European Nuclear Disarmament (END) war eine europaweite Kampagne der Friedensbewegung, die sich mit den Folgen des Kalten Kriegs auseinandersetzte. Beim „END-Appell“ (Aufruf für ein atomwaffenfreies Europa) handelt es sich um einen weltweit rezipierten Aufruf der Friedensbewegung der 1980er Jahre. In seinem Gefolge fanden elf Kongresse, die sogenannten END-Conventions, statt.

Der END-Appell Das Ende der Aufrüstung und das Überwinden der Militärblöcke zu fordern, war zur Zeit der Entstehung des Appells noch Utopie. Kaum ein Jahrzehnt später war die Forderung Realität geworden. Auf Basis des von Großbritannien ausgehenden Appells fanden zwischen 1982 und 1992 jährlich internationale Friedenskonferenzen, die „END Conventions“, statt. Sie wurden zum weltweit wichtigsten Treffpunkt für Friedensorganisationen, -initiativen und -bewegungen und für alle politische Parteien, die die Friedensbewegung unterstützten.

Wortlaut

Geschichte Die ersten Schritte An der Wiege des END-Appells standen die 1963 gegründete Bertrand Russell Peace Foundation (BRPF) und ihr Vorstandsmitglied Ken Coates. Er schreibt, die Idee, eine europäische Friedensbewegung zusammenzubringen, sei 1974 in Bradford bei einem Seminar der BRPF zum Thema „The Just Society“ („Die gerechte Gesellschaft“) aufgetaucht. Neben Labour-Abgeordneten und anderen sozialdemokratischen Vertretern waren auch Lucio Lombardo Radice vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Italiens PCI, Eduard Goldstücker (Vorsitzender des CSSR-Schriftstellerverbands während des „Prager Frühlings“) und Jaurès Medwedew aus der UdSSR anwesend. András Hegedüs, Soziologe und ehemaliger Premierminister aus Ungarn, sandte ein Papier.

Der NATO-Beschluss vom 12. Dezember 1979, Pershing-II-Raketen und Cruise-Missiles in fünf europäischen Ländern aufzustellen, führte zum öffentlichen Protest des renommierten Sozialhistorikers Edward P. Thompson (1924–1993). Ende 1979 schrieb er einen Brief an den linken Labour-Abgeordneten Tony Benn, den er 1974 in Bradford kennen gelernt hatte, um ihn um Hilfe bei der Organisierung von zivilem Ungehorsam gegen die geplanten Atombasen zu bitten, und sandte eine Kopie davon an Ken Coates. Dieser rief Thompson daraufhin an und schlug vor, statt einer rein nationalen Antwort eine europäische Antwort zu entwickeln, am besten mit der Forderung nach der Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in ganz Europa. Thompson bereitete daraufhin einen Entwurf für einen solchen Appell vor. Noch während des redaktionellen Arbeitsprozesses am Text trafen sich die Unterstützer erstmals in London.

Der Appell stammte mehrheitlich von Personen, die dem Umfeld der Labour Party angehörten (Kaldor und Smith berieten die LP in Verteidigungsfragen). Ratschläge kamen auch von dem Politologen und Friedensforscher Ulrich Albrecht (Freie Universität Berlin), von dem ehemaligen „Résistance“-Mitglied Claude Bourdet (Mouvement pour le Désarmement, la Paix et la Liberté, Paris) und von dem in England lebenden Physiker Jaurès Medwedew, dessen Bruder, der Historiker Roy Medwedew, damals der linken Opposition in der UdSSR angehörte. Zum engeren Kreis der Initiatoren stieß auch Peggy Duff, eine Aktivistin der Ostermärsche, die von 1958 bis 1967 Generalsekretärin der CND (Campaign for Nuclear Disarmament), der größten britischen Friedensorganisation, gewesen war. Sie hatte 1963 die „International Confederation for Disarmament and Peace“ (ICDP) gegründet, deren internationale Kontakte sie beim Verbreiten des END-Appells einbrachte.

Den in die endgültige Form gebrachten Appell schickte die Bertrand Russell Peace Foundation 1980 an ihre Kontaktpersonen in ganz Europa, wo er zum Teil auch unter der Bezeichnung „Russell-Appell“ bekannt wurde. Der Appell wurde samt einer Liste der internationalen Unterzeichner offiziell bei einer Pressekonferenz am 28. April 1980 im House of Commons in London vorgestellt, bei der Ken Coates, Mary Kaldor, Bruce Kent, Jaurès Medwedew und Edward Thompson sprachen. Ähnliche Pressekonferenzen fanden in Paris, Oslo und Berlin statt. Bald danach stellte Thompson seine gemeinsam mit Dan Smith verfasste Broschüre „Protest and Survive“ vor, in der der END-Appell abgedruckt war und die ein wichtiger Beitrag zum Wiedererstarken der britischen Friedensbewegung werden sollte.

