mini|Das Logo symbolisiert das gesellschaftliche Labyrinth, in dessen Zentrum Menschen leben, die von ihren Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten sind
Die Deutsche Akademie für Psychoanalyse (DAP) e. V. (auch Berliner Schule der Dynamischen Psychiatrie) wurde am 14. Dezember 1969 in Berlin gegründet und widmet sich der Ausbildung, Forschung und Therapie nach der von Günter Ammon (1918–1995) entwickelten dynamischen Psychiatrie bzw. humanstrukturellen Psychoanalyse. Die Ausbildung berechtigt nach dem Psychotherapeutengesetz, eine Approbation als psychologischer Psychotherapeut zu beantragen. Die beiden heutigen Lehr- und Forschungsinstitute (LFI) der DAP befinden sich in Berlin und München. Die institutionell größte Ausdehnung erreichte die DAP Anfang der 1980er Jahre. Der Gründer Günter Ammon prägte die DAP fachlich und organisational maßgeblich. Vorsitzende der DAP (Stand 2020) ist Maria Ammon.
Die Geschichte der DAP war, bis zur Jahrtausendwende und der Anerkennung der Lehrinstitute als staatliche Ausbildungsstellen im Rahmen des Psychotherapeutengesetzes vom 16. Juni 1998, von internen und externen Konflikten begleitet. Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre hinein fanden Auseinandersetzungen mit Ammon und der DAP in den Medien und vor Gerichten statt.
Geschichte Die Zeit bis zur Gründung 1968 1945 wurde die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) wiedergegründet und der deutsche Psychoanalytiker Carl Müller-Braunschweig zum ersten Vorsitzenden gewählt. Fachliche und persönliche Differenzen zwischen Carl Müller-Braunschweig, der die Positionen der Freud’schen Psychoanalyse vertrat, und dem deutschen Psychoanalytiker Harald Schultz-Hencke, dem Vertreter der Neopsychoanalyse, führten zur institutionellen Abspaltung von der DPG. 1950 gründete Carl Müller-Braunschweig mit fünf Gleichgesinnten die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) und wurde zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt.
Der deutsche Psychiater Günter Ammon begann 1952 seine Ausbildung zum Psychoanalytiker bei der DPV und unterzog sich einer freudianischen Lehranalyse bei Carl Müller-Braunschweig. Nach dem Abschluss ging er 1956 in die USA und arbeitete bei der Menninger-Foundation in Topeka. Seine Lehrer waren Karl Menninger und Ishak Ramzy, bei dem er sich einer zweiten, ich-psychologisch orientierten Lehranalyse unterzog. Später berief sich Ammon vor allem auf diese Ausbildung.
Die Ära Günter Ammon (bis 1995) Gründung von DGG, DAP und Lehrinstituten Nach seiner Auswanderung in die USA im Jahr 1956 kehrte Ammon 1965, anders als bereits vor 1945 emigrierte Psychoanalytiker, nach Deutschland zurück und arbeitete an der psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studenten an der Freien Universität Berlin, betrieb eine Privatpraxis für Psychoanalyse und Psychotherapie und war Lehranalytiker der DPV. 1968 gründete er das Lehr- und Forschungsinstitut für Dynamische Psychiatrie und Gruppendynamik in Berlin und im Mai 1969 die Deutsche Gruppenpsychotherapeutische Gesellschaft (DGG), die sich im Juli 1969 im Audimax der Freien Universität Berlin mit Vorträgen von Ammon und dem 1936 in die USA emigrierten Psychoanalytiker Martin Grotjahn vorstellte.
Die Deutsche Akademie für Psychoanalyse (DAP) wurde sodann am 14. Dezember 1969 aufgrund wissenschaftlicher, therapeutischer und ausbildungsrelevanter Abgrenzung nebst Neubestimmung bestehender psychoanalytischer Einrichtungen gegründet. Im Gründungsaufruf hieß es, das Ziel sei, die „psychoanalytische Arbeit in Vereinigungen zu organisieren, welche in der Lage sind, sich selbst zu analysieren und die nicht, wie die DPV, im Gewande der Vereinsbürokratie die viktorianische Entstehungssituation der Psychoanalyse perpetuieren und damit die Fortentwicklung unserer Wissenschaft verhindern.“Gründungsaufruf zur Gründung der Deutschen Akademie für Psychoanalyse (DAP). In: Dynamische Psychiatrie. 3. Jg. 1. Heft 1970, S. 52. Ein wesentlicher Gründungsimpuls war die Etablierung einer psychoanalytischen Herangehensweise bei der Behandlung schwer gestörter Patienten.
