mini|hochkant=1.5|Auswahl verschiedener Pfeilspitzen: 1 u. 2 – Anfängerpfeile aus Holz mit Blechspitze, 3 – Zedernholzschaft mit Feldspitze, 4 – Feldspitze mit „insert“ auf Glasfaserschaft, 5 – Feldspitze auf Aluschaft, 6, 7, 8, 9, 13, 14 – „bullet“-Spitzen, 7 u. 11 – unterschiedliche Scheibenspitzen-„insert“ für Alu-/Carbonpfeilschäfte, 10, 11, 12 – Kegelspitzen-„insert“, 11, 13, 14 – Carbonschäfte mit verschiedenen Durchmessern, 15 – Messingspitze vor Glasfaserschaft, 16 – Ein zerstörter Aluminium-Pfeilschaft nach einem Steintreffer, 17 – eine „blunt“-Spitze
Als Pfeilspitze wird die Spitze verschiedener Pfeil-Arten bezeichnet. Pfeilspitzen haben die Aufgabe, am Zielort eine bestimmte Wirkung hervorzurufen und den Pfeilkörper zur Wiederverwendbarkeit zu schützen.
Pfeilspitzen im 21. Jahrhundert mini|Antike Pfeile mit und ohne WiderhakenPfeilspitzen im 21. Jahrhundert haben im Bogensport hauptsächlich die Funktion, den Pfeil zu schützen und für sichere Treffergebnisse auf den Zielscheiben zu sorgen. Weiterhin gibt es Pfeilspitzen, die zur Bogenjagd genutzt werden. Hierbei gibt es eine große Vielfalt in Ausführung und Form.mini|Pfeilspitzen aus Knochen und Geweih aus dem Nydam-Moor (3.–5. Jh. nach Chr.) Archäologie mini|Blattspitze, Feuerstein (Grand Pressigny), mit Schaftzunge, eingezogene Pfeilbasis (Widerhaken, einer abgebrochen) Als Pfeilspitzen finden sich die Spitzen verschiedener Pfeilmunitions-Arten, namentlich der Bogenpfeile, der Armbrustbolzen, der Armbrustgeschützbolzen, der Katapultbolzen, der Blasrohrpfeile sowie der von Feuerwaffen abgeschossenen flügelstabilisierten Geschosse bezeichnet. Soweit nicht eindeutig entschieden werden kann, wie eine Spitze beschleunigt wurde, wird auch von Projektilspitzen gesprochen.
Die mit Abstand größte Formenvielfalt an Pfeilspitzen findet sich bei Bogenpfeilen, die vom Bogenschützen verwendet werden, bei Armbrusten und Katapulten ist die Vielfalt geringer, da die Bolzen in die Laufrinne dieser Geräte passen müssen, ohne dass der Pfeil/Bolzen auf einer zu dicken Pfeilspitze aufliegt. Am wenigsten Spielraum in der Formgebung lassen dabei Blasrohr- und Feuerwaffenpfeile, deren Spitzen niemals breiter sein können als der rohrartige Lauf, aus dem diese Pfeile verschossen werden.mini|Moderne Jagdpfeile aus Carbonfaser mit feststehenden und mechanischen Jagdspitzen für die moderne Bogenjagd
Funktionen mini|Ein Jagdpfeil aus dem 21. Jahrhundert Bis etwa zur Jahrtausendwende klassifizierten Archäologen und Historiker Pfeilspitzen nach Stilen, die unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Gruppen zugeschrieben wurden. Seitdem zeigte sich bei Analysen verschiedener Kulturen in den unterschiedlichsten Verbreitungsgebieten, dass dabei funktionale Kriterien ignoriert wurden. Universell zeigen Dokumentationen seither, dass die Menschen bei Pfeilspitzen für große Ziele über etwa 40 kg zwischen Jagdspitzen und Kriegsspitzen unterschieden. Kleine Ziele wurden nur bei der Jagd beschossen, zumeist mit Spitzen aus organischem Material.
Bekannt sind vor allem Penetrator-Pfeilspitzen, die in den Körper eines Beutetiers oder Feindes eindringen: Jagdspitzen zum Töten eines Beutetiers oder zum Einschießen von Pfeilgift / Betäubungsmittel, Kriegsspitzen zum Verwunden bzw. Töten eines Feindes oder zum Einschießen von Pfeilgift / Betäubungsmittel.
