mini|Adolph Thiem in einer Biographie über den Sohn Paul Thiem 1914 Adolph Thiem (* 26. Juli 1832 in Merseburg als Gustav Adolph Thiem; † 30. September 1923 in Stresa) war ein deutscher Börsenmakler und Kunstsammler. Ab 1871 war er an den Planungen des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums beteiligt und stattete mit seiner umfangreichen Sammlung von Gemälden Alter Meister das Museum zur Eröffnung 1904 aus. Außerdem war er Stifter des Wagner-Denkmals in Venedig und einer der wichtigsten Förderer Adolph von Menzels. Thiem zählt zu den bedeutendsten Kunstsammlern des 19. Jahrhunderts und gilt als Prototyp des bürgerlichen Mäzens, der auf die Eliten seiner Zeit wirkte und diese zum Sammeln anregte.

Leben mini|hochkant=1.2|Walther Thiems Fabrikantenvilla in Halle/Saale, von Adolph Thiem finanziert mini|Thiem&Töwe Buchdeckel eines Prospekts 1914 mini|Das Bode-Museum in Berlin

Von der Kerzenhandlung zur Fabrik für Gasbeleuchtung Adolph Thiem wurde 1832 als zweiter Sohn des halleschen Gendarmerie-Brigadiers Friedrich Thiem und Johanne Marie Merseburger in Merseburg geboren und in der Stiftskirche evangelisch getauft.Verwandtschaftsverhältnisse Thiems Genealogienetz.de In: Familiendatenbank Magdeburg. Verein für Computergenealogie e. V. Nachdem er seine Kindheit in Halle an der Saale verbracht hatte, besuchte er ab 1844 die Lateinschule in den Franckeschen Stiftungen, dann schrieb er sich für Wirtschaftskunde an der Universität Halle ein. Er heiratete am 18. Januar 1856 Anna Thieme, die 1834 in Halle als Tochter von Samuel Lebrecht Thieme, eines Organisten an der Marktkirche Unser Lieben Frauen in Halle/Saale geboren worden war. Adolph Thiem verdiente sein Geld vorwiegend als Börsenmakler an der Halleschen Börse, die zu jener Zeit ausschließlich Kommunalpapiere handelte und fest in der Hand der Stadt war. Er kam früh zu beachtlichem Wohlstand.

Adolph Thiem hatte einen neun Jahre älteren Bruder Bruno Thiem, der in Halle zunächst in einer Passstelle arbeitete, dann Bürgermeister von Magdeburg-Buckau wurde. Über die weiteren fünf Geschwister ist nichts bekannt. Seine Mutter betrieb zur Aufbesserung der Rente um 1839 eine Seifen- und Kerzenhandlung in der Leipziger Straße,Thiems Mutter, Licht und Seifenhandlung. Familysearch. In: Adreßbuch der Stadt Halle (Saale). 1839. eine Information, die insoweit von Bedeutung ist, als Thiem Jahrzehnte später in seiner Heimatstadt beim Aufbau einer Gasgerätefabrik beteiligt war, die Geräte für Beleuchtungszwecke entwickelte. Diese in den Gründungsjahren um 1900 finanzierte Maschinenfabrik Thiem & Töwe war als wirtschaftliches Standbein für seinen Sohn Walther Thiem gedacht. Halle an der Saale war im Kaiserreich wegen der Braunkohlereviere ein industrielles Ballungszentrum. Bis 1914 stattete die Firma Thiem & Töwe 3000 Gebäude, darunter vor allem ministeriale Einrichtungen im Deutschen Reich, mit einer autarken Licht-, Gas- und Wasserversorgung aus.Werbeprospekt vor 1914: Benoid Gasanlagen. Hrsg. Thiem & Töwe. Deutsches Historisches Museum. Online Datensammlung. Diese Aktivitäten führten auch zu einem Geschenk an das von Thiems Schulkameraden Franz Otto 1885 gegründete Städtische Museum für Kunst und Kunstgewerbe, wie einem Museumsführer von 1913 zu entnehmen ist.Kurt Freyer: Führer durch die Sammlung neuerer Gemälde und Bildwerke. Städtisches Museum für Kunst und Kunstgewerbe, Halle an der Saale. Verlag Gebauer-Schwetschke, 1913, S. 51, S. 80, „Geschenk eines Bildes Adolph Thiem San Remo“ Seit 2008 befindet sich auf dem ehemaligen Fabrikgelände von Thiem & Töwe das gemeinnützige Kulturzentrum Hühnermanhattan.

