Als Begründung des Irakkriegs von 2003 nannten die kriegführenden Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens seit Oktober 2001 vor allem eine wachsende akute Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen des Irak und dessen angebliche Verbindung zum Terrornetzwerk Al-Qaida, das die Terroranschläge am 11. September 2001 ausgeführt hatte. Eine große Bevölkerungsmehrheit in den USA glaubte diesen Angaben vor und auch noch Jahre nach der Invasion in den Irak.
Die angegebenen Kriegsgründe waren international stark umstritten. Die von der UNO beauftragten Waffeninspektoren, einige Antiterrorexperten und Parlamentsabgeordnete widersprachen den Regierungsangaben vor dem Krieg und verwiesen auf fehlende oder unzuverlässige Belege dafür. Im Irak wurden keine Massenvernichtungsmittel gefunden. Der Bericht der 9/11-Kommission vom Juli 2004 widerlegte die genannte Verbindung zu Al-Qaida. Bis 2007 widerlegten weitere Untersuchungsberichte auch die übrigen genannten Kriegsgründe. Regierungs- und Geheimdienstvertreter wiesen sich wechselseitig die Verantwortung für die Falschangaben zu.
Viele Historiker und Investigativjournalisten beurteilen die falsche Kriegsbegründung als vorsätzliche, kampagnenartige Täuschung, die ausreichende Zustimmung für die schon getroffene Kriegsentscheidung herbeiführen sollte. Viele halten wirtschaftliche und geopolitische Interessen der USA und Großbritanniens, vor allem am Erdöl, für die eigentlichen Kriegsursachen. Andere sehen die Falschangaben als von damaligen Annahmen der Geheimdienste gedeckte Irrtümer. Der britische Chilcot-Bericht von 2016 bestätigte alle schon vor der Kriegsentscheidung vorgebrachten Bedenken, schloss aber eine bewusste Irreführung durch Großbritanniens Regierung eher aus.
Vorgeschichte Eindämmungspolitik Im zu Ende gehenden Kalten Krieg sahen sich die USA als einzige verbliebene Supermacht militärisch kaum noch bedroht. US-Präsident George Bush senior verfolgte gegenüber dem Irak eine Containment-Politik. Im August 1990 forderte UN-Resolution 661 den vollständigen Rückzug des Irak aus dem besetzten Kuwait und verhängte dazu umfassende Wirtschaftssanktionen. Trotz deren Wirksamkeit vertrieb eine mit UN-Resolution 678 autorisierte Staatenkoalition die irakische Armee im Zweiten Golfkrieg von Januar bis März 1991 gewaltsam aus Kuwait. Dabei zerstörten die USA und Großbritannien weitgehend die Angriffsfähigkeit und Infrastruktur des Irak.Hans-C. Graf Sponeck, Andreas Zumach: Irak – Chronik eines gewollten Krieges. Köln 2003, S. 33f. Sie ließen Iraks Diktator Saddam Hussein jedoch als Gegengewicht zum Iran an der Macht.
Während des Zweiten Golfkriegs hatte Saddam Hussein R-17-Raketen gegen Israel eingesetzt. Daraufhin wuchs die Sorge vor ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen und Massenvernichtungsmitteln im Besitz sogenannter Schurkenstaaten.Andrew Futter: Ballistic Missile Defence and US National Security Policy: Normalisation and Acceptance After the Cold War. Routledge, London 2013, ISBN 978-0-415-81732-5, S. 3f.
