Die Tweedmouth-Affäre (engl. Tweedmouth Affair) war ein von der konservativen Tageszeitung The Times ausgelöster politischer Zwischenfall im Vereinigten Königreich im März 1908. Die Tweedmouth-Affäre ist nach Edward Marjoribanks, 2. Baron Tweedmouth benannt, der als britischer Marineminister eine ihrer Zentralfiguren war. Anlass der Affäre war ein als Tweedmouth-Brief (Tweedmouth letter) berühmt gewordenes persönliches Schreiben. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte damit versucht, über den damaligen britischen Marineminister Einfluss auf die britische Marinepolitik Einfluss zu nehmen.

Die Tweedmouth-Affäre begünstigte die Rüstungsspirale der Flotten. Zudem trug die Angelegenheit dazu bei, die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Deutschen Reich sowie das Ansehen Wilhelms in der britischen Öffentlichkeit zu verschlechtern. In letzterem Zusammenhang wird die Affäre häufig als eine Art Vorspiel zu der im Herbst desselben Jahres folgenden sogenannten Daily-Telegraph-Affäre gesehen, die den Kaiser erneut in den Mittelpunkt britischer Kritik rückte.

Die Vorgeschichte der Affäre Anlass des Tweedmouth-Briefes war die Diskussion des Marinehaushaltes im britischen Unterhaus in den Monaten Januar bis März 1908. In der Debatte scharten sich große Teile der regierenden Liberal Party um die Minister David Lloyd George und Lewis Vernon Harcourt, 1. Viscount Harcourt, die eine Reduktion des Flottenhaushaltes forderten, um die so freiwerdenden Finanzmittel zugunsten von Wirtschaftsinvestitionen und einem Ausbau der Sozialgesetzgebung aufwenden zu können. Gegen diese Forderung führten die rechte Presse und die konservativen Abgeordneten das kurz zuvor, im November 1907, verabschiedete neue deutsche Flottengesetz ins rhetorische Feld. Der deutsche Kaiser, der die britische Debatte als begeisterter Marineenthusiast aufmerksam verfolgte, fühlte sich durch diese Entwicklung und insbesondere durch die Bemerkung von Viscount Esher in der Times, dass die Deutschen und insbesondere er (der Kaiser) über die Entlassung des Admirals John Arbuthnot Fisher, dem Reorganisator der britischen Flotte in den Jahren nach der Jahrhundertwende, entzückt sein würden, veranlasst, aktiv zu werden und selbst in die Diskussion einzugreifen.

Der Hergang der Affäre Der Brief Wilhelms an Tweedmouth mini|Tweedmouth in historischem Kostüm Die öffentliche Debatte in Großbritannien bewog Wilhelm II. dazu, einen unbesonnen Schritt zu unternehmen. Ende Februar 1908 (der genaue Tag ist heute nicht mehr eruierbar) verfasste er einen neunseitigen handgeschriebenen Brief an Lord Tweedmouth, der zu diesem Zeitpunkt das Amt des Ersten Lords der Admiralität innehatte.Morris Scaremongers, S. 141 ff. Der Kaiser meinte, auf dem Weg eines persönlichen Briefes den englischen Marineminister noch einmal von seiner Friedensliebe und den rein defensiven Absichten der deutschen Seerüstung überzeugen zu müssen und so auf Tweedmouth Einfluss zugunsten eines „abgespeckten“ Flottenetats ausüben zu können. In diesem Sinne stellte er in seinem Brief ausdrücklich in Abrede, dass Deutschland das Ziel verfolge, durch seinen Flottenbau die britische Überlegenheit zur See herauszufordern.

