mini|Post Internet Art – eine der aktuellsten Strömungen der Netzkunst

Netzkunst ist ein Sammelbegriff für künstlerische Arbeit in Netzen oder Netzwerken. Darunter fallen als Kunstwerk definierte soziale Netze, die künstlerische Nutzung analoger Netze wie ursprünglich bei Mail Art, sowie künstlerische Arbeiten, die digitale Netzdienste wie das World Wide Web oder andere Kommunikationsnetze wie Mobilfunk benutzen.

Begriffsumfeld Internet Art ist im anglo-amerikanischen Sprachraum ein selbstverständlich verwendeter Begriff Ungefähr ab 1982 wird die globale Vernetzung von Rechnernetzen zunehmend als Internet bezeichnet. Die wörtliche Übersetzung „Internetkunst“ wird im Deutschen oft vereinfachend als „Kunst, die im World Wide Web zu sehen ist“ verstanden. Die deutsche Fachliteratur bevorzugt die Bezeichnung Netzkunst (Vergleiche Literaturliste). Netart als Begriff im Deutschen verwendet, meint meist Netzkunst als künstlerische Arbeit mit digitalen Netzen und Internetdiensten wie dem World Wide Web. Unter Künstlern gilt der Begriff als Kürzel für internationale Netzkunst. net.art, in dieser Schreibweise, ist eine Art Markenzeichen einer bestimmten Gruppe von Künstlern, die Webseiten und Internet seit 1994 als künstlerisches Material und Werkzeug einsetzen. Als Gruppenmitglieder werden üblicherweise genannt: Vuk Ćosić, Joan Heemskerk und Dirk Paesmans (Jodi.org), Alexei Shulgin, Olia Lialina, Heath Bunting. Die Gruppe wurde von Tilman Baumgärtel, Josephine Bosma, Hans Dieter Huber und Pit Schultz beschrieben, teils als Parodie einer Avantgardebewegung. Post Internet Art hat ähnlich wie die Internet Art ihre Wurzeln in Dada, Fluxus und der Erforschung der Netzkultur im Allgemeinen. Im Gegensatz zur Internet Art ist die Post Internet Art in der Telematik weniger stark beeinflusst. Sie versucht sich nicht mehr, im Netz Kunst zu produzieren. Im Mai 2015 veröffentlichte eine Gruppe in Berlin lebender Künstler ein eigenes „Post Internet Art-Manifest“.

Definitionen Netz oder Netzwerk Netz und Netzwerk werden im Deutschen unterschieden. Der Begriff Netz tendiert wie bei Stromnetz oder Telefonnetz dazu, einen technischen Aspekt zu beschreiben. Netzwerk ist der deutsche Begriff für „netzartiges Gefüge“ (s. Wahrig 1968). Allerdings wird oft fälschlich der englische Begriff network übernommen wo Netz die bessere Übersetzung ist.

Im übertragenen Sinne „netzartige Gefüge“ oder Netzwerke sind beispielsweise Soziale Gefüge, Beziehungsgefüge und Psychologische Zusammenhänge mit vielen Variablen, oder das Denken selbst. Solche Gefüge oder Netzwerke verändern und reproduzieren sich unter günstigen Bedingungen nach eigenen Regeln, die kaum linear, eher chaostheoretisch fassbar sind. Netzwerk kann daher in sozialwissenschaftlichen Texten, ebenso wie bei Kunst mit Netzwerken, der treffende Begriff sein.

Obwohl es in allen Fällen um Vernetzung geht, kann es für das medientheoretische Verständnis unverzichtbar sein, zwischen Kunst im Netz und Kunst mit Netzwerken zu unterscheiden. Wo sich komplexe Beziehungen zwischen Gegenständen und Menschen gleichzeitig als bewegliches, drei- und mehrdimensionales Netz, oder als soziales Netzwerk beschreiben lassen, das technische Hilfsmittel einsetzt, ergänzen sich diese verschiedenen Betrachtungsweisen.

Da beide Blickwinkel zudem in Beziehung zu theoretischen Netzwerk- und Netzbegriffen gesetzt werden, öffnet sich ein weites Feld, in dem kreative Varianten künstlerischer Arbeit durch sprachliche und theoretische Missverständnisse begünstigt werden. Die Inflation der Begriffe „Netz“ und „Netzwerk“ legt nahe, zu prüfen, ob abgeleitete Ausdrücke sinnvoll sind:

Netzparadigma meint bei „Kunst im Netz“ ein Vorstellungsmuster, wie das Netz technisch oder organisatorisch beschaffen ist oder sein könnte, um damit Netzkunst herstellen zu können. Der vermeintlich ähnliche Begriff Netzwerkparadigma bei „Kunst mit Netzwerken“ ist sinnvoll anwendbar nur mit durchdachtem medientheoretischen Hintergrund (wie z. B. in Manuel Castells Das Informationszeitalter).

