Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (zunächst Demokratisches Föderatives JugoslawienMilovan Đilas schreibt in Jahre der Macht. Kräftespiel hinter dem Eisernen Vorhang. Memoiren 1945–1966, Seewald, 1983, dass sich diese Bezeichnung bereits ab 1943 „eingebürgert“ habe.; von 1945 bis 1963 Föderative Volksrepublik Jugoslawien, kurz FVRJ), kurz SFR Jugoslawien oder SFRJ, war ein blockfreier Staat in Südosteuropa, der von 1945 bis 1992 bestand. Der sozialistische Einparteienstaat wurde autokratisch von Josip Broz Tito (1892–1980) und dem Bund der Kommunisten Jugoslawiens regiert (Titoismus).
Dieses sogenannte „Zweite Jugoslawien“ entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Nachfolgestaat des Königreichs Jugoslawien. Nach dem Tod Titos und ungelösten innenpolitischen Konflikten zerfiel der Bundesstaat in den von 1991 bis 2001 geführten Jugoslawienkriegen in die heute unabhängigen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien, Nordmazedonien und Kosovo.
Geographie Jugoslawien grenzte an Italien, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Albanien, mit einer langen Küste am Adriatischen Meer mit zahlreichen Inseln. Nach dem Anschluss der Zone B des Freien Territoriums von Triest umfasste das Staatsgebiet ab 1954 eine Fläche von 255.804 km².
Der Nordosten des Landes war relativ flach, der Rest des Landes eher gebirgig. Höchster Berg war der Triglav (2864 m, in den Julischen Alpen nahe Jesenice), gefolgt vom Golem Korab (2753 m, im Korabgebirge, auf der Grenze zu Albanien westlich von Gostivar) und dem Titov Vrv (2747 m, im Šar Planina nahe Tetovo).
An der Grenze zu Albanien lagen drei große Seen: der Skutarisee, der Ohridsee und der Prespasee. Die Donau durchfloss den Nordosten Jugoslawiens (u. a. die Städte Novi Sad und Belgrad) und bildete einen Teil der Grenze zu Rumänien, das dortige Durchbruchstal wird als Eisernes Tor (serbokroatisch: Đerdap) bezeichnet. Wichtige Nebenflüsse der Donau in Jugoslawien waren die Drau (Drava), die Save (Sava) und die Morava.
Bevölkerung
mini|Bevölkerungsentwicklung 1961–1991: Zunahme von 18,4 auf 23 Millionen (+25 %) Jugoslawien hatte 1991 rund 23 Millionen Einwohner, es gab 19 Städte mit jeweils mehr als 100.000 Einwohnern. Die größten Städte waren Belgrad (1.168.000 Einwohner) und Zagreb (706.800 Einwohner), gefolgt von Sarajevo, Skopje und Ljubljana. Von 1961 bis 1991 nahm die Bevölkerung Jugoslawiens um 25 % zu.Food and Agriculture Organization of the United Nations
Geschichte
Unter Tito (1945–1980) mini|hochkant|Josip Broz Tito (1961)
Das kommunistische Jugoslawien nahm während des Partisanenkriegs (1941–1945) im Rahmen des Zweiten Weltkriegs erstmals Gestalt an. Die Partisanenbewegung (später: Volksbefreiungsarmee) von Josip Broz Tito gründete 1941 erstmals eine Partisanenrepublik mit sozialistischem Charakter, die Republik Užice. Danach kam Anfang 1942 die Republik Foča, gefolgt Ende 1942 von der Republik Bihać. Diese Partisanenrepubliken waren aber stets kurzlebig, da sie von Angriffen der Armeen der Achsenmächte, die oft von den Kollaborateuren der serbisch-nationalistischen Tschetnik-Gruppen unterstützt wurden, immer wieder zerschlagen wurden.
Innerhalb der Republic Bihać trat 1942 erstmals der kommunistisch geführte Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ) zusammen, der sich in der Folge im Jahr 1943 zur obersten politischen Instanz in Jugoslawien erklärte und eine Rückkehr der jugoslawischen Monarchie verbot. Mit den AVNOJ-Beschlüssen vom 29. November 1943 wurde während des Zweiten Weltkrieges der Grundstein für eine neue Föderation südslawischer Völker unter der Führung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) gelegt.
