Biologieunterricht ist ein Unterrichtsfach an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen im deutschsprachigen Raum zur Biologie.
Biologische Inhalte erscheinen bereits in der Sachkunde der Primarstufe. Sie werden in der Sekundarstufe I und II in einem eigenständigen Unterrichtsfach erweitert. Biologie gehört in Deutschland zu den Standardfächern in der Stundentafel, beginnt in den meisten Bundesländern in der 5. Klasse und kann bis zum Abitur auch als Prüfungsfach angewählt werden. Dafür hat die KMK 2020 Bildungsstandards im Fach Biologie für die Allgemeine Hochschulreife erlassen, die die älteren EPA vollständig abgelöst haben. Daneben regulieren die Bildungsstandards (neue Fassung 2024) den Unterricht in allen Schulformen der Sek. I.
Das Fach kann auch in Fächerverbünde integriert werden und wird dann mit anderen Naturwissenschaften zusammen von einem Lehrer unterrichtet (Fach Nawi). In der Beruflichen Bildung sind biologische Inhalte Bestandteil vieler Ausbildungsrichtungen und Lehrberufe.
Geschichte und gegenwärtiger Stand des Biologieunterrichts mini|Das Sezieren von Organen ist ein Lehrinhalt für Biologieunterricht (hier wurde die Linse eines Tieres entnommen) Den Biologieunterricht gibt es seit der Frühen Neuzeit. Comenius hat für den naturwissenschaftlichen Unterricht Denk- und Arbeitsweisen eingeführt. Sein Unterrichtswerk Orbis pictus (1658) war lange Zeit das wichtigste naturkundliche Schulbuch. 1832/1836 führte August Lüben das „Linnésche System“ in den Schulunterricht ein, um die Beobachtungsfähigkeit und das logische Denken zu schulen. Im Lehrbuch von Johannes Leunis Schul - Naturgeschichte (1869) stand das Bestimmen von Pflanzen und Tieren im Vordergrund. Emil August Roßmäßler ging es um mehr Verständlichkeit und Volkstümlichkeit. Verniedlichung von Lebewesen und ihre Vermenschlichung hielten sich lange Zeit in vielen Schulbüchern. Der Lehrer Friedrich Junge (1832–1905) brachte die neuen Gedanken der Lebensgemeinschaft von Möbius in den Schulunterricht. Gegen Junge richtete sich die Schrift Über die Reformbestrebungen auf dem Gebiet des naturgeschichtlichen Unterrichts (1896), womit kindgerechte Reformbemühungen des Biologen Otto Schmeil (1860–1943) hervortraten, der 1898 erste Biologieschulbücher herausgab. Sein Leitprinzip war die funktionell–morphologische Betrachtungsweise. 1883 wurde die darwinistische Evolutionslehre für den gesamten Schulunterricht in Preußen verboten; erst 1925 wurde sie in den Lehrplan aufgenommen. Biologie wurde als Pflichtfach im Oberstufenunterricht eingeführt. In der Volksschule trat auch die Gesundheitserziehung hervor, die sowohl zur Reformpädagogik als auch zur völkischen Erziehung passte. Cornel SchmittHeraus aus der Schulstube ! Beltz, Langensalza 1922; Der Park als Lebensgemeinschaft. Lebensgemeinschaften der deutschen Heimat, Leipzig ca. 1930; Biologie in der Arbeitsschule, BSV 1951 entwickelte mit der Reformpädagogik eine Methodik der Exkursionen, auf denen die Schüler gezielt biologische Erkenntnisse gewinnen sollten.
In der Erziehung während der NS-Zeit stand der Rassismus im Mittelpunkt und damit Vererbungslehre, Rassenkunde und Rassenhygiene. Ernst Lehmann führte den Deutschen Biologenverband in den NSLB und versuchte eine Deutsche Biologie auf der Grundlage von „Volksgemeinschaft ist Blutsgemeinschaft“ zu entwickeln. Der Naumburger Schulleiter Otto Hermann Steche und der Kieler Lehrerausbilder Paul Brohmer galten als bedeutende Schuldidaktiker.Vgl. etwa Erich Stengel (Meiningen): Grundlagen des biologischen Unterrichts. In: Der Thüringische Erzieher. Jahrgang 1935, Heft 13/14, S. 420–422; derselbe: Die Ausrichtung des biologischen Unterrichts. In: Der Biologe. Band 5, 1936, S. 173–186. Paul Brohmer und Ernst Lehmann waren Reichsreferenten für Biologie.Karl Otto Sauerbeck: Fachdidaktik im Dritten Reich am Beispiel des Biologie-Lehrbuchs von Steche-Stengel-Wagner. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013 (2014), S. 391–412.
Nach 1945 rückte trotz personeller Kontinuitäten wieder die Aufbereitung von biologischen Fachinhalten für Schule und Unterricht in den Mittelpunkt (didaktische Reduktion). Der gymnasiale Unterricht war stark an der Systematik der Tiere und Pflanzen orientiert. Das maßgebliche Lehrbuch in Westdeutschland wurde der Linder Biologie. Konfliktfelder bleiben bis heute die Sexualkunde (Gender und Biologie, Transidentität) und die Evolutionslehre, die sowohl von christlichen als auch muslimischen Fundamentalisten abgelehrnt wird. Hinzu sind die Ökologie, der Naturschutz und die biologischen Folgen des Klimawechsels getreten. In der DDR hatte Gerhard Dietrich eine führende Position inne. Hier waren zeitweise die Genetik und der Umweltschutz umstritten.
