Das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP, Hossiep & Paschen, 2019) ist ein psychologisches Testverfahren, das berufsrelevante Persönlichkeitsmerkmale systematisch erfasst. Hierzu werden dem Teilnehmer Aussagen vorgelegt, die er in Bezug auf das persönliche Zutreffen der Aussagen beurteilen soll. Die Antworten werden anhand relevanter beruflicher Dimensionen jeweils zu Zahlenwerten zusammengefasst, mittels eines Profilblatts grafisch dargestellt und in einem psychologischen Gutachten zusammengefasst. Das BIP kann in verschiedenen Kontexten angewendet werden, wie z. B. in Coachingmaßnahmen, Personalentwicklungsmaßnahmen, Auswahlprozessen oder zur persönlichen Standortbestimmung.
Der BIP lässt sich von anderen Persönlichkeitstests v. a. anhand seines expliziten Berufsbezugs abgrenzen, wobei die Normierung des Tests (d. h. inwieweit Persönlichkeitsmerkmale in der Allgemeinheit vertreten sind) ebenfalls an Berufstätigen erfolgt.
Der Test Allgemeine Information Zielgruppe des BIP sind Berufstätige (Fach- und Führungskräfte) und Arbeitssuchende im deutschsprachigen Raum. Die veröffentlichte (2., vollständig überarbeitete) Version des BIP umfasst 14 Skalen (berufsrelevante Aspekte der Persönlichkeit), die anhand von 210 zu bewertenden Aussagen (sog. Items) erfasst werden.Testzentrale Die aktuelle (6. revidierteFAQ der Testentwicklung) Forschungsversion misst insgesamt 17 Skalen mit Hilfe von 253 Items. Die Bearbeitungsdauer bewegt sich in der Regel zwischen 45 und 60 Minuten. Das BIP kann sowohl als Fragebogen im Papierformat als auch am Computer bearbeitet werden. Das Verfahren ist derzeit schon in folgende Sprachen übersetzt: Englisch, Französisch, Italienisch, Tschechisch, Niederländisch, Dänisch, Spanisch, Slowakisch, Portugiesisch, Bulgarisch, Kroatisch, Chinesisch, Ungarisch, Polnisch und Russisch. Die Sprachen brasilianisches Portugiesisch und Finnisch sind derzeit im Druck (Stand Juni 2015).
Hauptbereiche und Interpretation der Skalen Hauptbereiche des BIP sind die berufliche Orientierung, das Arbeitsverhalten, die sozialen Kompetenzen und die psychische Konstitution.
Berufliche Orientierung Die berufliche Orientierung umfasst drei Skalen: Leistungsmotivation, Gestaltungsmotivation und Führungsmotivation. Die Skalenwerte werden im BIP folgendermaßen interpretiert:
Menschen mit hoher Ausprägung der Skala Leistungsmotivation stellen hohe Anforderungen an die eigene Leistung. Sie sind bereit, sich bei der Verfolgung ihrer Ziele stark zu engagieren und darum bemüht, die eigene Arbeit kontinuierlich zu verbessern.
Menschen mit einer hohen Skalenausprägung bei der Gestaltungsmotivation verfügen über einen starken Willen, durch ihre Tätigkeit gestaltend einzugreifen. Sie sind motiviert, Missstände zu beseitigen und versuchen, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen.
Menschen mit hoher Ausprägung auf der Skala der Führungsmotivation möchten Führungsverantwortung wahrnehmen. Sie können andere Menschen überzeugen und für ihre Auffassung gewinnen. Sie wirken auf andere mitreißend und begeisternd.
(Vgl. Hossiep, R., Paschen, M., 2003, zusätzlich: Wettbewerbsorientierung bei der Forschungsversion).
Arbeitsverhalten Arbeitsverhalten umfasst ebenfalls drei Skalen: Gewissenhaftigkeit, Flexibilität und Handlungsorientierung.
Menschen mit hohen Skalenwerten auf der Gewissenhaftigkeitsskala halten sich sehr zuverlässig an Vereinbarungen, neigen verstärkt zu Perfektionismus und gehen bei der Bearbeitung von Aufgaben sehr sorgfältig vor.
Bei hohen Skalenwerten der Flexibilitätsskala weisen Personen verstärkt folgende Eigenschaften auf: Sie stellen sich problemlos auf neue Situationen ein, können uneindeutige Situationen gut tolerieren und sind in der Lage, Methoden und Vorgehensweisen rasch an sich verändernde Bedingungen anzupassen.
