Das Konzentrationslager Bergen-Belsen war von April 1943 bis April 1945 ein nationalsozialistisches Konzentrationslager unter der SS-Tarnbezeichnung Aufenthaltslager im Ortsteil Belsen der Gemeinde Bergen im Kreis Celle in der damaligen Provinz Hannover, heute Land Niedersachsen. Teile waren zuvor und dann parallel ein Kriegsgefangenenlager (Stalag XIc) der deutschen Wehrmacht. Die Befreiung durch britische und kanadische Truppen erfolgte am 15. April 1945. mini|Gedenkstein am Eingang zum Friedhof auf dem historischen Lagergelände mini|Friedhof auf dem historischen Lagergelände, mit Obelisk und Inschriftenwand, Jüdischem Mahnmal, Massengräbern und symbolischen Grabsteinen
Geschichte Das Lager entstand aus Baracken, die bis 1939 als Unterkünfte für Arbeiter dienten, die den Truppenübungsplatz in Bergen errichtet hatten. Die Baracken wurden nach Kriegsbeginn bis Januar 1945 von der Wehrmacht in ein Lager für belgische und französische, dann auch für sowjetische Kriegsgefangene umfunktioniert.
1943 übernahm die SS einen Teil des Lagers und nutzte es als „Aufenthaltslager“ für „Austauschjuden“, jüdische Häftlinge, die gegen deutsche Zivilinternierte im Ausland ausgetauscht werden sollten. Später kamen ein Männer- und ein Frauenlager für kranke und arbeitsunfähige Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern hinzu. Ab März 1944 wurden weitere Zehntausende Häftlinge aus frontnahen Konzentrationslagern in das KZ Bergen-Belsen verlegt.
Bis zur Befreiung des Lagers durch britische Truppen am 15. April 1945 starben im KZ Bergen-Belsen mindestens 52.000 Häftlinge aufgrund der Haftbedingungen. Für Tausende war es eine Durchgangsstation zur Ermordung in Vernichtungslagern.
Kriegsgefangenenlager und -friedhof Ein 1935 bei der Errichtung des Truppenübungsplatzes Bergen für die Bauarbeiter im Wald errichtetes Barackenlager („Heeresneubaulager Bergen-Belsen“) wurde 1940 von der Wehrmacht zur Unterbringung von 600 französischen und belgischen Kriegsgefangenen genutzt. www.bergen-belsen.stiftung-ng.de. Im Mai/Juni 1941 wurde der Ort zu einem Mannschafts-Stammlager und Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene ausgebaut und erhielt die Bezeichnung (Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager) Stalag XI C (311).Stalag XI C. www.relikte.com.. Bis Herbst 1941 wurden dort mehr als 21.000 sowjetische Kriegsgefangene eingeliefert. Unterkunftsbaracken gab es kaum, daher mussten die Gefangenen unter freiem Himmel, in Erdhöhlen und Laubhütten unterkommen.Siehe auch die Grundlagenwerke zum Thema Kriegsgefangene von Rolf Keller u. a.: Bis zum Frühjahr 1942 starben rund 14.000 der Gefangenen an Hunger, Kälte und Krankheiten. Sie wurden auf einem etwa 600 Meter vom Lager entfernten Friedhof, der sowjetischen Kriegsgräberstätte Bergen-Lohheide, zumeist in Massengräbern beerdigt. Zwischen 1941 und 1945 wurden hier 19.580 sowjetische Kriegsgefangene und 142 italienische Militärinternierte begraben. Außerdem sind in zehn weiteren Einzelgräbern Armeeangehörige aus anderen Staaten bestattet worden. Bislang konnten drei von ihnen als polnische Kriegsgefangene identifiziert werden.Bergen - Lohheide (Hörsten), Kriegsgefangenenfriedhof. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, amtlich erfasst 23.215 Tote → Angaben über Höhe der Todeszahlen veraltet. Hier Zahlen nach: Bergen-Belsen. Historischer Ort und Gedenkstätte. Celle 2010, S. 54 und Informationstafel der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten am Parkplatz des Friedhofs, dort Angabe von 50.000 Toten.
Im April 1943 trat die Wehrmacht den südlichen Teil des Lagergeländes an die SS ab, die dort das Konzentrationslager Bergen-Belsen einrichtete. Die Wehrmacht nutzte den unter ihrem Kommando verbliebenen Lagerteil unter der Bezeichnung Stalag XI B Fallingbostel Zweiglager Bergen-Belsen bis Mitte Januar 1945 weiterhin als Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene, zwischen Juli 1944 und Mitte Januar 1945 wurden dort auch etwa 800 italienische Militärinternierte behandelt. Zusätzlich waren zwischen Oktober/November 1944 und Mitte Januar 1945 auch etwa 1000 Angehörige der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa dort untergebracht. Mitte Januar 1945 wurde auch das Lazarett aufgelöst und das Areal von der SS übernommen.Bergen-Belsen. Historischer Ort und Gedenkstätte. Celle 2010, Chronologie S. 8f, S. 12–19.