Kunst im Netz und Kunst mit Netzwerken Kunst im Netz als Mediale Digitale Kunst, benötigt Rechnernetze oder Internetdienste wie Mailboxen oder Webseiten als unverzichtbare Mittel der Interaktion und der Bild-, Klang- und Texterzeugung. Dabei ist nicht entscheidend, ob die Kunst durch eine oder mehrere Personen entsteht, sondern dass wesentliche Aspekte und Aussagen der Werke nur in Verbindung mit einem Rechnernetz erfahrbar sind. Gegenwärtig üblich ist die Anordnung Computer – Tastatur – Bildschirm/Projektor – Internetanbindung – Peer/Server oder ähnlich. Andere Anordnungen sind denkbar oder werden praktiziert, z. B. können Mobilfunknetze für mediale Handykunst genutzt werden. Kunst im Netz als kollektiv-virtuelles Kunstschaffen betreiben telekommunikativ vernetzte Teilnehmer, die gemeinsam an einem visuellen oder auditiven Werk arbeiten. Ihre Netztechnik kann analog oder digital sein. Die Teilnehmer bringen ihre Beiträge meist bewusst ein, können in digitalen Netzwerken jedoch freiwillig oder unfreiwillig durch Programme abgeschöpft werden. Viele Netzkünstler haben Interaktivität in ihren Projekten zur Bedingung gemacht. Bei zusätzlichem Einsatz von Datenbanken und Logdateien lassen sich beliebige Zustände eines Gesamtergebnisses verfolgen, das durch die aktiven Besucher der jeweiligen Projektseite ständig veränderbar bleibt. Das Angebot, Texte beizusteuern, muss gewöhnlich gegen Missbrauch durch Spamming gesichert werden. Kunst mit Netzwerken verändert oder erschafft Netzwerke. Ob sie technische Kommunikationsnetze oder andere Kommunikationsnetze als Mittel zum Zweck einsetzt, muss dabei nicht entscheidend sein. So gründete Joseph Beuys Organisationen, die als konzeptuelle künstlerische Arbeiten entstanden und zu langlebigen sozialen Netzwerken aus Ideen, Kommunikation und Arbeitszusammenhängen wurden. Nach diesem Kunstverständnis sind die Beiträge von Tim Berners-Lee zur Entstehung des World Wide Web sowohl intelligent angewandte Netz-Wissenschaft als auch global folgenreiche künstlerische Eingriffe eines kreativen Netzwerkers, der ein bestehendes Netz visuell entscheidend erweiterte. Außer einzeln oder gemeinsam auftretenden Netzwerk-Künstlern, siehe etoy, gibt es demnach Netzwerker, die von sich weisen, künstlerisch zu handeln, selbst aber bedeutende Netzwerke schaffen.

Netzkunst ist manchmal gleichzeitig an Netze und Netzwerke gebunden: Mail Art entstand durch künstlerische Initiativen in einem kreativen Prozess auf Grundlage technische Netze von Post- und Telekommunikationsdienste und bestehender gesellschaftlicher Netzwerke als soziales, kommunikatives und künstlerisches Netzwerk und entwickelte sich nach eigenen, teils sogar selbst ausformulierten Gesetzen weiter. Wenn Teilnehmer telematischer Netze durch ständige kommunikative Prozesse Netzwerke kreieren und weiter verändern, beispielsweise eine „Online-Community“ können sie damit zu Netzwerkern werden.

Kunst auf dem Netz dagegen ist keine Netzkunst. Sie nutzt das Netz (Internet) wie beliebige andere Medien. Dazu zählen Projekte und Werke analoger oder digitaler Kunst, die auf Webseiten vorgestellt werden, im Prinzip jedoch ohne das WWW möglich wären. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit Netz oder Netzwerk findet dabei nicht oder nur in oberflächlicher Weise statt. Netzkunst liegt nicht vor bei: Angewandter Kunst mit Webseiten; Abbildungen von Kunstwerken auf Webseiten; Verwendung des Begriffs ‚Netzkunst‘ oder ‚Netart‘ aus Statusgründen. Ebenso sind Netzwerkbeziehungen zwischen Künstlern nicht automatisch Netzkunst: Sie müssen als Kunstwerk angelegt werden, um mehr zu sein als Vermarktungsvehikel, Vorteilstauschbörsen oder Adressvernetzung.