Personen mit hohen Skalenwerten bezüglich der Handlungsorientierung beginnen nach der Entscheidungsfindung unverzüglich mit der Umsetzung ihrer Entscheidung, arbeiten sehr zielorientiert und lassen sich durch Ablenkungen und Schwierigkeiten bei der Arbeitsausführung nicht beeinträchtigen.
(vgl. Hossiep, R., Paschen, M., 2003) (zusätzlich: Analyseorientierung bei der Forschungsversion)
Soziale Kompetenz Soziale Kompetenz umfasst fünf Skalen: Sensitivität, Kontaktfähigkeit, Soziabilität, Teamorientierung und Durchsetzungsstärke. Die Skalenwerte werden im BIP folgendermaßen interpretiert:
Personen mit hoher Skalenausprägung bei Sensitivität haben ein gutes Gespür für die Stimmungen anderer und können zuverlässig die eigene Wirkung auf andere abschätzen. Ebenfalls können sie sich leicht auf verschiedene soziale Situationen einstellen.
Hohe Ausprägungen auf der Skala Kontaktfähigkeit zeichnen Personen aus, die auf andere Menschen zugehen und leicht Kontakte knüpfen können. Sie verfügen über vielfältige Beziehungen und Kontakte und kommen gern mit anderen Menschen zusammen.
Personen mit hohen Skalenwerten bei Soziabilität treten anderen Menschen freundlich und rücksichtsvoll gegenüber und schätzen Harmonie im Umgang mit anderen. Sie haben ebenfalls eine hohe Bereitschaft, sich in Teamarbeit an unterschiedliche Personen anzupassen.
Typische Eigenschaften von Personen mit hoher Skalenausprägung bei Teamorientierung sind: Wille, im Team zu arbeiten und die Bereitschaft, Teamentscheidungen zu akzeptieren und mitzutragen. Darüber hinaus suchen diese Personen die gemeinschaftliche Arbeit und Kommunikation mit anderen.
Personen mit hohen Werten bei Durchsetzungsstärke setzen gerne ihre Vorstellungen durch und vertreten ihre Auffassung mit Nachdruck. Bei Auseinandersetzungen behalten sie die Oberhand.
(Vgl. Hossiep R., Paschen, M., 2003, zusätzlich: Begeisterungsfähigkeit bei der Forschungsversion).
Psychische Konstitution Psychische Konstitution umfasst drei Skalen: Emotionale Stabilität, Belastbarkeit und Selbstbewusstsein. Die Skalenwerte werden im BIP folgendermaßen interpretiert:
Personen mit hoher emotionaler Stabilität reagieren bei Schwierigkeiten gelassen und lassen sich nicht entmutigen. Sie kommen schnell über Probleme und Misserfolge hinweg.
Hohe Skalenwerte auf der Skala Belastbarkeit werden so interpretiert, dass Personen resistent sind gegenüber Stress und sich auch unter Druck noch leistungsfähig fühlen. Darüber hinaus reagieren sie auch bei hoher Beanspruchung widerstandsfähig.
Personen mit hoher Ausprägung auf der Selbstbewusstseinsskala sind selbstsicher im sozialen Umgang und wenig besorgt über den Eindruck, den sie bei anderen hinterlassen. Sie bleiben ruhig in Situationen, in denen eine Bewertung der eigenen Person erfolgt.
(Vgl. Hossiep, R., Paschen, M., 2003).
