Palingenese (aus , und , ‚Schöpfung‘, ‚Geburt‘; ) oder Neugeburt ist in der Sozialwissenschaft ein Begriff verschiedener Faschismustheorien für ein zentrales Element des Faschismus.
Begriff Emilio Gentile übernahm den Begriff Palingenese aus der Theologie zuerst in seinem Werk Le origini dell'ideologia fascista (1918–1925). Er verstand ihn im Sinne der heute so bezeichneten „Konvergenztheorie“.dazu Sven Reichardt: Neue Wege der vergleichenden Faschismusforschung. In: Mittelweg 36 1/2007 Roger Griffin fasste den Begriff schärfer als Zielvorstellung des Faschismus, der auf die „Neugeburt“ der „dekadenten Gesellschaft“ durch totale Ausrichtung auf einen verherrlichten Führer ziele. Dies sah er als „mythischen Kern der faschistischen Ideologie“.Roger Griffin: Völkischer Nationalismus als Wegbereiter und Fortsetzer des Faschismus: Ein angelsächsischer Blick auf ein nicht nur deutsches Phänomen. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn und Jobst Paul (Hrsg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie. Unrast Verlag, Münster 2005
Faschismusanalyse In faschistischen Ideologemen ist dabei die Sprache von einer „revolutionären Neugeburt“ der „Gemeinschaft“ in eine „neue Ordnung“ und in einer „neuen Ära“. Damit ist eine (konter-)revolutionäre Bestrebung eines utopischen Ultra-Nationalismus gemeint. Markant ist Palingenesis für einen bestimmten Typ von Kulturpessimismus:
Roger Griffin sieht diese Bestrebungen als idealtypisches Merkmal aller faschistischen Ideologien, sowohl im Nazismus, bei den Denkern der Konservativen Revolution und den rechten Intellektuellen und Gruppierungen der Neuen Rechten wie Armin Mohler und Alain de Benoist.Roger Griffin (2005): Völkischer Nationalismus als Wegbereiter und Fortsetzer des Faschismus: Ein angelsächsischer Blick auf ein nicht nur deutsches Phänomen. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn und Jobst Paul, Hg.: Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie. Münster: Unrast. Seiten 39, 40
1991 machte Griffin in The Nature of Fascism den Vorschlag, Faschismus idealtypisch – im Sinne von Max Weber – zu definieren. Danach wäre Faschismus als „Gattung politischer Ideologie, deren mythischer Kern in seinen mannigfachen Permutationen aus einer palingenetischen Form populistischem Ultranationalismus besteht“Roger Griffin (1991): The Nature of Fascism. Dt. Übersetzung zitiert nach Alfred Schobert in: Rodger Griffin: Der umstrittene Begriff des Faschismus – Interview mit Roger Griffin. In: DISS-Journal 13/2004 zu beschreiben. Entsprechend definiert Griffin den Faschismus als einen „palingenetische[n] Ultra-Nationalismus“. Griffin wendet sich damit gegen eine Definition des Faschismus, die sich auf die Epoche des Nationalsozialismus beschränkt, und stieß in der internationalen Forschung eine größere kontroverse Debatte an.Roger Griffin, Werner Loh, Andresas Umland (2006): Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Ibidem Verlag.Erwägen-Wissen-Ethik (Heft 4/2004)
Mit der generischen Definition des Faschismus auf seine ideologischen Kernelemente, die Faschismus als eine Ideologie wie andere Ideologien behandelt, verfolgt Griffin das Ziel, den „Einsichten in die Wandlungen des internationalen Faschismus nach 1945“Roger Griffin (2005): Völkischer Nationalismus als Wegbereiter und Fortsetzer des Faschismus zu folgen. Damit grenzt er sich von Faschismusdefinitionen, die sich auf eine historische Epoche beziehen, ab:
Griffin bezieht sich in dieser Definition von Faschismus auf den so genannten „Neuen Konsens“ in der Faschismusforschung, wie er von Matthew Lyons formuliert wurde: „Faschismus ist eine Form rechtsextremer Ideologie, die die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft, die alle anderen Loyalitäten übersteigt, verherrlicht. Er betont einen Mythos von nationaler oder rassischer Wiedergeburt nach einer Periode des Niedergangs oder des Zerfalls.“Matthew N. Lyons: What is Fascism? Some General Ideological Features. 12. Januar 2004; Übersetzung von Alfred Schober. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt. Münster 2006. vgl. Matthew Lyons: Was heißt Faschismus?