Tweedmouth – geschmeichelt von der seltenen Ehre, dass ihm als Minister eine derartige Aufmerksamkeit durch einen ausländischen Souverän zuteilwurde – antwortete umgehend und legte mit Einverständnis von Sir Edward Grey, dem damaligen Außenminister, die neuen Naval Estimates (die Entwürfe für den Marineetat) bei, die selbst das Parlament zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Zudem ging Tweedmouth, von der Ehre des Kaiserbriefes verzückt und in eine Art „kindliche Aufregung versetzt“,The Marjoribanks Journal # 4, 1996 mit diesem in seinem Freundeskreis und in seinen Londoner Clubs hausieren. Die Folge war, dass die Presse bald von der Angelegenheit erfuhr. Mit Blick auf die abfälligen Äußerungen des Kaisers über Lord Esher, einen engen Freund des englischen Königs, und insbesondere aus Rücksicht auf Außenminister Grey, dessen Außenpolitik sich auch bei den Konservativen großer Zustimmung erfreute und der durch seine Genehmigung, dem Kaiser die Naval Estimates zu schicken, angreifbar geworden war, erklärten sich die meisten Zeitungen in Übereinstimmung mit Regierung und Opposition bereit, die Sache diskret zu behandeln.

Der Tweedmouth-Brief war das Resultat einer Taktik, die Wilhelm II. und Bernhard von Bülow schon seit einigen Jahren verfolgten. Sie nutzten jede Gelegenheit, privat oder öffentlich die Briten davon zu überzeugen, dass das deutsche Marineprogramm keine feindseligen Absichten gegenüber Britannien enthalte, obwohl die deutsche Botschaft in London immer wieder darauf hinwies, dass gerade diese ständigen Dementis den Verdacht und das Misstrauen nur verstärkten.Bülow Denkwürdigkeiten, Bd. 2, S. 353 ff.

„Under Which King?“ – Die Times bringt die Tweedmouth-Affäre ins Rollen Die rechte Tageszeitung Times beschloss schließlich jedoch, die Angelegenheit zur Unterstützung der von ihr verfochtenen britischen Seerüstung und als Warnung vor der Politik des deutschen Reiches auszunutzen. Am 6. März veröffentlichte sie einen Brief ihres Korrespondenten Colonel Repington, der unter der Schlagzeile „Under Which King?“ darlegte, dass der Kaiser an Tweedmouth geschrieben hatte und diesen in deutschem Interesse habe beeinflussen wollen. In einem flankierenden Leitartikel unterstützten zudem der Verleger der Times, Buckle, und ihr Herausgeber Chirol, Repingtons Attacke.

Sie argumentierten, dass Wilhelm II. sich die Mühe, einen Brief an Tweedmouth zu schreiben, niemals gemacht haben würde, wenn er etwas anderes als ausschließlich deutsche Interessen im Sinn gehabt hätte. Wenn Wilhelm II. Großbritannien irgendetwas mitzuteilen habe, so ihre Argumentation, das auf ein faires Rüstungsabkommen hinauslaufe, stünden ihm offizielle Kanäle für seine Kommunikation mit der britischen Regierung zur Verfügung. Des Weiteren belehrten sie die Leser, dass keine persönliche Beziehung die Abweichung von regulären Methoden und die Zuflucht zur privaten Einflussnahme entschuldigen könnte. Die Lektion, die Großbritannien aus diesem Zwischenfall zu ziehen habe, sei klar: „If there was any doubt before about the meaning of German naval expansion, none can remain after an attempt of this kind to influence the Minister responsible for our Navy in a discretion favourable to German interests, an attempt, in other word, to make it more easy for German preparations to overtake our own.“

Man unterstellte dem kaiserlichen Schreiben die Absicht, Großbritannien in Sicherheit zu wiegen, damit die deutsche Hochseeflotte kräftemäßig schneller aufholen, mit der britischen Marine gleichziehen oder diese gar überholen könnte, um dann über den geschwächten Gegner herzufallen. Die Intention des Kaisers sei es, für diesen Plan eine günstige Ausgangsposition zu schaffen, indem er durch tückische Besänftigungen wie den Tweedmouth-Brief die Briten in Sicherheit wiegen und sie so dazu zu verleiten, sich nicht für den für die Zukunft geplanten deutschen Angriff zu wappnen, um sie später einmal zu leichteren Opfern zu machen.