Aufenthaltslager Bergen-Belsen Als Aufenthaltslager wurde der Lagerteil, der nun der Amtsgruppe D des SS-Wirtschaft-Verwaltungshauptamtes WVHA übertragen war, zwischen Ende Juni 1943 und Dezember 1944 bezeichnet. Dieses Lager war zunächst als „Zivilinterniertenlager Bergen-Belsen“ gegründet worden und sollte vorrangig solchen Juden vorbehalten sein, die als „Austauschjuden“ gegen deutsche Zivilisten dienen konnten, die im feindlichen Ausland interniert waren. Die ursprüngliche Bezeichnung wurde vom WVHA jedoch alsbald geändert, „da Zivilinterniertenlager gemäß der Genfer Konvention internationalen Kommissionen zur Besichtigung zugänglich sein“ mussten und man dieses vermeiden wollte.Eberhard Kolb: Bergen-Belsen 1943–1945. Dokument S. 131.
Im Zweiten Weltkrieg tauschten die kriegführenden Staaten mehrfach einige von ihnen festgehaltene Zivilinternierte gegen eigene Staatsangehörige aus, die im jeweiligen Feindstaat interniert waren. Bemerkenswert ist in diesem Fall, dass die Nationalsozialisten zu Zeiten, in denen Juden in den Vernichtungslagern massenhaft ermordet wurden, im Aufenthaltslager Bergen-Belsen auch bestimmte Juden für einen Austausch bereitstellten.
Planung Bereits im Dezember 1941 und abermals im November 1942 hatte der Reichsführer SS Heinrich Himmler deutsche Zivilinternierte, die ursprünglich illegal nach Palästina eingewandert waren und von den Briten in Australien interniert worden waren, gegen Juden mit britischem Pass austauschen lassen. Das Auswärtige Amt und das Reichssicherheitshauptamt gedachten, 30.000 Juden mit Pässen oder Staatsangehörigkeitspapieren von „Feindstaaten“ oder solchen mit verwandtschaftlichen, politischen und kaufmännischen Beziehungen dorthin vorerst von der Deportation in den Osten auszunehmen und sie in einem Lager zu konzentrieren, wo sie für einige Zeit zum Austausch mit internierten Deutschen „zur Verfügung stehen“ sollten. Himmler griff diesen Plan auf und ordnete für das Frühjahr 1943 an, ein Lager für etwa 10.000 Juden zu errichten, die wegen ihrer Beziehungen zum Ausland als Austauschpersonen oder als Druckmittel bei der Beschaffung von Devisen und Rohstoffen zurückgestellt werden sollten. Andere dort Internierte besaßen die Staatsangehörigkeit neutraler oder verbündeter Staaten und sollten als Faustpfand für Wohlverhalten dienen.
Dieses Sonderlager wurde auf einem abgetrennten Geländeteil des Kriegsgefangenenlagers Stalag XI C/311 eingerichtet, das nur noch als Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene der Region diente und diese Funktion auch bis 1945 beibehielt.
Die Errichtung des „Zivilinternierungslagers Bergen-Belsen“ wurde vom WVHA am 10. Mai 1943 bekannt gegeben. Mitte Juli 1943 kamen im nunmehr so bezeichneten „Aufenthaltslager Bergen-Belsen“ die ersten polnischen Juden an, von denen die meisten Pässe oder Staatsangehörigkeitspapiere lateinamerikanischer Staaten oder Einreisezertifikate für Palästina besaßen. In beiden Regionen waren seit Kriegsbeginn Deutsche interniert; es gab im deutschen Machtbereich kaum „nichtjüdische“ Personen aus diesen Regionen.Rainer Schulze: „Rettungsbemühungen.“ Anmerkungen zu einem schwierigen Thema der Zeitgeschichte. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Hilfe oder Handel? Bremen 2007, ISBN 978-3-86108-874-5, S. 11.
Lagereinteilung des Aufenthaltslagers Ein Baukommando von 600 Häftlingen wurde in einem abgetrennten „Häftlingslager“ untergebracht, das bis Anfang Februar 1944 bestand. Das „Aufenthaltslager“ war in vier Abschnitte eingeteilt, die durch Zäune abgetrennt waren. Die dort inhaftierten Gruppen waren voneinander isoliert und wurden unterschiedlich behandelt.Zahlenangaben in diesem Abschnitt nach Eberhard Kolb: Bergen-Belsen 1943–1945…. Leiter des Lagers war bis Dezember 1944 der SS-Hauptsturmführer Adolf Haas.
