Als Schabfiguren bezeichnet man Statuen von Heiligen, von denen Gläubige Material abschabten. Der so gewonnene Staub verfügte angeblich über heilsame Wirkung und wurde über Essen und Tierfutter gestreut. Kleine Madonnendarstellungen zu diesem Zweck nennt man Schabmadonnen.

Wallfahrten Die an diversen Wallfahrtsorten käuflichen Schabmadonnen aus Ton waren eine kleinere Kopie des jeweiligen Gnadenbilds. Bis ins 20. Jahrhundert berühmt waren die geschwärzten Schabmadonnen aus Altötting (die Verkleinerung der dortigen schwarzen Madonna) und jene aus Einsiedeln, vom Volk auch „Laicheibli“Evelyne Marty: «Laicheibli» – Analyse und Typologie der Schabmadonnen-Funde aus den Grabungen der Jahre 2018–2019 auf dem Klosterplatz in Einsiedeln. In: Mittelalter – Moyen Age – Medioevo – Temp medieval. Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins. 26 (2021), Heft 4, , S. 182–211. genannt. Letzteren maß man besondere Heilwirkung für Menschen und Vieh zu, da deren Ton angeblich Erde und Mörtel aus der Gnadenkapelle sowie Reliquienpartikel beigemengt waren. Die in eine Feuersbrunst geworfene Figur sollte den Brand löschen.Urs Bugmann: Zauberei und wahre Wunder. In: NLZ – Neue Luzerner Zeitung, 29. April 2011 Auch von hölzernen Figuren wurden Späne abgehobelt, die mit Wasser aufgekocht und deren Sud als begehrtes Heilmittel getrunken wurde.

Historische Erwähnung In Griechenland schrieb man dem aus den Augen von Freskenfiguren abgeschabten Material besondere Heilkraft zu.Liselotte Hansmann, Lenz Kriss-Rettenbeck: Amulett und Talisman. Erscheinungsformen und Geschichte. Callwey, München 1966, S. 125. Zitiert bei Manfred Brauneck: Religiöse Volkskunst. DuMont, Köln 1979, ISBN 3-7701-0967-8, S. 275.

Im Mittelalter wurde das Abschaben des Statuenmörtels oftmals als Zauberpraktik geahndet. Aus dem Innsbrucker Hexenprozess wird berichtet, die „dirn Berbel genant die sol vil kunst wissen, und wie sy das rot von sant Christoffelsbild aschabt und etwan van des tüfels bild, zauber domit zu triben“. Über eine Südtiroler Urfehde aus dem Jahr 1507 heißt es, jemand habe bei einer Statue des hl. Christophorus „das gemel vnd gemewr tief mit ainem messer herausgestochen vnd den morter mit mir haimgetragen“. Laut einem Visitationsbericht aus Gröden von 1685 hätten unverheiratete schwangere Frauen das Bild des Teufels in einer Kirche abgekratzt und die Mauerrestchen mitgenommen, um so eine Fehlgeburt einzuleiten.

Von der wunderbaren Wirkung des Staubes vom Grabmal des hl. Martin berichtet Gregor von Tours:

In der Einsiedler-Chronik von 1739 wird berichtet, die erblindete Priorin Josepha von Rottenberg aus St. Katharinenthal habe durch ein wenig Staub von irdenen Bildern ihr Augenlicht zurückgewonnen. Von Geldmünzen, die das Bild Mariens tragen, wurden Metallspäne abgefeilt und als Medizin eingenommen.Manfred Brauneck: Religiöse Volkskunst. S. 298.

Der Brauch, Staub von Kultobjekten abzuschaben und zu essen, war auch in China und Tibet bekannt. Weitere Beispiele für rituelles Essen sind Schluckbildchen, Fraisensteine und sogenannte Schabsteine von Kultorten. Unter bestimmten islamischen Heilern ist es gebräuchlich, Koranverse mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben, um sie dann mit Wasser abzuwaschen, das den Patienten zum Trinken gegeben wird.Heike Behrend: Photo Magic: Photographs in Practices of Healing and Harming in East Africa. Journal of Religion in Africa 33, 22 (August 2003), S. 129–145, , hier S. 139.

Literatur Margarethe Ruff: Zauberpraktiken als Lebenshilfe. Campus, Frankfurt 2003, ISBN 978-3-593-37380-5, S. 154. Dominik Wunderlin: Mittel zum Heil. Religiöse Segens- und Schutzzeichen in der Sammlung Dr. Edmund Müller (= Kostbarkeiten aus dem Dolderhaus in Beromünster. Heft 7). Beromünster 2005, ISBN 3-9521775-9-8.

Weblinks Foto von 30 Schabmadonnen aus Einsiedeln (Haus zum Dolder, Sammlung Dr. Edmund Müller) Johann Werfring: Die „wunderbare“ Heilkraft der Erde. In: Wiener Zeitung vom 3. November 2011, Beilage ProgrammPunkte, S. 7.

Einzelnachweise

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