England sei nun – so die Schlussfolgerung der Times – dazu verpflichtet für eine adäquate Aufrüstung zu sorgen, und berechtigt, die Veröffentlichung des Briefwechsels zu fordern. In der nun folgenden Woche hielt die Times die Diskussion im Gange, indem sie in erster Linie Leserbriefe druckte, die ihren Standpunkt teilten.

Das Presseecho der Times-Kampagne Der Angriff der Times brachte einige sensationelle Schlagzeilen hervor, eine antideutsche Kampagne entstand in ihrem Kielwasser jedoch nicht. Im Gegenteil, fast alle Zeitungen klagten die Times an, durch die Verletzung einer Privatkorrespondenz eine neue Panik schüren und so das bilaterale Verhältnis unnötig trüben zu wollen.Morris, Radicalism, S. 134 Von fünfzehn hauptstädtischen und provinziellen Zeitungen, die sich in die von der Times losgetretene Debatte einschalteten, unterstützten nur zwei konservative Zeitungen – der Evening Standard und der Newcastle Chronicle – die Forderung der Times nach einer Veröffentlichung des Briefwechsels. Der Chronicle nannte Wilhelm zwar „so dangerous a personality in Europe“, dennoch hoben er und der Standard in ihrer Kritik eher auf den impulsive Charakter des Kaisers ab und unterstellten anders als die Times dem Monarchen keine arglistigen manipulativen Absichten.

Die übrigen Zeitungen, allen voran die radikalliberale Presse, konzentrierten sich zuerst auf eine scharfe und vorbehaltlose Verurteilung der Times. Obwohl die meisten Zeitungen konzedierten, dass Wilhelm wieder eine seiner typischen Indiskretionen begangen habe und es klüger gewesen wäre, die traditionellen Wege der Diplomatie zu beschreiten, zog niemand in Zweifel, dass er in guter Absicht und im Sinne einer Verbesserung der deutsch-britischen Beziehungen gehandelt hatte. In der liberalen Presse zeigte sich die Hoffnung auf ein Rüstungsbegrenzungsabkommen recht nachdrücklich. Das Bild, das aber auch von konservativen Organen hier vom Kaiser entworfen wurde, war das eines wenn auch unkonventionellen, so doch fähigen Staatsmannes, der sich nie eines so billigen Tricks wie der Manipulation eines britischen Ministers bedienen würde.

Die liberalen Zeitungen Liberale Zeitungen deuten Wilhelms Aktion als einen Akt der Unbesonnenheit, der leider von übelwollenden Zeitgenossen zur Propagierung ihrer eigenen Ziele ausgenutzt werde. Für die Daily News gehörten deren Unterstellungen einfach in die Gosse, den Ort für „all such gutter publications“.Daily News 7. März Sie warf der Times die Ausschlachtung von Informationen, die auf unstatthafte Weise erlangt worden waren, sowie völlig unbegründetes Spekulieren vor. Der Versuch, ein Kabinettsmitglied des Hochverrats und den Monarchen eines befreundeten Staates eines infamen Bestechungsversuchs anzuklagen, sei glücklicherweise eine Seltenheit in der Geschichte des britischen Journalismus. Die radikalliberale Wochenzeitung Nation klagte in besonderem Maße die Times betrügerischer Machenschaften bei der Ausschaltung politischer Gegner an: „There is a special cruelty and meanness in characterising a communication which was never intended to see the light...The Times is no longer an organ of first-rate importance in this country, but in Germany it has a character for influence far beyond its true status here.“

Daily Chronicle nannte den Kaiser einen „unconventional Sovereign“, dessen Temperament zwar gezügelt gehöre, dem man aber keine böswilligen Absichten unterstellen dürfe. In Bezug auf den Wilhelm II. unterstellten Beeinflussungsversuch meinte der Marinekorrespondent des Chronicle „The Times in its vehement Teutophobia has magnified a slight incident an distorted it out of all resemblance to the acutal facts.“