Die Torheit der Regierenden ist ein Buch von Barbara Tuchman, das 1984 in Deutschland und den USA („The March of Folly“) erschienen ist. Es untersucht anhand einer Vielzahl historischer Ereignisse „politisches Handeln wider das eigene Interesse“, wodurch Regierungen stürzten und Systeme untergingen. Diese Torheit bleibe weit hinter dem zurück, was die Menschheit „auf fast allen anderen Gebieten vollbracht hat.“Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 11, 16 f., 30, 49. Tuchmans Ziel ist die Verstärkung kritischer Tendenzen, die Entwicklung der Fähigkeit, aus den Erfahrungen der Politik zu lernen.Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 29 f., 48.

Als positive Beispiele von im Rückblick weisen Regierenden nennt Tuchmann die Athener Solon und Perikles, Karl den Großen, die Gründerväter der amerikanischen Verfassung, die Politik der Sieger nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan und die vom ägyptischen Präsidenten Sadat geförderte Aussöhnung mit Israel.Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 27 ff., 48 f. Im Vorwort bedankt sich Tuchman bei einer Verlagsmitarbeiterin dafür, dass sie „das verstreute Material zusammenhielt und in eine endgültige Ordnung brachte.“ Diese Bemerkung und die große Zahl der schon in der Einführung skizzierten Fallanalysen und verallgemeinernden Thesen weisen darauf hin, dass die Untersuchung aus nachträglich kombinierten Texten besteht. Fokussiert auf ihr Thema skizziert Tuchman den französischen Plan der strategischen Defensive vor dem Ersten Weltkrieg (S. 15 f.), die Spaltung der israelischen Nation durch Rehabeam, den Sohn König Salomons, im zehnten Jahrhundert v. Chr. (S. 17 ff.), den Untergang der Azteken (S. 20 ff.) und der Reiche der Westgoten auf der Iberischen Halbinsel (S. 24 ff.), die Schwächung des französischen Königreichs durch die Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahre 1685 (30 ff.), den Beginn des „uneingeschränkten U-Boot-Krieges“ der Deutschen im Ersten Weltkrieg (S. 38 ff.) und den Angriff Japans auf Pearl Harbour im Zweiten Weltkrieg (43 ff.) – beide letztere Entscheidungen den Kriegseintritt der USA auslösend. Alle Seitenangaben mit Bezug auf Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989.

Anlass Die umfangreiche Studie wird motiviert von einer „wachsende[n] Inkompetenz im heutigen Amerika“, die sie während des Kalten Kriegs im atomaren „Wettlauf um bewaffnete Überlegenheit“ erkennt: „Warum bemühen wir uns nicht stattdessen um einen Modus vivendi mit unserem Gegenspieler – d. h. um eine Form gemeinsamen Lebens und nicht gemeinsamen Sterbens.“ Ein Jahr vor der Veröffentlichung hatte US-Präsident Ronald Reagan ein Programm zur Entwicklung von Raketen zur Abwehr sowjetischer Atomraketen (Strategic Defense Initiative) initiiert, das von den Kritikern als erneute Planung eines atomaren Erstschlags gegen die Sowjetunion und damit als Schritt der Eskalation interpretiert wurde; die Forschungen zu den Anti-Raketen-Raketen wurden von den US-Präsidenten Clinton und Bush jr. zumindest bis 2003 fortgesetzt. In den späten 1940er und 1950er Jahren gab es eine erste amerikanische Debatte über den atomaren Präventivschlag und das konkurrierende Konzept der begrenzten Abschreckung bzw. des sicheren zweiten Schlags. Nach dem Beweis der Existenz sowjetischer Interkontinentalraketen durch die Platzierung von Sputnik I 1957 im Orbit mussten die USA mit einer feindlichen Kapazität zum zweiten Schlag rechnen, was einem Präventivschlags-Konzept für fünfundzwanzig Jahre den Boden entzog.David Horowitz, Kalter Krieg, S. 319 ff.

