mini|Titelblatt der Erstausgabe, Band 2: „Die Sagen Troja’s“ (1839) mini|Die drei Bände der Erstausgabe 1838–1840 (Einband wohl Mitte 19. Jahrhundert) Die schönsten Sagen des klassischen Altertums sind eine Sammlung antiker Mythen, die der deutsche Schriftsteller Gustav Schwab in den Jahren 1838 bis 1840 in drei Bänden herausgab. Schwabs Ziel war die Nacherzählung „der schönsten und bedeutungsvollsten Sagen des klassischen Altertums“ in schlichter Prosa, die dem Wortlaut der antiken Schriftsteller (besonders der Dichter) möglichst nahekommen sollte.Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern. Erster Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1838, S. VI–VII. Sein Zielpublikum waren „Kinder und Frauen“, die ohne Kenntnis der alten Sprachen die antike Sagenwelt kennenlernen wollten.Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern. Erster Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1838, S. VI; Dritter Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1840, S. V. Die Sammlung gilt als Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist im deutschsprachigen Raum das bekannteste und am weitesten verbreitete Werk dieser Art und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Joachim Kaiser nahm sie als das „bis heute … einzige deutschsprachige Standardwerk zur griechischen Mythologie“ in Das Buch der 1000 Bücher auf.

Entstehungsgeschichte Die Sammlung und Veröffentlichung der schönsten Sagen des klassischen Altertums ging auf eine Anregung des Stuttgarter Verlegers Samuel Gottlieb Liesching (1786–1864) zurück, in dessen Auftrag Schwab bereits ab 1834 das Buch der schönsten Geschichten und Sagen (erschienen 1835/36, auch bekannt als Deutsche Volksbücher) verfasst hatte. Neben seinen schriftstellerischen Erfahrungen hatte Schwab auch eine umfassende Kenntnis der antiken Literatur, da er von Dezember 1817 bis Sommer 1837 als Professor der alten Sprachen am Stuttgarter Gymnasium unterrichtete und seit 1826 zusammen mit Christian Nathanael Osiander und Gottlieb Lukas Friedrich Tafel Übersetzungen griechischer und römischer Dichter und Prosaiker im Metzler-Verlag herausgab. Darüber hinaus hatte Schwab 1835 in Viktor August Jägers Bibliothek für die weibliche Jugend zwei Bände verfasst, in denen er die Dichter des alten Griechenlands mit literarischen und biografischen Einleitungen in Auszügen vorstellte. Einige dieser Auszüge, die zeitgenössischen Übertragungen ins Deutsche entnommen waren, übernahm Schwab fast wörtlich in seine Sagen des klassischen Altertums.

mini|Im Schloss Gomaringen, von 1813 bis 1993 Pfarrhaus der Gemeinde, lebte Gustav Schwab von 1837 bis 1841 Aus den Briefen von Schwabs Tochter Sophie (1819–1888) an ihren damaligen Verlobten Karl August Klüpfel (1810–1894) sind einige Einzelheiten zur Entstehung der Sagen des klassischen Altertums bekannt. Schwab begann im Winter 1836/37 (noch in Stuttgart) mit der Niederschrift des Manuskripts, das er seiner Ehefrau Sophie geb. Gmelin (1795–1865) diktierte. Obwohl er seine Kinder mit dieser Arbeit überraschen wollte, erfuhr seine Tochter Sophie bald davon und beteiligte sich an der Schreibarbeit. Der zweite Teil entstand nach dem Umzug der Familie in die Gemeinde Gomaringen, wo Schwab ab Herbst 1837 als Pfarrer wirkte. Für die Recherchen unternahm er gelegentliche Fußreisen nach Tübingen, um die dortige Universitätsbibliothek zu benutzen.

Schwabs Briefwechsel mit seinen Verlegern informiert vor allem nach dem Umzug von Stuttgart nach Gomaringen über die Werkentstehung, weil die Briefe erst durch die räumliche Entfernung des Autors in Gomaringen vom Verleger in Stuttgart inhaltsreicher und häufiger wurden. Nach diesen Briefen verfasste Schwab den zweiten und dritten Teil im Winter 1837/38 beziehungsweise 1838/39 und reichte die Manuskripte am 20. Mai 1838 beziehungsweise 26. März 1839 ein. Für jeden Band erhielt er ein Honorar in Höhe von 550 Gulden, was beinahe der Hälfte seines vorigen Jahresgehalts als Lehrer (1200 Gulden) entsprach.

