mini|Traditionelles Gebiet der Innu im Osten Kanadas Die Innu / Ilnu (Eigenbezeichnung: „Mensch“, „Person“) bzw. Innut / Innuat / Ilnuatsh („Volk“), früher meist Montagnais ( für „Bergbewohner“) genannt, sind eine Gruppe der nordamerikanischen Indianer, die zu den First Nations in Kanada zählen und im Osten der Labrador-Halbinsel leben. Vor ungefähr 8000 Jahren zogen sie in dieses Gebiet, das sie Nitassinan („Unser Land“) oder Innu-assi („Innu-Land“) nennen. Heute leben rund 18.000 Innu in elf Siedlungen innerhalb von Reservaten in Québec und Labrador.Ilnu/Innu communities languagegeek.com. Hinweis: Utshimassit/Davis Inlet (Nr. 11) ist eine ehemalige Siedlung, die Bevölkerung wurde im Jahr 2002 nach Natuashish (Nr. 12) umgesiedelt (vgl. Hinweis über der Liste). Um eine Verwechslung mit den zu den Eskimo-Völkern gehörenden Inuit zu vermeiden, wird heute jedoch nur die Singular-Form „Innu / Ilnu“ verwendet und auf die korrekte Pluralform als „Innut / Innuat / Ilnuatsh“ verzichtet.
Die Innu bestehen eigentlich aus zwei regionalen Stammesgruppen, die sich im Dialekt und teilweise auch in ihrer Lebensweise und Kultur unterscheiden: einerseits die Ilnu, auch Westliche Montagnais genannt, im Süden und die weiter nördlich lebenden Innu oder Östlichen Montagnais. Beide Gruppen werden im offiziellen Sprachgebrauch von Indigenous and Northern Affairs Canada immer noch als „Montagnais“ bezeichnet, sie selbst nennen sich Innu bzw. Ilnu. Andererseits gehören die noch weiter nördlich lebenden Naskapi („Volk jenseits des Horizonts“), die sich selbst ebenfalls als Innu bzw. Iyiyiw bezeichnen, dazu.
Früher waren die Innu vorwiegend gebietsgebundene halbnomadische Jäger und Sammler, die in den offenen Flechtenwäldern der borealen Zone Elche, Karibus und Kleinwild jagten. Manche Küsten-Gruppen betrieben auch Feldbau, fischten und ernteten Ahornsirup. Die Naskapi hingegen lebten als Nomaden meist in der lichten Waldtundra von der Jagd auf Elche und in der offenen Tundra auf Karibus; zudem vom Fischfang sowie dem Sammeln von Wurzeln und Wildpflanzen.
Die Innu waren mit den Atikamekw, Maliseet und Algonkin sowie später den Wyandot gegen ihre traditionellen Feinde, die Mi'kmaq und Irokesen verbündet. Immer wieder waren während der Biberkriege (1640–1701) die Irokesen in ihre Gebiete eingefallen und hatten Frauen und Krieger in die Sklaverei entführt. Auch drangen sie in ihre Jagdgründe auf der Suche nach mehr Pelzen ein. Da diese Auseinandersetzungen seitens der Irokesen mit bis dahin nicht gekannter Brutalität geführt wurden, übernahmen nun die Innu ihrerseits auch die Grausamkeit ihrer Feinde. Die Naskapi hingegen lagen häufig im Konflikt mit den südwärts vordringenden Inuit im Osten.
mini|hochkant=1.2|Heutige Innu-Gemeinden in Québec und Labrador; die zwei Gemeinden Natuashish und Kawawachikamach im Norden sind Siedlungen der Naskapi.Auf dieser Karte der Labrador-Halbinsel sind die meisten dieser Siedlungen eingezeichnet, teilweise mit anderem Namen. Klick auf den Ortsnamen führt zu weiteren Informationen.
Sprache Ihre Sprache, das Ilnu-Aimun bzw. Innu-Aimun, gehört zur regionalen Sprachgruppe des „Zentral-Algonkin“Verwandtschaft sowie Ähnlichkeit besteht vermutlich allein auf Grund regionalen Sprachkontakts benachbarter Einzelsprachen der Algonkin-Sprachfamilie und zählt hierbei zum Dialektkontinuum der Cree-Sprachen (Cree–Montagnais–Naskapi). Sie bildet hierbei die östlichsten Cree-Dialekte. Da die heutigen Innu und Naskapi sich als eine Ethnie mit einer gemeinsamen Sprache (unterteilt in mehreren Dialekten) betrachten und die Naskapi ihre Dialekte ebenfalls als Innu-Aimun bezeichnen, wird heute in der Linguistik und Fachliteratur zur besseren Unterscheidung zwischen dem „Montagnais Innu“ der Innu und dem „Naskapi Innu“ der Naskapi unterschieden – als Überbegriff für alle Dialekte des Innu-Aimun ist hingegen die Bezeichnung „Montagnais-Naskapi“ üblich.
