mini|Lesotho, umgeben von der Republik Südafrika Die Geschichte Lesothos umfasst die Geschichte des modernen Königreichs Lesotho und dessen kolonialen Vorläufers Basutoland sowie die vorkoloniale Geschichte dieses Gebietes. Lesotho liegt im südlichen Afrika, sein Staatsgebiet ist heute komplett von der Republik Südafrika umgeben.
Frühgeschichte Das Bergland von Lesotho wurde etwa 25.000 v. Chr. von den San, einem Jäger- und Sammlervolk, besiedelt. Von den zahlreichen Höhlen- und Felsmalereien, die diese Volk im Südlichen Afrika hinterlassen hat, sind etwa 5000 in Lesotho zu finden, beispielsweise bei Ha Baroana etwa 50 Kilometer östlich von Maseru.
Während der Wanderung der Bantu-Stämme, die etwa im 4. bis 5. Jahrhundert begann, gelangten die Nguni-Völker in das südliche Afrika und ließen sich als Bauern und Hirten nieder. Während der nächsten Jahrhunderte wurde das Gebiet des heutigen Lesotho von Norden kommend von den Bantu besiedelt. Die bis dahin dort ansässigen San wurden von den Basotho- und verwandten Tswana-Gruppen etwa ab dem 11. Jahrhundert immer weiter verdrängt und sind heute in diesen Regionen Südafrikas und Lesothos gar nicht mehr beheimatet. Teilweise wurden sie aber assimiliert. Dies ist unter anderem an der Sprache Sesotho erkennbar, die typische San-Laute enthält. Ab dem 14. Jahrhundert umfasste das Siedlungsgebiet der Basotho große Teile der heutigen südafrikanischen Provinz Freistaat und den Westteil des heutigen Lesotho, wobei der Siedlungsschwerpunkt an den fruchtbaren Ufern des Caledon lag. Die Bantu lebten dort in kleinen Gemeinschaften hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht, wobei der Mangel an nutzbarem Land immer wieder zu Unruhen unter benachbarten Stämmen führte.
Die Herrschaft von Moshoeshoe I. mini|links|hochkant|Moshoeshoe I. miniatur|hochkant|Grab Moshoeshoes I. auf dem Thaba-Bosiu-Plateau Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergrößerte der Zulu-König Shaka sein Reich immer weiter. Das Gebiet, auf dem die Stämme der Basotho lebten, sollte als Nächstes folgen. Dies war die düstere Zeit der Lifaqane (deutsch etwa: „die Notzeiten“), in der räuberische Horden die Bevölkerung terrorisierten. Es herrschte eine Hungersnot, die so schwer war, dass es zu Kannibalismus kam.David Percy Ambrose: The Guide to Lesotho. Winchester Press, Johannesburg/Maseru 1976, ISBN 0-620-02190-X. S. 71.Scott Rosenfeld, Richard F. Weisfelder: Historical Dictionary of Lesotho. Scarecrow Press, Lanham, Maryland 2013, ISBN 978-0-8108-7982-9, S. 269. Auszüge bei books.google.de In heftigen Auseinandersetzungen war es den Basotho, vereinigt und geführt vom 1820 zum Anführer (morena) ernannten Moshoeshoe I., möglich, sich gegen den Ansturm der Zulu zu wehren und ihr Land zu sichern. Moshoeshoe ließ Festungen in Butha-Buthe (1820) und Thaba Bosiu (1824) errichten, wo er vielen Flüchtlingen Schutz bot. Durch geschickte Verhandlungen – gemäß den Grundsätzen seines früheren Ratgebers Mohlomi – gelang es ihm, sein Einflussgebiet zu erweitern, indem er sich die Gunst und das Vertrauen benachbarter Stämme sicherte. Er wird daher oft als Moshoeshoe der Große bezeichnet und gilt als Gründer der Basotho-Nation. Zur Unterstützung in der Außenpolitik gewann er den französischen Missionar Eugène Casalis von der Société des missions évangéliques de Paris, der 1833 in Morija die erste Missionsstation im Land errichtete, aus der die Lesotho Evangelical Church in Southern Africa (LECSA) hervorging.