Aussagen des Autors zu Inhalt, Darstellungsweise und Quellen Im Vorwort zum ersten Teil (September 1837) beschrieb Schwab eingehend Zweck und Abfassungsprinzipien seiner Sagensammlung. Er wollte für die Jugend, die „im Beginn ihrer klassischen Bildung“ steht, „die schönsten und bedeutungsvollsten Sagen des klassischen Altertums“ mit den Worten der „alten Schriftsteller und vorzugsweise [der] Dichter einfach und vom Glanze künstlerischer Darstellung entkleidet, doch, wo immer möglich, mit ihren eigenen Worten nacherzählen“.Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern. Erster Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1838, S. VI–VII. Gleichzeitig wollte er es vermeiden, seinen Lesern irgendwelche über den ästhetischen Genuss hinausgehenden historischen, geografischen oder naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu vermitteln oder die Mythen „gar zum Vehikel eines moralischen Lehrkurses [zu] gebrauchen“. Der moralische Gehalt der Mythen solle aus der Erzählung selbst hervorgehen und ihre „Unzulänglichkeit gegenüber der Offenbarung des Christentums“ allenfalls von einer Erziehungsperson erläutert werden.Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern. Erster Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1838, S. VII.

Schwab gab zugleich an, dass er „alles Anstößige“ bei der Nacherzählung entfernt habe „und deswegen unbedenklich alle diejenigen Sagen ausgeschlossen, in welchen unmenschliche Greuel erzählt werden, die nur eine symbolische Erklärung gewissermaßen entschuldigt, die aber als Geschichte dargestellt — als welche der Jugend diese Sagen doch gelten müssen — nur einen empörenden Eindruck auf sie machen könnten. Wo aber unsern höheren Begriffen von Sittlichkeit widerstrebende oder auch schon im Alterthum als unsittlich und widernatürlich anerkannte Verhältnisse (wie in der Ödipussage) in einer ihrer Totalrichtung nach hochsittlichen Mythe nicht verschwiegen werden konnten, glaubt solche der Bearbeiter dieser Sagen auf eine Weise angedeutet zu haben, welche die Jugend weder zum Ausspinnen unedler Bilder noch zum Grübeln der Neugier veranlasst.“Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern. Erster Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1838, S. VII–VIII.

Im Vorwort zum zweiten und dritten Band äußerte sich Schwab ausführlicher zu den Auswahlprinzipien und Quellen der Nacherzählung. Für den Trojanischen Krieg, der den gesamten zweiten Band umfasst, verwendete Schwab hauptsächlich die spätantiken Troja-Erzählungen von Dictys Cretensis und Dares Phrygius, Homers Ilias und Quintus von Smyrnas Posthomerica (zuzüglich weiterer Prätexte von Sophokles, Euripides, Pindar, Horaz und Vergil). Für die Erzählungen der letzten Atriden, der Irrfahrten und Heimkehr des Odysseus sowie der Aeneas-Sage bezog sich Schwab auf die attischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides, auf Homers Odyssee und auf Vergils Aeneis (die er stark kürzte).Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Nach seinen Dichtern und Erzählern. Zweiter Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1839, S. VII–X. Dritter Theil, Stuttgart: S. G. Liesching 1840, S. V–VII.

Ausgaben mini|Titelbild des ersten Bandes (1838): Perseus rettet Andromeda vor dem Meerungeheuer. Stich nach Paolo Veronese Die drei Bände der Erstausgabe erschienen 1838, 1839 und 1840 im Verlag S. G. Liesching sowohl in gebundener Fassung als auch in Broschur. Sie waren in Fraktur gesetzt und enthielten nur wenige Illustrationen (jeweils ein Titelbild in Steindruck).

Als die erste Auflage vergriffen war, bereitete Schwab Anfang 1845 die zweite (verbesserte) Auflage vor, die 1846 erschien. Den Aufstieg des Werkes zu einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur erlebte Schwab nicht mehr, da er 1850 nach kurzem Leiden starb.

