Die Kriegskunst ist die, mit der Herausbildung des Krieges und der Streitkräfte entstandene, Theorie und Praxis der Vorbereitung, Führung und Durchführung von Kampfhandlungen unterschiedlicher Dimensionen in allen Sphären.Autorenkollektiv: Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte. A-Me, Mi – Z. 2., durchgesehene Auflage, Band 2, Berlin 1987, ISBN 3-327-00478-1, S. 417–430.Autorenkollektiv der Militärakademie „Friedrich Engels“, der Nationalen Volksarmee u. a.: Militärlexikon. (Hrsg.) Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik: 2. Auflage, Berlin 1973, S. 192–193.

Die Kriegskunst umfasst mehr als nur die Kriegsführung. Sie wird nach anwachsendem Ausmaß der Kampfhandlungen in drei Bestandteile unterteilt: die Taktik, die Operative Kunst und die Strategie.

Die Theorie der Kriegskunst ist ein Wissenschaftszweig der Militärwissenschaft.

Begriffsgeschichte Vorgeschichte im Kriegswesen Die Kriegskunst entstand in der Zeit des Übergangs von der GentilordnungFriedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen. Die Untersuchung erschien 1884 und war ein anspruchsvoller theoretischer Entwurf, der zusammen mit den Studien von Lewis H. Morgan die Anfänge der künftigen Familien-, Wirtschafts- und Staatssoziologie stark beeinflusste. zur Klassengesellschaft in einem langen historischen Prozess und entwickelte sich im Zusammenhang mit der allmählichen Herausbildung von Staaten und des Militärs. Sie ist verbunden mit der Politik der Völker, Staaten, Klassen, Nationen und Bündniskoalitionen, aber auch den Streitkräften, und den von ihnen geführten Kriegen und dem militärtheoretischen Denken.

Der Entwicklungsstand der Kriegskunst widerspiegelt sich in überlieferten Schriftzeugnissen. Elemente einer Kriegskunst entstanden wahrscheinlich bereits weit vor der Antike. Auf einer internationalen Militärhistorikertagung in Teheran wies Abraham Malamat bereits im Jahr 1976 in seinem Vortrag begründet nach, dass in der Bibel nicht nur der Verlauf aller Kriegsformen beschrieben ist, sondern dass dort klare theoretische Formulierungen einer Kriegslehre enthalten sind.Abraham Malamat: The Conduct of Israelite Warfare in the Biblical Period. Konferenzvortrag in Teheran, 9. Juli 1976. In: Zit. bei: Jehuda L. Wallach (Hrsg.): Reihe Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung. Band 15, Eine Festschrift für Werner Hahlweg, Prof. für Militärgeschichte und Wehrwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Univ. Münster zur Vollendung seines 65. Lebensjahres am 29. April 1977. Osnabrück 1977, S. 440, Fußnote 11.

Nicht durch Dichtung, sondern auf der Basis mehrerer Tempelinschriften ist die Überlieferung der Schlacht bei Kadesch um 1274 v. u. Z. zwischen dem altägyptischen Pharao Ramses II. und dem Hethiterkönig Muwattalli II. überliefert. Sie gilt als bestdokumentierte Beschreibung eines Krieges und des Kriegswesens in der Antike bis zu diesem Zeitpunkt.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Artemis & Winkler, München 1997, ISBN 3-7608-1102-7, S. 230.

Die ältesten europäischen schriftlichen Überlieferungen zum Kriegswesen stammen aus der Zeit des Trojanischen Krieges (ca. 1300 v. u. Z.) und zwar aus Homers Werk Ilias. Der Entwicklungsprozess hin zu einer Kriegskunst verstärkte sich im 5./4. Jahrhundert v. u. Z. in den Ländern Vorderasiens und Nordafrikas und vollzog sich in Europa über Jahrhunderte bis zum 5. Jh. u. Z.

Entstehungsgeschichte des Begriffs Kriegskunst Eine erste systematische Beschäftigung mit dem Kriegswesen und die Begriffsschöpfung war in dem Buch Die Kunst des Krieges des chinesischen Generals Sunzi im 5. Jahrhundert v. u. Z. zu finden. Es gilt als das älteste erhaltene Werk über (Militär-)Strategie.Ssun–Ds’: Traktat über die Kriegskunst. Übers. a. d. Altchinesischen ins Russ., dt. Übertragung. Berlin 1957. (Anmerkung: Die Schreibweise Ssun-Ds’ ist eine selten verwendete Alternative zur offiziellen und häufiger gebrauchten Pinyin-Umschrift des Namens Sunzi.)