Meist werden die einzelnen Cree-Dialekte anhand Lautveränderungen mittels vergleichender Phonetik nach der Realisierung des angenommenen Proto-Algonkin-PhonemsZur Notierung von Phonemen bedient man sich im Allgemeinen der Lautschrift-Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA). Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Vereinfachung: Da Phoneme nicht mit den Lauten identisch, sondern Positionen innerhalb einer Systematik sind, könnte man im Prinzip jedes beliebige Symbol für ein Phonem verwenden. Zur Unterscheidung werden Phoneme durch Schrägstriche und Phone in eckigen Klammern notiert; Beispiel: „/a/“ = das Phonem „a“; „[a]“ = das Phon „a“. *r/*l (je nach Dialekt in: y /j/; ð/th /ð, θ/; r /ɹ/; l /l/; n /n/) sowie der PalatalisierungDurch Palatalisierung ist auch der Unterschied zwischen englisch „chin“ und deutsch „Kinn“ zu erklären. von *k (wenn es einem Vorderzungenvokal voransteht) zu entweder c /ts/ oder č /tʃ/ unterschieden; alle palatalisierten Dialekte werden als „Montagnais-Naskapi“ betrachtet, alle nicht-palatalisierten Dialekte als „Cree“. Jedoch ist dies teilweise irreführend, da nach diesen Kriterien die Dialekte des „East Cree“ (auch: „James Bay Cree“ bzw. „East Main Cree“, palatalisierte y-Dialekte) dem „Montagnais-Naskapi“ bzw. „Innu-Aimun“ zuzurechnen wären. Zur einfachen Unterscheidung zwischen „Cree“ und „Montagnais-Naskapi“ wird daher auf die schriftliche Wiedergabe der einzelnen Dialekte verwiesen: im Gegensatz zu anderen Cree-Sprachen, die die Silbenschrift der Cree nutzen, nutzt das „Montagnais-Naskapi“ das lateinische Alphabet.The Ilnu-aimun or Innu-aimun (Montagnais) languagegeek.com. Zitat: This language is either Ilnu-aimun or Innu-aimun depending on the dialect […] the central Montagnais l-dialects and the eastern Montagnais n-dialects […]Vgl. Innu-Aimun Innu Language Website Obwohl einst das „Naskapi Innu“ ebenfalls die Cree-Silbenschrift nutzte und das Atikamekw (Nehiromowin/Nehirâmowin) das lateinische Alphabet, wird Ersteres nicht zu den „Cree“-Dialekten im engeren Sinne gezählt, wohingegen das „Atikamekw“ zum „Cree“ gezählt wird.
Dabei lassen sich mindestens vier regionale (bzw. sechs) gegenseitig verständliche Dialekte unterscheiden (von Südwest nach Nordost: l, n, y – Dialekte):
I. Westliches bzw. südliches Montagnais (l-Dialekt;in der heute standardisierten Orthographie wird das “l” sowie das “y” nicht geschrieben und durch das “n” ersetzt – obwohl es von den Sprechern als “l” bzw. “y” gesprochen wird auch: Ilnu-Aimun bzw. Nenueun/Neːhlweːuːn) Mashteuiatsh/Lac-Saint-Jean-Dialekt (auch: Nenueun/Neːhlweːuːn oder Piekuakamiu-aimu) (fast †) Essipit/Les Escoumins-Dialekt (auch: Ilnu-Aimun, Leluwewn/Leːluweːw) (†) Pessamit/Betsiamites-Dialekt (auch: Ilnu-Aimun, Leluwewn/Leːluweːw oder Pessamiu-aimu) II. Östliches Montagnais (n-Dialekt, auch: Innu-Aimun) Zentral-Montagnais oder Moisie Montagnais Uashat-Maliotenam/Sept-Iles-Malioténam-Dialekt (auch: Uashat mak Mani-utenam oder Uashau-aimu) Matimekosh/Schefferville-Dialekt Östliches Montagnais oder Lower North Shore Montagnais (auch: Mamiu-aimu oder Mashkuanu-aimu) Ekuanitshit/Mingan-Dialekt (auch: Ekuanitshiu-aimu) Nutashkuanit/Natashquan-Dialekt Unaman-shipit/La Romaine-Dialekt Pakut-shipit/St-Augustine-Dialekt (auch: Pakut-shipiu-aimu) Labrador Montagnais oder North West River Montagnais Tshishe-shastshit/Sheshatshiu-Dialekt III. Naskapi (auch: Innu-Aimun bzw. Iyuw Iyimuun) Westliches Naskapi oder Naskapi (ᓇᔅᑲᐱ) (auch: Iyuw Iyimuun ᐃᔪᐤ ᐃᔨᒧᐅᓐ, als y -Dialekt teilt es sich viele linguistische Eigenschaften mit dem Nördlichen East Cree und nutzt ebenfalls die Silbenschrift der Cree) Kawawachikamach/Fort Chimo (Schefferville)-Dialekt (auch: Puatshishaimu-aimu) Östliches Naskapi (auch: Innu-Aimun, als n-Dialekt steht es den benachbarten Montagnais-Innu-Dialekten näher als dem Westlichen Naskapi, vormals nutzten sie ebenfalls die Cree-Silbenschrift) Natuashish/Davis Inlet-Dialekt (auch: Mushuau-aimun)
Das Innu Aimun wird von über 8000 Menschen, die in vier Reservaten und zehn Dörfern im nordöstlichen Québec und in Labrador leben, gesprochen. Schon 1633 entstand das erste Wörterbuch. Heute sprechen die meisten Innu als Zweitsprache Englisch oder Französisch.
