Die AK Bibliothek Wien für Sozialwissenschaften (bis 2008 Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien) ist eine österreichische Bibliothek. Es handelt sich um eine öffentlich zugängliche und kostenlos benutzbare wissenschaftliche Bibliothek, sie befindet sich im Erdgeschoß des Hauptgebäudes der Kammer für Arbeiter und Angestellte (AK) in Wien.

Die AK Bibliothek Wien ist Österreichs bedeutendste Spezialbibliothek im Bereich der Sozialwissenschaften. Sie ist die zentrale Bibliothek der österreichischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, neben ihr gibt es in Österreich sechs weitere Bibliotheken der AK-Länderkammern. Der knapp 500.000 Bände und 900 Zeitschriften umfassende BestandAK Bibliothek Wien für Sozialwissenschaften (Hrsg.): Bestände der Bibliothek, AK Bibliothek Wien für Sozialwissenschaften, Wien 2020 (online). konzentriert sich auf die Gebiete Politik, Zeitgeschichte, Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Umweltpolitik, Recht, Wirtschaftswissenschaft, Bildung, Arbeiterbewegung, Frauenforschung und Frauenbewegungen, Psychologie, Sexualität, Soziologie und Philosophie. Österreichweite Verwendung bis in die 1990er fand die in den frühen 1980ern an der AK Bibliothek Wien entwickelte Bibliothekssoftware BIBOS.

Für 2012 standen 341.000 Euro für Neuerwerbungen zur Verfügung und die Bibliothek hatte 17,5 Vollzeitbeschäftigte. Als Bibliothekssoftware verwendet man heute Aleph, vor 1980 erworbene Medien sind im OPAC derzeit noch nicht vollständig erfasst. Gemeinsam mit den anderen AK Bibliotheken werden in einem eigenen Katalog auch E-Books angeboten. Seit 2003 gehört die Bibliothek dem Österreichischen Bibliothekenverbund an, erst seit 2006 ist die Ausleihe außer Haus möglich.

Die Bibliothek wurde 1921 gegründet und war ab 1922 bis zur Entführung des gesamten Bestands durch die Nationalsozialisten öffentlich zugänglich. Bereits 1945 fand die Neugründung statt, ihr Standort war weiterhin das ÖGB-Haus in der Ebendorferstraße 7 im 1. Wiener Bezirk. Seit 1960 befindet sie sich an ihrem heutigen Standort in der Prinz-Eugen-Straße 20–22 im 4. Wiener Bezirk. Nach einem zweijährigen Umbau hat die Bibliothek 2008 wiedereröffnet.

Lage und Gebäude Die AK Bibliothek Wien befindet sich im Gebäude der Wiener Arbeiterkammer in der Prinz-Eugen-Straße 20–22.Zum gesamten Gebäude siehe z. B. Dort nimmt sie einen großen Teil des Erdgeschoßes und einen kleinen Teil des ersten Obergeschoßes ein. Die Bibliotheksverwaltung sowie der Benutzerbereich befinden sich im Erdgeschoß, die Bücher sind in nur für Mitarbeiter zugänglichen Magazinen nach fortlaufender Nummer aufgestellt, die sich vom Erdgeschoß bis ins vierte Untergeschoß erstrecken. Der Benutzerbereich gliedert sich in den Eingangssaal, in dem die Entlehnung, aktuelle Zeitschriften und Zeitungen sowie Computerarbeitsplätze untergebracht sind sowie in einen Lesesaal mit einem Freihandbereich von mehreren tausend Bänden. Der Bibliotheksbau ist 1959 fertiggestellt worden und zählte damals zu den modernsten Wiens.Die Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek. In: Walter Jaksch, Edith Fischer, Franz Kroller: Österreichischer Bibliotheksbau, Band 2, Wien u. a. 1986, S. 132–133. Von 2006 bis 2008 ist er umgebaut und renoviert worden.

