Die Bukoba war eine Fähre im Liniendienst auf dem Victoriasee in Ostafrika, die am 21. Mai 1996 auf der Fahrt von Bukoba nach Mwanza kenterte und später sank, wobei zwischen 500 und 1000 Menschen ums Leben kamen. Es handelte sich dabei um das bis zu diesem Zeitpunkt größte Schiffsunglück in Ostafrika und eines der größten Unglücke auf Süßwasserseen.

Bau, Einsatz und Schiffsdaten Das Schiff wurde unter der Baunummer 116 auf der Werft Fulton Marine in Ruisbroek, Belgien, für die Tanzania Railways Corporation (TRC) gebaut. Es wurde zerlegt von Belgien nach Tansania verschifft und in Mwanza in Tansania bis Juli 1979 wieder zusammengebaut.

Die nach der Stadt in Tansania benannte Bukoba verkehrte im Liniendienst zwischen den tansanischen Häfen Mwanza und Bukoba, dazu im grenzüberschreitenden Verkehr mit Port Bell bei Kampala/Uganda und Kisumu/Kenia. Zwischen diesen Endpunkten wurden zusätzlich einige andere Häfen als Zwischenstationen angefahren. Das Schiff war seinerzeit für 433 Passagiere in drei Klassen zugelassen worden.

Vor der Katastrophe Die Ausgangslage Im Nordwesten Tansanias existierten im Jahr 1996 keine asphaltierten Straßen, sodass für die Busfahrt von Bukoba nach Mwanza über zwölf Stunden (oft wesentlich mehr) auf schlechter Straße in kaum gewarteten Bussen veranschlagt werden mussten. Daher benutzte der größte Teil der Reisenden für diese Strecke die Fähre, die zwar genauso lange unterwegs war, dabei aber deutlich sicherer und komfortabler zu sein schien. Mwanza war damals Tansanias wichtigster Hafen am Victoriasee und Umschlagplatz für Baumwolle, Tee und Kaffee aus dem fruchtbaren Westen des Landes.

Da es in Tansania keine gültigen gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen gab, waren seit Jahren keine amtlichen Inspektionen des Schiffes mehr durchgeführt worden. Einen offiziellen Wartungsplan gab es nicht. Es gab nicht einmal eine zuständige Behörde für die Binnenschifffahrt, die dies hätte überprüfen können. Das Schiff führte nur eine kleine Zahl von Schwimmwesten mit sich (zwischen 100 und 200), die auch unter normalen Umständen nicht für die zulässige Zahl an Passagieren ausgereicht hätte. Die Rettungsboote und Rettungsinseln waren seit Jahren nicht gewartet worden, eine Rettungsübung mit der Mannschaft des Schiffes hatte ebenfalls jahrelang nicht mehr stattgefunden. Die Rettungsboote hätten auch nicht allen Passagieren Platz geboten. Seit dem Ende der gemeinsamen ostafrikanischen Verkehrsverwaltung im Jahr 1977 betrieben Tansania, Uganda und Kenia ihre Fährdienste auf dem Victoriasee getrennt; die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Rettungseinsätzen galt dadurch als nur behelfsmäßig.

Es gab nach tansanischem Recht auch keine Versicherungspflicht für Schiffe, sodass die TRC weder eine Versicherung für das Schiff selbst noch eine Haftpflichtversicherung für die Passagiere oder Fracht abgeschlossen hatte.

Am 30. April 1996 wurde die Bukoba aufgrund verschiedener technischer Probleme vorübergehend stillgelegt, dies wurde von der TRC ohne Angabe von Details in einer Pressemitteilung am gleichen Tag bekanntgegeben.

Ein wesentliches Problem schien die Stabilität des Schiffes zu sein. Viele Reisende berichteten immer wieder, dass das Schiff regelmäßig mit erheblicher Schlagseite verkehrte, zumindest in den Jahren ab 1994. Der technische Zustand des älteren Schiffs wurde unmittelbar nach dem Unglück öffentlich thematisiert; zugleich hieß es aus dem Umfeld des Präsidenten, die Fähre habe kurz zuvor Stabilitätstests bestanden.