Bei der Kolonisierung durch die Franzosen wurde den Atikamekw die französische Sprache aufgezwungen, während ihre algonkianischen Verwandten, die Innu, die englische Sprache erlernen mussten. Dadurch wurde die Verständigung unter den benachbarten Gruppen im Laufe der Zeit erheblich erschwert.Monika Seiller: Internationale Dekade der indigenen Sprachen (2022–2032). In: Coyote, Indianische Gegenwart, Nr. 34. Jahrgang – 130/131, Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e. V., München, 2022, . S. 60.
Die Sprachbezeichnung Innu Aimun bezeichnet hierbei sowohl die Sprache der Innu (Montagnais) insgesamt, insbesondere die der Östlichen Montagnais (Innu) als auch den Dialekt der Östlichen Naskapi (Mushuau Innu in Natuashish) – jedoch nicht den Dialekt der Westlichen Naskapi.
Laut Zensus des Jahres 2011 sprachen etwa 11.000 Innu noch ihre Muttersprache. Nach dem Zensus von 2001 waren unter diesen Muttersprachlern 5.870 dem Westlichen Montagnais (Ilnu Aimun) zuzuordnen, sowie 2.620 dem Östlichen (Innu Aimun). Die Sprache der Innu ist außer in zwei Siedlungen sowie nahe den Städten immer noch lebhaft, besonders in den Siedlungen nahe Schefferville. Fast alle Innu in Mashteuiatsh sprechen zudem kanadisches Französisch (Mishtikushiu-Aimu genannt). Viele Innu aus Sheshatshiu in Labrador sprechen fließend Canadian English (Akaneshau-Aimun genannt). Schließlich sprechen die Innu in Québec Quebecer Französisch (Kakusseshiu-Aimu genannt).Montagnais, Ethnologue. Languages of the World.
Die Verwendung des Innu-Aimun als Muttersprache der autochthonen Bevölkerung hat in den letzten Jahren wieder zugenommen. Eine bekannte Autorin, die in Innu-Aimun schreibt, ist Joséphine Bacon (* 1947) aus Pessamit.
Geschichte Frühgeschichte Ab Ende 1998 arbeitete die Tshikapisk Foundation zusammen mit dem Arctic Studies Center an der Smithsonian Institution rund anderthalb Jahrzehnte lang an der archäologischen Erschließung der Kamestastin-Region. Unter Leitung von Stephen Loring wurden bis zu 7.200 Jahre alte Artefakte ausgegraben und datiert. An den langjährigen Grabungen nahmen Anthony Jenkinson (Tshikapisk Foundation) und Chelsee Arbour (Memorial University of Newfoundland) teil.
Die meisten der Funde stammen aus dem Umkreis der Jagd auf Karibus, von der die regionale Kultur von Anfang an abhing. Dazu zählen aber auch Steinbeile, so genannte boulder pit cache sites, aber eben auch Jagdwerkzeuge, wie Steinklingen einstiger Speeren (aus der Point Revenge-Periode und aus der Intermediate Period, ca. 500 v. Chr., aber auch solche aus der Zeit um 3000 v. Chr.), Kratzer für die Karibuhaut aus Kamestastin (ca. 3000 v. Chr.), einer der ältesten Fundstätten. Der älteste Fund wurde jedoch am Nordende der Kamestastin Narrows gemacht ((GlCs-1), eine Klinge, die auf 5200 v. Chr. datiert wurde. Sie stammt damit aus der Zeit, als die Gletscher der Letzten Kaltzeit in der Region gerade abgeschmolzen waren. Ab 2002 wurden dort (Stand: 2012) über 200 Fundplätze ausgemacht, die die Landnutzung der Innu detailliert belegen. Zugleich kristallisierte sich der massive Gebrauch von Quarz als „leitmotif“ heraus.Stephen Loring: Kamestastin Archaeology, Labrador, May 2012. In: Arctic Studies Center Newsletter 20 (2013) 42–43, hier: S. 43. Ähnlich alt ist die Fundstätte von Pess, die zum Tshumushumapeu Complex gehört (ca. 5000 v. Chr.), deren Quarzitklingen möglicherweise noch älter sind.