Berliner Jahre In den 1860er Jahren wechselte Adolph Thiem zur Berliner Börse, weil diese sich in der Zeit nach dem Deutschen Krieg zu einem der wichtigsten europäischen Umschlagplätze entwickelte. Berlin war hinter Paris und London als drittgrößter Banken- und Börsenplatz aufgerückt.Hubert Laitko: Wissenschaft in Berlin: von den Anfängen bis zum Neubeginn nach 1945. Dietz, 1987, ISBN 3-320-00821-8, S. 237. In Berlin kamen seine vier Kinder Paul, Walter, Martha und Margarete Thiem zur Welt. Thiems Wohnhaus in der Rosenthaler Straße 40 lag in dem überwiegend von jüdischer Bevölkerung geprägten Scheunenviertel, obgleich Thiem keine jüdischen Wurzeln hatte. Ab 1865 stand er als Betreiber eines Bankgeschäfts noch als Companion an der Seite von Carl Benda. Die Bendas waren eine alte jüdische Familie,Carl F. Benda. In: Ernst Benda: Genealogy of the Benda family. September 1901, . die als Schutzjuden und Berater besondere Privilegien des Kaisers genossen. Schließlich gründete Thiem in der Viktoriastraße die Berliner Maklerbank gemeinsam mit Eduard Abel als Delegierten des Aufsichtsrates.

Thiem zog in eine Villa nach Niederschöneweide und begann als einer der ersten bürgerlichen Privatleute im großen Stil Kunst zu sammeln und sie in seinen Räumen zu präsentieren. Damit war er nicht allein. Max J. Friedländer, ein Berliner Kunsthistoriker, Bekannter Thiems und später Gast in der Villa in SanremoHannelore Nützmann: Die Sammlung Thiem im Kaiser Friedrich Museum. In: Jahrbuch der Stiftung preussischer Kulturbesitz. Band 30, Gebrüder Mann Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-7861-1196-0, S. 119–132. fasste die Anreize auf viele Sammler dieser Zeit bezogen wie folgt zusammen:

Für die Jahre 1883 und 1890 gibt es Belege für eine bedeutende Ausstellung in der Königlichen Akademie der Künste Berlin mit Bildern holländischer Meister des 17. Jahrhunderts. Diese Ausstellung wurde mit Exponaten der Kaiserin Victoria, Witwe Friedrichs III., und zahlreichen von Adolph Thiem gesammelten Werken bestückt. Im Jahr 1890 verlagerte Thiem sein Bankhaus in das Prinzessinnenpalais mit der Adresse Unter den Linden 5, Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäftshandbuch für Berlin, dessen Umgebungen und Charlottenburg: auf das Jahr 1890. einem Ort, der nur gelegentlich von der Witwe Friedrichs bewohnt wurde und sonst in der besten Lage ungenutzt leer stand. Aber auch zu Lebzeiten Friedrichs III. ist eine Nachbarschaft zum Kaiser nachweisbar, denn Thiems Villa in San Remo lag in der Nähe der Villa Zirio, die vom Kronprinzen und späteren Kaiser der 99 Tage bewohnt wurde. Das Bankgeschäft in Berlin musste schon zwei Jahre später 1892 nach Unter den Linden 12 umziehen, weil Kaiser Wilhelm II. das Gebäude zum Stadtpalast umgestalten ließ.

Kinder Paul Thiem (* 1858 Berlin; † 1922 Starnberg), Maler Wolf Gustav Adolph Thiem * 1862 Berlin-Dorotheenstadt; † 1889 Berlin Margarete Thiem (* 1863 Berlin; † 1939 Berlin), war verheiratet mit Georg Theodor Carl Saenger (* 1858 Nadborowo; † 1934 Baden-Baden). Martha Thiem (* 1865 Berlin; † 1941 Sanremo), war in erster Ehe mit Bogislaw Friedrich Hermann von Schmeling (1855–1906) verheiratet, beide sind auf dem Dresdener Johannisfriedhof begraben. In zweiter Ehe heiratete sie 1908 in Venedig Francesco Marchese Spinola (* 1856 in Taggia; † 1912 in Frankfurt am Main). Walther Thiem (* 1. Februar 1872 Berlin, Taufe St.-Matthäus-Kirche (Berlin); † 1973 Söcking), besuchte von 1880 bis 1886 das Thüringer Internat Schnepfenthal, 1886–1891 Schüler im Badischen Gymnasium Bruchsal, studierte in Berlin und RostockEintrag im Rostocker Matrikelportal (Seitenaufruf 16. November 2015) Maschinenbau und Elektrotechnik, wurde 1896 an der Universität Rostock promoviert. Inaugural-Dissertation: Rostock, Univ. Phil. Fak., 11. Juli 1896: Über die Magnetisierungsarbeit pulsierender Gleichströme im Vergleich mit aequivalentem Wechselstrom. Er arbeitete für die Firma Siemens & Halske in Berlin und für IG-Farben in Wolfen. An der Universität Halle (Saale) war er von 1910 bis 1938 zunächst Dozent (Lektor), später ordentlicher Professor für Farbfotografie. Er war Mitgründer der Maschinenfabrik Thiem & Töwe in Halle/Saale.