Arbeitshypothese, Modell und Methode Torheit ist für Tuchman jede Politik der Selbstzerstörung, sofern es (1.) zeitgenössische Warnungen, (2.) alternative Möglichkeiten und (3.) das Falsche unterstützende gesellschaftliche Kräfte und nicht nur einen an der falschen Politik festhaltenden Diktator gibt.Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 12 f. Als Ursachen betrachtet sie sowohl systemische als auch kulturelle und psychologische Faktoren: Tyrannei und Gewaltherrschaft („Torheit ist ein Kind der Macht.“); Unfähigkeit, Planlosigkeit oder Dekadenz bei den Methoden politischer Führung; letztlich auch Selbstüberschätzung und Starrsinn oder Engstirnigkeit. Diese Faktoren können einzeln und gemeinsam zu einer Missregierung führen, die „dem Eigeninteresse des jeweiligen Staates und seiner Bürger zuwiderläuft.“Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 12 ff., 35, 38, 47 ff.

Vor allem durch das Kriterium der Vorhersehbarkeit von Katastrophen grenzt Tuchman sich deutlich von den im Geflecht von Wechselwirkungen wenig oder nicht vorhersehbaren Folgen politischer Handlungen ab, die zwanzig Jahre später US-Verteidigungsminister Rumsfeld entschuldigend als den stets blinden Handlungsrahmen aller Politik behauptete.

Modellfall politischer Torheit ist seiner archetypischen Bedeutung und Bekanntheit wegen der Untergang Trojas, den die Trojaner dadurch selbst herbeiführten, dass sie das hölzerne Pferd, in dessen Bauch griechische Kämpfer versteckt waren, in die Stadt zogen. Dem homerischen Epos der Ilias nach gab es (1.) eine Reihe von negativen Prophezeiungen und Warnungen, zum Beispiel vom Priester Laokoon und der Königstochter Kassandra, oder Aufrufe wenigstens zur Vorsicht, die alle in den Wind geschlagen wurden. (2.) Auch alternative Entscheidungen waren möglich: Schon die Anreise der Griechen hätte dadurch vermieden werden können, dass Paris, der ungeliebte Sohn des trojanischen Königs Priamos, mit Helena der Stadt verwiesen worden wäre oder die Trojaner sich wenigstens von der Gefahrlosigkeit überzeugt oder das Pferd einfach verbrannt hätten. (3.) Da die Verblendung nicht nur die Elite, sondern auch eine große Zahl der Bürger verwirrt hatte, ist in diesem Modell auch das dritte Kriterium politischer Torheit erfüllt.Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 50 ff.

Tuchman stützt ihre meist anschauliche Erzählung auf umfangreiche politische und biografische Quellen. Der Thematik entsprechend werden Aspekte der Kulturgeschichte (vertieft beispielsweise bei der Renaissance als kulturellem Hintergrund des römischen Klerus), der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (vertieft beispielsweise beim Lebensstil der britischen Aristokratie), der Rechts- und Militärgeschichte nur dann ergänzt, wenn sie dazu beitragen, das Verhalten der Protagonisten zu erklären. Dabei werden die sozialen, kulturellen und ideologischen Umstände umso ausführlicher entwickelt, je weniger die Entscheidungen in der absolutistischen Kirchenhierarchie Roms und umso mehr sie im konstitutionellen System der britischen Monarchie oder im Rahmen der amerikanischen Präsidialdemokratie fallen.Bibliografie, Anmerkungen und ein Stichwortregister haben einen Umfang von 65 Seiten. Zum Vergleich der päpstlichen mit der britischen Torheit vgl. Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 286 ff.

Schwerpunkte

Päpste spalten die Kirche Die Kritik an der Kirche sei wesentlich von Machtmissbrauch, Korruption, amoralischem Verhalten und Gewalttätigkeit der Renaissancepäpste bestärkt worden. Angefangen von der Privatisierung von Stellen und Kirchengut, von Simonie, Kleptomanie und Nepotismus wurde die Kirche eine Prostituierte weltlicher Güter, eine gesetzlose Plutokratie.Giovanni Medici, Sohn Lorenzos des Prächtigen, später Papst Leo X, übernahm mit elf Jahren als Abt die berühmte Benediktinerabtei Monte Cassino; unter Innozenz VIII. und Alexander VI. wurden „nicht weniger als 50 Bistümer an Knaben vergeben“. Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 67 ff., 70, 76, 81, 89 f., 156.

