mini|Frontispiz zu Molières Les Précieuses ridicules, Ausgabe von 1682 Als preziös und Preziosität (von „edel“, „kostbar“, „affektiert“ und „Affektiertheit“, „Geziertheit“) galten in Frankreich etwa seit Mitte des 17. Jahrhunderts Lebens-, Empfindungs- und Ausdrucksweisen von äußerster oder übersteigerter Kultiviertheit; diese wurden vorab der Pariser Salonkultur zugeschrieben, und die Begrifflichkeit fand insbesondere im abschlägigen Namen Preziöse für ein weibliches Publikum Anwendung, das sich in genannter Art höchst auffällig hervorgetan haben soll.

Eine programmatisch handelnde Bewegung oder Gruppe bestimmter Frauen und Männer waren Preziosität und Preziöse allerdings nicht. Die jüngere Forschung, die den Begriff der Preziosität in ein emanzipatorisches Umfeld setzt, versteht „die Preziösen“ sogar als travestierende Schöpfung der Literatur und Literaturkritik ihrer Zeit mit Molières Theaterstück Les Précieuses ridicules (Die lächerlichen Preziösen, uraufgeführt 1659, gedruckt 1660) als Dreh- und Angelpunkt. Als der größere Rahmen, in dem sich die Begriffsprägung vollzog, gelten die gesellschaftlichen und kulturellen Debatten der querelle des femmes und der querelle des anciens et des modernes.

Gesellschaft und Kultur Machtpolitik und Gesellschaftswandel mini|Abraham Bosse: Der Ball; um 1635. Den Hintergrund für den Begriff der Preziosität bildeten die zivilisatorische Gegenbewegung Frankreichs nach den Verrohungen der Hugenottenkriege und die tiefgreifende Wandlung, die der Absolutismus unter Ludwig XIII. und Ludwig XIV. mit sich brachte. Die neue gesellschaftspolitische Anordnung fand in der Formel („der Hof und die Stadt“) ihren Ausdruck. Während mit „dem Hof“ der auf standesgemäßes Auftreten im Louvre und später in Versailles beschnittene alte Adel gemeint war, bezeichnete „die Stadt“ das gehobene Bürgertum und die aus ihm hervorgegangene noblesse de robe, den neuartigen Amtsadel. Beide Gesellschaftskreise schlossen sich seit Beginn des 17. Jahrhunderts in dem Maße zusammen, wie die königliche Machtbündelung ihre Stellung schwächte, und sie fanden für ihre politischen Verluste einen Gegenwert in kultureller Entfaltung. Die zahlreiche Savoir-vivre-Literatur des 17. Jahrhunderts – beispielsweise Eustache de Refuge: Traité de la cour (1616), Nicolas Faret: L’Honnête Homme ou l’art de plaire à la cour (1630), Chevalier de Méré: Les Conversations (1668–1669) und Le Discours (1671–1677) – förderte die Angleichung der Kreise, indem sie mittels der Unterweisung in feinen Sitten den kriegerischen alten Adel zu zähmen und den noch nicht salonfähigen neuen Adel zu veredeln half.

Im Zeichen dieser sozialpädagogischen Traktate und der Essais von Montaigne setzten in den 1630er Jahren moralische Erörterungen ein, aus denen Maßstäbe für eine neue Gesellschaftskultur in der Form der honnêteté („Rechtschaffenheit“, „Ehrbarkeit“) erwuchsen. Dem Menschenbild, das sich damit verband, war galante Conduite eigentümlich: Anstand, Bildung, Schicklichkeit, Hemmung der Gemütsbewegungen. Mit der honnêteté ging die Forderung einher, sich verschiedensten Milieus anzupassen und dem jeweiligen Gegenüber kunstvoll zu gefallen, so dass jede Hürde im zwischenmenschlichen Umgang zu meistern war. Einen wichtigen Einfluss auf dieses Ideal hatte Descartes’ Traité sur les passions de l’âme (1649), worin die Überwindung der Leidenschaften angekündigt wurde. Der unbedingte Verzicht auf Naturell und Eigennutz sollte den liebenswürdigen und gänzlich vergesellschafteten Menschen schaffen, für den der Bildungs- und der Seelenadel und nicht allein der Geburtsadel zählten.