Belgische Techniker führten Anfang Mai verschiedene Tests mit den Ballasttanks durch, in denen sich üblicherweise 100 Tonnen Wasser im Kiel des Schiffes befinden, wobei diese vollständig geleert wurden. Unklar ist, ob die Ballasttanks danach wieder korrekt gefüllt wurden.

Die Victoria, die die Fahrt eigentlich durchführen sollte, fiel kurzfristig wegen Reparaturbedarfs aus, sodass die Bukoba doch wieder eingesetzt wurde.

Die letzte Fahrt Das Schiff verließ Bukoba um 22 Uhr Ortszeit am 20. Mai 1996 mit etwa 300 Passagieren an Bord. Ungefähr noch einmal genauso viele Passagiere wurden in Bukoba abgewiesen, obwohl sie gültige Fahrscheine hatten. Da die Kapazität der eigentlich vorgesehenen Victoria deutlich höher war als die der Bukoba, waren entsprechend mehr Fahrscheine verkauft worden. Der größte Teil der Abgewiesenen fuhr daraufhin mit LKWs, Bussen oder Taxis nach Kemondo Bay, einer Anlegestelle nur 20 km südlich von Bukoba. Als das Schiff dort anlegte, strömten Hunderte offenbar ungehindert an Bord.

Die Passagierliste der ersten und zweiten Klasse enthielt die Namen von 443 Passagieren, für die dritte Klasse wurde keine Passagierliste geführt. Erste offizielle Angaben unmittelbar nach dem Unglück nannten 441 registrierte Passagiere, während Überlebende und Radio Tanzania von etwa 600 Menschen an Bord ausgingen. Unter den Reisenden befanden sich viele Jugendliche und Schüler, die zum Ende eines Schulabschnitts nach Hause zurückkehrten. Bereits in den ersten Tagen nach dem Untergang wurden unkontrollierte Ticketierung und Bestechungsvorwürfe gegen Besatzungs- und Hafenbedienstete öffentlich, weil Passagiere ohne Fahrschein an Bord gelassen worden sein sollen. Anhand der Frachtpapiere wurden 8,5 Tonnen Fracht (zumeist Bananen) geladen.

Die Katastrophe am 21. Mai 1996

Kenterung Nach den Aussagen der Überlebenden hatte das Schiff bereits beim Verlassen von Kemondo Bay eine erhebliche Schlagseite nach Steuerbord. Etwa 30 Kilometer vor Mwanza nahm die Schlagseite erheblich zu, sodass die Mannschaft die Passagiere aufforderte, sich rasch auf die Backbordseite des Schiffes zu begeben. Wenige Minuten später kenterte das Schiff dann nach Backbord und trieb kieloben. Dabei wurde der größte Teil der Passagiere und der Besatzung im Schiff eingeschlossen. Erste Nachrichtenmeldungen nannten zusätzlich einen möglichen Felskontakt vor dem Kentern, ohne dass sich diese Deutung in der späteren Darstellung der Ursachen als gesicherte Erklärung durchsetzte.

Rettung und Bergung Etwa eine Stunde nach dem Unglück trafen die ersten Schiffe zur Rettung der Schiffbrüchigen ein. Etwa 100 Personen konnten lebend aus dem Wasser gerettet werden. In den ersten Meldungen wurden zunächst 81 aus dem Wasser gerettete Überlebende und 21 geborgene Tote genannt. Die TRC entsandte unter anderem die Victoria, das größte Dampfschiff auf dem Victoriasee, sowie weitere Schiffe zur Unglücksstelle. Verschiedene Gruppen von überlebenden Eingeschlossenen im kieloben treibenden Schiffsrumpf gaben Klopfzeichen, um auf sich aufmerksam zu machen. Eine Gruppe von Arbeitern der TRC schnitt zunächst ein Loch in den Rumpf, aus dem zwei Personen gerettet werden konnten. Nachdem gegen 15:00 Uhr ein zweites Loch geschnitten worden war, sank das Schiff sehr schnell in 25 Meter Tiefe, ohne dass weitere Eingeschlossene gerettet werden konnten.

Nach widersprüchlichen Berichten wurden zwischen 100 und 120 Personen gerettet, ein erheblicher Teil der Geretteten trug teils schwere Verletzungen davon. Der tansanische Verkehrsminister William Kusila erklärte am Tag nach dem Unglück, dass sachkundige Taucher und Schneidausrüstung benötigt würden, um die im Wrack eingeschlossenen Toten zu bergen. Trotz offizieller Versicherungen, alles Mögliche zu unternehmen, kritisierten Zeugen die Organisation der Rettungsarbeiten als schlecht koordiniert.