Auf institutioneller Ebene kam es zu ersten Konflikten, als die DPV in der Gründung einer gruppenpsychotherapeutischen Gesellschaft durch eines ihrer Mitglieder eine fundamentale Zuwiderhandlung gegen ihre Zwecke und Interessen vermutete. Sie forderte daher eine Prüfung im Rahmen einer mündlichen Anhörung, zu der es jedoch nicht kam, da Ammon aus der DPV austrat.Der Briefwechsel zwischen Günter Ammon und Helmut Thomä, dem Vorsitzenden der DPV, ist abgedruckt in: Dynamische Psychiatrie. 3. Jg. 1. Heft 1970, S. 52–57. . Den Bruch deutet der deutsche Psychologe und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer anhand des Briefwechsels zwischen Ammon und Helmut Thomä, dem damaligen Vorsitzenden der DPV, und schließt daraus, dass Ammon es seinen Gegnern in der DPV durch seine Kritikempfindlichkeit leicht gemacht habe, ihn loszuwerden. Sein Antwortschreiben sei ein typisches Beispiel seiner Rhetorik. Mit seinem Austritt habe er es der DPV ermöglicht, ihren „unbequemen Lehranalytiker“ ohne formelles Ausschlussverfahren loszuwerden, bei dem die DPV hätte begründen müssen, „warum Ammon untragbar war“. Umgekehrt verlor Ammon etwas, so Schmidbauer, „was für einen Beruf, der Allmachtsfantasien so stimuliert wie der des (Gruppen-)Analytikers, meist verhängnisvoll ist: die Gruppe von Kollegen, welche als gleichberechtigte Gesprächspartner den Realitätsbezug stabilisieren.“Vgl. Wolfgang Schmidbauer: Zur Geschichte der MAP. In: Thea Bauriedl, Astrid Brundke (Hrsg.): Psychoanalyse in München – eine Spurensuche. Psychosozial-Verlag, Gießen 2008, ISBN 978-3-89806-849-9, S. 309 f.
Schmidbauer vermutet, dass diese Entwicklung nur in Deutschland möglich war. „Ammon hatte zunächst starken Rückhalt in einer Gruppe emigrierter Analytiker, die (wie er) in den USA eine neue Heimat gefunden hatten und ihrer alten Heimat kritisch gegenüberstanden. Umgekehrt musste die DPV, ihrer Geltung in der Internationalen Vereinigung noch unsicher, besonders empfindlich jeden Anschein vermeiden, es nicht so genau zu nehmen. Indem er in die USA ging und dort eine zweite psychoanalytische Ausbildung absolvierte, drückte Ammon ein Problem des Selbstwertgefühls deutscher Psychoanalytiker aus, suchte es zu bewältigen und scheiterte schließlich an seinem missionarischen Anspruch, bei seiner Rückkehr wie ein Erlöser gefeiert zu werden.“Wolfgang Schmidbauer: Zur Geschichte der MAP. In: Thea Bauriedl, Astrid Brundke (Hrsg.): Psychoanalyse in München – eine Spurensuche. Psychosozial-Verlag, Gießen 2008, ISBN 978-3-89806-849-9, S. 310 f.
Die Zeitschrift Psyche, ein der DPV nahestehendes Publikationsorgan, teilte der Deutschen Gruppenpsychotherapeutischen Gesellschaft schriftlich mit, dass sie keine Aufträge für Anzeigen- bzw. Beilagenwerbung mehr wünsche.Vgl. Reaktion der Psyche. In: Dynamische Psychiatrie. 3. Jg. 1. Heft, 1970, S. 57 f. Darüber berichtete die Wochenzeitung Die Zeit einige Monate später,B. N.: Verfeindete Psychoanalytiker. Bannstrahl gegen die Abweichler vom Dogma. In: Die Zeit. Nr. 45, 6. November 1970, S. 66. sowohl die Zeitschrift Psyche als auch das Publikationsorgan der DAP, die Zeitschrift Dynamische Psychiatrie, reagierten in ihren eigenen Ausgaben – Die Zeit hatte beide Leserbriefe nicht gedruckt – mit Richtigstellungen.Redaktion der Psyche: Sachliche Differenzen oder persönliche Antipathien. Nachträgliche Bemerkungen zu einem Artikel in der Zeit vom 6. November 1970. In: Psyche, 25. Jg., Heft 6–12, 1971, S. 534–536.Die Redaktion: Replik auf eine „Kritische Glosse“. In: Dynamische Psychiatrie. 4. Jg., 1971, S. 172–174.
