Das Marxists Internet Archive (MIA, auch bekannt als marx.org oder marxists.org) ist das größte Internet-Archiv von Originaltexten marxistischer Autoren und weiterer politisch linker Strömungen (Sozialisten, Anarchisten etc.). Die mehrsprachigen Editionen werden von einer Non-Profit-Organisation mit ehrenamtlichen Mitarbeitern erstellt. Vom MIA erstellter Inhalt steht unter der Creative Commons License. Kritisiert wird die Plattform für mangelhafte wissenschaftliche Standards sowie für eine einseitige Orientierung ihrer Inhalte am Trotzkismus.

Geschichte Die Ursprünge des MIA reichen nach unterschiedlichen Darstellungen in die Jahre 1987 und 1990. „World History Source“, ein Projekt des „Center for History and New Media“ an der George Mason University in Fairfax County, bezeichnet MIA als eines der ältesten kollaborativen Archivprojekte des Internets, das 1987 im ARPANET entstand und 1993 in das World Wide Web migrierte.Vgl. Rezension auf „WorldHistorySources“, Mills Kelly, 2003 – Center for History and New Media an der George Mason Universität in Fairfax County (USA) Das MIA selbstVgl. Geschichte des MIA (Eigendarstellung) legt seinen Ursprung in das Jahr 1990, als eine Person, die unter dem Pseudonym „Zodiac“ firmiert, mit der digitalen Archivierung der Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels begann. Diese Werke wurden über Newsgroups und das Usenet verteilt, bis 1993 eine eigene Website des Projektes mit dem Namen „Marx/Engels Virtual Library“ auf einem Server der University of Colorado at Boulder entstand.Zodiac: Marx/Engels Virtual Library, 26. November 1993

mini|MEA, September 1996

In der Folgezeit wurde das Archiv, das bis dahin nur Schriften von Marx und Engels umfasste, um Schriften weiterer Marxisten ergänzt. Anfang 1995 wurden viele Mirrors des nun „Marx/Engels Archive“ (MEA) genannten Projekts im universitären Raum geschlossen, was zu einer kurzfristigen Unterbrechung des Betriebes führte. Als Reaktion auf diese Ereignisse wurde am 26. Oktober 1996 die über einen kommerziellen Internetdienstanbieter betriebene Domain „marx.org“ gegründet. Im Zuge dieser Veränderungen wurde das Archiv in „Marx/Engels Internet Archive“ (MEIA) umbenannt. 1997 wurde begonnen, ein nicht englischsprachiges Archiv zu errichten. Im selben Jahr entwickelten sich interne Auseinandersetzungen über die Ausrichtung und Organisation des MEIA, welche Anfang 1998 dazu führten, dass von Zodiac alle Autoren außer Marx und Engels aus dem Archiv entfernt wurden.Für eine genauere Darstellung siehe Geschichte der MIA (Eigendarstellung) Als Reaktion darauf wurde im Juli 1998 das „Marxists Internet Archive“ (MIA) mit der Domain „marxists.org“ gegründet, welches wieder sämtliche Inhalte führte. Im Jahr 1999 wurde der verbliebene Inhalt auf der Domain „marx.org“, dessen Betreiber nicht mehr mit dem MIA verbunden waren, entfernt. Die Domain „marx.org“ konnte das MIA 2002 für sein Projekt erstehen. 2000 wurden Mirrors des MIA in den USA, Großbritannien und Australien errichtet. Im Januar 2000 wurden durchschnittlich 23.000Vgl. Serverstatistik Januar 2000 (gerundet) Seitendarstellungen pro Tag verzeichnet, im Januar 2003 109.500Vgl. Serverstatistik Januar 2003 (gerundet) und im Januar 2006 258.900Vgl. Serverstatistik Januar 2006 (gerundet) Seitendarstellungen pro Tag. Nachdem seit Ende November 2006 vermutlich aus der Volksrepublik China Denial-of-Service-Attacken gegen die Website geführt worden waren, musste diese nach neuerlichen Angriffen zwischen 13. und 15. Januar 2007 ihren Betrieb kurzfristig einstellen,Vgl. New York Times: Who’s Attacking an Online Marxist Archive? China Is Suspected of Trying to Block Access to Texts, Noam Cohen, 5. Februar 2007 International Herald Tribune: Online Marxist archive blames China for electronic attacks, Noam Cohen, 5. Februar 2007Süddeutsche Zeitung: Zodiac und die Wiedergeburt der Revolution im Netz, Petra Steinberger, 7. Februar 2007 der Inhalt konnte jedoch großteils über Mirror-Seiten zugänglich gehalten werden. Am 1. April 2007 ging der Haupt-Server des Projektes wieder online.

