mini|hochkant|Hein Heckroth. Bronzebüste von Detlef Kraft, 2007

Hein Heckroth (* 14. April 1901 in Gießen; † 6. Juli 1970 in Alkmaar, Niederlande) war ein deutsch-britischer Maler, Bühnenbildner und Film-Designer. Für die Ausstattung des Ballettfilms The Red Shoes erhielt er 1949 den Oscar in der Kategorie „Best Art Direction (Color)“.

Anfänge 1901 geboren, wuchs Hein Heckroth in der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen auf. Er besuchte die Volksschule und lernte anschließend das Handwerk des Buchdruckers und Schriftsetzers. Nach Abschluss der Lehre im Frühjahr 1919 und einer mehrmonatigen Gesellentätigkeit zog es Heckroth an das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt am Main, wo er im Winter 1919/20 eine Ausbildung als Kunstmaler begann. Heckroths Verweildauer an der Städelschule betrug nur ein knappes Jahr. Er studierte anschließend noch ein weiteres Jahr an der Hanauer Zeichenakademie.Karlheinz Gabler: Hein Heckroth 1901–1970. Bärenreiter, Kassel 1977 (Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel), S. 8; Beate Alice Hofmann: „Übrig zu lassen für fernste Zeiten, wie wir gefühlt haben“. Reinhold Ewald im Kosmos der Hanauer Zeichenakademie. In: Expressiv. Experimentell. Eigenwillig. Reinhold Ewald 1890–1974. Imhof, Petersberg 2015, ISBN 978-3-7319-0252-2 (Ausstellungskatalog zur Doppelausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main und im Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe), S. 205–219, hier: S. 207. Einer seiner dortigen Lehrer war Reinhold Ewald.Pressemappe zur Doppelausstellung Expressiv. Experimentell. Eigenwillig. Reinhold Ewald 1890–1974. 2015/2016 als PDF-Datei

Dass Heckroth im Alter von 21 Jahren mit seinen Arbeiten im legendären Kunstsalon Ludwig Schames am Frankfurter Börsenplatz vertreten war, ist ein deutlicher Beweis für die Anerkennung, die er in der Kunstszene bereits in jungen Jahren genoss.Sylvia Rathke-Köhl (Bearb.): Hein Heckroth 1901–1970. Frankfurt am Main 1970 (Ausstellungskatalog des Frankfurter Kunstvereins), S. 18; Karlheinz Gabler: Hein Heckroth 1901–1970. Bärenreiter, Kassel 1977 (Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel), S. 26; Andreas Hansert: Freund und Vermittler der Expressionisten. Ludwig Schames und sein Frankfurter Kunstsalon. In: Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet. Künstler – Händler – Sammler. Imhof, Petersberg 2011, ISBN 978-3-935283-22-9 (Ausstellungskatalog des Museums Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main.), S. 233–241. Auch die Galerie Flechtheim in Frankfurt verkaufte Arbeiten des jungen Heckroth.Karlheinz Gabler: Hein Heckroth 1901–1970. Bärenreiter, Kassel 1977 (Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel), S. 26.

Hinwendung zur Bühnengestaltung Ab 1924 war die Bühnenkunst Heckroths vordringliches Wirkungsfeld. Statt als freier Maler zu arbeiten, hatte er fortan feste Engagements als Bühnenbildner am Theater, anfänglich in Münster. Alles spricht dafür, dass die Hinwendung zur szenischen Raumgestaltung ökonomische Gründe hatte und mit seinem neuen Familienstand zusammenhing. 1924 ist nämlich das Jahr seiner Eheschließung mit Frieda Diana Maier (1902–1994), genannt Ada, die aus einer jüdischen Familie stammte und deren Mutter eine geborene Rothschild war.Zur Vorgeschichte der Eheschließung siehe Frank Arnau: Gelebt, geliebt, gehaßt. Ein Leben im 20. Jahrhundert. Desch, München 1972, S. 112–118.

