mini|San Romedio, Südseite mit Eingang San Romedio ist ein Wallfahrtsort im Trentino, Italien, der dem heiligen Romedius geweiht ist. Der burgähnliche Bau ist Ergebnis einer fortschreitenden Bautätigkeit seit dem Hochmittelalter, mit der die ursprüngliche Einsiedelei in einen Wallfahrtsort verwandelt wurde. San Romedio gilt wegen seiner Lage, seiner Architektur, die dem eines Sacro Monte in Miniatur ähnelt und seiner fast tausendjährigen geschichtsträchtigen Vergangenheit, zu den eindrucksvollsten Pilgerorten der Alpen.Gianni Faustini, Igino Rogger: Il più bel santuario delle Alpi: San Romedio. S. 7.
Lage Der Wallfahrtsort San Romedio liegt auf einer Höhe von im mittleren Nonstal auf der orographisch linken Seite der Santa-Giustina-Talsperre auf dem Gemeindegebiet von Predaia. Er wurde auf einer hohen Kalksteinfelsnadel in der San-Romedio-Schlucht am Zusammenfluss der Bäche Verdés und San Romedio errichtet.Francescani custodi dell’Eremo (Hrsg.): San Romedio e il suo santuario: breve guida storico artistica. o. S. Durch die im letzten Eiszeitalter entstandene Schlucht führt die Strada provinciale SP 4 „San Romedio“ und der gleichnamige Bach, einem linken Nebenfluss des Noce, der in die Santa-Giustina-Talsperre mündet. San Romedio bildet den Endpunkt des fast 185 Kilometer langen Romedius-Pilgerweges von Thaur nach San Romedio.
Geschichte Baugeschichte Die Gegend um den Wallfahrtsort wurde bereits in vorrömischer Zeit aufgesucht. Das nur etwa 3 Kilometer entfernte Sanzeno war im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. ein Zentrum der Fritzens-Sanzeno-Kultur. 1869 wurde an der Straße nach San Romedio ein Relief gefunden, das dem Mithraskult zugeordnet wurde. Ein weiteres ähnliches Relief wurde 1911 entdeckt. Möglicherweise bestand am Beginn der San-Romedio-Schlucht ein Mithräum.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 78.
Bei archäologischen Grabungen in den 1970er Jahren am Fuße der Felsnadel wurden Bauschutt, aber auch Tierknochen, Tonscherben sowie verschiedene kleinere Objekte aus unterschiedlichen Materialien entdeckt. In der untersten Schicht fanden sich neben vielen kleineren Tierknochen, römische Tonscherben sowie zwei Münzen, die der Zeit des römischen Kaisers Probus aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. und die des Frankenkönigs Pippin der Jüngere aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeordnet wurden.Giuseppe Silvestri: C’è qualcosa di nuovo a san Romedio. S. 88. Die von Nicolò Rasmo in den 1960er Jahren geäußerte Vermutung, dass auf der Felsnadel bereits zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. eine Art Zufluchtsburg errichtet worden sein könnte, gilt mittlerweile als überholt.Gianni Faustini, Igino Rogger: Il più bel santuario delle Alpi: San Romedio. S. 46. Unklar ist, ob der Ort in vorchristlicher Zeit bereits als Kultplatz gedient haben könnte. Einige bearbeitete Tierhörner, die bei den Grabungen aufgefunden wurden, könnten nach Silvestri darauf hinweisen.
In der Vergangenheit war die Entstehungsgeschichte der Wallfahrtsstätte eng mit der Hagiographie des heiligen Romedius verknüpft, die ihn als Zeitgenossen des vermutlich 405 n. Chr. verstorbenen heiligen Vigilius von Trient beschreibt. Mit einer Reihe von gewagten Hypothesen wurde dabei versuchte, die Lücken über die Ursprünge des Bauwerks zu schließen.Fabio Zamboni: Il santuario di San Romedio in Val di Non. S. 15. Im Einklang mit der Forschung, die die historische Person Romedius in das 11. Jahrhundert einordnen, ist der Bau womöglich Ende des 11. Jahrhunderts entstanden.Fiorenzo Degasperi: San Romedio: Una vita sacra attraverso il Tirolo storico. S. 125. Wegen des Fehlens jeglicher stilistischer Bauelemente ist eine exakte zeitliche Einordnung aber nicht möglich.Fabio Zamboni: Il santuario di San Romedio in Val di Non. S. 11.
