mini|Glatz aus der Vogelperspektive, 1737
Die Grafschaft Glatz ([]; glätzisch Groofschoft Glootz, Grofschoaft Glootz, , ) gehörte als „provincia glacensis“ von Anbeginn zum böhmischen Herrschaftsbereich und damit zum Heiligen Römischen Reich. 1459 wurde sie durch den böhmischen König Georg von Podiebrad zur Grafschaft erhoben. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg 1742 und endgültig mit dem Hubertusburger Frieden 1763 fiel sie an Preußen.Kurze Geschichte der Grafschaft Glatz. Danach wurde sie zunächst von der Breslauer Kriegs- und Domänenkammer verwaltet. Mit den Preußischen Reformen wurde die „Souveraine Grafschaft Glatz“ 1815 in die Provinz Schlesien eingegliedert.Gundolf Keil: Vorwort in: Joseph Kögler: Die Chroniken der Grafschaft Glatz. Neu bearbeitet und herausgegeben von Dieter Pohl. Band 1: Die Stadt- und Pfarreichroniken von Lewin – Mittelwalde – Wünschelburg – Neurode – Wilhelmsthal. Pohl, Modautal 1993, ISBN 3-927830-06-2, S. 7–14.
Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 fiel das Gebiet der preußischen Landkreise Glatz und Habelschwerdt an Polen. Unabhängig davon verblieb das Glatzer Land kirchenrechtlich bis 1972 weiterhin beim Erzbistum Prag. mini|Grafschaft Glatz im 18. Jahrhundert mit den Distrikten „Humblischer“, „Wünschelburger“, „Neuroder“, „Glatzer“, „Habelschwerdter“ und „Landecker“
Geographie und Landschaft Das Gebiet der vormaligen Grafschaft Glatz umfasst eine Fläche von 1636 Quadratkilometern. Es ist von einer Mittelgebirgslandschaft geprägt und von Gebirgszügen als natürlichen Grenzen umgeben, weshalb es auch als Glatzer Kessel bezeichnet wird. Durch seine geographische Lage mit leicht begehbaren Gebirgspässen im Süden und Westen und dem Neißedurchbruch bei Wartha war das Gebiet seit alters her ein Durchgangs- bzw. Verbindungsland zwischen Böhmen, Mähren und Schlesien.
Die das Glatzer Land umgebenden Gebirge sind: Im Osten das Eulengebirge (Góry Sowie), das Warthagebirge und das Reichensteiner Gebirge (Góry Złote), im Süden das Glatzer Schneegebirge (Masyw Śnieżnika) und das Bielengebirge (Góry Bialskie), im Südwesten das Habelschwerdter Gebirge (Góry Bystrzyckie) und das Adlergebirge (Orlické hory) sowie im Nordwesten das Heuscheuergebirge (Góry Stołowe).
Hauptfluss ist die Glatzer Neiße (Nysa Kłodzka), die im Glatzer Schneegebirge entspringt und bei dem Dorf Riebnig (Rybna) südöstlich Brieg in die Oder mündet und mit dieser der Ostsee zufließt. Rechte Nebenflüsse sind die Wölfel (Wilczka) und die Landecker Biele (Biała Lądecka), linke Nebenflüsse sind die Habelschwerdter Weistritz (Bystrzyca), die Reinerzer Weistritz (Bystrzyca Dusznicka) und die Steine (Ścinawka).
Die Gebirgsbäche Schnelle (Bystra), Tscherbeneyer Wasser (Czermnica), Sichler Bach (Židovka) und Machauer Bach (Trnkava), die von der Wasserscheide am Hummelpass bzw. dem Heuscheuergerbirge in Richtung West fließen, ergießen sich in die Mettau (Metuje), die über die Elbe in die Nordsee entwässert.
Verwaltungsmittelpunkt Verwaltungsmittelpunkt des Glatzer Landes, das 1449 zur Grafschaft Glatz erhoben wurde, war die Stadt Glatz. Sie war bis 1742/1763 Residenz des böhmischen Landesherrn bzw. seines Statthalters, des Landeshauptmanns. Sie war Sitz des königlichen Rentamtes, der Glatzer Stände und des Glatzer Landtages, dem der Hohe Adel, die Ritter und als Dritter Stand die Freirichter angehörten. Wegen ihrer Beteiligung am böhmischen Ständeaufstand von 1618 verloren die Freirichter 1622 ihre Standeseigenschaft an die Immediat-Städte.Franz Volkmer: Die Privilegien des Adels und der Königlichen Städte der Grafschaft Glatz vom 15. Januar 1629. In: Vierteljahrsschrift für Geschichte und Heimatskunde der Grafschaft Glatz. 6. Jahrgang 1886/87, S. 64–79.