Erst zwei Tage später trafen Taucher aus Südafrika und Kenia ein. Diese konnten nur noch helfen, die Leichen zu bergen. Es stellte sich dabei heraus, dass die tansanische Marine nur elf Tauchausrüstungen und keinen transportablen Kompressor (zum Auffüllen der Druckluftflaschen) hatte.

Im offiziellen Abschlussbericht wurde festgestellt, dass sich 663 Personen an Bord befunden hätten, von denen 563 ums Leben gekommen seien. Gleichzeitig wurde in einem anderen offiziellen Bericht von 112 geretteten Personen berichtet. Da sich aber üblicherweise in der 3. Klasse etwa so viele Reisende befanden wie in der 1. und 2. Klasse zusammen, muss von etwa 900 Passagieren und etwa 40 Besatzungsmitgliedern ausgegangen werden. Ein Bericht des Roten Kreuzes ging demnach von etwa 800 Opfern aus.

Trauerfeierlichkeiten Präsident Benjamin Mkapa erklärte das Unglück in einer Rundfunkansprache zur nationalen Tragödie, ordnete eine dreitägige Staatstrauer an und kündigte eine Reise nach Mwanza an. An der offiziellen Trauerfeier im Stadion von Mwanza nahmen der damalige Präsident Sansibars Salmin Amour und zahlreiche Regierungsmitglieder teil. Etwa 180 Leichen konnten insgesamt geborgen werden, davon wurden nur 25 identifiziert, die anderen – weil nicht mehr identifizierbar – in Massengräbern beigesetzt.

Folgen Untersuchungen und Verhandlungen Bereits am Tag nach dem Unglück kündigte Präsident Mkapa eine offizielle Untersuchung des Untergangs an. Am 30. Mai 1996 wurden Kapitän Jumanne Rume Mwiru und acht Besatzungsmitglieder vor einem Magistratsgericht in Mwanza wegen Verursachung des Todes von Hunderten Passagieren angeklagt; Gerichtsvertreter hielten eine spätere Änderung der Anklage nach Abschluss der Untersuchung für möglich. Einzelne der 114 damals registrierten Überlebenden erhoben Bestechungsvorwürfe gegen Kapitän, Besatzung und Hafenbedienstete, weil Fahrgäste ohne Fahrschein an Bord gelangt seien. Die Anklagen wurden vier Wochen später wieder fallen gelassen.

Der offizielle Untersuchungsbericht der tansanischen Regierung ist nur in Auszügen veröffentlicht und kommt zu keiner klaren Stellungnahme hinsichtlich der Verantwortlichkeit.

Sicherheitsmaßnahmen Im Jahr 1999 wurden die übrigen 15 Schiffe der TRC versichert. 2006 hat die Ostafrikanische Gemeinschaft grundsätzlich die Einrichtung eines SAR-Zentrums beschlossen. Die IMO unterstützt ein Sicherheits-Trainingsprogramm für Seeleute auf dem Viktoriasee.

Trivia Bei dem Unglück kam der zufällig mitreisende, durch internationalen Haftbefehl gesuchte al-Qaida-Mitbegründer und stellvertretende Kommandeur Abu Ubaida al-Banschiri ums Leben, sodass hinterher verschiedene Verschwörungstheorien entstanden.

In den Medien wurde das Schiff als „Afrikanische Titanic“ bezeichnet.

Da zahlreiche Leichen nicht mehr hatten geborgen werden können, bildete sich die Legende, die Fische hätten diese gefressen. Dies führte dazu, dass die Einwohner in der gesamten Region über Monate keine Fische mehr kauften und somit den Fischern und Händlern erhebliche Verluste entstanden.

Siehe auch Liste von Unfällen der Binnenschifffahrt Nyerere (Schiff, 2004), Fähre, die 2018 auf dem Victoriasee kenterte

Weblinks Zusammenfassung von Nachrichten über das Unglück (englisch) , 3. Juni 1996 (englisch) (englisch)

Einzelnachweise

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