Die vorübergehende Regierung dieser Föderativen Volksrepublik Jugoslawien, unter Titos Vorsitz, wurde im März 1945 gegründet und war von Großbritannien, den USA und der Sowjetunion anerkannt worden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Jugoslawien als sozialistischer Bundesstaat aus sechs Teilrepubliken (Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien und Mazedonien) gegründet. Am 29. November 1945 wurde die Föderative Volksrepublik Jugoslawien (Federativna Narodna Republika Jugoslavija) proklamiert, nachdem Titos kommunistische Volksfront die Wahlen gewonnen hatte.
Im Jahre 1948 distanzierte sich Tito immer mehr von der Sowjetunion und dem Ostblock, und es kam zum Bruch. Tito verfolgte einen eigenen jugoslawischen Sozialismus (Titoismus). Jugoslawien näherte sich immer mehr dem Westen an und war außerdem Gründungsmitglied der blockfreien Staaten. Dies und das Modell der Arbeiterselbstverwaltung führte zu großem Interesse in der westeuropäischen Linken bis weit ins sozialdemokratische Spektrum hinein. In der BRD pflegte besonders die Jugendorganisation Falken seit den 1950er Jahren Kontakte und Austausch mit Jugoslawien.Kay Schweigmann-Greve: „Weder Ost noch West - für eine ungeteilte sozialistische Welt!“ Die Kontakte der SJD – Die Falken in den 50er und 60er Jahren nach Jugoslawien und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart. In: Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 161–181. Mit der Studentenbewegung ab 1967 intensivierte sich dieses Interesse, das jedoch nie ohne Reibungen und Kritik verlief. mini|Jugoslawien (dunkelgrün) zwischen den Machtblöcken (blau: NATO, rot: Warschauer Pakt)
Am 7. April 1963 wurde der Staat in die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (Socijalistička Federativna Republika Jugoslavija/SFRJ) umbenannt.
Präsidialregierung und Zerfall (1980–1992) Nach dem Tod Titos am 4. Mai 1980 übernahm das Präsidium der Republik die Regierungsgeschäfte. Die acht Mitglieder setzten sich aus je einem Vertreter der sechs Teilrepubliken und der zwei autonomen Provinzen zusammen. Immer mehr kam es jedoch zu Unstimmigkeiten, da die integrative Persönlichkeit Tito fehlte.Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60645-8, S. 263.
Außer in Serbien wurden in allen ehemaligen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien nach durchgeführten demokratischen Wahlen Referenden über die staatliche Souveränität abgehalten.
Bei jeweils sehr hohen Wahlbeteiligungen stimmten für die jeweilige staatliche Souveränität: Slowenien: 88 Prozent Kroatien: 94,7 Prozent Bosnien-Herzegowina: 92,8 Prozent Mazedonien: 91 Prozent Montenegro: 55,5 Prozent.
Vor allem in Kroatien und Bosnien-Herzegowina hatten die jeweils serbischen wahlberechtigten Einwohner die Abstimmungen allerdings boykottiert.
Belgrad versuchte die Unabhängigkeitsbestrebungen zuerst militärisch zu unterwerfen. So intervenierte die Jugoslawische Volksarmee (JNA) zuerst 1991 in Slowenien (10-Tage-Krieg) und daraufhin auf Seiten der Krajina-Serben in Kroatien (Kroatienkrieg). Als dies misslang, verlagerte sich der Krieg dann immer mehr nach Bosnien-Herzegowina (Bosnienkrieg). Letztendlich gelang den drei Staaten jedoch die Durchsetzung ihrer Unabhängigkeit.
mini|Der politische Zerfall Jugoslawiens
Der 26. April 1992 wird von Beobachtern als der Tag der letztendlich vollzogenen Auflösung der Föderation betrachtet. Mazedonien trennt sich dabei umgehend vom jugoslawischen Dinar.
„Restjugoslawien“
mini|Serbien und Montenegro um 2005 Nachdem die Föderation in ihre Einzelstaaten zerbrochen war, arrangierten sich Serbien und Montenegro und bildeten 1992 den gemeinsamen Staat Bundesrepublik Jugoslawien.
