Lucy Hillebrand, eigentlich Lucie Anna Maria HillebrandThomas Appel: Göttinger Künstlerlexikon. Maler – Grafiker – Bildhauer – Architekten. Vom 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2022, ISBN 978-3-86395-504-5, S. 322., (* 6. März 1906 in Mainz; † 14. September 1997 in Göttingen) war eine deutsche Architektin.

Leben und Wirken mini|Katholische Kirche St. Nikolaus auf Langeoog (erbaut 1950, Foto 2010) Nach dem Besuch einer Reformschule besuchte Lucy Hillebrand von 1915 bis 1922 die Höhere Töchterschule in Mainz und legte dort das Abitur ab. Anschließend studierte sie bis 1925 an der Kunstgewerbeschule in Offenbach am Main (heute HfG Offenbach) und von 1925 bis 1927 an der Werkkunstschule in Köln bei Dominikus Böhm. Seit Studienzeiten benutzte sie den Künstlernamen Lucy Hillebrand.

Ab 1928 hatte sie ein eigenes Büro in Frankfurt am Main, womit sie eine der ersten freischaffenden Architektinnen Deutschlands war. 1927 wurde sie das jüngste Mitglied des Deutschen Werkbundes und nahm 1932/1933 als einzige Frau an dessen zweitem Siedlungsprojekt in Stuttgart teil (Deutsches Holz – Kochenhofsiedlung, unter Leitung von Richard Döcker). Nach 1933 arbeitete sie für das Haus Bensen in Göttingen. Nach 1934 konnte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben und war auch persönlich gefährdet, da ihre Mutter Jüdin war. Diese beging 1942 Suizid, um der drohenden Deportation nach Theresienstadt zu entgehen. In dieser Zeit beschäftigte sich Hillebrand vor allem mit Plastiken und Reliefarbeiten.

1943 übersiedelte Lucy Hillebrand nach Göttingen, wo sie 1945 ein neues Büro eröffnete, in dem sie zahlreiche Wohnbauten und Einfamilienhäuser bearbeitete und sich intensiv mit dem Schul- und Erziehungsbau auf der Grundlage neuer pädagogischer Erkenntnisse auseinandersetzte. 1973 gab sie ihr Architekturbüro auf; es folgte eine „Verlagerung der Arbeit auf konzeptionelle und städtebauliche Planungen“.

Der Nachlass befindet sich seit 1986 im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main.Archiv des Deutschen Architekturmuseums, Frankfurt am Main (Suchmaske, abgerufen am 7. März 2021). - Mit Fotos, Modellfotos, Plänen.Thomas Appel: Göttinger Künstlerlexikon. Maler – Grafiker – Bildhauer – Architekten. Vom 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2022, ISBN 978-3-86395-504-5, S. 323. (Digitalisat)

Familie Lucy Hillebrand war die Tochter von Fides Laura, geb. Mayer, und dem Mainzer Speditionskaufmann Johann Hillebrand. Sie hatte eine ZwillingsschwesterEdeltraud Haselsteiner: Die Architektin Lucy Hillebrand. Ein interdisziplinärer Dialog über Raumschriften als Weg zur sozialen Gestaltung von Räumen. Dissertation, Wien 2005, S. 15 (Digitalisat, PDF) und eine jüngere Schwester mit Namen Erna und Fides.Eva Weickart: Lucy Hillebrand. In: Frauenbüro Landeshauptstadt Mainz (Hrsg.): Frauenleben in Magenza. Die Porträts jüdischer Frauen und Mädchen aus dem Mainzer Frauenkalender und Texte zur Frauengeschichte im jüdischen Mainz, Mainz, 5. Auflage 2021, S. 75 (Digitalisat, PDF). Lucy Hillebrand war in erster Ehe seit 1927 mit dem Juristen Wilhelm Otto und seit 1947 in zweiter Ehe mit dem Politiker Erich Gerlach verheiratet.

Werke (Auswahl)