Bestand +Bestände und ErwerbungsetatsKarl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, 1997, S. 39, 52, 66, 74, 85; Statistik Austria (Hrsg.): Kulturstatistik 2012, Statistik Austria, Wien 2014, S. 82, 85; Statistik Austria (Hrsg.): Kulturstatistik 2010, Statistik Austria, Wien 2012, S. 80, 83. Jahr Bände Periodika Ankaufsbudget 1923 k. A. k. A. 108 Millionen Kronen 1924 80.000 340 217 Millionen Kronen 1925 92.000 414 42.292 Schilling 1926 95.215 438 49.572 Schilling 1927 100.000 k. A. 60.704 Schilling 1928 110.000 k. A. 73.213 Schilling 1929 112.000 700 59.790 Schilling 1930 116.000 k. A. 60.360 Schilling 1931 129.564 650 52.485 Schilling 1932 135.460 573 41.278 Schilling 1933 140.000 k. A. 23.658 Schilling 1935 144.000 k. A. ca. 21.000 Schilling 1936 140.000 k. A. ca. 21.000 Schilling 1946 5000 100 k. A. 1948 6444 270 46.700 Schilling 1950 9544 523 k. A. 1955 40.894 732 k. A. 1960 70.149 786 k. A. 1965 104.938 849 k. A. 1970 132.841 918 k. A. 1975 157.973 923 k. A. 1980 188.022 1104 k. A. 1985 223.272 1220 k. A. 1990 283.626 1270 k. A. 1995 349.388 1184 k. A. 2010 485.000 k. A. 330.000 Euro 2012 497.000 k. A. 341.000 Euro

Druckschriften Der Bestand umfasste 2020 rund 500.000 Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, fortlaufende Sammelwerke sowie 40.000 digitale Objekte. Von den Zeitungen und Zeitschriften führte man 778 in gedruckter Form und 109 als elektronische Zeitschriften. Der Neuzugang belief sich 2012 auf fast 6000 physische Einheiten.Statistik Austria (Hrsg.): Kulturstatistik 2012, Statistik Austria, Wien 2014, S. 85, 87, 89. Die Auswahl der Neuerwerbungen erfolgte bis in die 1980er durch den Bibliotheksleiter, seither sind Fachreferenten zuständig.Karl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, 1997, S. 83.

Sammelschwerpunkte sind Politik, Zeitgeschichte, Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Sozialversicherung, Rechtswissenschaften (insbesondere Arbeits- und Sozialrecht), Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik, Bildung und Erziehung, Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, Umweltschutz, Kommunalpolitik, Soziologie, Sexualwissenschaft, Psychologie und Philosophie.AK Bibliothek Wien: , Original abgerufen am 27. Dezember 2014.

E-Medien E-Books Im Jahr 2023 verfügte man über 25.000 E-Books. Über das Projekt „AK Bibliothek digital“ sind E-Books verfügbar, die entweder über den OPAC oder einen eigenen Katalog gefunden und kostenlos ausgeliehen werden können. Die sieben AK Bibliotheken Österreichs haben den Online-Buchhändler OverDrive als Aggregator beauftragt und 2011 bereits rund 8000 E-Books angeboten. Im ersten halben Jahr erfolgten 30.000 Entlehnungen. Aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtungen der Teilnehmerbibliotheken gibt es verschiedene Schwerpunkte, rund die Hälfte der E-Books entfiel auf Belletristik, je 15 % auf Sozial- und Geisteswissenschaften.Herwig Jobst: Arbeiterkammer-Bibliothek digital: Konzept, Realisierung, laufender Betrieb. In: Klaus Niedermair (Hrsg.): Die neue Bibliothek. Anspruch und Wirklichkeit. 31. Österreichischer Bibliothekartag, Innsbruck 2011, Neugebauer, Innsbruck 2011, S. 359–362 (PDF; 766 kB).

Zeitungen Ungefähr 3000 aktuelle Zeitungen in mehr als 60 Sprachen aus über 100 Ländern stehen gratis online zur Verfügung und bieten unbegrenzten parallelen Zugang. Je nach Zeitung ist auch ein Archiv abrufbar. Auch die wichtigsten österreichischen Tageszeitungen können so als E-Paper gelesen werden.

Filme Über die Plattform „Filmfriend“ werden über 3.500 Spielfilme, Dokumentationen und Serien kostenlos angeboten.

Publikationen der AK Wien Über eine eigene von der AK Bibliothek Wien verwalteten Plattform stehen der Großteil der Publikationen der Arbeiterkammer Wien zum Ansehen und Herunterladen zur Verfügung. Im September 2023 umfasste das Angebot 800.000 Seiten in fast 9.000 Publikationen.