Nach drei Spielzeiten in Münster wechselte Heckroth 1927 an die Bühnen der Stadt Essen und bekleidete dort zunächst die Position eines künstlerischen Beirats. 1929 trat er die Nachfolge von Caspar Neher (1897–1962) als Chef des Ausstattungswesens der Städtischen Bühnen Essen an. Schon zu Beginn seiner Tätigkeit in Essen hatte Heckroth die Leitung der Fachklasse für Bühnengestaltung an der Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprache übernommen, einer Neugründung des Jahres 1927.Käthe Klein: Aus der Geschichte der Folkwangschule für Gestaltung (Essen wird Folkwangstadt). Nach den Archivakten und zeitgenössischen Dokumenten. Folkwangschule für Gestaltung, Essen 1965, S. 33–35. Der Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprache vorausgegangen war die sogenannte Westfälische Akademie für Bewegung, Sprache und Musik in Münster, die 1925 durch Kurt Jooss, Rudolf Schulz-Dornburg, Hein Heckroth, Rudolf von Laban, Hermann Erpf und Vilma Mönckeberg gegründet worden war. Bei dieser Akademie handelte es sich um eine Privatschule, die in allen „Ausdruckskünsten“ auf die bestehenden staatlichen Prüfungen vorbereitete.

Zu den Mitbegründern der Folkwangschule zählt auch Kurt Jooss (1901–1979), der die Geschichte des modernen Tanztheaters maßgeblich beeinflusst hat. Weltruhm erlangte Jooss als Choreograf des Antikriegsballetts Der grüne Tisch, das 1932 in Paris uraufgeführt wurde und im ersten Concours International de Chorégraphie den ersten Preis gewann. Als Ausstatter hatte Heckroth dieses Erfolgsstück maßgeblich mitgeprägt.

In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren führten Gastengagements den mittlerweile renommierten Bühnenbildner Heckroth u. a. nach Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main, Berlin, Dresden, München und Wien. Die Berufung des 31-Jährigen auf eine Professur für Bühnenbild in Dresden, die am Vorabend der NS-Diktatur ausgesprochen wurde, krönte Heckroths bisherige Karriere, stellte ihn aber schon bald vor die schwierigste und wichtigste Entscheidung seines Lebens.Heinz Keller: Erinnerungen: Ada Heckroth an der Seite eines großen Bühnen- und Filmausstatters. (http://www.juden-in-weinheim.de/de/dokumente/e/erinnerungen-ada-heckroth-an-der-seite-eines-grossen-buehnen-und-filmausstatte.html) Abgerufen am 29. September 2018. Die neuen Machthaber erklärten nämlich die Scheidung von seiner jüdischen Ehefrau zur Einstellungsvoraussetzung. Heckroth verzichtete auf die Professur. Schon bald wurde ein Mal- und Lehrverbot über ihn verhängt.Karlheinz Gabler: Hein Heckroth 1901–1970. Bärenreiter, Kassel 1977 (Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel), S. 27.

Exil in Frankreich und England Im Frühjahr 1933 war Hein Heckroth mit Kurt Jooss und dessen Tanzkompanie (Ballets Jooss) in den Niederlanden auf Tournee. Als er dort von der Nachricht überrascht wurde, er habe in Deutschland mit seiner Verhaftung zu rechnen, folgte er seiner Frau Ada, die Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 sofort verlassen hatte, nach Paris. Ein wichtiger Aspekt von Heckroths Pariser Existenz ist die materielle Not.Marianne Kröger: Ein Nachruf auf Ada Heckroth. In: Schwarzer Faden. Band 16, Nr. 1, 1995, S. 50–51, hier: S. 50. Der Versuch, sich als freier Maler in der Kunstmetropole Paris durchzuschlagen, erwies sich als äußerst schwierig.

Die nicht gesicherte materielle Existenz war auch der Grund dafür, dass Heckroth 1935 einer Offerte aus London folgte: Kurt Weill hatte ihm angeboten, die Uraufführung des Musicals A Kingdom for a Cow am Savoy Theatre auszustatten.David Farneth, Elmar Juchem, Dave Stein: Kurt Weill. Ein Leben in Bildern und Dokumenten. Ullstein, Berlin 2000, ISBN 3-89834-004-X (englischsprachige Originalausgabe: Woodstock/New York 2000), S. 171–173. So gelangte das Ehepaar Heckroth nach England, erhielt 1947 die britische Staatsbürgerschaft und blieb dort bis 1956. A Kingdom for a Cow (1935) erfuhr viel unliebsame Kritik. Die Musikpublizisten verrissen das Stück unisono, und auch das Publikum fand keinen Gefallen daran.Stephen Hinton: Weill’s Musical Theater. Stages of Reform. University of California Press, Berkeley 2012, S. 219–220. A Kingdom for a Cow war für Hein Heckroth dennoch ein wichtiger Türöffner für weitere Engagements in London und Glyndebourne. Außerdem lernte er durch diese Produktion Dorothy Whitney Elmhirst (1887–1968) kennen, eine wohlhabende US-Amerikanerin, deren Mäzenatentum mit sozialem Engagement verknüpft war.Nannette Aldred: Hein Heckroth in England. In: Hilmar Hoffmann, Walter Schobert (Hrsg.): Hein Heckroth: Film-Designer (= Kinematograph. Nr. 7). Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-88799-038-2 (Begleitbuch zur Ausstellung des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main), S. 23–32, hier S. 24.