Analog und digital Geschieht die künstlerische Arbeit oder der künstlerische Prozess in Auseinandersetzung mit digitalen Netzen und einem entsprechenden Netzparadigma, so handelt es sich um ‚Digitale Netzkunst‘ im engeren Sinne.

Dagegen ist Netzkunst mit Netzwerken nicht immer digital. Sie kann ebenso auf analoge soziale oder abstrakte Grundlagen bezogen geschaffen werden, selbst wenn digitale Medien dabei als Werkzeuge verwendet werden. Derartige Netzkunst ist bereits durch teilnehmende Interaktion in analogen telematischen Netzen erfahrbar.

Für die Digitale Netzkunst benötigt der Teilnehmer oder Netzwerker jedoch Geräte, Displays, Webseiten und andere technische Mittel. Viele Erscheinungen, die erst mit dem Webseiten-Internet (WWW – World Wide Web) bekannt wurdenNationalbibliothek: Web 2.0 Identity – Internet und Kunst. Ralph Ueltzhoeffer, Marion Seifert, Verlag: GAK Media Berlin., sind jedoch in analogen telematischen Netzen bereits zu beobachten. In einem einfachen Netz von Teilnehmern, die sich Postkarten senden, kann durchaus Virtualität entstehen, beispielsweise indem künstliche Personen imaginiert werden, die Persönlichkeit entwickeln und vergleichbar einem Avatar auf die Kommunikation zurückwirken.

Marshall McLuhans Satz „The Medium is the Message“ ist für Netzkunst und ihre Interpretation bedeutend. Sogar wenn ein Netzwerk scheinbar unabhängig von der Art der eingesetzten technischen Netze und Medientechnologien funktioniert, sind Form und Inhalt jeder Mitteilung und Darstellung von den technischen Grundlagen des Mediums beeinflusst und verändern dadurch die Wirklichkeit. Wie der Übergang vom Buchdruck zu elektronischen Netzen wirkt der Übergang von analoger zu digitaler Informationsverarbeitung gesellschaftsverändernd, denn digitale Technik beruht auf einem technologieabhängigen Verschlüsselungs- und Entschlüsselungsvorgang, dessen Beherrschung eine Wissensgesellschaft voraussetzt und weitreichende gesellschaftliche Folgen hat.

Formen von Netzkunst mini|RE: The E-Mail Art & Internet-Art Manifesto – von Guy Bleus und 34 Netzkünstler, 1997

Mail Art oder Postkunst benutzt alle verfügbaren Netze für ihr Netzwerk. Das in den 1960er Jahren entstandene, weltweit zugängliche Postsystem, in dem fast alle Einrichtungen der Telekommunikation als öffentliche Dienste integriert waren, wurde in ursprünglich gesellschaftsverändernder Absicht einerseits zum künstlerischen Gegenstand, andererseits zum Mittel für künstlerische Prozesse in darauf aufbauenden Netzwerken, die Netzwerk-Kunst vielfältiger Art hervorbrachten. So gab es schon früh selbsternannte Mail Art Postboten und -Kuriere, als eine Art Mail Art Performer, die Postkunst auslieferten. Heute gibt es Mail Art z. B. auch als E-Mail Art. Als anspruchsvolle Parallele oder Sonderform gilt Correspondence Art (Kunst der Korrespondenz). Korrespondenz bezieht sich dabei gleichzeitig, im Sinne von Pop Art, trivial auf die gegenständliche Korrespondenz aber im Sinne des verborgenen Themas der „New York School of Correspondance“ Ray Johnsons, auch auf theoretische oder spirituelle (Nicht-)Korrespondenz. Web Art ist Digitale Netzkunst, die als künstlerische Arbeit mit Webseiten über deren reine Gestaltung hinausweist, beispielsweise indem sie die Bedingungen für Wahrnehmung und Manipulation im Internet künstlerisch thematisiert. Web Art hat immer mit Digitaler Netzkunst zu tun, aber nur von Fall zu Fall mit künstlerischen Netzwerken. Sie nutzt mit dem Webbrowser das gleiche Interface wie kommerzielles Webdesign. Webcomics sind Comics, die vorrangig oder ausschließlich über das Internet publiziert werden. Davon zu unterscheiden sind Comics, die für den Druck produziert und nebenbei im Internet veröffentlicht werden. Die Übergänge können fließend sein.

Gesellschaftsveränderung