Architektur und Stadtplanung 1929: Dapolin-Tankstelle in Frankfurt/Main 1929: Einfamilienhaus mit Praxis in Sprendlingen 1932–1936: Haus Dr. Bensen, Göttingen-Ostviertel, Herzberger Landstraße 56Klaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 104–107. 1950: Kirche St. Nikolaus auf der ostfriesischen Nordseeinsel LangeoogKlaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 62 f. 1952: Wohnhaus für Helmuth Plessner in Göttingen-Ostviertel, Herzberger Landstraße 97Bü. (= Alfred Bürkle?): Das Haus des Professors, in: Merian, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, Jg. 6, 1953, Heft 1 „Göttingen“, S. 41–43. (Behandelt ein Wohnhaus in der Göttinger Oststadt, mit Grundriss und Fotos von Gerhard Kerff, auch des Innern.)Karin Wilhelm: Göttingen, 1952, Lucy Hillebrand: Häuser Plessner und Ulrici. In: Bauwelt, Heft 26/2019, S. 52–57. (Digitalisat, abgerufen am 5. Februar 2025).Thomas Appel: Göttinger Künstlerlexikon. Maler – Grafiker – Bildhauer – Architekten. Vom 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2022, ISBN 978-3-86395-504-5, S. 165, Abb. 111 und S. 166.Klaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 116–119. 1952–1953: Anbau eines Studentenwohnheims und einer Bibliothek mit Kinosaal an die Villa Levin (Fridtjof-Nansen-Haus) in Göttingen-Ostviertel, Merkelstraße 4Hans-Geert Falkenberg: Studenten auf neuen Wegen. In: Merian, Jg. 6, 1953, Heft 1: Göttingen, S. 34–40, hier S. 35.Klaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 42 f. 1953–1954: Jugendherberge TorfhausKlaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 111. 1953–1956: Erziehungsberatungsstelle in Hannover 1953–1957: Wohnhaus Dr. Ulrici in Göttingen-Ostviertel, Herzberger Landstraße 97aKarin Wilhelm: Göttingen, 1952. Lucy Hillebrand: Häuser Plessner und Ulrici. In: Bauwelt, Heft 26/2019 (= Stadtbauwelt 224), S. 53–57; Digitalisat auf bauwelt.de, abgerufen am 8. Juli 2023. 1955: Arztvilla Dr. Wolfgang Bieker in Bovenden 1958: Gewerkschaftshaus in NortheimKlaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 99. 1969: Ergänzungsbauten im Psychotherapeutischen Klinikum des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Tiefenbrunn bei GöttingenKlaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, Titelbild und S. 60 f.Göttingen, in: Städte Forum, Städtebau Architektur Wirtschaft, 12. Jg., Heft 1/1971 (Sonderheft ‚Göttingen‘), Verlag Edgar Hartmann, Osterode/Harz 1971, S. 78.Remus, Architektur heute, Ausgabe Göttingen. Hrsg. Hans Scheerer, Meditor public relation/Bärenreiter-Druck, Kassel o. J. (ca. 1971), S. 42 („Psychotherapeutisches Klinikum Tiefenbrunn“). 1969: Verwaltungsgebäude der Sollinger Hütte in Uslar 1970: Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Uslar (Planung bereits 1961)Klaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 146 f.Webseite des Deutschen Werkbundes, abgerufen am 15. August 2018.Das Kinderdorf im Solling. In: 14 Tage Göttingen (Zeitschrift für Fremdenverkehr, Heimatkunde, Wirtschaft und Kultur), Nr. 22, 16.–30. November 1961, S. 14 f. (mit Zeichnungen und Signatur von Lucy Hillebrand). vor 1971: Planungsleitbild Nikolausberg und Wohnanlage Am Nikolausberg in Göttingen-Nikolausberg (mit Otto Lindner)Klaus Hoffmann: Lucy Hillebrand. Wege zum Raum. Fotografie-Verlag, Göttingen 1985, ISBN 3-921907-09-8, S. 134.Göttingen, in: Städte Forum, Städtebau Architektur Wirtschaft, 12. Jg., Heft 1/1971 (Sonderheft ‚Göttingen‘), Verlag Edgar Hartmann, Osterode/Harz 1971, S. 110 f.Planungsleitbild Nikolausberg. Bearbeitung und Entwurf Lucy Hillebrand, Architektin BDA. Hrsg. Stadt Göttingen, Bauverwaltung, Vorwort Herbert Wiltenstein (= Göttingen, Planung und Aufbau, Heft 7). September 1970. vor 1971: Bebauungsplan Eschenbreite in Göttingen-Nikolausberg,Göttingen, in: Städte Forum, Städtebau Architektur Wirtschaft, 12. Jg., Heft 1/1971 (Sonderheft ‚Göttingen‘), Verlag Edgar Hartmann, Osterode/Harz 1971, S. 112.Remus, Architektur heute, Ausgabe Göttingen. Hrsg. Hans Scheerer, Meditor public relation/Bärenreiter-Druck, Kassel o. J. (ca. 1971), S. 43–45 („Strukturanalyse und Bauleitbild Göttingen-Nikolausberg“). Bauvorhaben Lohmühlenweg in Göttingen (nicht verwirklicht).Göttingen, in: Städte Forum, Städtebau Architektur Wirtschaft, 12. Jg., Heft 1/1971 (Sonderheft ‚Göttingen‘), Verlag Edgar Hartmann, Osterode/Harz 1971, S. 120.