1937 wurde in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ nachweislich vier Bilder Heckroths beschlagnahmt, aus dem Stadtmuseum Dresden zwei Aquarelle mit dem Titel „Kuhweide“, die beide anschließend vernichtet wurden, und aus dem Märkischen Museum in Witten ein Ölgemälde und ein Aquarell, beide mit dem Titel „Hespertal“.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin

Heckroth ließ sich dann im südenglischen Dartington (Grafschaft Devon) nieder und unterrichtete an der Dartington Hall School, einer reformpädagogisch orientierten Kunstschule, die von Dorothy Whitney Elmhirst und ihrem Mann Leonard Elmhirst im Jahr 1926 gegründet worden war.Michael Young: The Elmhirsts of Dartington. The Creation of an Utopian Community. Routledge & Kegan Paul, London/Boston/Melbourne/Henley-on-Thames 1982, ISBN 0-7100-9051-X. Prominente, weithin geehrte Künstler arbeiteten in Dartington, etwa der US-amerikanische Maler Mark Tobey (1890–1976). Die Ideale des Kosmopolitismus, die viele europäische Intellektuelle und Künstler nach 1918 beflügelt hatten, wurden in Dartington auch in den späten dreißiger Jahren noch gelebt. Als England 1939 die Rolle einer Kriegspartei übernahm, ging Heckroth, inzwischen Leiter der Dartington Hall Art Studios, zurück nach London.

Das Folgejahr verlief dramatisch: Im Frühjahr 1940 wurde Heckroth von den Engländern interniert und im Sommer desselben Jahres deportiert. Als Ausländer aus einem Feindstaat („enemy alien“) wurde Heckroth an Bord der Dunera, die den Liverpooler Hafen am 10. Juli 1940 verließ, nach Australien verbracht.François Lafitte: The Internment of Aliens. Penguin, Harmondsworth 1940, S. 79. Zielort der Reise war ein Internierungslager nahe der Kleinstadt Hay, ungefähr 600 Kilometer westlich von Sydney. Im November 1940, nur zwei Monate nach der Ankunft der Deportierten, präsentierten die Lagerinsassen ein Theaterstück mit Musik, dessen Titel Hay Fever (Heuschnupfen) sich ironisch auf den Ortsnamen bezog.Albrecht Dümling: Schneewittchen in Uniform. Die Musikrevue Sergeant Snow White 1943 in Melbourne. In: Peter Petersen, Claudia Maurer Zenck (Hrsg.): Musiktheater im Exil der NS-Zeit. Bericht über die internationale Konferenz am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg, 3. bis 5. Februar 2005. von Bockel, Hamburg 2007, ISBN 978-3-932696-68-8, S. 292–322, hier: S. 299. Vgl. Sylvia Rathke-Köhl (Bearb.): Hein Heckroth 1901–1970. Frankfurt am Main 1970 (Ausstellungskatalog des Frankfurter Kunstvereins), S. 19. Das Bühnenbild hatte Hein Heckroth entworfen. Sein Wirken am Camp Theatre, wie die englischsprachige Exilbühne in Hay genannt wurde, war aber nur von kurzer Dauer. Denn schon 1941 durfte Heckroth nach England zurückkehren. Herbert Read, der führende Kunstkritiker dieser Ära, und andere namhafte Personen des Kulturlebens hatten sich für Heckroths Freilassung eingesetzt.Nannette Aldred: Hein Heckroth in England. In: Hilmar Hoffmann, Walter Schobert (Hrsg.): Hein Heckroth: Film-Designer (= Kinematograph. Nr. 7). Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-88799-038-2 (Begleitbuch zur Ausstellung des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main), S. 23–32, hier S. 23–24.

Heckroth als Produktionsdesigner In den vierziger Jahren brach für Heckroth eine Lebens- und Schaffensphase an, die in starkem Maße vom Medium Film bestimmt war. Der Einstieg ins Filmgeschäft gelang Heckroth 1944 als Kostümbildner von Gabriel Pascals monumentaler Shaw-Verfilmung Caesar and Cleopatra (1945).Laurie N. Ede: British Film Design. A History. I. B. Tauris, London / New York 2010, ISBN 978-1-84885-107-8, S. 55 und S. 67–68.