Siehe auch Reinkarnation Erneuerung Heilung Psychohygiene
Einzelnachweise
Literatur Roger Griffin (2005): Völkischer Nationalismus als Wegbereiter und Fortsetzer des Faschismus. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn und Jobst Paul, Hg.: Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie. Münster: Unrast Verlag. (Einleitung: Online ) Roger Griffin, Werner Loh, Andresas Umland (2006): Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Ibidem Verlag. (Rezension: Ralph Kummer, redok Ibidem Verlag Online: ; PDF; 9 kB) Roger Griffin (1998): Introduction. In: Roger Griffin (Hg.), International Fascism. Theories, Causes and the New Consensus, London. Roger Griffin (1991): The Nature of Fascism. London. Roger Griffin (2002): 'The Palingenern Political Community: Rethinking the Legitimation of Totalitarian Regimes in Inter-War Europe'. In: Totalitarian Movements and Political Religions 2/2 (2002), S. 24–43 Erwägen-Wissen-Ethik (Heft 4/2004) Roger Griffin: Der umstrittene Begriff des Faschismus – Interview mit Roger Griffin. In: DISS-Journal 13/2004 Matthew Lyons: Was heißt Faschismus? Matthew Lyons: What is Fascism? Some General Ideological Features. (Online bei Publiceye.org )
Zur Einordnung in der Faschismusforschung
Emilio Gentile (1992): „Fascismo“. In: Enciclopedia Italiana di Scienze. Lettere ed Arti. Rom. S. 196–199. Richard Thurlow (1999): Fascism. Cambridge. S. 5f. Walter Laqueur (1996): Faschismus. Gestern, Heute, Morgen. Berlin. S. 19 Roger O. Paxton (2004): The Anatomy of Fascism. New York 2004. S. 21 Michael Mann (2004): Fascists. Cambridge 2004. S. 12f. Chip Berlet. (2004) Christian Identity: The Apocalyptic Style, Political Religion, Palingenesis and Neo-Fascism. Totalitarian Movements and Political Religions, Vol. 5, No. 3, (Winter), special issue on Fascism as a Totalitarian Movement. Roger Eatwell (2003): Reflections on Fascism and Religion. In: Totalitarian Movements and Politics Religions. Matthew J. Goodwin: Grandpa’s fascism and the New Kids on the Block: Contemporary. Approaches to the Dark Side of Europe. University of Bath
Weblinks Griffins Publikationsverzeichnis mit Downloads Griffin: No Racism, thanks, we're British: A survey of Organizern and unorganized right-wing populism in contemporary Britain (Vortragsentwurf, Graz 2001) (PDF-Datei; 22 kB) (deutsche Übersetzung) Roger Griffin: Fascism’s new faces (and new facelessness) in the „post-fascist“ period. In: Erwägen – Wissen – Ethik, 15. Jg., Nr. 3, 2004, S. 287–300 (=Hauptartikel von Fascism Past and Present, West and East) Roger Eatwell: The nature of fascism: or essentialism by another name? / Chiaruscuro or Fascismo Grigio? (Eatwells Antworten auf Griffins Beiträge in Erwägen – Wissen – Ethik bzw. Fascism Past and Present, West and East) Cyprian Blamires zum Diskussionsband Fascism Past and Present, West and East
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