mini|Dom St. Blasien: Nordfassade mini|Dom St. Blasien mini|Dom St. Blasien 1870, vor dem Brand mini|Das Gebäude nach dem Brand 1874
Der Dom St. Blasius steht in St. Blasien im Landkreis Waldshut, im Südschwarzwald. Die ehemalige Abteikirche des Klosters St. Blasien hat eine Gesamthöhe von 62 Metern und wurde 1783 geweiht. Sie war damals die drittgrößte Kuppelkirche Europas. Mit einer Spannweite von 36 Metern gehört ihre Kuppel gegenwärtig noch zu den größten in Europa. Der Architekt Pierre Michel d’Ixnard errichtete den im Zopfstil gehaltenen Bau nach dem Vorbild des Pantheons in Rom. Die Kirche wird von der römisch-katholischen Pfarrgemeinde St. Blasius genutzt und ist Veranstaltungsort einer jährlich im Sommer stattfindenden internationalen Domkonzertreihe.
Die volkstümliche Bezeichnung als „Schwarzwälder Dom“ weist nicht auf einen Bischofssitz hin; als ehemalige Klosterkirche müsste die Kirche, wie ihre Vorgängerkirche, eigentlich Münster heißen.
Geschichte Die Vorgängerbauten mini|Klosteranlage um 1562
Der erste Sakralbau des Klosters am heutigen Standort war das unter Abt Otto I. (1086–1108) errichtete romanische Neue Münster. Es war ein bedeutender Vertreter der Hirsauer Bauschule. Das Alte Münster war 1036 geweiht worden und befand sich, im Gegensatz zum neuen, links des Steinbachs, einem kleinen Nebenfluss der Alb. Eine weitere Veränderung der kreuzförmig errichteten Kirche war das Baumaterial: Sie war nicht mehr aus Holz erbaut worden, sondern aus Stein. Die Weihe fand entweder im Jahr 1088 oder 1104 durch den Konstanzer Bischof Gebhard III. von Zähringen und Hezilo, den Bischof von Havelberg, statt. Nach schweren Zerstörungen durch einen Brand im Jahr 1322 sowie 1526 durch aufständische Hauensteiner während des Bauernkriegs wurden umfangreiche Reparaturen nötig. Sie wurden 1538 mit der Weihe durch Weihbischof Melchior von Konstanz abgeschlossen. Das Neue Münster erhielt unter Abt Caspar II. Thoma 1581 bis 1583 eine neue Orgel von dem Orgelbauer Eusebius Ammerbach. Als Künstler beschäftigte Caspar den Rottweiler Maler David Rötlin und dessen Gesellen Wolff Abent aus Passau. Den Hochaltar des Neuen Münsters gestaltete der niederländische Bildhauer Hans Morinck. Abt Caspar ließ neben der Innenausstattung mit Kunstwerken wie Gobelins, Kirchengeräten und Bildern auch neue Brunnen anfertigen. Eine große Glocke goss der Glockengießer Peter Füßli aus Zürich vor Ort; sie wog 76 Zentner und kostete 3000 Gulden.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde St. Blasien von der Pest und den Schweden heimgesucht und die Mönche flohen in die Schweiz. Von 1727 bis 1742 errichtete Johann Michael Beer von Bleichten unter Abt Franz II. Schächtelin eine große barocke Klosteranlage mit zwei Innenhöfen. 1736 wurde das Alte Münster abgebrochen, das seit 1620 als Pfarrkirche genutzt worden war. Bis in die 1760er Jahre entstanden die zum Teil erhaltenen Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude (Kanzlei, Bleiche, Mühle, Infirmerie) durch die Architekten Johann Caspar und Franz Anton Bagnato, von denen das letzte, das mächtige Torhaus, das Datum 1767 trägt.Franz Xaver Kraus (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 3: Die Kunstdenkmäler des Kreises Waldshut. Akademische Verlagsbuchhandlung J. C. B. Mohr, Freiburg im Breisgau 1892, S. 68 ff.
Zerstörung und Neubau mini|Klosteranlage im Jahr 1783 mini|Luftaufnahme der ehemaligen Klosteranlage 2008 mini|hochkant|Fertigstellungsjahr der Renovierung im Marmorfußboden samt Kapsel mit Dokumenten
Ein Jahr später, 1768, brach ein Feuer aus, das das Kloster stark beschädigte und die mittelalterliche Münsterkirche zerstörte. Unter dem seit 1764 amtierenden Fürstabt Martin Gerbert wurde ein Neubau erstellt. Während die Klosterbauten weitgehend auf dem alten Grundriss wiederhergestellt wurden und einige Teile des Altbaus gerettet werden konnten, nahm Gerbert für den Kirchenbau ein spektakuläres Projekt in Angriff. Er verpflichtete den französischen Architekten Pierre Michel d’Ixnard, einen Vertreter des neuen Zopfstils, und brach mit dem bis vor dem Brand dominierenden süddeutschen, italienisch geprägten Barock der Bagnato-Schule.