Die erste schriftliche Erwähnung eines dem heiligen Romedius geweihten Sanktuariums stammt aus einer lange verschollenen und von Franz Unterkircher in der Österreichischen Nationalbibliothek wiederentdeckten Handschrift vom Ende des 12. Jahrhunderts.Aldo Gorfer: Le Valli del Trentino. Trentino Occidentale. S. 744. Im Sacramentario Adelpretiano, dem Sakramentar des 1177 verstorbenen Fürstbischofs von Trient Adelpret, wird der Ort im Zusammenhang mit Schenkungen durch seine Vorgänger Adelperone und Gebhard genannt, die zwischen dem Ende des 11. und dem 12. Jahrhundert auf dem Bischofsstuhl in Trient saßen. Der Eintrag zur Schenkung, die mit dem Jahr 1090 datiert ist, wurde dabei nachträglich im 13. Jahrhundert aus der Schenkungsurkunde übertragen.Gianni Faustini, Igino Rogger: Il più bel santuario delle Alpi: San Romedio. S. 12.
Aus der Handschrift des 12. Jahrhunderts geht hervor, dass der Wallfahrtsort von einem Priester betreut wurde. Da es auch in den nachfolgenden Jahrhunderten keine Hinweise gibt, dass die Pilgerstätte einem monastischen Orden anvertraut wurde, lässt sich annehmen, dass sie direkt dem Fürstbischof aus Trient unterstand. Womöglich nahm San Romedio eine Art Doppelfunktion ein und diente zur Abgrenzung des fürstbischöflichen Herrschaftsbereichs zu den benachbarten Grafen von Tirol, war aber zugleich ein Ort der Begegnung verschiedener Kulturkreise.Fiorenzo Degasperi: San Romedio: Una vita sacra attraverso il Tirolo storico. S. 126–127. Im Zuge der regen Bautätigkeit unter Fürstbischof Friedrich von Wangen († 1218), der auch den Neubau des Doms von Trient initiierte, wurde auch San Romedio als Pilgerort umgestaltet. Der Bau des romanischen Kirchenportals der Aricarda und die Umgestaltung des Sanktuariums fällt in diese Epoche, womit sich das Bauwerk erstmals zeitlich datieren lässt.Fabio Zamboni: Il santuario di San Romedio in Val di Non. S. 9–11.
Mit dem Bau der St. Georg Kapelle 1487 unter dem Kirchenpatronat von Georg von Cles wurde die Wallfahrtsstätte erstmals erweitert.Franz Hettinger: Aus Welt und Kirche. Bilder und Skizzen, Band 2: Deutschland und Frankreich. Herder, Freiburg, vierte Aufl. 1897, S. 81. Die in Cles ansässige Adelsfamilie stellte 1230 mit Friedrich von Cles den Rektor in San Romedio und übte drei Jahrhunderte lang ihren Einfluss auf die Pilgerstätte aus. Mit den Thun, die 1513 das Kirchenpatronat von den Cles übernahmen, nachdem sie zuvor möglicherweise die Ländereien von den Fuchs von Fuchsberg erworben hatten, erfuhr die Pilgerstätte San Romedio ihren wesentlichen Ausbau. Noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die beiden Kirchen San Michele und San Romedio sowie der Glockenturm erbaut. Im 18. Jahrhundert folgten das Pilgerhaus mit seinen Stallungen, die Privatunterkünfte der Thun, die Sakristei der Kirche San Romedio und die angrenzende Bibliothek. Zudem wurde der überdachte Treppenaufgang und gegen Ende des Jahrhunderts der Triumphbogen errichtet.Fiorenzo Degasperi: San Romedio: Una vita sacra attraverso il Tirolo storico. S. 130, 147.
Bedeutende Restaurierungsarbeiten fanden zwischen den 1980er und 2010er Jahren statt. Dabei wurde auch die Felsnadel gesichert.Alberto Folgheraiter: I sentieri dell’infinito: Storia dei Santuari del Trentino-Alto Adige. S. 43, Fußnote 1, 2.
2021 wurde für San Romedio das Aufnahmeverfahren für die Kandidatur zum UNESCO-Welterbe eingeleitet.
Kirchengeschichte San Romedio gehört zu den ältesten Wallfahrtsorten im Trentino. Nach einigen Autoren zählt er sogar zu den ältesten Kultstätten in der Provinz überhaupt und es sei nicht auszuschließen, dass hier 397 n. Chr. die drei christlichen Märtyrer Sisinius, Martyrius und Alexander getötet worden seien.Alberto Folgheraiter: I sentieri dell’infinito: Storia dei Santuari del Trentino-Alto Adige. S. 45.