Ein Indiz, aber kein abschließender Beweis für eine militärische Verwendung sind Widerhaken an der Pfeilspitze, die das Herausziehen des Pfeils erschweren und dabei weitere Verletzungen verursachen können. Vor allem wurde bei Jagdspitzen darauf geachtet, dass sie fest mit dem Schaft verbunden waren, so dass der Pfeil mit der Spitze aus der Beute herausgezogen und wiederverwendet werden konnte. Bei Kriegsspitzen war dies gerade nicht erwünscht, die Spitze sollte sich vom Schaft lösen und in der Wunde verbleiben, so dass auch eine Verletzung in peripheren Körperregionen in der Schwere stieg.Chris Loendorf, Lynn Simon et al.: Warfare and big game hunting: flaked-stone projectile points along the middle Gila River in Arizona. In: Antiquity, Vol 89, Issue 346 (August 2015), S. 940–953, 942–944
Daneben gibt es noch zahlreiche Sonderformen, etwa Falarika / Brandpfeile zum Inbrandsetzen gegnerischer Infrastruktur, pfeifende Pfeile zum Signalisieren an eigene oder feindliche Truppenteile oder kolbenartige Pfeilspitzen (Blunts) zum Erschlagen oder Betäuben kleinster Beutetiere bzw. zum Bewusstlos-Schießen von Feinden.
Einteilung Pfeilspitzen können nach folgenden drei Merkmalen (Material, Schäftung, Aussehen der Spitze) und nach der Funktion klassifiziert und benannt werden.
Material Organisch Holz, Geweih, bzw. Horn, Knochen, Zahnmaterial. Anorganisch Achat, Bergkristall, Feuerstein, Jaspis, Obsidian, Quarzit, verschiedene Metalle, wie Bronze, Eisen bzw. Stahl und Kupfer.
Schäftung Keine Schäftung Material von Spitze und Schaft des Pfeils sind identisch, weil aus einem Stück gefertigt, z. B. Blasrohrpfeile aus gespaltenem Bambus oder Mittelrippen von Palmblättern usw. Alternativ wird die Spitze direkt in einen Spalt des Pfeilschafts eingeklebt oder festgebunden. Die Blasrohrpfeile von Eingeborenen haben in der Regel keine Metallspitzen. Angel oder Erl Am hinteren Ende läuft die Pfeilspitze in einen schmalen, flachen Streifen aus, die Flachangel oder der Flacherl, der in einen in den Pfeilschaft eingesägten Spalt gesteckt und darin festgeklebt und/oder festgebunden wird, z. B. Flachspitzen und viele europäische Feuersteinspitzen. Steckangel, Steckerl oder Spitzerl Am hinteren Ende läuft die Pfeilspitze in einen dünnen, meist konischen viereckigen Stift aus, den Spitzerl, Steckerl oder Steckangel, welcher in den Hohlraum eines Rohrschafts oder ein gebohrtes Loch in einem Holzschaft gesteckt wird, z. B. die meisten asiatischen Pfeilspitzen (Bambuspfeile). Einige moderne Pfeilspitzen haben eine Schraubangel, sie trägt ein Schraubgewinde und wird in den Pfeilschaft, der ein Innengewinde hat, eingeschraubt. Tüllenspitze mini|Eiserne Tüllenspitze, Armbrust Am hinteren Ende läuft die Pfeilspitze in eine konische Tülle aus, welche auf den Pfeilschaft gesteckt (evtl. zusätzlich geklebt) wird. Dies ist nur bei metallenen Pfeilspitzen möglich, z. B. bei mittelalterlichen Pfeilspitzen und Armbrustbolzen sowie römischen Katapultbolzen. Die Tüllen bleiben an einer Seite offen, was ihre Klemmwirkung auf dem Pfeilschaft erst ermöglicht.
Form der Spitze mini|Ungeflügelte Bodkinspitze mit Schafttülle. mini|Zweischneidige Blattspitzen, Bronze, v.l.n.r: 1.–5. mit herabgezogener, 6. mit eingezogener Pfeilbasis (Widerhaken). mini|V. l. n. r: Zwei Querschneider, eine Blattspitze, die restlichen sind bodkinartig. Alle mit Steckangel. mini|Judopoint-Spitze
Ungeflügelte Form Die Spitze läuft nach vorne nadelspitz aus, ihr Querschnitt ist rund, dreieckig, viereckig oder achteckig. Die im Querschnitt runde Form ist heute als „Scheibenspitze“ bei Bogenschützen gebräuchlich, um die Zielscheiben so wenig wie möglich zu beschädigen. Die im Querschnitt drei- oder viereckige Form wird nach dem englischen Wort als Bodkin bezeichnet. Sie durchdringt Bleche, daher wurde sie früher gegen gepanzerte Ziele verwendet. Beispiele dafür sind die mittelalterliche englische Bodkin-Spitze, viele Armbrustbolzen sowie die häufigste Form römischer Katapultpfeile. Blattspitze, geflügelte Form Die bekannteste Pfeilspitzenform, sie läuft nach vorne dreieckig in eine Spitze aus, die messerscharfen Klingen an den Außenseiten werden als Flügel bezeichnet, die Spitze selbst nennt sich Blatt. Sie wurde und wird am meisten als Jagd- und Kriegspfeilspitze verwendet. Ihre Funktion besteht darin, dass die geschliffenen Flügel beim Durchdringen des Beutetiers oder Feindes einen breiten Schusskanal durch den Körper des Opfers schneiden, ähnlich einem Schwertstich, wodurch das Opfer gewöhnlich stirbt. Die geflügelte Pfeilspitze hat meistens nur zwei scharfe Flügel wie eine kleine Speerspitze, daneben gibt es aber auch drei- und vierflügelige Pfeilspitzen, mit 30 % bzw. 50 % größerer Wirkung. Bei den Blattpfeilspitzen können weiterhin noch die drei Arten unterschieden werden, wie die Flügel in die Schäftung übergehen, dieser Übergang wird Pfeilbasis genannt. Enden die Flügel an der Pfeilbasis plötzlich und stehen mit ihrer Hinterkante in einem 90°-Winkel zur Schäftung, spricht man von einer geraden Pfeilbasis. Sind die Enden der Flügel dagegen spitz (Widerhaken), so wird von einer eingezogenen Pfeilbasis gesprochen. Laufen die Flügel nach hinten zur Schäftung allmählich aus, nennt man dies angelegte Flügel oder herabgezogene Pfeilbasis.
