mini|300px|Celsus-Bibliothek in Ephesos Bibliotheken sind in der Antike vermutlich seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. bezeugt. Mit der griechischen und römischen Kultur breitete sich eine hochentwickelte Buchkultur über weite Teile Europas und des Mittelmeerraums aus (siehe Bücher in der Antike). Damit einher gingen auch unterschiedliche Formen von Bibliotheken in privatem, institutionellem oder herrscherlichem Besitz. Die Bücherverluste in der Spätantike bedeuteten einen scharfen Einschnitt für die Bibliotheksgeschichte; die Bibliotheken des Mittelalters unterschieden sich in wesentlichen Punkten von ihren antiken Vorläufern.

Griechenland Die griechischen Bibliotheken konnten zu königlichen Palästen, Privathäusern, Heiligtümern oder öffentlichen Gebäuden (Gymnasien, Foren oder Thermen) gehören, teilweise standen sie auch unabhängig von anderen Einrichtungen für sich allein.

Ob es bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. Bibliotheken gab, ist umstritten. Obwohl die seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. intakte Überlieferungsgeschichte zahlreicher Schriften (zum Beispiel der Epen Homers) sowie die Existenz einzelner Schriftrollen einen Rückschluss auf größere Sammlungen plausibel machen und später hellenistische Autoren von solchen frühen Bibliotheken berichteten, lehnt die Mehrheit der Historiker die Annahme ab.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum, 2011, S. 101–122, hier: S. 101–106. Carl Wendel hingegen hat aufgrund der geographischen und geschichtlichen Werke des Hekataios von Milet beispielsweise angenommen, dass diesem in Milet eine Schriftensammlung zur Verfügung gestanden haben muss.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum, 2011, S. 101–122, hier: S. 107. Er bezieht sich auf Carl Wendel: Das griechische Buchwesen unter babylonischem Einfluß. In: Kleine Schriften zum antiken Buch- und Bibliothekswesen, Greven, Köln 1974, S. 201 f. Wahrscheinlich sind vereinzelte Geschenke von Schriftrollen an Heiligtümer, ein solches ist für den Philosophen Heraklit im 5. Jahrhundert v. Chr. bezeugt.Diogenes Laertios, Leben und Lehre der Philosophen 9,6.

Die Tyrannenbibliotheken Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden erste Bibliotheken in den Tyrannenpalästen des Peisistratos und des Polykrates. Die beiden Paläste waren miteinander konkurrierende Zentren der griechischen Kultur und Wissenschaft, Überreste der Bibliotheken sind keine erhalten.Julia Wilker: Frühe Büchersammlungen der Griechen. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken, 2002, S. 19–23, hier: S. 19 f. Einige Autoren bezeichnen die Bibliothek des Peisistratos allerdings als eine Legende, die von späteren griechischen Autoren erfunden wurde.Luciano Canfora: Die verschwundene Bibliothek. Das Wissen der Welt und der Brand von Alexandria. Rotbuch, Berlin 1998, S. 174 f.

Über die Bibliothek des Peisistratos berichten zwar erst deutlich spätere Autoren ab dem 2. Jahrhundert,Aulus Gellius, Noctes Atticae 7,17,1. Isidor von Sevilla, Etymologiae 6,3,3. man kann aber annehmen, dass sie sich tatsächlich wie berichtet wird auf der Akropolis von Athen befunden hat. Weniger glaubhaft ist hingegen, dass sie der Bevölkerung zugänglich war und deren Allgemeinbildung diente. Man geht davon aus, dass diese erste Herrscherbibliothek mindestens Werke Homers und anderer Dichter sowie orphische Schriften enthielt.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum, 2011, S. 101–122, hier: S. 113. Nach dem Tod des durchaus volksnahen Tyrannen wurde sie wohl von seinen Erben weitergeführt. Allgemein als Legende gilt die Geschichte,Aulus Gellius, Noctae atticae 7,17,1-2. dass der persische König Xerxes I. die Bibliothek 480 v. Chr. geraubt und Seleukos I. sie wieder nach Athen gebracht habe.Julia Wilker: Frühe Büchersammlungen der Griechen. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken, 2002, S. 19–23, hier: S. 20.