Am 3. April 1991 verhängte UN-Resolution 687 einen unbefristeten Waffenstillstand, verlangte die Abrüstung irakischer Massenvernichtungsmittel und verlängerte dazu überraschend die Wirtschaftssanktionen auf unbestimmte Zeit. Die Bedingung für ihre Aufhebung lautete nun: “Iraq must have cooperated in all respects.” Als Ziel legte die Resolution eine von ABC-Waffen gänzlich befreite Region fest, verlangte also auch von den Nachbarstaaten des Irak die Beendigung aller entsprechenden Rüstungsprogramme. Dieses Ziel verfolgte der UN-Sicherheitsrat jedoch nicht weiter. Dessen Mitgliedsstaaten selbst hatten dem Irak in den 1980er Jahren Bauteile und Materialien für ABC-Waffen geliefert.Hans-C. Graf Sponeck, Andreas Zumach: Irak – Chronik eines gewollten Krieges. Köln 2003, S. 37–39 2002 besaßen fünf Staaten der Region (Ägypten, Iran, Israel, Libyen, Syrien) chemische, drei davon auch biologische, Israel auch atomare Waffen.Oliver Stone, Peter Kuznick: The Untold History of the United States. Gallery Books, New York 2013, ISBN 1-4516-1352-0, S. 518
Mit der pauschal formulierten Bedingung in Resolution 687 verweigerten die USA und Großbritannien dem Irak jede Lockerung der Sanktionen. An deren Folgen starben von 1991 bis 2003 nach UN-Angaben Millionen Iraker, während das Regime gestärkt wurde. Das Öl-für-Lebensmittel-Programm der UNO, das im Dezember 1996 in Kraft trat, besserte die Lage kaum.Hans-C. Graf Sponeck, Andreas Zumach: Irak – Chronik eines gewollten Krieges. Köln 2003, S. 41–48
Von 1991 bis 1998 zerstörten die Inspektoren der United Nations Special Commission (UNSCOM) etwa 90 % der gefundenen Massenvernichtungsmittel und 980 von 1000 ballistischen Raketen des Irak. Jedoch blieb der Konflikt wegen immer neuer Vorwürfe der USA und Großbritanniens und dem intransparenten Taktieren des Irak bestehen. Bis 2003 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat 13 UN-Resolutionen, um die angenommene Entwicklung von ABC-Waffen des Irak wirksam zu beenden.
Bushs Nachfolger Bill Clinton übernahm die Eindämmungspolitik und lehnte Militärinterventionen im Mittleren Osten ab. Doch nach dem Sieg der Republikaner bei den Kongresswahlen 1994 wurden Rufe nach einem Sturz Saddam Husseins in den USA laut. Im Januar 1998 verweigerte dieser die Fortsetzung der laufenden Waffeninspektionen. Daraufhin forderte das neokonservative Project for the New American Century (PNAC) in einem offenen Brief an Clinton baldige militärische Angriffe auf den Irak mit dem Ziel, sein Regime von der Macht zu entfernen. Nur so lasse sich ausschließen, dass der Irak Massenvernichtungsmittel einsetzen und damit drohen könne.Gregory Schneider: The Conservative Century: From Reaction to Revolution. Rowman & Littlefield, London 2009, ISBN 0-7425-4285-8, S. 203 Der US-Kongress beschloss im Oktober 1998 mit großer Mehrheit den Iraq Liberation Act: Der Irak dürfe keine Massenvernichtungsmittel erhalten, die demokratische Opposition des Landes sei zu unterstützen und ein Regimewechsel sei anzustreben. Clinton unterzeichnete das Gesetz und erklärte, Saddam Husseins Sturz sei moralisch wie sicherheitspolitisch geboten. Damit war dieses Ziel für die künftige Irakpolitik festgeschrieben. Clinton setzte es jedoch nicht um und hielt angesichts der zersplitterten irakischen Opposition die meisten Hilfsmittel an sie zurück.Michael MacDonald: Overreach: Delusions of Regime Change in Iraq. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 2014, ISBN 978-0674-72910-0, S. 15
Im Dezember 1998 brachen die UN-Inspektoren ihre Untersuchung ab, weil die USA Luftangriffe auf vermutete irakische Rüstungsfabriken angekündigt hatten. Clinton ließ diese ohne UN-Mandat mit der Operation Desert Fox bombardieren. Weil die USA dazu auch Daten der Inspektoren benutzten, ließ der Irak diese nicht wieder einreisen. Darum legte die UNSCOM keinen Abschlussbericht vor. Ihr Leiter Scott Ritter urteilte jedoch 1999: Bis Ende 1998 habe der Irak sein chemisches und biologisches Waffenprogramm abgebaut sowie seine Langstreckenraketen zerstört, so dass er Nachbarstaaten nicht mehr bedrohe. Die Überwachung irakischer Rüstungsfabriken habe funktioniert und lasse sich unter UN-Hoheit wirksam fortsetzen.Scott Ritter: Endgame: Solving the Iraq Problem – once and for All. Simon & Schuster, New York 1999, ISBN 0-684-86485-1, S. 126–128
Auf Druck der USA und Großbritanniens verlangte die UN-Resolution 1284 im November 1999 neue Waffeninspektionen unter alleiniger UN-Hoheit und mit mehr Befugnissen. Der Irak lehnte diese bis November 2002 ab, weil er die Weitergabe von Inspektionsergebnissen für militärische Angriffe fürchtete.Hans-C. Graf Sponeck, Andreas Zumach: Irak – Chronik eines gewollten Krieges. Köln 2003, S. 113f.