Geselligkeitskultur und Geschlechterbeziehung Um der Präsenzpflicht am Hof des Königs nachzukommen, sah sich die Aristokratie gezwungen, ihre ländlichen Herrschaftsdomänen in der Provinz zu verlassen. Dies begünstigte die Entwicklung schöngeistiger Zirkel als Ausdruck der neuen Geselligkeitskultur, denn in Paris entstanden zahlreiche Adelspalais und verwandelten sich im Austausch mit bürgerlichen Lebensformen zum literarischen Salon oder zur ruelle („Kämmerlein“). Hier entfaltete sich ein kulturelles Verfeinerungsstreben mittels viel modischen Gepränges, einiger Koketterie und kunstvoll ritualisierter Tänze, doch vor allem dank literarischer Stegreifdarbietungen und geistreicher Konversationsspiele. Die Grenzen des „Bildungsadels“ zog der („gesunder Menschenverstand“), der mit Blick auf gesellschaftliche Verwertbarkeit die gefällige Plauderei und Leichtigkeit des Stils jenseits klassischer Regeln über das pedantische Fachwissen erhob. Der bürgerliche Literaturkritiker Jean Chapelain berichtete 1638 zum Hôtel de Rambouillet, das bis zur Fronde in der Mitte des 17. Jahrhunderts gesellschaftlich tonangebend war: Ph. Tamizey de Larroque: Lettres de Jean Chapelain de l’Académie française. Imprimerie nationale, Paris 1880–1883, Brief CLI, Band I, S. 215–216 (modernisierte Rechtschreibung). (deutsch: ) Der Chevalier de Méré formulierte dies als: Winfried Engler: Geschichte der französischen Literatur im Überblick. Reclam, Stuttgart 2000, S. 126. (deutsch: )

mini|François Chauveau: Pays de Tendre; 1654. Oft standen in den Salons die adeligen Damen im Mittelpunkt. Catherine de Vivonne im Hôtel de Rambouillet, danach Madeleine de Scudéry mit ihren Samedis („Samstagsempfänge“), die Marquise de Sévigné oder Madame de La Fayette führten in den Dutzenden von Pariser Zirkeln die verschiedenen Adelskreise mit bürgerlichen Autoren zusammen. Die dort entsprechend der honnêteté gepflegte Vergeistigung der Geschlechterbeziehungen setzten zeitgenössische Phantasiekarten in Bilder um; berühmt wurde das in seinen Umrissen an Frankreich erinnernde Pays de Tendre („Land des zarten Umgangs“) aus de Scudérys Roman Clélie, histoire romaine (1654–1660). Ein „Königreich der Preziösen“ wird in den 1650er Jahren wie folgt beschrieben.:

Insgesamt brach sich im gesellschaftlichen Leben eine Aufwertung alles Weiblichen Bahn, und Frauen erlangten ein kulturelles Ansehen wie nie zuvor; die Zahl der war beeindruckend. Diese Entwicklung konnte auf einer bereits seit dem 16. Jahrhundert andauernden emanzipatorischen Debatte über die Stellung der Frauen gegenüber den Männern (querelle des femmes) aufbauen, in der mit naturrechtlichen Begründungen gleiche Bildung oder das Ende der Zwangsheiraten eingefordert wurden. Für die zahlreichen frauenfreundlichen Streitschriften dieser Zeit – so Pierre Le Moyne: Galerie des femmes fortes (1647), Marie de Gournay: Égalité des hommes et de femmes (1662), François Poullain de La Barre: De l’égalité des deux sexes (1673) – standen die Regentinnen Maria de’ Medici und Anna von Österreich Pate. Die neuplatonisch begründete Verklärung der Frau als Hüterin der Ordnung machte diese in den Salons zur Autorität in Fragen des guten Geschmacks und ließ sie in besonderem Maß mit der Preziosität in Verbindung bringen.

Sprachlich-literarische Entwicklungen Schriftsteller und Sprachwissenschaftler besuchten regelmäßig die Salons. Neben einer kunstvollen Gesprächskultur, die spitzfindige Betrachtungen zu Ästhetik oder Liebe hervorbrachte, waren die Salons auch angesichts poetologischer und linguistischer Erörterungen und überhaupt für die literarische Kultur Frankreichs von großer Bedeutung. Aus einem Zirkel der 1620/30er Jahre, dem des Valentin Conrart, entstand 1635 die Académie Française. Zum Erbe der Zeit gehören sowohl Rechtschreibregelungen und Vereinfachungen wie unter dem Einfluss und im Austausch mit analogen Tendenzen in anderen europäischen Ländern (Marinismus in Italien, Gongorismus in Spanien oder Euphuismus in England) auch Wortschöpfungen, die eine hochstilisierte Eigenart anstrebten. Die Unterhaltungswünsche und die Interessenlagen der Salonbesucher trugen zur Entwicklung neuer und zur Weiterentwicklung bestehender literarischer Genres und Gattungen bei. Gerade nicht-kanonische Kleingattungen eigneten sich für das anspruchsvolle Konversationsspiel. Neben der leichten Poesie, für die Vincent Voiture stand, sind Charakterporträt, Epigramm, Aphorismus, Maxime, Lehrgespräch, Epistel zu nennen. Ein natürlicher, umgangssprachlicher Ausdruck sollte es erlauben, Erhabenes ohne Aplomb und Alltägliches ohne Plattitüde darzustellen. Die Leitgedanken zu dieser („galanter Stil“) entwickelte Paul Pellisson, Sekretär des Finanzministers und Grossmäzens Nicolas Fouquet. Ein wichtiger Vertreter dieses Stils ist Isaac de Benserade.

