència bezeichnet wird, obwohl sie für kastilische Autoren des Siglo de Oro äußerst produktiv war. Zwar leisteten im Zeitalter des Barocks der Kleriker und Poet Vicenç Garcia (ca. 1582–1623) mit seinen berüchtigten Burlesken und erotischen Gedichten, der Dramatiker und Poet Francesc Fontanella (1622–1681/85),Francesc Fontanella: Antologia poètica. Ed. Curial, Barcelona 1998. der wegen sezessionistischer Bestrebungen nach Frankreich fliehen musste, sowie Josep Romaguera (1642–1723) mit seinen Gedichten und dem Emblembuch zur sittlichen Verbesserung des Individuums Atheneo de grandesa wichtige Beiträge zur katalanischen Literatur. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war diese jedoch fast ganz erloschen, nachdem die katalanische Unabhängigkeit von den Bourbonen als Folge des Spanischen Erbfolgekrieges nach 1714 massiv zurückgedrängt wurde. Die Theaterstücke des Menorquiners Juan Ramis i Ramis (1746–1819) gehören bereits der von Frankreich beeinflussten Neoklassik an.
Die Renaixença des 19. Jahrhunderts: Romantik, Naturalismus, Modernisme mini|hochkant|Àngel Guimerà Das Katalanische als Literatursprache lebte im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts mit der Renaixença wieder auf, die auch von den traditionalistischen Carlisten getragen wurde. In bürgerlichen Schichten galt das Katalanische jedoch weiterhin als „Sprache der Köchin, des Kutschers, der die Pferde des Hauses versorgte, und der Literaten, die sich im Café Suís trafen“.J. M. de Sagarra: Privatsachen. Berlin 2009, S. 127. 1865 fanden die ersten Jocs florals (Blumenspiele) der katalanistischen Renaixença statt. Unter ihren Vertretern ragen Jacint Verdaguer, Victor Balaguer, Àngel Guimerà und Narcís Oller heraus, die der späten Romantik bzw. dem Realismus zuzurechnen sind. mini|hochkant|L'Atlàntida (1877) Der religiös inspirierte Romantiker Verdaguer wurde mit Lyrik, Balladen und vor allem den beiden Epen Atlàntida, das von seiner Arbeit als Schiffsgeistlicher beeinflusst ist und bereits auf dem Modernismo verweist, und Canigó bekannt. Er verlor sein Priesteramt wegen Ungehorsam, Exorzismus und Korruption; seine Beerdigung wurde jedoch zum Massenereignis. Niemand sonst wurde in Katalonien durch soviele Benennungen von Straßen und Plätzen geehrt wie Verdaguer. mini|hochkant|Denkmal Víctor Balaguers im Park der Zitadelle Barcelona Als Dramatiker, Novellist, Lyriker und politisch aktiver liberaler Historiker erschloss Víctor Balaguer die Geschichte Kataloniens und der provenzalischen Trobadore in volkstümlicher Form auch für breitere Schichten.Balaguer, Victor in: Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl. Leipzig, Wien 1885–1892.
Dem Naturalismus näherte sich Oller, der 1882 mit La Papallona den ersten Roman der katalanische Renaissance verfasste, welcher mit einem lobenden Vorwort von Émile Zola bald darauf auch in französischer Übersetzung erschien. Guimerà schrieb naturalistische Theaterstücke wie Terra Baixa, das zur Vorlage der Oper Tiefland wurde. mini|hochkant|Joan Maragall (1903) Modernisme Inmitten der wirtschaftlichen Aufbruchstimmung Ende des 19. Jahrhunderts blühte in Barcelona der Modernisme auf, der wichtige Beiträge zur katalanischen Erneuerungsbewegung lieferte und deren wichtigste Vertreter Víctor Català (1869–1966) mit Solitud (1905, dt.: Sankt Pons, 1909)Katalanische Literatur auf uni-frankfurt.de sowie Joan Maragall sind. Margall übersetzte viele Werke deutscher Autoren ins Katalanische. Sein romantisch-episches Gedicht El comte Arnau erzählt das Leben der faustischen und donjuanesquen Figur des Grafen Arnau. Auch seine Gedichtsammlung Visions i cants und sein Versdrama Nausicaa tragen spätromantisch-modernistische Züge. Caterina Albert i Paradís (bekannt unter dem Pseudonym Victor Catalá) schildert in ihrem modernistischen Werk Solitud die harte ländliche Realität. Das Werk des bedeutenden Romanautors Raimon Casellas (1855–1910) steht zwischen Naturalismus und Modernismo. Zu den wichtigsten modernistischen Theaterautoren zählt Santiago Rusiñol.Stegmann 1996, S. 17.
Das 20. Jahrhundert bis zum Spanischen Bürgerkrieg 1906 erschien ein politisch bahnbrechendes Buch, La nacionalitat catalana („Die katalanische Nation“), ein von den Ideen Herders und Fichtes beeinflusstes Werk von Enric Prat de la Riba (1870–1917), Präsident der Mancomunitat (einer Vorform der autonomen katalanischen Verwaltung). Im 20. Jahrhundert festigte sich – trotz widriger Bedingungen während der Diktaturen de Riveras und Francos – die katalanische Literatur in dem Maße, in dem sich die katalanische Wirtschaft und Gesellschaft konsolidierten. Der „wilde“, chaotische Modernismo wurde von der sich an klassischen Vorbildern orientierenden Bewegung des Noucentisme verdrängt, die einen wesentlichen Beitrag zur Normierung der Schriftsprache leistete. Ihr Hauptvertreter war Eugeni d’Ors, einer der wenigen katalanischen Intellektuellen, der sich später an die Seite Francos stellte.
Autoren wie der erste modern-klassizistische katalanische Lyriker Josep Carner (1884–1970), der vom Futurismus beeinflusste soziale Aktivist Joan Salvat-Papasseit (1894–1924), dessen Gedichte oft vertont wurden, der Dichter und Philologe Carles Riba (1893–1939) und der Reiseschriftsteller und Chronist Josep Pla zählen zu den frühen Vertretern der katalanischen Moderne. Sein über 40 Bände umfassendes Werk besteht zum großen Teil aus romanhaft gestalteten Tagebuchaufzeichnungen und Biographien. mini|hochkant|Josep Maria de Sagarra (1913)