Der UN-Sicherheitsrat beschloss am 19. September 1992 mit der Resolution 777, dass die aus Serbien und Montenegro bestehende Bundesrepublik Jugoslawien (BRJ) nicht automatisch die Rechtsnachfolge der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien als Mitgliedsstaat der UNO antreten könne, sondern sich ebenso wie die anderen Nachfolgestaaten neu um eine Mitgliedschaft bewerben müsse. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York bestätigte dies durch Mehrheitsbeschluss (Billigung von 127 Ländern bei 26 Enthaltungen und sechs Gegenstimmen). Die Bundesrepublik Jugoslawien dürfe deshalb den Sitz der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien in der UN-Vollversammlung nicht mehr wahrnehmen. Da die BRJ sich aber stets unbeirrt als völkerrechtlich identisch mit dieser angesehen hatteVgl. dazu ausführlich Andreas Zimmermann, Staatennachfolge in völkerrechtliche Verträge (= Beiträge zum ausländischen öffentlichen Recht und Völkerrecht; Band 141). Springer, Berlin/Heidelberg/New York 2000, ISBN 3-540-66140-9, S. 98 ff., 308. und sich weigerte, den konträren Beschluss zu akzeptieren, verlor sie ihren Sitz in der UN-Vollversammlung.
Die Bundesrepublik Jugoslawien wurde 2003 in einen Staatenbund umgewandelt und nahm mit einer neuen Verfassung den Namen Serbien und Montenegro an. Dies stellte das Ende des Staatsnamens „Jugoslawien“ dar. Nach dem Zerfall des Staatenbundes im Jahr 2006 gingen daraus die heutigen Staaten Serbien und Montenegro hervor.
Politik Politisches System Soweit nicht anders angegeben beziehen sich die Angaben auf die Verfassung von 1974, die bis 1988 gültig war:
Bundesebene mini|Gebäude der Bundesversammlung in Belgrad Staatsoberhaupt war nach Titos Tod das Präsidium der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, das sich aus je einem auf fünf Jahre gewählten Vertreter jeder Republik und Autonomen Provinz sowie dem Vorsitzenden des BDKJ zusammensetzte; jährlich wurde ein neuer Vorsitzender des Präsidiums bestimmt.
Die Funktion einer Bundesregierung hatte der Bundesexekutivrat. Dieser setzte sich zusammen aus: dem Ministerpräsidenten (Vorsitzender des Bundesexekutivrates, Regierungschef) den Bundessekretären (Ministern) Vertretern der Republiken und Autonomen Provinzen Leitern der Bundesverwaltungsorgane
Das Parlament auf Bundesebene war die Bundesversammlung, die aus dem Rat der Republiken und Provinzen (12 Delegierte aus jeder der 6 Republiken, 8 Delegierte aus jeder der 2 Autonomen Provinzen, zusammen also 88 Delegierte) und dem Bundesrat (Delegierte der Selbstverwaltungsorganisationen und gesellschaftspolitischen Organisationen: 30 je Republik und 20 je Autonomer Provinz, zusammen also 220 Delegierte) bestand.
Republiken und Provinzen Im Gegensatz zum Königreich Jugoslawien, das seit 1929 in neun Banschaften (Verwaltungsbezirke) unterteilt war, bestand die SFR Jugoslawien aus den sechs Teilrepubliken Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien. Mit der Verfassung von 1974 wurden innerhalb der Teilrepublik Serbien die zwei Autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina gebildet. Im Laufe der Zeit erhielten die Republiken und Provinzen immer mehr Kompetenzen (siehe Abschnitt „Verfassung“). Republiken der SFR Jugoslawien (einschließlich autonomer Provinzen) Republik Hauptstadt Fläche (km²) Flagge Wappen LageSozialistische Republik SlowenienLjubljana 20.253 80px|rand 50px80pxSozialistische Republik KroatienZagreb 56.542 80px|rand 50px80pxSozialistische Republik Bosnien und HerzegowinaSarajevo 51.129 80px|rand 50px80pxSozialistische Republik MontenegroTitograd 13.812 80px|rand 50px80pxSozialistische Republik MazedonienSkopje 25.713 80px|rand 50px80pxSozialistische Republik SerbienBelgrad 88.361 (55.968) 80px|rand 50px80px Autonome Provinzen der SR Serbien Hauptstadt Fläche (km²) Sozialistische Autonome Provinz Vojvodina Novi Sad 21.506 Sozialistische Autonome Provinz Kosovo Priština 10.887
Kommunale Ebene Als politische Einheit auf kommunaler Ebene gab es die Gemeinde (serbokroatisch: opština/općina, mazedonisch: Општина, slowenisch: občina), die in einzelne Ortschaften (naselje) unterteilt war. Dabei handelte es sich üblicherweise um eine Stadt und die umliegenden kleineren Dörfer.
Verfassung