Gleichermaßen bekanntDie 36 Strategeme sind in China Allgemeingut. Sie sind Schullesestoff und werden als Cartoons gedruckt. sind in China die Sechsunddreißig Strategeme, die auf General Tan Daoji († 436) zurückgehen sollen. Schriftlich wurden sie durch das erst um 1500 entstandene Traktat Sanshiliu Ji. Miben Bingfa (dt. „Die 36 Strategeme – Geheimbuch der Kriegskunst“) durch einen Militärhistoriker aus der Ming-Zeit (1368–1644) überliefert.Den Essay eines unbekannter Autors, der als 36 Strategeme ab 1988 im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, veröffentlichte Harro von Senger unter dem Titel 36 Strategeme für Manager. (z. B. in: Piper Taschenbuch, 5. Auflage 2006, ISBN 978-3492246491.)

Über die Kriegskunst ihrer Zeit berichteten u. a. die griechischen Geschichtsschreiber Thukydides (um 460–396 v. u. Z.) und Xenophon (um 430–354 v. u. Z.), der römische Feldherr und Politiker Gajus Julius Cäsar (100–44 v. u. Z.) und die römischen Militärtheoretiker Sextus Julius Frontinus (1. Jh. u. Z.) und Flavius Vegetius RenatusDer Spätrömische Militärtheoretiker Flavius Vegetius Renatus verfasste im 4. Jahrhundert mit Epitoma rei militaris ein Werk über das Militär und Kriegsführung, das im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein als Standardwerk galt. (4. Jh. u. Z.). Einige der systematisierenden Werke der antiken Militärliteratur übten auf die Kriegskunst im Oströmischen Reich und später auf die Kriegskunst und das militärische Denken in Europa im 16./17. Jh. einen großen Einfluss aus.

Der Begriff Kriegskunst tauchte in europäischen militärischen Schriften erstmals im 16./17. Jahrhunderts auf. Er bezog sich auf die Tätigkeit des Feldherrn im Krieg.

Zwischen 1519 und 1520 entstand die Abhandlung Die Kunst des Krieges oder Dell’arte della guerra von Niccolò Machiavelli, die hauptsächlich das Militärwesen beschreibt und über Taktik, Strategie und Politik in der Feudalgesellschaft berichtet.

Begriffsentwicklung im 18./19. Jahrhundert Bis ins 18. Jahrhundert wurde das Militärwesen und die Führung der Truppen oft als Kriegshandwerk oder Kunst und nicht als Wissenschaft verstanden. So wurden Offiziere in den militärischen Formationen während des praktischen Dienstes ausgebildet. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem (Militär-)Kriegswesen bildete, bis auf Militärgeschichte, die Ausnahme.

Grundsätze und Regeln der Kriegskunst der spätfeudalen Armeen fanden ihren Niederschlag in den Schriften der französischen Marschälle Henri de la Tour d’Auvergne, Vicomte de Turenne (1611–1675), und Sébastien Le Prestre de Vauban (1633–1707), der österreichisch-kaiserlichen Feldherren Raimund von Montecuccoli (1609–1680) und Prinz Eugen von Savoyen (1663–1736) sowie des Preußenkönigs Friedrich II. und in den im 17./18. Jh. erlassenen Exerzierreglements. Weiterführende Ideen entwickelten die russländischen Heerführer P. A. Rumjanzew (1725–1796) und A. W. Suworow (1729–1800).

In der Militärliteratur des 19. Jahrhunderts wurde unter Kriegskunst im Allgemeinen das Können der Heerführer verstanden, die vorhandenen Kräfte und Mittel im Kampf zur Erreichung der strategischen Ziele einzusetzen. Ein hervorragender Vertreter einer neuen Kriegskunst war der französische Kaiser Napoleon I. (1769–1821). Maßgeblichen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Kriegskunst zeigte die Feldherrnkunst des russländischen Heerführers M. I. Kutusow (1745–1813) aus.