Plastik- und Reliefarbeiten mini|Christusfigur der Architektin Lucy Hillebrand (ca. 1936), 1968 in Wintrich an der Mosel aufgestellt. Zwischen 1934 und 1945 arbeitete Hillebrand auf Grund der eingeschränkten Arbeitsbedingungen als Architektin verstärkt bildhauerisch. Nur wenige ihrer Werke aus dieser Zeit sind dokumentiert, da sie die Ateliers in Frankfurt und später in Hannover durch Bombenschäden verlor.

Eine von Hillebrands Plastiken steht heute bei Wintrich und Piesport über der Mosel: Hoch über der Moselschleife auf dem Weinberg „Großer Herrgott“ überragt ein Kreuz mit der von ihr gefertigten Christusfigur die Landschaft. Die Betonplastik wurde ursprünglich für die am 29. März 1936 geweihte moderne Hallenkirche St. Elisabeth in Wiesbaden geschaffen und sollte dort die Altarrückwand schmücken. Nach Kritik von Geistlichen besichtigte der Wiesbadener Regierungsbaurat Eberhard Finsterwalder die Kirche und ließ das Kreuz noch vor der Einweihung der Kirche entfernen. Lucy Hillebrand protestierte beim bischöflichen Ordinariat, worauf eine Wiederanbringung in Betracht gezogen wurde. Nach einem Hinweis zu ihrer jüdischen Abstammung verschwand es jedoch im Keller des Pfarrklosters. In den 1960er Jahren wurde die in Einzelteilen gelagerte 7 Meter hohe Skulptur in Kelkheim-Hornau (Hessen) wiederentdeckt und 1968 an einem 9 Meter hohen Kreuz am heutigen Standort angebracht.

Ausstellungen 1932 Teilnahme an der BDA-Ausstellung billige Häuser zu festen Preisenfembio.org, Edeltraud Haselsteiner: DIE ARCHITEKTIN Lucy Hillebrand, lucy hillebrand: kurzbiografie in daten, Seite 4. 1933 Teilnahme an der BDA-Ausstellung Einraumwohnung für die berufstätige Frau 1960: Lucy Hillebrand. Raumprobleme im Bauen, Städtisches Museum Göttingen (16. Oktober bis 28. November 1960, mit zehnseitigem Begleitheft, das Hillebrand-Texte enthält) 1982: Teilnahme an der Ausstellung anlässlich 75 Jahre Werkbund HessenEdeltraud Haselsteiner: Die Architektin Lucy Hillebrand. Ein interdisziplinärer Dialog über RAUMSCHRIFTEN als Weg zur sozialen Gestaltung von Räumen, Dissertation Exposé, TU Wien, Juni 2005. (PDF; Digitalisat auf academia.edu (7 Seiten), abgerufen am 18. Januar 2026; Digitalisat auf fembio.org (8 Seiten), abgerufen am 18. Januar 2026) 1983/84: Beitrag im Rahmen der Ausstellung Frieden = Quadratur des Kreises?, FRIEDEN, ein Wort und ... Bilder und ..., Galerie Wolfsburg/Braunschweig/Goslar 1984: Beitrag: Im Schwungrad der Geschichte und Entwurf zum Vorhof, Stadt im Wandel, Städtisches Museum Braunschweig 1985: Lucy Hillebrand - Wege zum Raum, Städtische Galerie im Schloss Wolfsburg 1986: Lucy Hillebrand - Wege zum Raum, Lucy Hillebrand zum 80. Geburtstag, Rathaus Göttingen 1986: Es kann sein ..., Freunde und geistige Weggefährten der Architektin präsentieren ihre Arbeiten gemeinsam mit LH anlässlich ihres 80. Geburtstags, Galerie Apex, Göttingen 1987: Frankfurt 1988: Bauen als Impuls, Ausstellung gemeinsam mit Studenten der Gesamthochschule Kassel in der Salzmannfabrik, Kassel 1988: Das Werk der Architektin Lucy Hillebrand. Bauen als Impuls, Frauen Museum im Krausfeld, Bonn 1998: Museum der Weltreligionen, Beitrag zur Weltausstellung, Sophia 1991: Raum-Spiele – Spiel-Räume. Architekturentwürfe und Modelle im Verborgenen Museum, Berlin 1994: „die nicht vollendbare Architektur“, Ausstellung des Deutschen Werkbundes im Sprengel-Museum in Hannover 1994: Innen – Außen, utopische Behausungen, Historischer Rathaussaal, im Rahmen der Landesausstellung „Natur im Städtebau“ in DuderstadtInnen – Außen, utopische Behausungen, Ausstellungskatalog der Landesausstellung „Natur im Städtebau“ in Duderstadt, SOAK, Hannover, 1994 1996: Ausstellung anlässlich des 90. Geburtstages von Lucy Hillebrand, Künstlerhaus mit Galerie e. V., Göttingen 2005: "Die Neuen kommen!", Hannover, München. Über die Situation der weiblichen Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre, u. a. mit Lucy Hillebrand. auf Baulinks.de