mini|Zwickau, Zeche „Martin Hoop“, Bergarbeiter, Arbeitspause, 1957Rummelplatz ist der Titel eines zwischen 1959 und 1966 in der DDR entstandenen unvollendeten Romans von Werner Bräunig, der erst posthum im Jahr 2007 veröffentlicht wurde.
Er schildert die Aufbaujahre der DDR zwischen Herbst 1949 und Sommer 1953. Hauptschauplatz ist das fiktive erzgebirgische Dorf Bermsthal, in dem ein Bergbaubetrieb der SAG Wismut angesiedelt ist. Hier wurde Uran für die sowjetische Atomindustrie gefördert. Die Wismut galt als „Staat im Staate“ und als Schmelztiegel der Nachkriegskonflikte. 1950 arbeiteten hier rund 200.000 Menschen. Gute Verdienstmöglichkeiten lockten desillusionierte Kriegsheimkehrer und Glücksritter, sozialistische Idealisten und Entwurzelte an. In Bräunigs Roman wird die Wismut zur Metapher für die Situation der neugegründeten Republik: für den großen Aufbauwillen und Enthusiasmus ebenso wie für sich abzeichnende Fehlentwicklungen. Der Roman endet mit dem Aufstand des 17. Juni 1953.
Bräunig, der einer der Protagonisten des „Bitterfelder Wegs“ und Mitglied der SED war, schilderte die Ereignisse mit ungeschöntem Realismus. Seine eigenen Erfahrungen als Arbeiter bei der Wismut bilden den stofflichen Hintergrund des Romans. Im Kontext des 11. Plenums 1965 geriet Rummelplatz in die Kritik der DDR-Staats- und Parteiführung. Eine Veröffentlichung war damit ausgeschlossen. Erst 2007 erschien das Buch im Aufbau-Verlag Berlin und war im selben Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Entstehung Bräunig, Student am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“, begann 1959 die Arbeit an dem als zweibändig geplanten Romanprojekt, das zunächst den Arbeitstitel Der eiserne Vorhang trug. Er wollte die Zeit von 1949 (dem Gründungsjahr der DDR) bis 1959 in der DDR mit einigen Seitenblicken auf die Entwicklung in der Bundesrepublik gestalten.Simone Barck, Martina Langermann, Siegfried Lokatis: Jedes Buch ist ein Abenteuer. Zensur-System und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre. De Gruyter 1998, ISBN 3-05-003118-2, S. 320. Ursprünglich hatte er vor, einen „Bergarbeiterroman“ zu schreiben, doch dieses Konzept erwies sich schnell als zu eng. Seine kompositorische Absicht zielte auf „eine Verquickung von Erziehungs- und Gesellschaftsroman“, in dessen Zentrum die damals 30-jährigen in Ost und West stehen sollten.Werner Bräunig: Notizen. In: Erkenntnisse und Bekenntnisse. Halle (Saale) 1964, S. 48. Bis 1965 entstanden 700 Manuskriptseiten. Der Autor und sein Projekt standen im Mittelpunkt allgemeinen Interesses: Aufgrund seiner proletarischen Herkunft schien er besonders geeignet, die Richtigkeit der von ihm auf der Bitterfelder Konferenz verkündeten Losung „Greif zur Feder, Kumpel“ unter Beweis zu stellen.
Es gab einen Vorabdruck des 4. Romankapitels in Heft 10 (1965) der ndl (neue deutsche literatur) wie auch Ausschnitte im Neuen Deutschland und im Sonntag. Eine zensierte Veröffentlichung von 170 Manuskriptseiten wurde später im Sammelband Ein Kranich am Himmel abgedruckt, der 1981 im Mitteldeutschen Verlag erschien. Grund für die Zensur war, dass der Inhalt des Romans und dessen „wirklichkeitsgesättigte Prosa“ (Christa Wolf im Vorwort von Rummelplatz) den offiziellen Vorstellungen von der literarischen Gestaltung des sozialistischen Aufbaus widersprachen und das vorgesehene Buch deshalb in der DDR nicht erscheinen durfte, wenngleich ein offiziell ausgesprochenes Verbot nicht nachweisbar ist. Die Dynamik, die letzten Endes zur Nichtveröffentlichung führte, erklärt sich vor allem aus der Verschärfung des bis dahin relativ gemäßigten kulturpolitischen Kurses im Zuge des 11. Plenums 1965.