Entscheidung zum Regimesturz Als gewählter US-Präsident (November 2000) band George W. Bush den Personenkreis des PNAC in seine Regierung ein: Donald Rumsfeld wurde Verteidigungsminister, Paul Wolfowitz sein Stellvertreter, Richard Armitage Vize-Außenminister, Richard Perle Vorsitzender des Defense Policy Board Advisory Committee. Am 30. Januar 2001 beriet der Nationale Sicherheitsrat (NSC) erstmals über einen Regimewechsel im Irak. Laut dem früheren Finanzminister Paul O’Neill stand dieses Ziel fest, nur der Weg dorthin sei diskutiert worden.Ron Suskind: The Price of Loyalty: George W. Bush, the White House, and the Education of Paul O'Neill. Simon & Schuster, New York 2004, ISBN 0-7432-5546-1, S. 85 und S. 96 Im Februar traf Bush Großbritanniens Premierminister Tony Blair und beriet vorrangig die künftige Irakpolitik mit ihm. Am 16. Februar 2001 ließen beide Regierungen einige Außenbezirke Bagdads jenseits der Flugverbotszonen bombardieren und signalisierten damit eine aggressive Haltung gegenüber Saddam Husseins Regime.J. M. O. Sharp: Tony Blair and the Special Relationship. In: Jane K. Cramer, A. Trevor Thrall (Hrsg.): Why Did the United States Invade Iraq? Routledge, New York 2012, ISBN 978-0-415-78213-5, S. 174 Der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer unterstützte diese Angriffe bei seinem USA-Besuch am 22. Februar 2001. US-Außenminister Colin Powell erklärte, die Eindämmung sei erfolgreich, der Irak könne seine Nachbarn nicht mehr angreifen.US-Botschaft Israel, Februar 2001: Terry H. Anderson: Bush’s Wars. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 0-19-974752-0, S. 59
Im April 2001 forderte Sicherheitsberater Paul Wolfowitz im Kabinett, sich dem Irak zuzuwenden, da dieser den Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 unterstützt haben müsse. Damit widersprach er dem Antiterrorspezialisten Richard Clarke, vorrangig sei Al-Qaida zu bekämpfen.George Packer: The Assassins’ Gate, 2014, S. 39 f. Bis Juli 2001 entwickelte das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten Pläne für einen möglichen militärischen Eingriff im Irak, von dem sich Rumsfeld für die USA „eine wesentlich verbesserte Position in der Region und andernorts“ versprach. Favorisiert wurden jedoch zunächst Pläne zur Unterstützung von Exilirakern mit Waffen.Bernd Greiner: 9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen. München 2011, S. 122 f.
Infolge der Terroranschläge am 11. September 2001 befahl Rumsfeld seinen Assistenten, rasch Informationen zu besorgen, ob man nicht nur Osama bin Laden, sondern zugleich auch Saddam Hussein schlagen könne. Sie sollten alles dazu sammeln, auch Dinge, die nicht auf das Ereignis bezogen seien. Richard Perle riet Bush, unbedingt auch Staaten für die Anschläge verantwortlich zu machen, die Terroristen beherbergen. Dem folgte Bush in seiner Abendansprache.George Packer: The Assassins' Gate, 2014, S. 40 Am nächsten Tag diskutierte Bushs Kabinett über die Reaktion auf die Terroranschläge. Konsens war, möglichst rasch einen Krieg in Afghanistan gegen das dortige Taliban-Regime einzuleiten, das Al-Qaida unterstützte. Rumsfeld verlangte, zugleich auch den Irak anzugreifen und dieses Kriegsziel öffentlich zu verkünden, um so auch verbündete Staaten darauf zu verpflichten. Dem widersprach Powell: Die US-Bevölkerung erwarte als erstes einen wirksamen Angriff auf Al-Qaida. Bush bezog den Irakkrieg daraufhin in seine mittelfristige Planung ein.Bob Woodward: Bush at War. – Amerika im Krieg. Heyne, München 2003, S. 73 f.