Für das Jahr 2004 hält Ingo Grabowsky in seiner Rezension für Hsozkult fest: „Ein Hauptteil der Unterstützer und Autoren des Internet-Auftritts rekrutiert sich aus trotzkistischen Splittergruppen. Zu nennen seien pars pro toto der Secretariado Centroamericano del Centro Internacional del Trotskismo Ortodoxo oder das Japanese Trotsky Institute.“Ingo Grabowsky: Rezension zu: Marxists Internet Archive (MIA). In: H-Soz-Kult. 12. März 2004 (online).

Organisation Seit 2000 ist das MIA eine in Kalifornien gemeldete Non-Profit-Organisation.Unterlagen zum non-profit Status des MIA In der ChartaVgl. Charta des Marxists Internet Archive des MIA wird einleitend die freie Zugänglichkeit des Projektes festgehalten. Alle Materialien im Marxists Internet Archive stehen, wenn nicht anders angegeben, unter public domain. Vom MIA erstellte Materialien werden unter der Creative Commons License (cc-by-sa-2.0Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen; Version 2.0) veröffentlicht. Neben Spenden entstehen Einnahmen einzig durch einen DVD-Vertrieb.Siehe den Abschnitt DVD Dem MIA zur Verfügung stehende MittelBis auf eine Reserve für Notfälle werden genutzt, um das Projekt zu finanzieren und um Interessenten Informationen (wie freie CDs oder Broschüren) zur Verfügung zu stellen. Das MIA basiert nach eigenen Angaben auf demokratischen Entscheidungsprozessen und auf vollständiger Offenlegung seiner Tätigkeit, darunter fallen beispielsweise das Budget,MIA-Budget die Satzung,MIA Bürokratie die Charta sowie der Quellcode. Entscheidungen werden in einem Ausschuss („steering committee“), dem alle (ehrenamtlichen) Mitarbeiter angehören, getroffen. Dieser entscheidet über die Klassifizierung von Autoren, über Modifikationen von Verordnungen (mit 3/4-Mehrheit), finanzielle Ausgaben und Ähnliches. Mitarbeiter ist, wer in den letzten sechs Monaten zumindest drei separate Beiträge zum Archiv geleistet hatIn einer Zeitperiode zwischen drei Wochen und sechs Monaten und zustimmt, sich an die MIA-Charta und -Satzung zu halten. Das MIA selbst definiert sich als es ein politisch unabhängiges Projekt, dessen Priorität darin liegt, archivarisches Material zur Verfügung zu stellen. War das MIA zu Beginn ein englischsprachiges Projekt aus dem US-amerikanischen Raum, entwickelte es sich im Laufe der Zeit zu einem globalen Projekt mit ehrenamtlichen Mitarbeitern in der ganzen Welt. Die rund fünfzig Mitarbeiter und Administratoren stammen aus über 30 Staaten.Liste der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Administratoren im MIA Neben der Übertragung der Schriften in das Archiv, ihrer Korrekturlesung und Indizierung/Kategorisierung gehören auch die Übersetzung von Schriften und enzyklopädische Arbeit zu den Arbeitsgebieten des MIA.Vgl. MIA: Transcribe Text

Inhalt Materialien werden in 45 Sprachen zur Verfügung gestellt.Cross-Language-Section im MIA Das MIA ist in fünf Kernbereiche geteilt: „Marxistische Autoren“, „Referenz“, „Geschichts-Archiv“, „Themen-Archiv“ und „Enzyklopädie des Marxismus“. Des Weiteren findet sich noch eine sogenannte „Students Section“ als Einführung und eine vom MIA selbst getroffene Zusammenstellung einflussreicher Marxisten („Key Marxists“).

Im Bereich „Marxistische Autoren“ sind derzeit Schriften von über 125 Autoren verzeichnet.Liste der Autoren, die vom MIA als Marxisten kategorisiert sind Für jeden Autor wird ein eigenes Archiv angelegt, das neben dessen Schriften oftmals auch biografische Daten und Bildmaterial enthält. Das Archiv der Schriften von Marx und Engels umfasst beispielsweise ca. 40.000 Seiten der gesammelten Werke, der chinesischsprachige Teil des Archivs das gesamte Werk von Marx, Engels und Lenin.