Gütekriterien Das BIP kann sowohl als reliables als auch valides Testverfahren berufsbezogener Persönlichkeitsmerkmale betrachtet werden. Bei einer Stichprobe von 9302 Testteilnehmern ergeben sich für die BIP-Skalen hinsichtlich der inneren Konsistenz Werte von Cronbachs Alpha zwischen 0,75 und 0,92, was auf eine hohe Messgenauigkeit der Skalen hindeutet. Für die Retest-Reliabilität (also Zuverlässigkeit bei wiederholter Testung) ergeben sich für die BIP-Skalen jeweils Korrelationskoeffizienten zwischen 0,77 und 0,89, was für eine hohe Stabilität der erfassten berufsbezogenen Persönlichkeitsaspekte spricht (vgl. Hossiep & Paschen, 2003). Zudem besitzt das BIP eine hohe Kriteriumsvalidität (d. h., die Messwerte hängen mit relevanten externen Kriterien zusammen). So korrelieren die BIP-Messwerte sowohl mit dem beruflichen Entgelt (Adj. R² = 0,15, N = 5674), mit der hierarchischen Position (Adj. R² = 0,16, N = 5192), mit der eigenen Berufserfolgseinschätzung (Adj. R² = 0,24, N = 5745) und mit der Arbeitszufriedenheit (Adj. R² = 0,16, N = 4888). Ebenso korrelieren die Testskalen des BIP mit entsprechenden Testskalen anderer Persönlichkeitsfragebögen (EPI, NEO-FFI, 16PF-R) r = 0,54 bis 0,84 (siehe Hossiep & Paschen, 2003), was dafür spricht, dass das BIP auch das misst, was es zu messen beansprucht (Konstruktvalidität). Ebenso kann das BIP als objektives Messverfahren betrachtet werden. In Bezug auf die Durchführungsobjektivität liegt eine Anleitung zur standardisierten Durchführung vor. In Bezug auf die Auswertungsobjektivität liegt bei händischer Auswertung (Papierversion) ein präzises standardisiertes Schema zum Vorgehen vor (inklusive Auswertungsschablone et cetera), das sich auch auf die computerisierte Auswertung übertragen lässt. Zur Interpretation der Skalenwerte existieren ausführliche Skalenkonzeptualisierungen und Musterinterpretationen (Hossiep & Paschen, 2003; Hossiep & Mühlhaus, 2005), die sich auf umfangreiche Normstichproben (Gesamtnormstichprobe bei der publizierten Version N = 9302, Gesamtnormstichprobe bei Forschungsversion derzeit N = 6207) beziehen.
Rezeption Laut einer Studie der Universität Zürich aus dem Jahre 2006 ist das BIP das einzige der neun in der Schweiz meisteingesetzten Persönlichkeitsverfahren, das sich nicht auf veraltete Theorien beruft, explizit für den berufsbezogenen Einsatz entwickelt wurde und daher als zeitgemäßes und wissenschaftlich fundiertes Verfahren anzusehen ist.Müllerschön: Persönlichkeitstests auf dem Prüfstand
Für den Anwendungsbereich der Berufsberatung urteilt die Fachgruppe Diagnostik des Schweizer Verbandes für Berufsberatung, dass es sich im Bezug auf berufsrelevante Eigenschaften um das geeignetste deutschsprachige Verfahren handle.Schweizerischer Verband für Berufsberatung (SVB)
Bernd Marcus nannte 2004 in der „Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie“ die berufsbezogene Konstruktion und die umfangreiche Datenbasis als Vorzüge des BIP.Marcus: Rezension der 2. Auflage des Bochumer Inventars zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP)
Internationale Versionen R. Hossiep, M. Paschen (2003): Bochumský osobnostní dotazník – BIP (Tschechische Auflage). Praha: Testcentrum.BIP - Bochumský osobnostní dotazník (Tschechische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2006): BIP – Inventario Bochum de Personalidad y Competencias (Spanische Auflage). Madrid: TEA Ediciones, S. A.BIP - Inventario Bochum de Personalidad y Competencias (Spanische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2007): BIP – Bochumský inventár profesijných charakteristik osobnosti (Slowakische Auflage). Praha: Testcentrum.BIP – Bochumský inventár profesijných charakteristík osobnosti (Slowakische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2007): BIP – Inventário de Personalidade e Competências para as Organizações (Portugiesische Auflage). Lisboa: CEGOC-TEA.BIP - Inventário de Personalidade e Competências para as Organizações (Portugiesische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2008): BIP – Business-focused Inventory of Personality (Englische Auflage). Oxford: Hogrefe.BIP - Business-Focused Inventory of Personality R. Hossiep, M. Paschen (2008): BIP – Inventaire de Personnalité de Bochum dans le contexte professionnel (Französische Auflage). Paris: Hogrefe.BIP - Inventaire de personnalité de Bochum dans le contexte professionnel (Französische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2009): BIP – Werkgerelateerde persoonlijkheidsvragenlijst (Niederländische Auflage). Amsterdam: Hogrefe.BIP - Werkgerelateerde persoonlijkheidsvragenlijst (Niederländische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2010): BIP – Business-focused Inventory of Personality (Dänische Auflage). Virum: Hogrefe.BIP - Business Inventory of Personality (Dänische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2011): BIP – Бизнес-ориентиран въпросник за оценка на личността в работата (Bulgarische Auflage). Kingsgate: Hogrefe.BIP – Business focused Inventory of Personality (Bulgarische Version) R. Hossiep, M. Paschen (2013): BIP – Bochumski inventar za opis ličnosti u radnom okruženju (Kroatische Auflage). Jastrebarsko: Naklada Slap.BIP - Bohumski inventar za opis ličnosti u radnom okruženju (Kroatische Version)