Querschneider Eine besondere Form der Blattpfeilspitzen sind die Querschneider, sie haben anstatt einer meist zwei Spitzen und sind in dem Bereich dazwischen geschliffen. Sie haben gewöhnlich ein halbmond- oder Y-förmig gegabeltes Blatt, seltener ist die Schneide gerade, das Blatt beilkopf-förmig. Auch bei Querschneidern kommen drei- und vierflügelige Formen vor, etwa im alten China.
Stumpfe Spitzen Es gibt unterschiedliche Formen von stumpfen Spitzen (blunt). Blunts haben in der Regel einen abgeflachten Kopf, Judopoints zusätzlich seitliche Krallen. Heulspitzen haben normalerweise einen abgerundeten Kopf.
Klassifikation mittelalterlicher Pfeilspitzen
Die Spitzen britischer und nordeuropäischer Machart aus dem Mittelalter werden nach dem Archäologen Oliver Jessop typisiert, der die Typologisierung von John Bryan Ward-Perkins zu arrow heads der Sammlungen des London Museum weiterentwickelte.O. Jessop, University of Durham (PDF-Datei; 2,50 MB)
Oliver Jessop legte 1996 eine neue Pfeilspitzenklassifikation unter dem Veröffentlichungstitel A New Artefact Typology for the Study of Medieval Arrowheads vor, die die als Erstklassifikation konzipierte Typologie, die Ward-Perkins über 50 Jahre zuvor im London Museum Medieval Catalogue Nr. 7 von 1940 veröffentlicht hatte, basierend auf britischen Ausgrabungen und musealen Londoner Exponaten mit zum Teil ungenauen Datierungen und Herkunftsangaben der Fundstücke, ablösen sollte. Ward-Perkins stellte eine Klassifikation von 20 Grundtypen (Type 1 bis Type 20) vor aufgrund der äußeren Erscheinung. Jessops System dagegen basiert auf einer Analyse der Funktion verschiedener Pfeilspitzenarten und gliedert diese in vier Kategorien, denen er 28 Grundformen zuordnet. Richard Wadge bezeichnet die Klassifikation als inzwischen weitgehend akzeptiert.Richard Wadge: Medieval Arrowheads from Oxfordshire. In: Oxoniensia, Oxfordshire Architectural and Historical Society, 2008, S. 1–18.
„Tang“
Der Buchstabe „T“ steht für engl. Tang, hier als Schaft ohne Hohlraum, eine Bezeichnung nach der Bauart. Diese Pfeilspitzen stammen überwiegend aus dem 9. bis 10. Jahrhundert. Charakteristisch ist der durchgehende Schaft oder Stiel, (dt. Pfeilzunge) der im Pfeilschaft selbst befestigt wurde. Diese Pfeilspitzen wurden meist sowohl im Krieg als bei der Jagd verwandt.
Grundformbezeichnungen: T1, T2, T3
Mehrzweckspitzen
MP steht hier für MultiPurpose, eine Bezeichnung nach dem Allzweck. Diese Formen, genutzt vom 11. bis 15. Jahrhundert, wurden auch meist sowohl im Krieg und bei der Jagd verwendet; sie sind charakterisiert durch eine hohle Hülse an der Spitze selbst, die den hölzernen Pfeilschaft aufnehmen konnte, was den Pfeil stabiler und aerodynamischer machte.
Grundformbezeichnungen: MP1, MP2, MP3, MP4, MP5, MP6, MP7, MP8, MP9, MP10
Kriegspfeilspitzen
M steht für Military.
Diese Formen, genutzt vom 10. bis 15. Jahrhundert, sind kompakt, scheinen überwiegend zu Kriegszwecken verwendet worden zu sein und sind ebenfalls charakterisiert durch eine Hülse für den Pfeilschaft. Die Formen M5 bis M10 sind so gestaltet, dass sie besonders gut Schutzausrüstung durchschlagen.
Grundformbezeichnungen: M1, M2, M3, M4, M5, M6, M7, M8, M9, M10
Jagdpfeilspitzen