Zweites Institut in München und Auseinandersetzungen (1973 bis 1975) Das zweite Lehr- und Forschungsinstitut (LFI) wurde in München von Mitgliedern des Berliner LFI sowie von Ärzten, Psychologen und ausgebildeten Psychoanalytikern aus München am 28. Januar 1973 gegründet. Einige der Gründungsmitglieder wurden von den Publikationen Ammons, seinem Engagement in der Studentenbewegung und den Ansätzen zur Behandlung schwerst gestörter Patienten angezogen,Vgl. Clarissa Herdeis, Sieglinde Eva Tömmel: Psychoanalyse unter den Bedingungen der Nachkriegsverhältnisse: die Gründungsgeschichte der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse, M.A.P. e. V. In: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse. 4. Jg., Heft 7, 1991, S. 109. andere wie beispielsweise Wolfgang Schmidbauer teilten mit Ammon und der DAP das Interesse für Gruppenpsychotherapie und den Wunsch, die psychoanalytische Ausbildung zu reformieren.
Ende 1973 gab es in München vier psychoanalytische Institute mit unterschiedlichen theoretischen Ausrichtungen und Konzepten. Drei wurden zwischen 1971 und 1973 gegründet.Vgl. Johannes Grunert: Zur Geschichte der Psychoanalyse in München. In: Psyche, 38, 1984, S. 901.
Im Münchner LFI trennte sich im Herbst des Gründungsjahres eine größere Gruppe – darunter die Leiterin und Schmidbauer – von Ammon und der DAP. Neben Konflikten mit Ammon (vgl. Abschnitt Kontroversen) spielten auch andere Aspekte eine Rolle. So meint Schmidbauer, „es war sicherlich entlastend, den Größenanspruch preiszugeben, man könne eine funkelnagelneue psychoanalytische Identität schaffen und ein Ausbildungskonzept anbieten, das die Nachteile der Tradition überwindet, ohne sich neue Schattenseiten einzuhandeln. Andererseits war die Überanpassung an äußere Normen, um der DGPT, der Ärztekammer, der Bundeskassenärztlichen Vereinigung zu gefallen [...] auch keine Lösung.“ Zur Problematik der institutionellen Anerkennung schreibt er weiter: „Die Psychoanalytiker, in Deutschland von zwei Fachverbänden und einem Dachverband vertreten (DPG, DPV und DGPT), blieben ebenso [wie die Gruppenpsychotherapeuten] auf Distanz. Ammons bekannte Abhilfe, mangelnde Einbindung in bestehenden Organisationen durch hektische Produktion eigener Vereinigungen und Akademien zu kompensieren, war uns aufgrund der gemachten Erfahrungen zuwider.“Vgl. Wolfgang Schmidbauer: Wie Gruppen uns verändern. Selbsterfahrung, Therapie und Supervision. Kösel, München 1992, ISBN 3-466-30334-6, S. 371 f. Das von Schmidbauer 1974 mitgegründete Ausbildungsinstitut erhielt im Jahr 1991 die Anerkennung durch die DGPT.
Zwischen der DAP und der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e. V., dem Dachverband der psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Organisationen, kam es 1975 zu Differenzen. Die DAP war der Ansicht, sie sei einer Diffamierungskampagne der DGPT ausgesetzt. Die vom Justitiar der DGPT unterzeichnete Stellungnahme zu den Leistungen Ammons und der DAP, so die Exekutivsekretärin und die Geschäftsführung der DAP, „wimmelt von Unwahrheiten, fahrlässigen Unterstellungen und erinnert in seiner verketzernden Art an im Mittelalter ausgetragene Streitigkeiten wissenschaftlicher Richtungen.“ In der Stellungnahme heißt es weiter, es sei ein Leichtes, die Originalität der von Ammon durchgeführten Weiterentwicklung der Psychoanalyse nachzuweisen und wenn man Ammons Schriften als populärwissenschaftlich abqualifiziere, so müsse man mit den gesamten Schriften Freuds ebenso verfahren. Den DAP-Instituten zum Vorwurf zu machen, dass ihr Ausbildungspersonal verhältnismäßig jung sei, sei eine der unlauteren Methoden von Machtpolitik der DGPT.Stellungnahme zu den Aktivitäten der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPPT) e. V., Sitz Berlin. In: Dynamische Psychiatrie, 8. Jg., 1975. S. 433–436. Die Ausbildung der DAP wird bis heute nicht von der DGPT anerkannt.
Psychiatriereform und gesellschaftlicher Kontext