Bereits vor dem Plenum, am 25. November 1965, wurde der Vorabdruck des Romankapitels in der ndl bei einem Treffen von Funktionären mit Schriftstellern thematisiert. An dem Treffen nahmen unter anderen Christa Wolf und Anna Seghers teil. Walter Ulbricht griff Bräunigs Roman direkt an: "Wem soll das nutzen? Brauchen wir das zur Erziehung der Jugend von heute?"Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente. Hrsg. von Günter Agde. Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH 1991, S. 136. Hintergrund dieses Angriffs waren, wie sich Christa Wolf rückblickend erinnert, antisozialistische Stimmungen unter der Jugend, für die die Künstler verantwortlich gemacht wurden, um von ökonomischen und politischen Problemen abzulenken.Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente. Hrsg. von Günter Agde. Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH 1991, S. 265. Christa Wolf verteidigte Bräunig gegen Ulbrichts Kritik, ebenso Anna Seghers, die "das Hinwegdrängen einer Sache, die uns in ihrer Widerspiegelung nicht gefällt", als "eine defensive Haltung"Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente. Hrsg. von Günter Agde. Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH 1991, S. 138. bezeichnete.
Durch den Abdruck war auch das Ministerium für Staatssicherheit auf Bräunigs Roman aufmerksam geworden. Der Leiter der Objektverwaltung Wismut schrieb an die Staatssicherheit Karl-Marx-Stadt, „dahingehend zu wirken, dass von den zuständigen Stellen eine Herausgabe dieses Buches verhindert wird“.zitiert nach: Angela Drescher:"Aber die Träume, die haben doch Namen". Der Fall Werner Bräunig. In: Werner Bräunig: Rummelplatz. Roman. Aufbau-Verlag Berlin 2007, ISBN 978-3-351-03210-4, S. 665.
Am 30. November fasste das SED-Politbüro auf Antrag von Kurt Hager, Erich Honecker und Paul Fröhlich einen Beschluss, in dem es unter anderem hieß: „Im ‚Neuen Deutschland‘ ist die öffentliche Auseinandersetzung mit den Gedichten von Biermann ... zu beginnen. Außerdem ist im ‚Neuen Deutschland‘ die Auseinandersetzung mit dem in der Zeitschrift ‚Neue Deutsche Literatur‘ veröffentlichten Stück von Bräunig (Rummelplatz) zu führen. Es ist zu organisieren, dass Arbeiter, die den Aufbau der Wismut miterlebt haben, dazu schreiben.“zitiert nach: Hans-Peter Bartels: Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt. abgerufen am 19. September 2016.
Das einzig vorhandene Exemplar des Romans wurde Anfang Dezember von der Arbeitsgruppe Honecker zur Vorbereitung des Plenums beim Mitteldeutschen Verlag angefordert. Dr. Hans Baumgart von der Abteilung Kultur beim Zentralkomitee der SED sollte eine Stellungnahme dazu abgeben, die, von einzelnen kritischen Hinweisen abgesehen, insgesamt recht positiv ausfiel.Simone Barck, Martina Langermann, Siegfried Lokatis: Jedes Buch ist ein Abenteuer. Zensur-System und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre. De Gruyter 1998, ISBN 3-05-003118-2, S. 322.