Ab dem Jahr 1830 drangen die Buren auf der Suche nach Land für neue Siedlungen vor und überquerten erstmals den Vaal. Als immer mehr Voortrekker als Folge der Spannungen zwischen Buren und Briten am Kap im sogenannten Großen Treck zwischen 1836 und 1838 nach Nordosten zogen, kam es zu Auseinandersetzungen der Europäer mit den Truppen Moshoeshoes. Soldaten aus dem Gebiet des späteren Oranje-Freistaats drangen immer weiter in das Siedlungsgebiet der Basotho, was Moshoeshoe dazu veranlasste, die Briten um Schutz zu ersuchen. 1843 wurde zwischen den Basotho und der britischen Kapkolonie ein Schutzvertrag unterzeichnet, der aber im Jahr 1859 wieder aufgelöst wurde, um die angespannten britischen Beziehungen zu den Burenrepubliken zu entlasten. 1851 schlugen die Basotho die Briten in der Orange River Sovereignty militärisch, baten dann aber nach einer Gegenoffensive der Briten um Frieden. 1858 besiegten die Buren die Basotho im Senekal-Krieg, konnten jedoch Thaba-Bosiu nicht erobern und zogen sich zurück.Scott Rosenberg, Richard W. Weisfelder, Michelle Frisbie-Fulton: Historical Dictionary of Lesotho. Scarecrow Press, Lanham, Maryland/Oxford 2004, ISBN 978-0-8108-4871-9, S. 375. Im darauf folgenden Treaty of Aliwal North („Vertrag von Aliwal North“) wurde die Grenze im umstrittenen Flussdreieck von Caledon und Oranje auf einer mittleren Linie festgelegt.Scott Rosenberg, Richard W. Weisfelder, Michelle Frisbie-Fulton: Historical Dictionary of Lesotho. Scarecrow Press, Lanham, Maryland/Oxford 2004, ISBN 978-0-8108-4871-9, S. 2. In den frühen 1860er Jahren erlebten die Buren, die gerade von Subsistenzwirtschaft auf exportorientierte Produktion von Schafwolle umgestellt hatten, zudem eine noch größere Demütigung, als eine große Dürre eine Hungersnot unter ihnen auslöste. Die Buren waren gezwungen, Vieh, Hab und Gut gegen Getreide an die Basotho zu verkaufen bzw. um diesen Handel zu bitten, was ihnen häufig verweigert wurde, da auch bei den Basotho das Getreide knapp wurde. Einem erneuten Angriff der burischen Truppen ab 1865, den Seqiti-Krieg, konnte das Reich Moshoeshoes jedoch nicht standhalten und musste einen Großteil seiner fruchtbaren Gebiete auf dem Highveld westlich des heutigen Lesotho an den Oranje-Freistaat abgeben. Die Buren vertrieben die einheimische Bevölkerung aus den von ihnen besetzten Gebieten, raubten das Vieh und verbrannten, was sie nicht mitnehmen konnten. Als einzige Festung konnte Thaba Bosiu gehalten werden. Kurz vor einer endgültigen Niederlage der Basotho griffen die Briten ein, da sie eine zu große Ausdehnung der Burenstaaten fürchteten, und machten das verbliebene Land im Jahr 1868 als Basutoland zur britischen Kolonie. Moshoeshoe gelang es jedoch, durch geschickte Diplomatie die Autonomie seines Reiches sicherzustellen. Maseru wurde 1869 zur Hauptstadt. 1870 starb Moshoeshoe I. Sein Sohn Letsie I. Moshoeshoe wurde sein Nachfolger. Im Folgejahr ging die Autonomie verloren und Basutoland wurde an die Kapkolonie angeschlossen.Scott Rosenberg, Richard W. Weisfelder, Michelle Frisbie-Fulton: Historical Dictionary of Lesotho. Scarecrow Press, Lanham, Maryland/Oxford 2004, ISBN 978-0-8108-4871-9, S. 8.