Die Trennung von christlicher Lehre und tatsächlichem Leben des Klerus stellt Tuchman in den Zusammenhang von „säkulare[m] Zeitgeist“ und „humanistische[m] Rausch“ der Renaissance, den die Päpste vom „Lebensstil der räuberischen Fürsten“ übernahmen: „Unbestreitbar ist, dass die Renaissancepäpste von der Gesellschaft, in der sie lebten, geformt und in ihrem Handeln bestimmt wurden.“ Für ein Aufgreifen der Alternativen „wäre eine Kultur ganz anderer Wertvorstellungen vonnöten gewesen.“Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 80 ff., 106 f., 114, 142 ff., 476. Neben den kulturellen Prägungen erwähnt Tuchman als weiteren negativen Umstand mehrfach die Einmischung europäischer Staaten in die Fehden der italienischen Fürstenhäuser, wodurch die Politisierung der Päpste und damit ihr Niedergang weiter vorangetrieben wurde.Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 69, 90, 98 ff., 104 f., 107 ff., 145 ff., 150 ff.

Dem Starrsinn der Päpste standen die ökonomischen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritte der Frühen Neuzeit gegenüber – und schon seit dem Hochmittelalter auch eine Fülle von Reformansätzen und -bewegungen, von Klerus und Päpsten meist sabotiert, die so schließlich die „religiöse Revolution“ provozierten. Die im Rückblick auf die Renaissance von den Päpsten initiierte, heute begeisternde „kulturelle Blüte“ steht zu ihrem Amtsversagen nicht in Widerspruch, sondern war ein Programm der öffentlichen Beschwichtigung: „Wenn aber die Autorität des Heiligen Stuhl sichtbar wird in majestätischen Gebäuden, (…) wird der Glaube wachsen und erstarken“, wie Papst Nikolaus V. 1455 das ambitionierte Projekt seinen Kardinälen auf dem Sterbebett erläuterte.Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 76, 79, 116 f., 130 ff. Julius II. hatte seine Überheblichkeit zu solchen Höhen geschraubt, dass er für sein von Michelangelo entworfenes gigantisches Grabmal einen neuen Petersdom als würdige Hülle beginnen ließ – wegen der enormen Baukosten und dem ihretwegen auf Deutschland ausgedehnten Ablasshandel auch die Grablege der Kircheneinheit. Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 121 ff., 142 f.

Tuchman untersucht die Amtsführung der sechs „Renaissancepäpste“ zwischen 1471 und 1534, von Sixtus IV., Innozenz VIII., Alexander VI., Julius II., Leo X. und Clemens VII. Ihre Arbeitshypothese bestätigend gab es daher in der Vorgeschichte der Kirchenspaltung die für „Torheit“ notwendigen Warnungen, die Alternativen einer „Reform an Haupt und Gliedern“ und eine am dysfunktionalen Lebensstil festhaltende Elite: „Für jeden, ausgenommen die Regierung der Kirche, war offenkundig, dass eine Rebellion bevorstand.“Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Fischer Taschenbuch 1989, S. 67 ff., 140, 156 f.

Längst nicht der einzige Kritiker der Kirche, aber ein zeitgenössischer Vorgänger fast auch mit dem Titel seiner Schrift ist Erasmus von Rotterdam, der im Lob der Torheit von 1507/1508 nicht nur den Alltag der unteren Stände satirisch kommentiert, sondern auch Fürsten und Könige, Kardinäle und Päpste: Ihre Amtsführung sei „dem öffentlichen Wohl geradezu verfeindet.“Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Encomium Moriae. Übersetzt und herausgegeben von Anton J. Gail, Stuttgart: Reclam 1985, ISBN 3-15-001907-9, S. 84 f. Aber als kompositorischen Kniff lässt Erasmus die verstörenden Wahrheiten von der als Person auftretenden Torheit aussprechen, also aus der Narrenecke, was vielleicht die Verfolgung des Autors verhindert hat.

England verliert Amerika