Nachhaltige Wirkung hatten die literarischen Versuche und Vorlieben in den Salons nicht zuletzt auf die romaneske Erzählung. Ungeachtet dessen, dass sie gelehrter Verachtung unterlagen, fanden gerade überbordende, vielbändige Romane insbesondere in der Adelssphäre viele Liebhaber. Es gab Genres für jeden Geschmack wie den Schäferroman der jugendlichen Liebe, den Schelmenroman der Alltagssphäre oder den galanten Roman über ferne Zeiten und Länder. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellte La Princesse de Clèves (1678) von Madame de Lafayette dar. In entscheidender Neuausrichtung und im Gegensatz zum reinen Handlungsroman entstand der Roman der inneren Befindlichkeit. Er widerspiegelte die mangels wichtiger gesellschaftlicher Tätigkeit immer einfühlsamere Selbstbetrachtung des Adels in seinem Reduit, das der Salon und die menschlichen Beziehungen bildeten. Das eigentliche Lehrbuch der honnêtes gens („ehrbare Gesellschaft“) schuf Honoré d’Urfé in seinem fünftausend Seiten langen Schäferroman Astrée (1607–1627), der – durchsetzt mit Zwiegesprächen, Briefen und Gedichten – ein überbordendes Arrangement galanten Verhaltens war. Als unverkennbare Autorin der Preziosität sollte später allerdings Madeleine de Scudéry mit ihren Romanzyklen Clélie und Artamène, ou le grand Cyrus (1649–1653) gelten.

Preziosität und Preziöse Abbé de Pure, Molière und Somaize Zusammenfassung des Theaterstücks Les précieuses ridicules

Der derb-despotische Patriarch Gorgibus will Tochter Magdelon und Nichte Cathos endlich verheiraten. Zu diesem Zweck nach Paris umgezogen, möchten Magdelon und Cathos aber ihr Leben wie in einem galanten Roman gestalten. Gorgibus versteht kein Wort von dem, was ihm die jungen Frauen wortreich zu erklären versuchen, und meint frustriert: Die ersten zwei Verehrer wurden bereits abgewiesen, weil diese nicht nach Vorlage der Carte de Tendre um Zuneigung warben, sondern mit der Tür ins Haus gefallen sind und gleich einen Heiratsantrag gemacht haben. Cathos erklärt ihrem Onkel: Zutiefst beleidigt verkleiden die Verschmähten ihre Diener als extravagante Adelige. Sie kehren den Spieß in einem Verwechslungsspiel um und geben die dem Gelächter preis. Das Stück endet mit einem tobenden Gorgibus, der nach all dem Ärger und den Ausgaben, die Magdelon und Cathos ihm durch ihre Koketterien verursacht haben, eine Gruppe angemieteter Geigenspieler verprügelt und die ganze romaneske Literatur zum Teufel wünscht.

Die zahlreichen Erscheinungen gesellschaftlich-kultureller Verfeinerung und Distinktion wurden bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts wahrgenommen, ohne dass die Öffentlichkeit sie auf einen inhaltlich festgelegten Begriff namens „Preziosität“ taufte. Ab 1654 wurden erstmals Frauen als „preziös“ beschrieben; das Wort hatte dabei die Bedeutung von gesellschaftlich „angesehen“ oder „wichtig“. Doch blieb es bei einzelnen namentlichen Nennungen, die meist anerkennend waren und in der Fülle des Gedruckten nicht weiter auffielen. Unter all den inhaltlich kurzen und kaum aussagekräftigen Texten sticht allein Abbé Michel de Pures La Précieuse, ou le Mystère des ruelles (1656–1658) heraus. Der vierbändige Roman spielt in der Themenwelt der querelle des femmes und bezeichnet seine erdichteten, vergeistigten Heldinnen als „Preziöse“, aber ohne dieses Wort à la mode im Verlauf eines gewundenen Handlungsstranges und am Ende eines utopischen Lebensentwurf genauer zu bestimmen. Dem Werk blieb der Erfolg offenbar versagt, und es fand nur wenige Leser.