Das Sammeln von Unterschriften unter den END-Appell sollte europaweit zunächst bis zum 6. August 1980 (dem 35. Jahrestag des Abwurfs der Hiroshima-Bombe) dauern, wurde dann jedoch fortgesetzt. Unter den britischen Unterstützern fanden sich bald über 70 Parlamentsabgeordnete (vor allem der Labour Party), Vertreter christlicher Kirchen, Friedensaktivisten, Gewerkschaftsangehörige, Wissenschafter und Tausende andere: „Docker, Kohlenarbeiter, Studenten, Hausfrauen, Busfahrer und Computerprogrammierer schickten die vorgedruckten Appelle zurück, oft mit selbstgefertigten, vollen Unterschriftenlisten dabei“. Die damals von dem linken Parteivorsitzenden Michael Foot geführte Labour Party beschloss auf ihrem Parteitag 1980, der vom 29. September bis 3. Oktober 1980 in Blackpool stattfand, eine Resolution, in der es hieß: „Der Parteitag sagt seine Unterstützung für die European Nuclear Disarmament Kampagne zu und ruft die nächste Labour-Regierung auf, die nötigen Initiativen zur Errichtung einer europäischen atomwaffenfreien Zone als einen bedeutenden Schritt in Richtung weltweiter Abrüstung zu ergreifen“.

END hatte nicht die Absicht, sich als Massenorganisation mit Mitgliedschaft als „Konkurrenz“ zu der schon seit 1958 bestehenden „Kampagne für Nukleare Abrüstung“ (CND) zu etablieren, sondern für CND eine „europäische Perspektive“ anzubieten. Es entstanden dennoch lokale END-Gruppen, etwa in West Yorkshire. Die Bertrand Russell Peace Foundation gab im Frühjahr 1980 die erste Nummer der Zeitschrift „END Bulletin“ heraus, von der bis Frühjahr 1983 insgesamt 12 Ausgaben erschienen. Ab Dezember 1982 übernahm Mary Kaldor die Herausgabe des „END Journal“, von dem bis Frühjahr 1989 insgesamt 37 Ausgaben erschienen.

Mitte der 1980er-Jahre gab sich die britische END eine eigene Organisationsstruktur mit Mitgliedschaft, konzentrierte sich jedoch (als Ergänzung zu CND) vorwiegend auf den Kontakt zu Friedensgruppen in den Staaten des Warschauer Pakts. 1992 ging END in der neuen Organisation „European Dialogue“ auf.

Europaweite Unterstützung In Westdeutschland unterzeichneten in dieser Zeit Millionen Menschen auch den Krefelder Appell gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstrecken-Atomwaffen in Europa. 1981 rief die Friedensbewegung Hunderttausende Menschen zu Großdemonstrationen nach Bonn und Brüssel.

Den END-Appell unterstützten Eurokommunisten aus Italien (z. B. Romano Ledda und Lucio Lombardo Radice vom ZK der PCI, Spanien (z. B. Manuel Azcárate, ehemaliges ZK-Mitglied der PCE) und Griechenland (von der „Inlands-KP“), noch aktive und ehemalige einflussreiche Politiker sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien (z. B. die Ex-Minister Albert de Smaele/Belgien, Ernesto Melo Antunes und Marcelo Curto/Portugal, der Oppositionsführer und spätere Ministerpräsident Andreas Papandreou/Griechenland, der internationale Sekretär der PvdA, Maarten van Traa/Niederlande, PSOE-Vorstandsmitglied Enrique Baron/Spanien, der internationale Sekretär der SPÖ Walter Hacker, u.v. a.), Angehörige unabhängig linker und alternativer Parteien (z. B. Die Grünen/Bundesrepublik Deutschland, Parti Socialiste Unifié/Frankreich, Radikale Partei PPR/Niederlande), Friedensforscher (z. B. Ulrich Albrecht, Johan Galtung, Guido Grünewald, Ekkehart Krippendorff, Marek Thee, Hylke Tromp, Tapio Varis), Künstler und Schriftsteller (z. B. Günther Anders, Joseph Beuys, Constantin Costa-Gavras, Joan Miró, Victor Vasarely), Universitätsprofessoren, Gewerkschafter, Theologen und Angehörige der Friedensbewegung der 1950er Jahre (Seán MacBride, Nobelpreisträger 1974 und Vorsitzender des „Internationalen Friedensbüros“, Alva Myrdal, schwedische Ex-Abrüstungsministerin, Robert Jungk aus Österreich).