Vom Gründerboom zum Gründerkrach Thiems wirtschaftlicher Erfolg beruhte insbesondere darauf, dass in Deutschland 1870 die Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften aufgehoben und die Gründung von Unternehmen von strengen gesetzlichen Einschränkungen befreit wurde (vgl. Gewerbefreiheit). Die Folge war die Gründung von 928 Aktiengesellschaften im Zeitraum von 1871 bis 1873 allein im Königreich Preußen. Durch die Gewerbefreiheit wurde immer mehr privates Kapital in die Wirtschaft investiert. Es etablierten sich neben Thiems Berliner Maklerbank 60 weitere neue Banken mit Maklern, die nicht vereidet wurden. Die Wirtschaft wuchs rasant; ebenso stiegen die Kurse der Aktien. Das schuf Vertrauen in den Markt und veranlasste weitere Aktionäre zu Aktienkäufen. Adolph Thiem wurde als Direktor der Berliner Maklerbank als eine „hervorragende Capacität der hiesigen Börse“ betitelt.Direktor der Maklerbank Google Books. In: Deutsche Versicherungszeitung, 28. September 1872. A.F. Elsner (Chefred.): Handelsnachrichten Sammelband S. 623 Die Berliner Maklerbank zahlte auch die allerhöchsten Dividenden von 25 %,Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914. 2. Auflage. C.H. Beck, 2007, ISBN 978-3-406-32263-1, S. 99. was zu schwindelerregenden Provisionen und einer völligen Verzerrung und Überbewertung der Kurse führte.

Thiems Maklergeschäfte sind in vielen Übersichtswerken der Wirtschaft als Beispiele für den Gründerboom eingegangen. So in den Schriften und Reden über die Börse von Max WeberMax Weber: Gesamtausgabe. Band 5: Börsenwesen. Schriften und Reden 1893–1898. 1. Auflage. Mohr Siebeck, 1999, ISBN 3-16-146952-6, S. 335, 338, 861. oder im „Großen Buch der Börse“ von Robert Schittler.Martin Michalky: Das große Buch der Börse. Frankfurt 2007, ISBN 978-3-89879-378-0, S. 164. Carsten Priebe: Von Krisen, Crashs und Spekulanten: Die dramatische und lehrreiche Geschichte vom Auf und Ab in der Welt der Aktien bis zum großen Börsen-Crash 1929. Vito von Eichborn (Herausgeber). 2012, ISBN 978-3-8423-9118-5, S. 67. Als die erwartete Krise 1873 eintrat, schrieb das den vereideten Maklern nahestehenden Deutsche Handelsblatt über die Banken der nicht vereideten Makler in Berlin, mit denen auch Thiems Bank gemeint war: Um 1880 bündelten sich einige kleinere Banken zum Berliner Maklerverein, dessen Direktor Thiem wurde, sie zogen in ein modernes Bankgeschäft in die Mittelstrasse 41–42 und hatten dort mit der einstelligen Fernsprechnummer 8 einen der ersten Telefonanschlüsse Berlins. Eine Aktiengesellschaft, die „Allgemeine deutsche Handelsgesellschaft“, berief Thiem in den Aufsichtsrat.Friedrich Wilhelm Christians: Deutsche Börsenpapiere: Darstellung der Personal- und Finanz-Verhältnisse der deutschen und ausländischen Bank-, Versicherungs-, Industrie- und Eisenbahn – Gesellschaften auf Actien Taschenbuch – 1. Januar 1880. Reprint. Springer 2011, ISBN 978-3-662-32489-9, S. 517.

Der Ruf der durch den Aktienhandel reich gewordenen Bankiers und Aktienmakler verfiel nach dem Gründerkrach und der daraus resultierenden Deflation, der Gründerkrise. Thiem sah sich drastischen Anfeindungen ausgesetzt. Die von A. Moser herausgegebene Zeitschrift für Kapital und Rente brachte die Berliner Maklerbank mit der Schwindelperiode in Verbindung.Google Books. In: Zeitschrift für Kapital und Rente. Hrsg. A. Moser. Stuttgart 1871, S. 65. Aber ganz allgemein schien der Beruf des Bankiers zu leiden. .Christof Biggeleben: Das „Bollwerk des Bürgertums“: die Berliner Kaufmannschaft 1870–1920. 1. Auflage. C.H. Beck, 2006, ISBN 3-406-54993-4, S. 236. Der mittlerweile fast sechzigjährige Thiem zog sich aus den Geschäften zurück und nannte als Beruf Rentier, was bedeutete, dass er regelmäßige Zahlungen aus Obligationen erhielt.