Habsburgergruft Fürstabt Martin Gerbert verband mit dem Neubau der Kirche das Bemühen, die Gebeine der in der Schweiz begrabenen ersten Habsburger nach St. Blasien umzubetten. St. Blasien gehörte zu Vorderösterreich und angesichts einer zunehmend kirchenfeindlich gesinnten österreichisch-habsburgischen Politik war es Gerberts Strategie, St. Blasien als eine „Hausgrablege“ der Dynastie zu profilieren und dadurch politisch abzusichern. 1770 ließ er in einer feierlichen Zeremonie die Gebeine mehrerer früherer Habsburger aus dem Basler Münster sowie aus Königsfelden nach St. Blasien überführen:Ernst Adolf Birkenmayer: Eine habsburgische Leichenfeier. In: Beiträge zur Geschichte der Pfarrei Waldshut, Freiburger Diözesan-Archiv, Band 21, Herderverlag, Freiburg, S. 254–257. Karl (* 1276; † wenige Tage nach Geburt) – Sohn von König Rudolf I., ursprünglich bestattet in Basel Hartmann (* um 1263; † 1281) – Sohn von König Rudolf I., ursprünglich bestattet in Basel Gertrud von Hohenberg (* um 1225; † 1281) – Gemahlin von König Rudolf I., ursprünglich bestattet in Basel Friedrich (* 1316; † wenige Tage nach Geburt) – Sohn von Friedrich dem Schönen, ursprünglich bestattet in Königsfelden Elisabeth von Görz-Tirol (* um 1262; † 1313) – Gemahlin von König Albrecht I., ursprünglich bestattet in Königsfelden Leopold I. (* 1290; † 1326) – Sohn von König Albrecht I., ursprünglich bestattet in Königsfelden Heinrich (* 1299; † 1327) – Sohn von König Albrecht I., ursprünglich bestattet in Königsfelden Gutta (* 1302; † 1329) – Tochter von König Albrecht I., Gemahlin des Ludwig VI. von Oettingen, ursprünglich bestattet in Königsfelden Katharina von Savoyen (* um 1297–1304; † 1336) – Gemahlin von Herzog Leopold I., ursprünglich bestattet in Königsfelden Elisabeth von Virneburg (* um 1303; † 1343) – Gemahlin von Herzog Heinrich, ursprünglich bestattet in Königsfelden Katharina (* 1320; † 1349) – Tochter von Herzog Leopold I., Gemahlin des Enguerrand VI. de Coucy, ursprünglich bestattet in Königsfelden Elisabeth (* um 1285; † 1352) – Tochter von König Albrecht I., Gemahlin des Friedrich IV. von Lothringen, ursprünglich bestattet in Königsfelden Agnes (* um 1281; † 1364) – Tochter von König Albrecht I., Gemahlin des Königs Andreas III. von Ungarn, ursprünglich bestattet in Königsfelden Leopold III. (* 1351; † 1386) – Sohn von Herzog Albrecht II., ursprünglich bestattet in Königsfelden
Der geplante Bau einer großen Grufthalle unter der Rotunde wurde jedoch nie ausgeführt, Fürstabt Gerbert gab sich mit der Beisetzung der Ahnen der Habsburger unter dem Winterchor zufrieden.Ludwig Schmieder, St. Blasien, 1929, S. 216.