Die „Jugoslawische Liga für Frieden, Unabhängigkeit und Gleichheit der Völker“ schloss sich dem Appell an, aus Osteuropa unterzeichneten ihn u. a. András Hegedüs aus Ungarn, Artur London (Autor und Überlebender des Slánský-Schauprozesses 1952) aus der CSSR, der Ingenieur Jozef Halbersztadt aus Polen und der Historiker Roy Medwedew aus der Sowjetunion. Auch Rudolf Bahro, der 1978 in der DDR wegen der Veröffentlichung des Buches „Die Alternative“ im Westen ins Gefängnis musste und 1979 in die BRD auswanderte, wo er sich den Grünen anschloss, gehörte zu den Erstunterzeichnern.

Kleinere internationale Treffen gab es schon kurz nach der Veröffentlichung. Vom 12.–14. September 1980 fand das erste in London (im dortigen Pax Christi-Zentrum) statt, mit Beteiligung von Gruppen aus Belgien, der BRD, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland und Norwegen sowie von sechs internationalen Friedensorganisationen. Erstmals wurden die Perspektive (atomare Abrüstung in Ost- und Westeuropa) und die Strategie („lateral contacts“ auf allen Ebenen) direkt vor einem internationalen Forum vorgestellt und diskutiert.

Ein Folgetreffen fand am 7./8. März 1981 in Frankfurt am Main statt. Dazu luden Peggy Duff und Sheila Cooper von ICDP ein, Gastgeberin war die Wehrdienstverweigerer-Organisation DFG/VK. Edward P. Thompson sprach über die Politik und die Pläne von END. Workshops befassten sich u. a. mit dem geplanten internationalen Ostermarsch zum NATO-Hauptquartier in Brüssel vom 16.–18. April 1981 (eine Idee von West Yorkshire END, rund 10.000 Menschen nahmen daran teil), mit dem Friedensmarsch Kopenhagen – Paris für ein atomwaffenfreies Europa von Polen bis Portugal (21. Juni – 9. August 1981) und mit Ost-West-Kontakten.

Im Sommer 1981 hatten bereits zehntausende Menschen den END-Appell unterzeichnet. In mehreren Ländern, auch in der Bundesrepublik Deutschland, waren Gruppen rund um diesen Aufruf entstanden. Die italienischen Aktiven organisierten gemeinsam mit der Bertrand Russell Peace Foundation ein Treffen am 11./12. November 1981 in Rom, bei dem die mit der Vorbereitung einer europäischen Convention verbundenen Probleme erörtert wurden. Daran nahmen rund 90 Personen teil, davon etwa 40 aus Italien (von PCI, DP, PdUP, PSI, Radikaler Partei und DC, mehreren Gewerkschaften, der Kulturorganisation ARCI, Pax Christi, Versöhnungsbund und anderen Gruppen), der Rest aus Österreich (Paul Blau/Pugwash-Gruppe und Gerhard Grössing/Österreichische Hochschülerschaft, später auch ARGE UFI), Belgien (Jean du Bosch/UBDP, Pierre Galand/CNAPD, Robert de Gendt/VAKA, Albert de Smaele/Ex-Minister, Ann-Marie Lizin/Europaparlaments-Abgeordnete der PSB), Großbritannien (von BRPF, CND, END u. a. Gruppen), Dänemark (Dagmar Fagerholt und Tony Liversage/Nej til Atomvaben), Finnland (vom Friedensrat und dem "Komitee der 100"), Frankreich (Claude Bourdet/MDPL, Viviane Cartairade/Komitee für atomare Abrüstung in Europa CODENE, Bruno de Commines/MAN, Girard Feldman/Comité Communiste pour l’Autogestion), BRD (Rudolf Bahro und Michaela von Freyhold/Russell-Initiative Bremen, Eva Quistorp, Jürgen Graalfs/Arbeitskreis Atomwaffenfreies Europa, Klaus Wolschner/Die Grünen), Griechenland (ein Vertreter der sozialistischen PASOK), Niederlande (Bert Kappers/Interkirchlicher Friedensrat IKV, Marianne van Ophuysen/Frauen für den Frieden, Maarten van Traa/sozialdem. PvdA), Ungarn (András Hegedüs), Irland (Jennifer Fitzgerald/Irish CND), Norwegen (Jon Grepstad/Nei til Atomvapen, Johan Galtung), Portugal (Ernesto Melo Antunes/ehem. Außenminister, Cesar Oliveira/Abgeordneter der Union der Sozialistischen Linken), Spanien (Enrique Gomariz/Fundación Pablo Iglesias) und der Schweiz (Johann Binder/"Atomwaffen Nein", Werner Meyer/Schweizerischer Friedensrat).

Vom Appell zu den END-Conventions