Geschichte Slavnikiden Das Glatzer Land und weite Teile Schlesiens gehörten im 9. Jahrhundert zum Großmährischen Reich. Im 10. Jahrhundert gehörte es als „provincia glacensis“ zum Herrschaftsbereich des böhmischen Fürsten Slavnik, dem Vater des hl. Adalbert. Der Prager Domdechant Cosmas berichtete in seiner Chronica Boemorum, dass Slavnik bei seinem Tode im Jahre 981 u. a. die Burg Glatz („castellum kladsko“) besessen habe. Sie schützte als Grenzburg den sogenannten „Böhmenweg“, der von Prag über Königgrätz, Nachod und Wartha nach Breslau führte. Um die Burg entstand eine Ansiedlung, die 1114 in einer Urkunde als „urbs“ (Stadt) bezeichnet wurde.
Přemysliden Im Jahr 995 kam ganz Böhmen an die Přemysliden, die als Herzöge von Böhmen Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches waren. Die wiederholten Einfälle des böhmischen Herzogs Soběslav nach Polen und umgekehrt des polnischen Herzogs Bolesław III. Schiefmund nach Böhmen wurden durch Vermittlung Kaiser Lothars III. mit dem Pfingstfrieden von Glatz 1137 beendet. Neben dem Verzicht Böhmens auf die Oberhoheit über Schlesien wurde auch ein eindeutiger Grenzverlauf festgelegt. Das Glatzer Land verblieb bei Böhmen. Der erste namentlich bekannte Glatzer Burggraf war 1169 Hroznata, dem 1175 Ryvín/Rivinus und 1177 der Witigone Witiko von Prčice folgten.
Im 13. Jahrhundert begann unter König Wenzel I. und verstärkt unter seinem Sohn Ottokar II. Přemysl die Besiedlung des Glatzer Landes, zu dem bis 1260 auch das Braunauer Land gehörte, mit Deutschen. Die Ansiedlung wurde von den Glatzer Burggrafen in ihrer Eigenschaft als Statthalter des böhmischen Königs gelenkt. Anfang des 13. Jahrhunderts versah das Amt des Burggrafen Smil von Ronow.
Luxemburger 1310 übernahmen die Luxemburger die Herrschaft im Königreich Böhmen und damit auch im Glatzer Land. Unter König Johann von Luxemburg war Ernst von Hostině (, ), dessen Namenszusatz vom heutigen Hostinka bei Böhmisch Skalitz in Ostböhmen abgeleitet sein soll, Burggraf von Glatz.Zdeňka Hledíková: Arnošt z Pardubic: arcibiskup, zakladatel, rádce; Vyšehrad 2008. Sein gleichnamiger Sohn Ernst wuchs in Glatz auf und wurde als Ernst von Pardubitz der erste Erzbischof von Prag sowie Berater des Kaisers Karl IV. Während dessen Regierungszeit erlebte das Glatzer Land eine kulturelle und religiöse Blüte. 1349 gründete Ernst von Pardubitz am Abhang des Glatzer Burgberges das Augustiner-Chorherrenstift, das auch als „Thumstift“ bzw. „Thumkirche“ bezeichnet wurde. Für den Altar der Stiftskirche stiftete er u. a. die Glatzer Madonna.
Unter Karls Nachfolgern geriet ganz Böhmen in religiöse Auseinandersetzungen, die eine Abkehr von der Römischen Kirche und die Hussitenkriege zur Folge hatten. Vom grenznahen Hummelschloss aus unternahmen die Hussiten ab 1425 zahlreiche Einfälle in das Glatzer Land. Sie belagerten die Burg Karpenstein und zerstörten die Burg Schnallenstein sowie die Städte Habelschwerdt, Wünschelburg und Neurode. Bei der Schlacht bei Altwilmsdorf am 27. Dezember 1428 starben der Anführer des Glatzer Heeres, Herzog Johann von Münsterberg, und 400 seiner Mitkämpfer. Dessen nunmehr verwaistes Fürstentum verpfändete König Sigismund am 13. August 1429 an Puta d. J. von Častolowitz für seine Verdienste bei der Abwehr der Hussiten. 1431 verlieh er ihm auch das Pfandrecht für das Glatzer Land sowie für Frankenstein. Schon seit 1422 bekleidete Puta d. J., der sich bei der Bekämpfung der Hussiten ausgezeichnet hatte, das Amt des Glatzer Landeshauptmanns; 1426 verlieh ihm König Sigismund das Privileg der Glatzer Münze. Nach Putas Tod 1434 verwaltete seine Witwe Anna von Kolditz zusammen mit dem Glatzer Landeshauptmann Marquard von Mittelwalde die ererbten Besitzungen und verkaufte sie im September 1440 an Hynek Kruschina von Lichtenburg, den sie drei Wochen später ehelichte.