Sternlager mini|Jüdischer Gedenkstein vom 15. April 1946 Im „Sternlager“ waren Ende Juli 1944 etwa 4100 „Austauschjuden“ inhaftiert, darunter Juden aus Saloniki, sieben Transporte aus Westerbork, nordafrikanische Juden, kleine Gruppen französischer Juden, jugoslawische und albanische Juden aus Zagreb. Hier – wie auch in anderen Lagerteilen – waren auch Familien mit Kindern untergebracht. Die Internierten trugen Zivilkleidung mit aufgenähtem Judenstern, daher die Bezeichnung „Sternlager“. Ihre Ernährung war unzureichend. Es bestand Arbeitsverpflichtung, oft beim „Schuh-Kommando“. Hier mussten die Häftlinge alte Schuhe auseinandertrennen.
Von diesen Austauschjuden kam nur ein geringer Teil durch Austausch frei. Ende April 1944 reisten 222 Personen in einem Palästina-Austausch aus. 136 Personen mit Pässen lateinamerikanischer Staaten durften im Januar 1945 über die Schweiz ausreisen; andere wurden im Internierungslager von Biberach (Lager Lindele) zurückgehalten, weil zu wenig deutsche Internierte für den Austausch bereitstanden.
Neutralenlager Im „Neutralenlager“ für Juden aus neutralen Staaten lebten 250 bis 360 Personen; neben Portugiesen und Argentiniern hauptsächlich Spanier und Türken. Die Lebensbedingungen waren deutlich besser als im „Sternlager“. Am 4. März 1945 konnten 105 Juden türkischer Staatsangehörigkeit über Schweden ausreisen.
Sonderlager Im „Sonderlager“ waren rund 350 aus Polen deportierte Juden verschiedener Nationalitäten untergebracht, die offensichtlich von den Insassen des „Sternlagers“ abgesondert waren, um Kontakte zwischen den polnischen und den westeuropäischen Juden zu vermeiden, da Letztere über die Vernichtungslager im Osten von Polen nicht viele Kenntnisse besaßen. Aus diesem Grunde waren sie auch nicht in den Arbeitskommandos eingesetzt.
Ungarnlager Im „Ungarnlager“ waren seit dem 8. Juli 1944 insgesamt 1683 ungarische Juden inhaftiert. Diese „Kasztner-Gruppe“ wurde im Austausch gegen Devisen und Waren wie Rohkaffee am 20. August 1944 beziehungsweise am 25. Januar 1945 in die Schweiz entlassen. Am 7. Dezember 1944 trafen 2200 ungarische Juden aus dem Durchgangslager Strasshof bei Wien ein, die wegen ihrer „bevorzugten Stellung“ nicht nach Auschwitz transportiert werden sollten.Alexandra-Eileen Wenck: Zwischen Menschenhandel und Endlösung… Paderborn 2000, ISBN 3-506-77511-1, S. 335.
Schicksal der jüdischen Austauschhäftlinge Insgesamt wurden annähernd 14.700 jüdische Häftlinge in den Jahren 1943/1944 in das KZ Bergen-Belsen, das „Aufenthaltslager“, gebracht. Von ihnen kamen rund 2560 durch Austausch frei.Rainer Schulze: „Rettungsbemühungen…“, ISBN 978-3-86108-874-5, S. 14. Für eine etwa gleich große Gruppe war das Aufenthaltslager nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager: Ihre Staatsangehörigkeitsnachweise oder Einreisezertifikate wurden nicht anerkannt. Die meisten der im Aufenthaltslager internierten Juden wurden bis in die letzten Kriegstage als immer noch wertvolle „Verhandlungsmasse“ im Lager festgehalten. In den letzten Kriegsmonaten konnte von einer bevorzugten Behandlung jedoch keine Rede mehr sein.
Zum Schicksal einer Gruppe von 72 „austauschfähigen“ jüdischen Häftlingen ab November 1944 siehe auch Schloss Bad Wurzach, damals ein Internierungslager in Bad Wurzach.
Zwischen dem 6. und 11. April 1945 wurden die verbliebenen rund 7000 „Austauschjuden“ mit drei Transportzügen in das KZ Theresienstadt geschickt, um in eventuellen Verhandlungen mit den Briten und Amerikanern eingesetzt zu werden. Nur einer der Züge erreichte seinen Zielort. Der letzte der drei Transporte blieb nach einer zweiwöchigen Irrfahrt durch ganz Deutschland in der Nähe der brandenburgischen Gemeinde Tröbitz stehen und wurde am 23. April 1945 von vorrückenden Truppen der Roten Armee befreit. 550 Insassen dieses „verlorenen Zugs“ überlebten die Fahrt nicht.
Konzentrationslager Bergen-Belsen