Von einem Autor des 3. Jahrhunderts lediglich kurz erwähntAthenaios, Deipnosophistae 1,3a. wird hingegen die Bibliothek des Polykrates in Samos.

Bibliotheken in der Klassischen Zeit Zumindest für Athen ist gesichert, dass sich im 5. und 4. Jahrhundert eine professionelle Produktion und ein reger Handel von Buchrollen entwickelten und zahlreiche Angehörige der oberen Schichten über eine private Sammlung verfügt haben. In den Quellen werden zwei umfangreiche Privatbibliotheken namentlich erwähnt, die eines Eukleides und eines Euthydemos.Xenophanes, Memorabilien 4,2,8.

Es ist anzunehmen, dass spätestens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. Buchrollen auch in Schulen eine gewisse Rolle spielten. Sie dienten dem Unterricht junger Männer; ein Hinweis ist eine auf einer Schale abgebildete Schulszene.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum. 2011, S. 101–122, hier: S. 117. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes hat man in den Gymnasien der klassischen Zeit bisher keine Bibliotheksräume identifizieren können. Es wird angenommen, dass dort seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. Buchrollensammlungen für den Unterricht vorhanden waren.Günther Burkard, Inge Nielsen, Stefan Maul, Konrad Vössing: Bibliothek. In: Hubert Cancik, Helmuth Schneider, Manfred Landfester (Hrsg.): Der Neue Pauly. Band 2, Metzler, Stuttgart 1997.Wolfram Hoepfner: Pergamon, Rhodos, Nysa, Athen. Bibliotheken in Gymnasien und anderen Lehr- und Forschungsstätten. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. Zabern, Mainz 2002, S. 67–80, hier: S. 67. Spezielle medizinische Schulbibliotheken legten ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. die Ärzteschulen in Knidos und Kos an.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum. 2011, S. 101–122, hier: S. 114.

mini|Ausgrabungsstätte der Platonischen Akademie Wahrscheinlich nur einem Kreis von Gelehrten zugänglich waren die Bibliotheken der antiken Philosophenschulen, die ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. in Athen entstanden. Die erste, wohl 387 v. Chr. gegründete Philosophenschule verfügte wahrscheinlich bereits zu Lebzeiten ihres wohlhabenden Gründers Platon über eine eigene Bibliothek. Gelegen war die Platonische Akademie außerhalb der Stadtmauern Athens, ihre Bibliothek enthielt wahrscheinlich zahlreiche wissenschaftliche Werke und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Platonischen Dialoge. Unter Platons Nachfolgern wuchs sie weiter zu einer beachtlichen Größe an. Gegen 300 v. Chr. soll sie laut einem späteren BerichtDiogenes Laertios, 3,66. auch Nichtmitgliedern der Schule gegen eine Gebühr zugänglich gemacht worden sein.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum. 2011, S. 101–122, hier: S. 118. Wolfram Hoepfner hat 2002 versucht, die ergrabenen Fundamente eines bestimmten Gebäudes als die Platonische Akademie zu identifizieren. Auch glaubte er, einen zentral im Gebäude gelegenen Bibliotheksraum, daneben gelegene Bücherdepots und rund um einen Hof gelegene Lesehallen mit Tischen identifizieren zu können.Wolfram Hoepfner: Platons Akademie. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. Zabern, Mainz 2002, S. 56–62, hier: S. 59–61. Hoepfners Ergebnisse werden in Frage gestellt, von Konrad Vössing: Rezension zu: Hoepfner, Wolfram (Hrsg.): Antike Bibliotheken. Mainz am Rhein 2002. In: H-Soz-u-Kult, 17. Februar 2003, abgerufen am 3. März 2014 (online).