Für die Sekundarstufe I wurden seit 2000 in einigen Schulformen Integrationsmodelle mit den anderen Naturwissenschaften eingeführt, besonders an den Haupt-, Gesamt- und Gemeinschaftsschulen gibt es das Fach Naturwissenschaften (Nawi). In anderen Zusammenhängen wird eine Öffnung zur Gesundheits- und Ernährungserziehung gefördert, wie in Baden-Württemberg durch das neue Fach Alltagskultur, Ernährung und Soziales (AES).
In einer Studie zur Beliebtheit der Schulfächer bei Schülern der Universität Osnabrück 2025 zeigte sich, dass Biologie die beliebteste Naturwissenschaft in der Sek. I ist. Nach der freiwilligen Anwahl in der gymnasialen Oberstufe fällt Biologie auf einen hinteren Platz, offenbar weil die Schwierigkeiten im Vergleich erheblich zunehmen.
Biologiedidaktik Die Biologiedidaktik ist die Fachdidaktik der Biologie. Als Hochschuldisziplin wird sie an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten gelehrt. Wie die anderen Fachdidaktiken ist sie Bestandteil der Lehrerausbildung.
Im Zuge der Professionalisierung der Lehrerbildung hat sich der Forschungsschwerpunkt der Biologiedidaktik gewandelt. Seit etwa den 1990er Jahren etablierte sich eine mit empirisch-sozialwissenschaftlichen Methoden forschende Wissenschaftsdisziplin. Typische Forschungsbereiche der empirisch arbeitenden Biologiedidaktik betreffen Fragen der Alltagsvorstellungen der Lernenden, Motivation, des Interesses und der Einstellung zu und an Themen des Biologieunterrichts, die Analyse von Lernprozessen u. a. auf Grundlage des pädagogischen Konstruktivismus, Untersuchung von Lehr-Lernprozessen bei Erkenntnisgewinnung und -bewertung, Expertiseforschung und Forschungen zur Unterrichtsqualität.Dirk Krüger, Helmut Vogt (Hrsg.): Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Ein Handbuch für Lehramtsstudenten und Doktoranden. Springer, Berlin 2007. Mit dem Modell der Didaktischen Rekonstruktion werden Entwicklungsforschung zu Fachinhalten und empirischen Forschungen zu Lernerperspektiven systematisch verbunden. So werden Forschungsergebnisse und Umsetzung in die Unterrichtspraxis methodisch kontrolliert verknüpft.
Ein wichtiges Publikationsorgan deutschsprachiger Forschungen der Biologiedidaktik ist die Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften (ZfDN), die auch anderen Didaktiken naturwissenschaftlicher Fächer offensteht.Zeitschrift für die Didaktik der Naturwissenschaften Eine Übersicht über den Stand der empirischen Forschungen und ihrer Hintergründe im deutschsprachigen Raum haben 2007 Dirk Krüger und Helmut Vogt (1954–2006) herausgegeben.Buchbesprechung von Horst Schecker (2009) in: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften. Band 15, S. 379–380,
Biologiedidaktiker der Hochschulen sind meist in der Fachsektion Didaktik der Biologie im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) organisiert.Fachsektion Didaktik der Biologie im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland Als wesentliche wissenschaftliche Aufgabe der Mitglieder wird die Erforschung des Lehrens und Lernens von biologischem Wissen gesehen. Auf europäischer Ebene finden alle zwei Jahre Konferenzen der ERIDOB (European Researchers in Didactics of Biology) statt. Daneben gibt es den Lehrerverband MNU (früherer Name Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts, nun Verband zur Förderung des MINT-Unterrichts), der Lehrkräfte aller naturwissenschaftlichen Fächer aufnimmt. Es gibt in Deutschland an die 50.000 ausgebildete Biologielehrkräfte.
Entsprechend dem in vielen anderen Ländern abweichenden Fächerzuschnitt in der Schule finden sich internationale Forschungsbeiträge zum Feld der Biologiedidaktik oft unter dem allgemeineren Titel Science Education.
Siehe auch Biologie und Umweltkunde
Literatur Änne Bäumer: NS-Biologie. S. Hirzel / Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1990, ISBN 978-3-8047-1127-3. Änne Bäumer‐Schleinkofer: Biologieunterricht im Dritten Reich. NS‐Biologie und Schule. Peter Lang, Frankfurt am Main 1992, ISBN 978-3-631-45047-5. Karl-Heinz Berck & Dittmar Graf: Biologiedidaktik. Grundlagen und Methoden. Quelle & Meyer, 2018. ISBN 978-3494017211 Michael Freyer: Vom mittelalterlichen Medizin- zum modernen Biologieunterricht. Band 1: Analysen zu Grundlagen und Verlauf kultureller Etablierungsprozesse. Band 2: Bibliographien und Übersichten zur Geschichte des Medizin-/„Biologie“-Unterrichts. Hrsg. von Gundolf Keil, Wissenschaftsverlag Rothe, Passau 1995, ISBN 978-3-927575-44-8. Harald Gropengießer, Ute Harms u. a. (Hrsg.): Fachdidaktik Biologie, Aulis 2024, ISBN 978-3-76143017-0. Ulrich Kattmann: Biologie unterrichten mit Alltagsvorstellungen, Friedrich, 2017, ISBN 978-3-7727-1068-1.
Fachdidaktische Zeitschriften Praxis der Naturwissenschaften – Biologie in der Schule Unterricht Biologie (Friedrich Verlag) Der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht Biologie in unserer Zeit Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften
Weblinks Internet-Fachbibliothek Biologieunterricht (Linksammlung) Informationen für den Biologieunterricht im ZUM-Wiki
Einzelnachweise
Kategorie:Didaktisches Fachgebiet Kategorie:Unterrichtsfach Kategorie:Biologische Disziplin Kategorie:Rassismus