Zwischen dem Ende des 12. und dem Beginn des 13. Jahrhunderts war San Romedio bereits Ziel von zahlreichen Pilgern. Davon zeugt auch die Bildung einer Bruderschaft, die im Sacramentario Adelpretiano erwähnt ist. Der Confraternita kam es zu, dass die Pilgerstätte für die Pilger offen gehalten wurde und die Pilger den religiösen Zeremonien beiwohnen konnten. Im 17. Jahrhundert ließ der Strom der Pilger etwas nach, womöglich weil der Wallfahrtsort San Romedio nicht ständig mit einem Priester oder Vikar besetzt war, so dass die Riten nur unregelmäßig abgehalten wurden, zumal die Seelsorger auch für andere Kirchengemeinden zuständig waren. Erst Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich die Situation und San Romedio wurde ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich seelsorgerisch betreut.Fiorenzo Degasperi: San Romedio: Una vita sacra attraverso il Tirolo storico. S. 131–132.
Bis zur josephinischen Kirchenreform war San Romedio Ziel zahlreicher Prozessionen. Die Gläubigen fast aller Kirchengemeinden im Nonstal, einschließlich des Deutschnonsberges, aber auch aus dem Val di Sole am Oberlauf des Noce zogen in Prozessionen am 15. Januar nach San Romedio. Seit 1907 ist der 15. Januar ein nichtgebotener Gedenktag des heiligen Romedius in der Diözese Trient, während in der Diözese Bozen-Brixen er dies bereits seit 1795 ist.Gianni Faustini, Igino Rogger: Il più bel santuario delle Alpi: San Romedio. S. 123. Der 15. Januar ist auch der Tag, an dem der Innenhof des Wallfahrtsortes wieder im Sonnenlicht erstrahlt. Als Stärkung wurde den Pilgern am 15. Januar, die seit dem Vorabend nichts gegessen hatten, im Pilgerhaus ein Teller warme Kuttelsuppe gereicht. Eine Tradition, die bis in die Gegenwart fortlebt. Die Gläubigen aus Sanzeno, Romeno, Don, Amblar sowie aus St. Felix und aus Unsere Liebe Frau im Walde zogen nach einem Pestgelübde von 1632 am 15. August sogar ein zweites Mal in einer Prozession nach San Romedio.Alberto Folgheraiter: I sentieri dell’infinito: Storia dei Santuari del Trentino-Alto Adige. S. 47, 51. Mit der Umsetzung der Kirchenreform 1786 waren Prozessionen nur noch aus der zugehörigen Pfarrgemeinde erlaubt, so dass die Anzahl der Prozessionen stark abnahm. Einige Pfarrgemeinden, wie die von St. Felix und Unseren Liebe Frau im Walde, hielten sich jedoch nicht an das Verbot und zogen auch weiterhin in Prozessionen nach San Romedio.Gianni Faustini, Igino Rogger: Il più bel santuario delle Alpi: San Romedio. S. 120.
Am 7. Juli 1809 pilgerte Andreas Hofer und 700 Tiroler Schützen nach der Zweiten Bergiselschlacht nach San Romedio. Im Gedenken daran versammeln sich die Tiroler Schützen alljährlich am 7. Juli in San Romedio. Im Sommer 1825 wurden im Schnitt 500 Pilger täglich in San Romedio gezählt. Die Gläubigen pilgerten aus der näheren und weiteren Umgebung in das Nonstal. Es waren vor allem Pilger aus den Nachbartäler, sie kamen aber auch aus Venetien und dem deutschsprachigen Tirol.Alberto Folgheraiter: I sentieri dell’infinito: Storia dei Santuari del Trentino-Alto Adige. S. 51.
San Romedio wird jährlich schätzungsweise von über 300.000 Personen besucht. Bei einer vom örtlichen Fremdenverkehrsverein durchgeführten Befragung gaben ein Teil der Besucher an, dass sie San Romedio nicht aus religiösen Gründen besuchten.Alberto Folgheraiter: I sentieri dell’infinito: Storia dei Santuari del Trentino-Alto Adige. S. 47.
San Romedio war seit alters her als Benefiziat einem Prior unterstellt. Seine Wahl unterlag seit 1206 dem Bischof von Trient. Im 16. Jahrhundert erhielten die Thun nach dem Ausbau des Wallfahrtortes von Papst Leo X. das Recht den Prior zu ernennen. Ab 1529 mussten der Prior seinen festen Wohnsitz nach San Romedio verlegen.Alberto Folgheraiter: I sentieri dell’infinito: Storia dei Santuari del Trentino-Alto Adige. S. 53, 55. Nach dem Besuch des Fürstbischofs Dominikus Anton von Thun 1742 wurde San Romedio zu einer von Sanzeno unabhängigen Pfarrei erklärt und 1815 erhielten die Prioren das Recht, die Sakramente zu spenden. 1930 ernannte Bischof Celestino Endrici San Romedio zu einer Sonderpfarre.