Am 7. Dezember 1965 erschien im Neuen Deutschland (ND) ein „Offener Brief der Wismut-Kumpel“ gegen Bräunigs Roman. Diese Form der inszenierten Öffentlichkeit war in der DDR nicht unüblich; in der Regel gingen solche Meinungsäußerungen auf Parteiaufträge zurück. Klaus Höpcke, der Kulturredakteur des ND, hatte mit vier Angehörigen der Wismut – alles SED-Genossen – über das Rummelplatz-Kapitel diskutiert und danach den „Offenen Brief“ formuliert.Angela Drescher: "Aber die Träume, die haben doch Namen". Der Fall Werner Bräunig. In: Werner Bräunig: Rummelplatz. Roman. Aufbau-Verlag Berlin 2007, ISBN 978-3-351-03210-4, S. 649. Flankiert wurde dieses Schreiben durch den Brief eines Arztes, der Bräunig eine „diffamierende Darstellung“ der Arbeiterklasse und „ans Pornographische grenzende Details“ vorwarf und Bedenken gegen eine Veröffentlichung des Romans äußerte. Der Autor wehrte sich mit einem offenen Brief: „Was ich da versuche, ist kein Roman über die Wismut, sondern ein Entwicklungsroman, der das Leben von vier jungen Leuten verfolgen will von 1949 bis in die Gegenwart (...).“ Er verwies darauf, dass er keineswegs nur seine subjektiven Erinnerungen verarbeite, sondern gründliches Quellenstudium betrieben und Interviews mit Hunderten von Menschen geführt habe.zitiert nach: Gunnar Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR. Band 1598, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, ISBN 978-3-8389-0598-3, S. 365. Die Redaktion des ND bezeichnete Bräunigs Stellungnahme als „nicht in jeder Beziehung befriedigend klar“.Gunnar Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR. Band 1598, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, ISBN 978-3-8389-0598-3, S. 366. Die Kampagne gegen Bräunig war eröffnet.
Am 13. Dezember reagierte der RIAS auf die im ND geführte Polemik mit einem Kurzkommentar und sendete einen Ausschnitt aus dem Manuskript.Simone Barck, Martina Langermann, Siegfried Lokatis: Jedes Buch ist ein Abenteuer. Zensur-System und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre. De Gruyter 1998, ISBN 3-05-003118-2, S. 327.
Am 14. Dezember erschien ein Artikel von Alexander Abusch im ND, in dem er die Literaturzeitschrift Neue Deutsche Literatur, in der der Vorabdruck des Rummelplatz-Artikels erschienen war, bezichtigte, „Konzessionen an (...) die falschen Tendenzen zu machen.“zitiert nach: Gunnar Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR. Band 1598, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, ISBN 978-3-8389-0598-3, S. 191. Der Name Bräunig fiel nicht, wenngleich nach dem Vorlauf jedem klar sein musste, wer gemeint war.
Erich Honecker war zu jener Zeit Sicherheitssekretär des ZK der SED. Er strebte einen Kurswechsel gegenüber der relativ gemäßigten Kulturpolitik Walter Ulbrichts an. Honecker wurde vom Politbüro beauftragt, im Vorfeld des 11. Plenums „festzulegen, über welche Prozesse, die gegen jugendliche Banden geführt werden, in der Presse zu berichten sei.“Gunnar Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR. Band 1598, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, ISBN 978-3-8389-0598-3, S. 277. Damit hatte Honecker die Fäden in der Hand, die Medienberichterstattung in seine gewünschte Richtung zu lenken.
Er war es auch, der maßgeblich für den scharfen Ton verantwortlich war, mit dem die Künstler auf dem 11. Plenum gemaßregelt wurden. Das Plenum fand vom 16. bis 18. Dezember statt. Unter der Überschrift "Ein sauberer Staat mit unverrückbaren Maßstäben" begann die Abrechnung, vor allem „gegen die Einflüsse der kapitalistischen Unkultur und Unmoral“ in der Kunst.Gunnar Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR. Band 1598, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, ISBN 978-3-8389-0598-3, S. 278. Sie richtete sich gegen Filme wie Das Kaninchen bin ich von Kurt Maetzig, gegen Künstler wie Wolf Biermann – und wiederum gegen Werner Bräunig. In einer Lesemappe, die die Delegierten vorab erhielten, lag auch der Abdruck des "Rummelplatz"-Kapitels.
Auf dem Plenum war es lediglich Christa Wolf, die sich spontan zu Wort meldete und die pauschale Diffamierung der kritisierten Künstler, darunter auch Bräunig, abzuwehren versuchte. „Literatur ohne Kritik ist nicht denkbar.“ Christa Wolf plädierte für "das freie Verhältnis zum Stoff" als ein hohes Gut, das man in den letzten Jahren erworben habe. Sie wurde durch ständige Zwischenrufe attackiert und ihre Parteinahme blieb letztlich wirkungslos.