Über eine der bedeutendsten antiken Bibliotheken müssen Aristoteles und seine nach 335 v. Chr. gegründete Schule Peripatos verfügt haben. Spätere Autoren berichten,Strabon, Geographica. 13,1,54. Athenaios, Deipnosophistae 1,3a und 5,214d-e. Plutarch, Sulla 26. dass Aristoteles der erste systematische Büchersammler gewesen sein soll. Die Sammlung enthielt mit Sicherheit unzählige Werke der Philosophen, aber auch der Dichter und wahrscheinlich zahlreiche als Forschungsquellen benutzte Dokumente, wie etwa 158 Verfassungen griechischer Staaten. Um den Verbleib der Bibliothek ranken sich zahlreiche widersprüchliche Geschichten aus späterer Zeit. Wahrscheinlich ist, dass der Schulleiter Theophrastos von Eresos die Bibliothek erbte und der nächste Erbe Neleus einen Teil davon nach Skepsis mitnahm, wo sie später in den Besitz des Schriftensammlers Apellikon von Teos und zurück nach Athen gelangte. Nach der Einnahme Athens überführte Sulla diese Bestände in seine Privatbibliothek in Rom, wo sie von Andronikos von Rhodos bearbeitet wurden. Was nach dem Erbe durch Sullas Sohn Faustus Cornelius Sulla damit geschah, ist unbekannt.Julia Wilker: Irrwege einer antiken Büchersammlung. Die Bibliothek des Aristoteles. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. 2002, S. 24–29. Unwahrscheinlich ist hingegen, dass die Bibliothek von Alexandria den Bestand des Neleus aufkaufte, obgleich sie mit Sicherheit über einen Großteil der peripatetischen Literatur verfügte.Julia Wilker: Irrwege einer antiken Büchersammlung. Die Bibliothek des Aristoteles. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. 2002, S. 24–29, hier: S. 26 f. Auch Aristoteles’ Schule und ihre Bibliothek hat Hoepfner mit gefundenen Gebäuderesten zu identifizieren versucht.Wolfram Hoepfner: Platons Akademie. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. 2002, S. 56–62, hier: S. 62.

Laut Diogenes Laertios haben die privaten Schulen der Philosophen Epikur und Zenon von Kition ebenfalls über Bibliotheken verfügt.Günther Burkard, Inge Nielsen, Stefan Maul, Konrad Vössing: Bibliothek. In: Hubert Cancik, Helmuth Schneider, Manfred Landfester (Hrsg.): Der Neue Pauly. Band 2, Metzler, Stuttgart 1997.

Auch die Herrscherhöfe des 4. Jahrhunderts v. Chr. waren Zentren des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens und verfügten über Sammlungen von Bücherrollen. Erwähnt werden die Bibliotheken des Klearchos in Herakleia Pontike, des Nikokles in Salamis und Sammlungen der makedonischen Könige.Julia Wilker: Frühe Büchersammlungen der Griechen. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. 2002, S. 19–23, hier: S. 23.

Außer den antiken Archiven, in denen verschiedene Dokumente aufbewahrt wurden, nimmt man auch staatliche Sammlungen von Bücherrollen an. So entstand wohl im 4. Jahrhundert v. Chr. eine solche Sammlung in Athen. Vom Staatsexemplar mit Tragödien des Aischylos, des Sophokles und des Euripides wird berichtet,Galenos: In Hippocratis epidemiarum librum tertium commentarius. 2,4. dass es Ptolemaios III. zum Anfertigen einer Kopie für die Bibliothek von Alexandria ausgeliehen habe und entgegen der Abmachung statt des Originals die Kopie zurücksandte.Carl Werner Müller: Griechische Büchersammlungen und Bibliotheken. In: Elke Blumenthal, Wolfgang Schmitz (Hrsg.): Bibliotheken im Altertum. 2011, S. 101–122, hier: S. 116.

Bibliotheken im Hellenismus Die als Hellenismus bezeichnete Zeit vom 4. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. kann als Blütezeit der Geschichte griechischer Bibliotheken bezeichnet werden. Von herausragender Bedeutung waren die Bibliotheken an den Höfen der hellenistischen Könige.