Die dritte Auflage erschien 1854 bei Liesching. Kurz darauf verkaufte der Verlag das Werk an den Bertelsmann-Verlag in Gütersloh, wo Die schönsten Sagen des klassischen Altertums Dutzende Neuauflagen erfuhren. Die vierte Auflage erschien 1858 mit dem Erscheinungsort Stuttgart. Ab der fünften Auflage (1862) war der Erscheinungsort Gütersloh. Die sechste bis zehnte Auflage erschienen von 1866, 1868, 1870, 1873 und 1874.

mini|Einband der 14. Auflage (1882) Der Inhalt der Sammlung war in den ersten zehn Auflagen gleich geblieben und wurde auch in den folgenden Auflagen nur geringfügig geändert. Der Gymnasiallehrer Gotthold Klee (1850–1916) zeichnete ab der elften Auflage (1877) als Herausgeber verantwortlich. Erstmals in der 14. Auflage (1882) setzte Klee weitgehende Änderungen des Werkes um: Er vereinheitlichte die Rechtschreibung und die Schreibweise von Personen- und Ortsnamen, die in früheren Auflagen willkürlich in lateinischer, griechischer oder eingedeutschter Form geschrieben waren. Klee setzte die damals im deutschsprachigen Raum übliche, dem Griechischen angepasste Schreibweise der Eigennamen durch, beispielsweise „Aineias“ statt „Aeneas“, „Herakles“ statt „Herkules“, „Zeus“ statt „Jupiter“ und „Theben“ statt „Thebe“. Darüber hinaus ergänzte Klee die Nacherzählung um eigene Zusätze: mehrere Illustrationen (Lithographien nach Gemälden) zusätzliche Kapitel, die aus Ovids Metamorphosen stammten: Prokne und Philomela, Prokris und Kephalos, Aiakos, Philemon und Baucis, Arachne, Midas, Hyakinthos, Atalante, Zethos und Amphion, die Dioskuren, Melampus, Orpheus und Eurydike, Keyx und Alkyone ein Register der Eigennamen ein kurzer Anhang zur Griechischen Götterlehre Außerdem wies Klee verstärkt in Fußnoten auf Zusammenhänge oder abweichende Varianten der Mythen hin.

mini|Titelbild von Oscar Woite zur Ausgabe von Bertram Grimm (1883) Bereits im 19. Jahrhundert erschienen in anderen Verlagen gekürzte und vollständige Lizenzausgaben der Sammlung. Beispielsweise veröffentlichte der Berliner Volksschullehrer Fritz Werdermann unter dem Pseudonym „Bertram Grimm“ 1883 eine zweibändige Ausgabe der Sagen im Berliner Verlag C. J. Leo. Werdermann entfernte einige (nach seiner Einschätzung anstößige) Kapitel und ergänzte andere. Zum „Nutzen (s)einer jungen Leser“ fügte er den Kapiteln Quellenangaben hinzu, die allerdings nicht immer zutrafen. Obwohl Werdermanns Ausgabe nicht die einzige Bearbeitung blieb, erlebte sie bis 1910 zehn Auflagen.

Vollständige Ausgaben erschienen weiterhin im Bertelsmann Verlag (33. Auflage 1909) und in weiteren Verlagen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beauftragte der Leipziger Insel Verlag den jungen Germanisten Ernst Beutler (1885–1960) mit einer Neuausgabe, die als „genauer und möglichst unveränderter Abdruck der Ausgabe letzter Hand“ (1846) die Sagen des klassischen Altertums ohne spätere Zusätze präsentierte. Die zwei Textbände schloss Beutler mit einem Nachwort ab, in dem er Schwabs Leben und Schaffen kurz umriss, die Bedeutung und Qualität seiner Sagen des klassischen Altertums hervorhob und Schwabs Umgang mit seinen griechischen und lateinischen Quellen an einigen Beispielen andeutete. Im folgenden Jahr (1910) erschien zur Ergänzung der Band John Flaxman’s Zeichnungen zu Sagen des klassischen Altertums, der die Zeichnungen erstmals in originalgetreuer Darstellung (ohne zusätzliche Kontrastwirkungen, Schattierungen oder Einfärbungen) darstellte. Die Ausgabe im Insel Verlag wurde mehrmals erneut aufgelegt (Auflagenhöhe 1937: 32.000 Exemplare) und bildete nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage mehrerer Neuausgaben, von denen einige Beutlers Nachwort ohne Verfasserangabe übernahmen oder unter ihrem eigenen Namen veröffentlichten.So beispielsweise Manfred Lemmer in der 3-bändigen Taschenbuchausgabe im Insel-Verlag Frankfurt am Main 1975 (insel taschenbuch 127).