Britische Kronkolonie Basutoland mini|Karte des südlichen Afrikas im Jahr 1885 mit der Kronkolonie Basutoland miniatur|Briefmarke aus der britischen Kolonialzeit Dem Basotho-Volk unter Letsie I. wurde keine Vertretung im Parlament der Kapkolonie gewährt, woraufhin es zu Aufständen gegen die Briten kam. Dies führte dazu, dass sämtliche Schusswaffen der Basotho konfisziert werden sollten. Die Niederschlagung eines Aufstands von Chief Moorosi bei Mount Moorosi im Süden des Landes und der darauf folgende Gun War („Gewehrkrieg“) zwischen 1880 und 1881 waren für die Kapkolonie derart kostspielig und wirkungsarm, dass Basutoland im Jahr 1884 wieder unter britische Direktherrschaft kam und Kronkolonie wurde.britishempire.co.uk (englisch), abgerufen am 5. März 2012 Fortan regierte der morena e moholo (englisch: Paramount Chief) neben dem britischen Resident Commissioner, wobei sich der britische Einfluss vor allem auf die Distrikthauptstädte und die Außenpolitik Basutolands konzentrierte. Die Herrschaft der barena (Plural von morena) hatte basisdemokratische Züge. Jährlich wurde für alle Basotho eine Versammlung abgehalten, pitso genannt, auf der wichtige Entscheidungen gefällt wurden. (englisch) 1891 starb Letsie I. und wurde durch seinen Sohn Lerotholi Letsie (1836–1905) ersetzt. Lerotholi besiegte 1898 bei Thaba Bosiu seinen Onkel und Widersacher Masopha im Gefecht.
Im südafrikanischen Zweiten Burenkrieg um die Jahrhundertwende gehörte Basutoland nicht zum Kampfgebiet, wurde aber von den Briten für Nachschublinien genutzt. 1903 wurde die landesweite pitso durch ein National Council abgelöst. Nach Lerotholis Tod 1905 folgte sein Sohn Letsie II. Lerotholi (um 1869–1913). Im selben Jahr wurde Maseru an das südafrikanische Eisenbahnnetz angeschlossen. Um 1908 verließen jährlich bis zu 78.000 Basotho die Kronkolonie, um in Südafrika Arbeit als Bergleute oder Landwirte zu finden. Um dieselbe Zeit bildeten sich politische Organisationen jenseits des traditionellen Machtgefüges: die Basutoland Progressive Association, die die Einrichtung eines Parlaments anstrebte, und später der radikalere Lekhotla la Bafo (deutsch etwa: „Rat der einfachen Leute“). Als im Jahr 1910 die Südafrikanische Union gegründet wurde, lehnte Basutoland ebenso wie Betschuanaland (heute: Botswana) und Swasiland die Eingliederung in diesen neuen Staat ab. Damit wurde Basutoland zur Enklave in Südafrika. Der südafrikanische Natives Land Act von 1913 bewirkte, dass Basotho nicht mehr nach dem Prinzip farming by halves auf südafrikanischen Farmen arbeiten durften, bei dem sie die Hälfte des Gewinns an den Grundbesitzer abgegeben hatten. Viele Basotho kehrten daraufhin nach Basutoland zurück. 1913 starb Letsie II.; sein jüngerer Bruder Griffith Lerotholi (um 1873–1939) folgte ihm im Amt.
Am Ersten Weltkrieg nahmen 3000 Soldaten aus Basutoland auf britischer Seite teil. Im Jahr 1938 beschloss die britische Regierung eine Verwaltungsreform, durch die die Zahl der barena und deren Machtfülle drastisch reduziert wurde. Dies und der Strukturwandel innerhalb des Landes, hauptsächlich Verstädterung und bessere Bildungsmöglichkeiten, führte während der folgenden Jahrzehnte zu einem deutlichen Einflussverlust des morena e moholo und der übrigen barena. Griffith versuchte, die barena in die katholische Kirche zu drängen, die das traditionelle System unterstützte. 1939 starb Griffith und wurde durch seinen Sohn Seeiso Griffith (1905–1940) ersetzt, der jedoch schon im Folgejahr starb. Nach kurzer Übergangszeit übernahm 1941 dessen Frau ’Mantšebo (1902–1964) als Regentin die Herrschaft.