Sondersammlung Als Sondersammlung wird eine Flugschriften-, Plakat- und Bildersammlung zum Wiener Oktoberaufstand 1848 gehalten. Die Bibliothek kaufte 1952 eine rund 1000 Stücke umfassende Sammlung des SDAP-Politikers Max Wagner und ergänzte diese in der Folge zu einer der umfangreichsten ihrer Art.Karl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, 1997, S. 74.

Bedeutende Objekte Vom Altbestand sind 600 Titel des Sozialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert erwähnenswert. Darunter fallen etwa Erstausgaben der europäischen Frühsozialisten über Ferdinand Lassalle bis zu Karl Marx. Ebenfalls zum Altbestand zählen Bücher zur frühen Arbeiterbewegung, zu den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie Literatur zur Sozialpolitik und Wirtschaftswissenschaft. Von den gehaltenen Zeitschriften und Zeitungen reichen etwa zwanzig bis ins 19. Jahrhundert zurück.Karl Stubenvoll: Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. In: Österreichische Nationalbibliothek (Hrsg.): Handbuch der historischen Buchbestände in Österreich, Band 2, Teil 2, Hildesheim u. a. 1995, S. 109–113; Karl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, 1997, S. 88.

Verlorene Bestände Vier in den 1920ern eingegliederte Privatbibliotheken bekannter österreichischer Sozialisten machten zusammen über 50.000 Bände aus. Sie bildeten den Kern des Buchbestands, gingen allerdings nach dessen Verschleppung durch die Nationalsozialisten von 1938 bis 1939 zum großen Teil verloren.Karl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, 1997, S. 36. Später zurückerstattet wurden rund 5000 Bände Pernerstorfers, 2000 der Adlers, 500 der Mengers und 600 der Winarskys.Karl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, 1997, S. 71.

Engelbert Pernerstorfers Bibliothek verfügte über eine literarische Abteilung mit belletristischen, literatur- und sprachwissenschaftlichen Werken und eine sozialwissenschaftliche Abteilung mit philosophischen, historischen, zionistischen, sozialpolitischen und sozialistischen Schriften. Leopold Winarsky sammelte vor allem Bücher zur Revolution 1848 und zur Französischen Revolution. Anton Mengers Bibliothek umfasste Schriften der Frühsozialisten, verschiedener Wirtschafts- und Sozialpolitiker sowie Nationalökonomen, wie auch Sammlungen seltener sozialistischer Periodika. Die Bibliothek Viktor Adlers steuerte vor allem die moderne sozialistische und sozialpolitische Literatur bei.

Betriebswirtschaft, Organisation und Rechtliches Einnahmen, Ausgaben und Beschäftigte Bibliotheksleiter Jahre Fritz Brügel 1921–1934 Anton Birti 1934–1938 Johann Sturm 1946–1956 Bernhard Glesinger 1956–1961 Gottfried Hatzl 1961–1977 Maria Biebl 1977–1979 Josef Vass 1979–1998 Herwig Jobst 2000–2012 Ute Wödl 2012 – heute Für die Neuerwerbungen des Jahres 2012 gab die Bibliothek 341.000 Euro aus. Über die Gesamtausgaben und die Personalkosten sowie über Einnahmen liegen der Statistik Austria keine Zahlen vor. Die Mitarbeiterzahl belief sich 2009 und 2010 auf 20 Personen, dazu kamen vier weitere in der der Bibliothek angeschlossenen Dokumentation.AK Bibliothek Wien für Sozialwissenschaften (Hrsg.): Jahrbuch, AK Bibliothek Wien für Sozialwissenschaften, Wien 2011, S. 9f. Im Jahr 2012 waren in Vollzeitäquivalenten 17,5 Beschäftigte angestellt.

Während der Ersten Republik war die Bibliothek eine der größten Abteilungen der Wiener Arbeiterkammer, rund 11 % der Angestellten des Kammerbüros waren Bibliothekare. Bis Juni 1921 hatte man vier Personen eingestellt, in den folgenden Jahren wuchs der Personalstand auf neun Beschäftigte. Ab 1934 halbierten die Austrofaschisten das Personal und platzierten zwei Vertrauensleute der neuen Kammerleitung von der statistischen Abteilung in der Bibliothek.Karl Stubenvoll: 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. 1997, S. 45 f., 53–55, 106.