Ludwig Müller (1734–1804),Ludwig Müller (1734–1804) wechselte 1801 von der Ausbildung für Fahnenjunker an der Potsdamer Ingenieursakademie und der Berliner Inspektionsschule als Dozent für kartographische Probleme, Terrainlehre und Kastrametation (Castrometrie, militärisches Lagerwesen) an die Akademie für junge Infanterie- und Kavallerieoffiziere. der als ein Begründer der Militärgeographie im deutschsprachigen Raum gilt, unterschied in seinem Werk „Die Terrænlehre“ (1807) deutlich zwischen Kunst und Wissenschaft: „… unter den verschiedenen Fächern, die diese Kriegskunst umfasst wählte man bald dieses bald jenes zur Übung seines militärischen Scharfsinns und so entstanden nach und nach durch den fortgesetzten Fleiß mehrerer Jahrhunderte die einzelnen Lehrgebäude, die den Namen Kriegswissenschaften führen. …“Ludwig Müller: Die Terrænlehre. Mit Kupfern und Holzschnitten. In: Ludwig Müllers nachgelassene militärische Schriften. Zweiter Band. Berlin 1807, S. 4 f.

Kunst versus Theorie bei Clausewitz und Moltke Das bekannteste deutschsprachige militärtheoretische Werk dieser Epoche sind die Hinterlassenen Werke des Generals Carl von Clausewitz, die unter dem Titel Vom Kriege mit der ersten Ausgabe posthum im Jahr 1832 zur Kriegskunst oder Kriegswissenschaft herausgegeben wurden. Der preußische Generalmajor und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780–1831) analysierte in seinem Werk Vom Kriege Grundlagen und Methoden der Kriegskunst. Der dominierenden zeitgenössischen Auffassung, dass Kriegskunst ausschließlich im Sinne richtiger subjektiver Feldherren-Entscheidungen verstanden wird, setzte er die verallgemeinerten kriegsgeschichtlichen Erfahrungen des 18./19. Jh. mittels einer (wissenschaftlichen) Militärtheorie daneben.

Hierbei musste die Kunst des politischen Verstandes und Gefühls zur Seite stehen, wie Clausewitz zur Wahl des Begriffes Kunst anmerkte: „Hier verlässt also die Tätigkeit des Verstandes das Gebiet der strengen Wissenschaft, der Logik und Mathematik und wird im weiten Verstande des Wortes zur Kunst, d. h. zu der Fertigkeit, aus einer unübersehbaren Menge von Gegenständen und Verhältnissen die wichtigsten und entscheidenden durch den Takt des Urteils herauszufinden. Dieser Takt des Urteils besteht unstreitig mehr oder weniger in einer dunklen Vergleichung aller Größen und Verhältnisse, wodurch die entfernten und unwichtigen schneller beseitigt und die nächsten und wichtigsten schneller herausgefunden werden, als wenn dies auf dem Wege strenger Schlussfolge geschehen sollte.“Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Berlin 1957, S. 702.

Für die Kriegskunst vor Wissenschaft soll nach Aussage eines Zeitgenossen der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800–1891) einerseits mit dem Spruch plädiert haben: „Ich kenne wohl Eine Kriegskunst, aber nur eine Mehrzahl von Kriegswissenschaften.“Johann Christoph v. Allmayer-Beck: Ist Militärgeschichte heute noch zeitgemäß? In: Reihe Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung. Band 15. Eine Festschrift für Werner Hahlweg, Prof. für Militärgeschichte und Wehrwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Univ. Münster zur Vollendung seines 65. Lebensjahres am 29. April. Osnabrück 1977, S. 12 f. Andererseits wurde ab 1857 durch v. Moltke eine eigene militärwissenschaftliche Abteilung im preußischen Generalstab gegründet.

Die Erfahrungen aus dem Krieg 1870/71 fanden in der Kriegskunst nur partiell Berücksichtigung. Im strategischen Denken im deutschen Kaiserreich dominierte die von Moltke in den 1860er Jahren entwickelte Theorie vom kurzen Krieg, die mit ihrem übersteigerten Offensivprinzip die spätere Blitzkriegskonzeption mit vorbereitete.

Kriegskunst versus Kriegführung bei Clausewitz

Einen erweiterten Sinngehalt legt Clausewitz schließlich in den Begriff Kriegskunst, in Abgrenzung und im Unterschied zum engeren Verständnis von Kriegführung. Bei Clausewitz heißt es: „Die Kriegskunst im eigentlichen Sinn wird also die Kunst sein, sich der gegebenen Mittel im Kampf zu bedienen, und wir können sie nicht besser als mit dem Namen Kriegführung bezeichnen.“ Und Clausewitz fügt sogleich hinzu: „Dagegen werden allerdings zur Kriegskunst im weiteren Sinne auch alle Tätigkeiten gehören, die um des Krieges willen da sind, also die ganze Schöpfung der Streitkräfte, d. i. Aushebung, Bewaffnung, Ausrüstung und Übung.“Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Berlin 1957, S. 88.