Unter dem Abschnitt „Referenz“ finden sich neben Personen wie Mao Zedong oder Josef Stalin zum Beispiel Schriften zur Philosophie und zu den Naturwissenschaften oder Schriften anarchistischer und sozialistischer Autoren. Das MIA nennt in seiner Charta vier Gründe für die Zuordnung eines Autors unter das Referenzarchiv: Erstens wenn der Autor Marx und Engels prädatiert. Zweitens wenn in wesentlichen Bestandteilen der Marxismus abgelehnt wird. Drittens wenn die Schriften eines Autors theoretisch oder praktisch unverbunden oder feindlich in der Beziehung zur Arbeiterbewegung stehen. Viertens wenn das Werk idealistisch ist oder es dem Werk an Dialektik mangelt. Nachfolgend eine schematisch dargestellte Auswahl der Themengebiete in diesem Bereich:

Wissenschaft & Philosophie: Politische Ökonomie (z. B. Adam Smith); Klassiker der Philosophie (z. B. Hegel); Klassiker der Politischen Theorie (z. B. de Tocqueville); Ethik; Antike Dialektik; Naturwissenschaften Sozialismus & Anarchismus: Utopischer Sozialismus (z. B. Thomas Morus); Anarchismus (z. B. Bakunin); Reformismus; Kommunismus (z. B. Helen Keller); Die Komintern; Maoismus; Nationale Befreiungsbewegungen; Schwarze Befreiungsbewegung

Im „Geschichts-Archiv“ finden sich Materialien nach historisch-geografischer Themenordnung (z. B.: Internationale Arbeiterorganisationen ab 1847 oder die Sowjetunion). Im „Themen-Archiv“ werden Materialien zu unterschiedlichen Themenbereichen aufbereitet, wie beispielsweise das philosophische Konzept der Entfremdung, die Politische Ökonomie, die Herkunft unterschiedlicher Strömungen des Kommunismus, die revolutionären Entwicklungen in unterschiedlichen Staaten, oder Materialien über andere politische Strömungen wie den Faschismus, Anarchismus oder utopischen Sozialismus. In der „Enzyklopädie des Marxismus“ finden sich ein Glossar, Biografien, Ereignisse und Organisationen.

Marx & Engels Internet Archive Das Archiv zu den Schriften von Marx und Engels enthält neben einem mehrsprachigen Schriften-Index eine Erschließung der englischsprachigen Schriften nach unterschiedlichen Herangehensweisen. Neben einer chronologischen Ordnung finden sich weitere Ordnungen nach Thematik und den „Marx/Engels Collected Works“ (MECW) sowie ausgewählte Schriften aus dem Gesamtwerk, Materialien zur Internationalen Arbeiterassoziation, an der Marx und Engels beteiligt waren, und eine ausführliche Sammlung von Briefen. Des Weiteren ist noch biografisches Material, eine Bildergalerie, eine Suchfunktion und ein Index von Schriften im PDF-Format vorhanden.

Deutschsprachiges Archiv Der deutschsprachige Bereich des MIA ist 2007 in vier Abschnitte unterteilt. Der Abschnitt „Marxisten“ enthält Schriften von etwa 30 Autoren, unter „Referenz“ findet man Schriften von etwa 15 Autoren, ein „Geschichte“-Archiv mit Materialien zur deutschen und österreichischen Arbeiterbewegung ist vorhanden und der Abschnitt „Philosophie“ mit einem Werk.

DVD Das MIA bietet seine Materialien auch als DVD an. Diese DVD wird vertrieben, weil weite Teile der Welt nicht ausreichend an das Internet angebunden sind. Außerdem ermöglicht dieser Vertrieb Einnahmen zur Deckung von Kosten. Interessierte aus den USA oder Kanada, Westeuropa, Australien, Hongkong, Israel, Japan, Neuseeland, Singapur, Südkorea und Taiwan müssen einen festgelegten Preis bezahlen, um die MIA-DVD zu erwerben. Mit diesen Einnahmen wird überdies ermöglicht, dass Personen aus anderen Ländern eine kostenlose DVD oder CD erhalten. Zusätzlich gibt es lokale Vertreiber für Argentinien, Bangladesch, Bolivien, Brasilien, Chile, Indien, Indonesien, Pakistan, Paraguay, die Philippinen, Sri Lanka, die Türkei, Uruguay, Vietnam und die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, um die Versandkosten zu senken und die Zugänglichkeit zum Archiv zu erhöhen.

Dezentrale Archivierung