Weitere Elemente Neben den Gebeinen der Habsburger als „Politreliquien“Stephan Kessler: Ein Pantheon auf dem Schwarzwald, in: Dom St. Blasien Südschwarzwald, Lindenberg 2006, S. 36. war auch der reiche Reliquienschatz des Klosters zur Präsentation bestimmt. Martin Gerbert, d’Ixnard und der ausführende Baudirektor Franz Joseph Salzmann konzipierten einen Zentralbau nach dem Vorbild des Pantheons in Rom, was eine Abkehr vom traditionellen Kirchenbautypus der Langhauskirche bedeutete. Für die Mönche sah man einen an die Rotunde anschließenden länglichen Chorbau vor. Baubeginn war 1772. Offenbar um Meinungsverschiedenheiten mit dem Abt zu überwinden, reiste D’Ixnard im Dezember 1773 nach Wien und zeigte Kaiserin Maria Theresia eigenmächtig die Baupläne. Angesichts dieser „Frechheit des Architekten“ wurde sein Vertrag nicht verlängert. Von 1775 bis 1777 war der französische Architekt Nicolas de Pigage als Berater tätig. In den Folgejahren wurde der aufwändige Kuppelbau fertiggestellt, dessen Holzkonstruktion der St. Blasier Zimmermeister Joseph Müller errichtete. 1778 wurde das Kuppeldach mit Kupferblech eingedeckt und der Hauptstein über dem Hauptportal gesetzt, nach einem weiteren Jahr die Kuppel ausgemalt und die beiden Chorgitter vom Karlsruher Kunstschmied Carl Hugenest gefertigt. Der Freiburger Künstler Johann Christian Wentzinger schuf das Deckengemälde. Gleichzeitig beendete Johann Kaspar Gigl die Rotundenstuckatur und wurde beauftragt, die neun Stuckmarmor-Altäre auszuführen. Zwar sollte dies nach dem Entwurf Wentzingers geschehen, jedoch wurde Gigl erlaubt, sie nach eigenem Ermessen zu verändern.Hermann Brommer: Buchbesprechung Rudolf Morath: Joseph Hörr, in: Schau-ins-Land 104, 1985, S. 310 f. 1781 wurden der Hochaltar und die beiden Kanzelaltäre gebaut und das Gemälde über dem Chorbogen fertiggestellt. Die Schnitzarbeiten an der Orgel hatte Joseph Hörr aus Blasiwald übernommen. Die Glasfenster für die Rotunde fertigten die Mönche des Klosters und der junge Johann Nepomuk Amann. Am 11. November 1781, dem Namenstag von Fürstabt Martin Gerbert, feierte man die erste Heilige Messe in der neuen Kirche. 1782 begannen die Arbeiten an den Nebenaltären und am 21. September 1783 weihte Fürstbischof Maximilian Christoph von Rodt aus Konstanz die Kuppelkirche ein.
Brände, Demontagen und Rekonstruktionen 1806 erhielt Kurfürst Karl Friedrich als Gegenleistung für die Unterstützung Napoleons durch Baden im Krieg gegen Österreich den sanktblasischen Besitz. Die hierfür notwendige Enteignung kirchlicher Territorien war durch den Reichsdeputationshauptschluss staatsrechtlich vorbereitet worden. Damit nahm ein rund tausendjähriges Wirken der Mönche innerhalb des Klosters sein Ende. Die Mönche gingen nach Österreich und bezogen 1809 das Stift St. Paul im Lavanttal. Dorthin brachten sie auch den größten Teil des Kirchenschatzes, die Bibliothek mit 18.000 Bänden und die Kunstsammlung, darunter das Adelheid-Kreuz. 1808 und 1809 ließ der Großherzog die Kirche räumen, die Orgel von Johann Andreas Silbermann wurde in die Stephanskirche nach Karlsruhe gebracht. Die Glocken und die Einrichtung wurden für andere Kirchen vorgesehen. Die fragile Ausstattung aus Gips, Marmor und Alabaster ging beim Ausbau und Transport in großen Teilen zu Bruch. Intakte Teile der Innenausstattung wurden in die durch den vormaligen blasianischen Stiftsbaumeister Sebastian Fritschi erweiterte Stadtkirche von Waldshut, Liebfrauen, eingebaut. Die bauzeitlichen Kupfereindeckungen der Kuppel und der Vordächer wurden durch billige Zinkplatten ersetzt. Die abgenommene Dacheindeckung wurde in Karlsruhe zu Kreuzern umgemünzt.Carl Wilhelm Schnars: Führer durch den badischen und württembergischen Schwarzwald, 2. vermehrte Auflage, Wagner, Freiburg, 1868, S. 257. Der beim Übergang an Baden gerade 23 Jahre alte Kirchenbau schien für die Kirchengemeinde St. Blasien überdimensioniert und ließ hohe Instandhaltungskosten befürchten. Der geplante Abriss kam nicht zur Ausführung.
Nach der Aufhebung des Klosters richteten mehrere Unternehmer in den Gebäuden Fabriken ein. Johann Georg Bodmer betrieb ab 1809 eine Fabrik zur Herstellung von Baumwollspinn- und Webmaschinen. Ab 1809 stellte der Mechaniker Heinrich Düggli Waffen her, daraus entstand später die Badische Gewehrfabrik. 1811 beteiligte sich der Bankier David Seligmann, seit 1814 als Freiherr von Eichthal geadelt, richtete in der ehemaligen Klostermühle eine Spinnerei ein und funktionierte die ehemalige Wachsbleiche des Klosters zur Garnbleiche um.