Wenige Wochen nach Hyneks Tod 1454 verkaufte sein Sohn Wilhelm Kruschina – vermutlich aufgrund eines noch von seinem Vater abgeschlossenen Vorvertrages – die ehemals den Herren von Častolowitz in Ostböhmen gehörenden Ländereien sowie die Pfandschaften über Glatz, Münsterberg und Frankenstein an den damaligen Landesverweser und späteren König von Böhmen, Georg von Podiebrad. Da diesem bereits rechtmäßig die benachbarte große Herrschaft Nachod sowie die Herrschaft Hummel gehörten, gelang ihm dadurch die Erweiterung seines Herrschaftsgebiets in Ostböhmen und mit dem Herzogtum Münsterberg, das er 1456 von Ernst von Troppau erwarb, auch die Einflussnahme in Schlesien.
Erhebung zur Grafschaft mini|Wappen der Grafschaft Glatz
Der 1458 von den böhmischen Ständen gewählte utraquistische König Georg von Podiebrad erhob schon 1459 das Glatzer Land zur Grafschaft, um seinen Söhnen eine standesgemäße Herrschaft zu sichern. Die Erhebung wurde im gleichen Jahr durch Kaiser Friedrich III. anerkannt. Gleichzeitig wurde Georgs zweitältester Sohn Viktorin zum Reichsgrafen und ersten Grafen von Glatz ernannt. 1462 dehnte der Kaiser die Standeserhebung auch auf Viktorins Brüder Heinrich d. Ä. und Heinrich d. J. aus. Die Glatzer Stände bekamen durch die Erhebung zur Grafschaft eine gewisse Eigenständigkeit. Sie beanspruchten für die Grafschaft denselben Status, wie ihn Schlesien, Mähren und die Lausitzen als inkorporierte Länder der Krone Böhmen hatten.
Nach König Georgs Tod 1471 erhielt sein Sohn Heinrich d. Ä. die Grafschaft Glatz, das Herzogtum Münsterberg, die Herrschaften Hummel und Nachod sowie weitere ostböhmische Besitzungen. Er residierte mit seiner Gemahlin Ursula von Brandenburg auf der Glatzer Burg, die er zu einem repräsentativen Schloss ausbauen ließ. 1473 kehrte er zum katholischen Glauben zurück. 1477 gliederte er die ebenfalls zum Besitz der Podiebrads gehörende Herrschaft Hummel, die bis dahin noch unmittelbar zum Königgrätzer Kreis gehörte, seiner Grafschaft Glatz ein und vergrößerte sie gleichzeitig um die Kirchspiele Lewin und Tscherbeney sowie die beiden Dörfer Schlaney und Brzesowie. Die erweiterte Herrschaft Hummel wurde jedoch bis zu ihrer Auflösung Ende des 16. Jahrhunderts weiterhin als ein selbständiges Lehen vergeben.
Heinrich d. Ä. folgten seine Söhne Albrecht, Georg und Karl, die zunächst gemeinsam regierten.
Verpfändung der Grafschaft Wegen der hohen Schuldenlast, die Heinrich d. Ä. seinen Söhnen Albrecht, Georg und Karl hinterließ, mussten diese die Grafschaft schon 1501 an ihren späteren Schwager Ulrich von Hardegg verkaufen. Den Titel „Graf von Glatz“, konnten sie an ihre Nachkommen vererben, die 1647 in männlicher Linie ausstarben. Während der Herrschaft des böhmischen Königs Vladislav fand 1512 in Glatz ein Generallandtag statt. Ulrich von Hardegg, der auf dem Glatzer Schloss residierte, verkaufte 1524 die Grafschaft an seinen Bruder Johann von Hardegg, der wegen seines Reichtums „der Prächtige“ genannt wurde.
Nach jahrzehntelangen politischen und religiösen Wirren und einem Erbvertrag von 1515 zwischen den Habsburgern und den Jagiellonen kamen Ungarn und die Krone Böhmen mit ihren Nebenländern 1526 an die Dynastie der Habsburger. Sie waren Landesherren der Grafschaft Glatz in ihrer Eigenschaft als Könige von Böhmen. Ferdinand I. bestätigte den Brüdern Hardegg ihre Privilegien, zu denen auch die Hälfte der Einkünfte aus den Grafschafter Bergwerken gehörte. Da Johann von Hardegg auf der oberösterreichischen Heinrichsburg residierte, setzte er ab 1527 als Verwalter den Glatzer Burgherrn Hans Prag von Wellnitz ein. 1530 berief Ferdinand I. den ersten böhmischen Generallandtag seiner Regierung nach Glatz.
1534 verkaufte Johann von Hardegg die Grafschaft an König Ferdinand I. Da der König die Kaufsumme nicht aufbringen konnte, erfolgte der rechtliche Übergang erst 1537. Noch im selben Jahr ernannte Ferdinand den Hans Prag von Wellnitz zum Glatzer Landeshauptmann und verpfändete die Grafschaft – wohl wegen Geldmangel – an den böhmischen Magnaten Johann von Pernstein. In dessen Besitz blieb sie bis zu seinem Tode 1548.
Wittelsbacher Ära und Ende der Pfandschaft